Harnwegsinfekt
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LoslegenSynonyme: Harnwegsinfektion, bakterielle Harnwegsentzündung
Englisch: urinary tract infection, UTI
Definition
Ein Harnwegsinfekt, kurz HWI, ist eine durch Krankheitserreger verursachte Infektion des Harntrakts. Betroffen sein können die ableitenden Harnwege (Urethra, Harnblase, Ureter, Nierenbecken) sowie bei der Pyelonephritis das Nierenparenchym.
Epidemiologie
Wegen der deutlich kürzeren Harnröhre kommen Harnwegsinfekte bei Frauen häufiger vor als bei Männern. Rund 60 % aller Frauen erkranken mindestens einmal im Leben an einem symptomatischen HWI.[1] Darüber hinaus zählen Harnwegsinfekte zu den häufigsten Nosokomialinfektionen. In der deutschen Punktprävalenzerhebung 2022 machten sie 19,0 % der nosokomialen Infektionen aus und lagen damit hinter postoperativen Wundinfektionen und Infektionen der unteren Atemwege.[2]
Einteilung
...nach Lokalisation
- untere Harnwegsinfektion: Zystitis, Urethritis
- obere Harnwegsinfektion: Pyelonephritis
...nach Ursprung der Infektion
Man unterscheidet u.a. aufgrund des unterschiedlichen Erregerspektrums zwischen:
- ambulant erworbenem Harnwegsinfekt
- nosokomialem Harnwegsinfekt, hier als Sonderform: katheterassoziierter Harnwegsinfekt
...nach Begleitumständen
- Asymptomatische Bakteriurie: Kolonisation als Zufallsbefund. Der Patient ist beschwerdefrei.
- Symptomatischer Harnwegsinfekt:
- unkompliziert: keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien des Harntrakts, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Vor- bzw. Begleiterkrankungen. Sie kommen beispielsweise im Rahmen der Honeymoon-Zystitis vor.
- kompliziert: Es liegen bestimmte prädisponierende Risikofaktoren seitens des Patienten vor (s.u.), die einen Harnaufstau, gravierende Komplikationen oder eine chronische Entzündung verursachen können.
- Rezidivierende Harnwegsinfektion: ≥ 2 Infektionen/Halbjahr oder ≥ 3 Infektionen/Jahr.[3] In der Schwangerschaft bei mindestens einer Infektion während und einer oder mehreren vorausgegangenen Episoden vor und nach Beginn der Schwangerschaft.
Der Harnwegsinfekt des Mannes gilt nach der aktuellen Leitlinie nicht mehr generell als kompliziert. Entscheidend ist das Vorliegen komplizierender Faktoren, v.a. einer Beteiligung der Prostata.[3] Harnwegsinfektionen im Kindesalter werden gesondert bewertet und sind nicht Gegenstand der Leitlinie für Erwachsene. Einige Autoren schätzen den HWI in der Schwangerschaft als kompliziert ein.
...nach klinischer Ausprägung
Die EAU unterscheidet
- lokalisierte Harnwegsinfektionen ("localised UTI"), d.h. eine Zystitis ohne systemische Infektionszeichen und
- systemische Harnwegsinfektionen ("systemic UTI") mit systemischen Infektionszeichen, mit oder ohne lokale Beschwerden.
Bei beiden Formen werden zusätzliche Risikofaktoren gesondert beurteilt. Männliches Geschlecht allein gilt hierbei nicht als Risikofaktor; eine mögliche Beteiligung der Prostata ist jedoch zu berücksichtigen.[4]
Ätiologie
In den meisten Fällen werden Harnwegsinfektionen durch Bakterien der Familie Enterobacteriaceae verursacht, vor allem durch:
- Escherichia coli (ca. 80 %)
- Proteus mirabilis
- Klebsiellen
Häufigster nicht zu den Enterobacteriaceae zählender Erreger ist Staphylococcus saprophyticus, vor allem bei jungen, sexuell aktiven Frauen.
Enterokokken findet man am häufigsten bei Mischinfektionen, sodass ihre pathogenetische Relevanz unklar ist. Selten kommen andere Erreger vor, z.B. Enterobacter spp., Staphylococcus aureus, Citrobacter spp., Ureaplasma urealyticum, Pseudomonas aeruginosa, Mykoplasmen, Morganella morganii, Adenoviren oder Candida albicans.
Bei Patienten mit Diabetes mellitus unterscheidet sich das Erregerspektrum nicht grundsätzlich von dem bei Patienten ohne Diabetes. Jedoch haben Betroffene häufiger eine Candidurie (Candida albicans, Candida tropicalis und weitere Arten). In vielen Fällen ist dieser Befund jedoch eine Kolonisation und keine Infektion.
Risikofaktoren
Ein Harnwegsinfekt wird durch folgende Risikofaktoren begünstigt, die mit einem komplizierten Verlauf assoziiert sind:
- angeborene anatomische Veränderungen der Harnwege: Ureterabgangsstenose, Megaureter, Harnblasendivertikel, Urethralklappen
- erworbene anatomische Veränderungen: Nierensteine, Harnleitersteine, Harnleiterstrikturen, Harnblasentumore, Prostatavergrößerung, Harnröhrenstriktur, Schwangerschaft, operative Veränderungen, Strahlentherapie
- funktionelle Veränderungen: Niereninsuffizienz, Harntransportstörungen, Entleerungsstörungen der Harnblase (z.B. bei Querschnittslähmung), vesiko-uretero-renaler Reflux, Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie
- Immundefizienz: HIV-Infektion, Leberinsuffizienz, entgleister bzw. schlecht eingestellter Diabetes mellitus, immunsuppressive Therapie, Chemotherapie
- intraoperative bzw. postoperative Situationen mit anatomischen Veränderungen oder Einbringen von Fremdkörpern: Perkutane Nephrostomie, Zystoskopie, Harnleiterschienen, Harnblasenkatheter
Weitere Risikofaktoren sind:
- bestimmte Verhütungsmethoden, z.B. Scheidendiaphragma, Spermizide
- Harnwegsinfektionen in der (Familien-)Anamnese
- Stoffwechselstörungen wie Gicht, Hyperkalzämie, Hypokaliämie
- Analgetikaabusus
- sexuelle Aktivität (Honeymoon-Zystitis)
- Durchnässung und Unterkühlung
- geringe Harnbildung aufgrund mangelnder Flüssigkeitszufuhr
In der Schwangerschaft begünstigt z.B. die vermehrte Nierendurchblutung mit relativer Reduktion von infektionshemmenden Substanzen im Urin eine Harnwegsinfektion. Darüber hinaus spielen der verminderte urethrale Tonus und die mechanische Obstruktion durch den wachsenden Uterus eine pathophysiologische Rolle. Weitere Risikofaktoren in der Schwangerschaft sind:
- Adipositas
- Sichelzellanämie
- Chlamydien-Infektion in der Anamnese
Harnwegsinfekte treten auch vermehrt in der Postmenopause auf, da eine Änderung des vaginalen pH-Werts und eine verminderte Besiedlung durch Laktobazillen zu einer vermehrten Besiedlung der Vagina mit Enterobacteriaceae und Anaerobiern führen.
Bei Männern sind die genauen Ursachen für eine Harnwegsinfektion nicht bekannt. Risikofaktoren sind:
- Geschlechtsverkehr mit Infizierten
- Analverkehr
- Vorhautveränderungen (z.B. Phimose)
Pathogenese
Für Harnwegsinfekte ist ein aszendierender Verlauf typisch. Die Erreger gelangen durch Schmierinfektion zur äußeren Harnröhrenöffnung (Meatus urethrae externus) und wandern die Harnröhre hinauf in die Harnblase, wo sie zu einer Zystitis führen. Die Keime können der körpereigenen Darmflora entstammen oder vom Partner beim Geschlechtsverkehr übertragen werden.
Uropathogene Escherichia-coli-Stämme verfügen über Virulenzfaktoren, welche die Infektion begünstigen, insbesondere Adhäsine wie Typ-1-Fimbrien und P-Fimbrien, die an Urothelzellen binden. Intrazellulär persistierende Bakterienkollektive im Urothel gelten als eine Ursache rezidivierender Infektionen.
Deutlich seltener kommt es zu deszendierenden Infektionen im Rahmen von Bakteriämien oder Infektionen per continuitatem, z.B. im Rahmen einer Fistelbildung.
Klinik
Typische Symptome eines Harnwegsinfektes beim Erwachsenen sind suprapubische Schmerzen, Brennen beim Wasserlassen (Algurie), Dysurie, häufiges Wasserlassen (Pollakisurie) und ein imperativer Harndrang ohne Urinentleerung. Weiterhin kann es zu Inkontinenz, Makrohämaturie sowie Geruch und Trübung des Urins kommen. Unkomplizierte Harnwegsinfektionen haben häufig einen selbstlimitierenden Verlauf (durchschnittlich 6 Tage). Nicht selten kann ein Harnwegsinfekt auch asymptomatisch bleiben, wobei in diesem Fall die Bezeichnung asymptomatische Bakteriurie gewählt werden sollte.
Bei oberen Harnwegsinfekten (Pyelonephritis) können Fieber, Flankenschmerz, Nierenklopfschmerz, Übelkeit und Erbrechen hinzutreten.
Bei älteren Patienten verläuft ein HWI häufig atypisch, z.B. mit Verwirrtheit, Sturzneigung oder reduziertem Allgemeinzustand ohne Miktionsbeschwerden.
Ein HWI in der Schwangerschaft geht mit einem erhöhten Risiko einer Präeklampsie einher. Weiterhin ist eine Bakteriurie evtl. mit niedrigem Geburtsgewicht, Frühgeburt und erhöhter Kindersterblichkeit assoziiert.
Komplikationen
Beim Fortschreiten der aufsteigenden Infektion kann es zu folgenden Komplikationen kommen:
- Urosepsis
- Nierenabszess, paranephritischer Abszess
- Pyonephrose bei gleichzeitiger Obstruktion
- emphysematöse Pyelonephritis, v.a. bei Diabetes mellitus
- Nierennarben bei rezidivierender Pyelonephritis
- Prostatitis und Epididymitis beim Mann
Diagnostik
Neben einer ausführlichen Anamnese und einer körperlichen Untersuchung ist eine Urinanalyse notwendig, um einen Harnwegsinfekt sicher zu diagnostizieren. Für Diagnostik, Therapie und Prävention unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen liegt eine aktualisierte deutsche S3-Leitlinie vor.[3]
Anamnese
Bei Patienten mit Miktionsbeschwerden sollten folgende Aspekte erfragt werden:
- Schmerzen beim Wasserlassen (inkl. Algurie), Pollakisurie, Nykturie
- Inkontinenz, imperativer Harndrang
- Makrohämaturie
- suprapubischer Schmerz
- Urintrübung
- HWI in der Anamnese
- Fieber, Schüttelfrost, allgemeines Krankheitsgefühl
- Geschlechtsverkehr
- anatomische und funktionelle Risikofaktoren (inkl. Diabetes mellitus)
- Antibiotikaeinnahme vor 2–4 Wochen
Bei Frauen, die an vaginalem Juckreiz oder auffälligem Fluor vaginalis leiden, müssen Differenzialdiagnosen bedacht werden.
Hilfreich ist weiterhin der validierte Fragebogen Acute Cystitis Symptom Score (ACSS).
Urindiagnostik
Urinteststreifen
Für eine orientierende Untersuchung mittels Urinteststreifen kann Mittelstrahl- oder Spontanurin verwendet werden. Hinweisend für einen HWI sind:
- Leukozyten: Der Nachweis von Granulozyten-Esterasen spricht für einen HWI.
- Blut: hohe Sensitivität für einen HWI, jedoch wenig spezifisch.
- Nitrit: Einige Bakterien (z.B. Escherichia coli oder Klebsiellen) reduzieren Nitrat zu Nitrit. Hohe Spezifität, jedoch geringe Sensitivität.
| Teststreifenergebnis | Diagnose |
|---|---|
| Nitrit positiv, Leukozyten-Esterase positiv | HWI sehr wahrscheinlich |
| Nitrit positiv, Leukozyten-Esterase negativ | HWI sehr wahrscheinlich |
| Leukozyten-Esterase positiv, Blut positiv | HWI sehr wahrscheinlich |
| Nitrit negativ, Leukozyten-Esterase positiv | HWI wahrscheinlich |
| Nitrit negativ, Leukozyten-Esterase negativ | HWI weniger wahrscheinlich |
Bei Verwendung eines Urinteststreifens müssen Faktoren berücksichtigt werden, die zu einem falsch-positiven bzw. falsch-negativen Befund führen können:
| Leukozyten-Esterase | Nitrit | |
|---|---|---|
| falsch positiv |
|
|
| falsch negativ |
|
|
Urinmikroskopie
Mittels Urinmikroskopie kann bei entsprechender Erfahrung des Untersuchers ein HWI weitgehend ausgeschlossen werden. Dabei sind verschiedene Methoden möglich:
- Leukozytenzählung im unzentrifugierten Urin: Grenzwert > 10 Leukozyten/mm3
- mikroskopischer Erregernachweis: i.d.R. erst ab Erregerzahlen > 105/ml möglich
- ggf. Gram-Färbung
Urinkultur
Der Goldstandard zur Diagnose eines HWI ist die laborchemische Urinuntersuchung inklusive quantitativer Urinkultur. Eine Urinkultur ist indiziert bei:
- Leukozyturie, Hämaturie oder positivem Nitrit-Test bei asymptomatischen Patienten mit spezifischen Risikofaktoren (z.B. Nierentransplantation)
- Patienten mit HWI außer bei Frauen mit unkomplizierter Zystitis
- Hinweisen auf einen rezidivierenden, komplizierten oder nosokomialen HWI
- Symptompersistenz unter bzw. nach Antibiotikatherapie
- Fieber oder Sepsis unklarer Genese
- Immunsuppression
- neurogenen Harnblasenentleerungsstörungen
- unklaren Abdominalbeschwerden oder Flankenschmerz
sowie:
- vor bzw. nach interventionellen Eingriffen an den Harnwegen
- in der Schwangerschaft
- nach Beendigung der Antibiotikatherapie bei Schwangeren, Männern, Pyelonephritis und kompliziertem HWI
Zur Urindiagnostik ist der erste Morgenurin am besten geeignet. Im Idealfall liegen zwischen Gewinnung der Probe und der letzten Miktion mindestens 4 Stunden. Um Kontaminationen möglichst zu vermeiden, sollten folgende Maßnahmen eingehalten werden:
- Reinigung des Meatus urethrae externus der Frau bzw. der Glans penis des Mannes mit Wasser
- Abspreizen der Labien (bei Frauen)
- Gewinnung von Mittelstrahlurin
Die Urinproben müssen unverzüglich laborchemisch beurteilt oder gekühlt bei 2 bis 8 °C gelagert und am darauffolgenden Tag untersucht werden.[3] Üblicherweise gelten folgende Grenzwerte für die mikrobiologische Diagnose, vorausgesetzt, es handelt sich um Reinkulturen typischer Uropathogene:
- akute unkomplizierte Zystitis bei Frauen: 103 koloniebildende Einheiten (KBE) pro ml Mittelstrahlurin
- akute unkomplizierte Pyelonephritis: 104 KBE/ml
- asymptomatische Bakteriurie: 105 KBE/ml
- bei Frauen Nachweis in 2 konsekutiven Mittelstrahlurinkulturen
- bei Männern in einer Mittelstrahlurinkultur
Hinweis: Referenzwerte sind häufig vom Messverfahren abhängig und können von den o.a. Werten abweichen. Ausschlaggebend sind die Referenzwerte, die vom Labor angegeben werden, das die Untersuchung durchführt.
Diese Grenzwerte sind diagnostische Schwellenwerte und abhängig vom klinischen Kontext. Sie korrelieren nicht mit dem Schweregrad der Infektion. Für Urinkulturen aus suprapubischen Harnblasenpunktaten gilt jede Erregerzahl mit Uropathogenen als klinisch signifikant.
Weitere Diagnostik
Je nach Klinik können weitere Untersuchungen notwendig sein, u.a.:
- Blutuntersuchungen (z.B. BSG, CRP, Procalcitonin, Blutbild) sowie bei Verdacht auf Urosepsis Blutkulturen
- Sonographie der Nieren und Harnwege (z.B. bei Verdacht auf funktionelle oder anatomische Anomalien)
- Zystoskopie
- bei rezidivierenden Harnwegsinfekten ggf. MRT-Urographie zur Abklärung struktureller Ursachen
...bei prämenopausalen Frauen
Bei typischer Klinik eines unkomplizierten HWI ist i.d.R. neben der Anamnese keine weitere Diagnostik notwendig. Wird eine mikrobiologische Untersuchung trotzdem durchgeführt, spricht der Nachweis von Escherichia coli im Mittelstrahlurin für einen bakteriellen HWI, während der Nachweis von Enterokokken und B-Streptokokken nicht prädiktiv ist.
Bei einer akuten unkomplizierten Pyelonephritis sind eine Urindiagnostik (inkl. Kultur) und ggf. weitere Laboruntersuchungen (Blutbild, CRP, Procalcitonin) notwendig. Weiterhin sollte eine Sonographie zum Ausschluss von komplizierenden Faktoren erfolgen.
Bei rezidivierenden HWI sollten ebenfalls eine Urinkultur und eine Sonographie durchgeführt werden. In atypischen Fällen (z.B. bei persistierender Hämaturie) sind eine Urethrozystoskopie und eine weitere Bildgebung indiziert.
...bei schwangeren Frauen
Die Diagnostik der akuten unkomplizierten Zystitis bei Schwangeren ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen schließt eine körperliche Untersuchung und eine Urinuntersuchung (inkl. Kultur) mit ein. Die Erregereradikation nach Therapie muss ebenfalls durch eine Urinkultur verifiziert werden.
Das Vorgehen bei einer akuten Pyelonephritis gleicht dem bei nicht schwangeren Frauen.
Ein systematisches Screening auf eine asymptomatische Bakteriurie sollte in Niedrigrisiko-Schwangerschaften nicht durchgeführt werden. Außerdem ist der Einsatz von Streifentests zur Diagnose nicht ausreichend.
...bei Männern
Algurie, Fieber und ein Alter über 60 Jahren sind Prädiktoren für einen HWI. Sind alle drei Faktoren vorhanden, liegt in über 90 % der Fälle ein HWI vor.
Eine Urethritis durch Gonokokken oder Chlamydien muss bei entsprechendem Verdacht ausgeschlossen werden. Die Diagnose eines unkomplizierten HWI beim Mann ist nur nach Ausschluss komplizierender Faktoren möglich. Daher ist immer eine ausführliche Anamnese, eine körperliche (inkl. rektale) Untersuchung sowie eine Urindiagnostik (inkl. Kultur) notwendig. Der Ausschluss eines HWI mittels Teststreifen wird nicht empfohlen. Umgekehrt erhöhen jedoch Leukozyten und/oder Nitrit bei passender Klinik die Wahrscheinlichkeit eines HWI. Weiterhin muss gezielt nach prostatitischen Beschwerden gefragt werden (z.B. Beckenschmerzen, Harnträufeln). Hierbei können Fragebögen hilfreich sein (IPSS, CPSI).
Differentialdiagnosen
Differentialdiagnostisch sind bei schwerem Verlauf insbesondere gynäkologische Infektionen (z.B. Kolpitis, Salpingitis, Adnexitis) und bei Männern eine Prostatitis oder Nebenhodenentzündung abzuklären. Weiterhin sind sexuell übertragbare Krankheiten (STD) zu erwägen, z.B. bei pathologischem Fluor vaginalis.
Therapie
Zu den Basismaßnahmen bei einem Harnwegsinfekt zählen eine reichliche Flüssigkeitszufuhr, eine häufige Entleerung der Blase, eine Vermeidung der Kälteexposition sowie das Weglassen nephrotoxischer Analgetika. Eine Antibiotikatherapie ist indiziert bei:
- asymptomatischer Bakteriurie bei Schwangeren oder vor schleimhauttraumatisierenden Interventionen im Harntrakt
- symptomatischem Harnwegsinfekt
- Pyelonephritis
Bei rezidivierenden, komplizierten oder nosokomialen HWI sowie bei Schwangeren muss ein Antibiogramm angelegt werden.
Nicht-antibiotische Therapie
Bei Frauen mit leichten bis mittelgradigen Beschwerden einer unkomplizierten Zystitis kann nach partizipativer Entscheidungsfindung zunächst eine rein symptomatische Therapie erfolgen. Hierfür stehen nichtsteroidale Antirheumatika (Ibuprofen, Diclofenac) sowie Phytotherapeutika zur Verfügung, z.B. Extrakte aus Bärentraubenblättern oder die Kombination aus Rosmarin, Tausendgüldenkraut und Liebstöckel (BNO 1045). Unter diesem Vorgehen ist mit einer etwas längeren Symptomdauer und einem geringen Risiko für eine Pyelonephritis zu rechnen, weshalb Patientinnen über Warnzeichen aufgeklärt und bei Beschwerdepersistenz erneut vorstellig werden sollten.[3]
Cave: Bei Pyelonephritis in der Schwangerschaft sowie bei komplizierenden Faktoren ist eine alleinige symptomatische Therapie nicht vertretbar.
...bei unkomplizierter Zystitis
Bei einer unkomplizierten ambulant erworbenen Zystitis kommen folgende Wirkstoffe in Frage:
- Fosfomycin-Trometamol: 1 x 3.000 mg als Einmalgabe
- Nitrofurantoin retard: 2 x 100 mg/d über 5 Tage
- Nitrofurantoin: 4 x 50 mg/d über 7 Tage
- Nitroxolin: 3 x 250 mg/d über 5 Tage
- Pivmecillinam: 2–3 x 400 mg/d über 3 Tage
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Trimethoprim kommt nur bei lokalen Resistenzraten unter 20 % in Betracht. Folgende Medikamente sollen nicht als Mittel der ersten Wahl eingesetzt werden:
- Cefpodoxim-Proxetil
- Cotrimoxazol
- Fluorchinolone: Ciprofloxacin, Levofloxacin, Norfloxacin, Ofloxacin
Merke: Fluorchinolone sollen wegen des Risikos schwerwiegender Nebenwirkungen bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen nicht eingesetzt werden, solange Alternativen zur Verfügung stehen. Zusätzlich liegen bei Escherichia coli in 15–25 % Resistenzen vor.
In der Schwangerschaft werden primär Penicillinderivate (Pivmecillinam), Cephalosporine oder Fosfomycin-Trometamol eingesetzt. Bei jüngeren Männern mit akuter unkomplizierter Zystitis werden Pivmecillinam und Nitrofurantoin bevorzugt, sofern keine Beteiligung der Prostata vorliegt.
...bei Pyelonephritis
Bei einer leichten bis moderaten unkomplizierten Pyelonephritis sind folgende oralen Antibiotika indiziert:
- Cefpodoxim-Proxetil: 2 x 200 mg/d über 10 Tage
- Ceftibuten: 1 x 400 mg/d über 10 Tage
- Ciprofloxacin: 2 x 500–750 mg/d über 7 bis 10 Tage
- Levofloxacin: 1 x 750 mg/d über 5 Tage
Bei schweren Verlaufsformen wird initial eine parenterale Therapie eingeleitet. Nach Besserung wird sie dann auf eine orale Behandlung umgestellt, sodass die Gesamttherapiedauer 1–2 Wochen beträgt. Mittel der ersten Wahl sind:
- Ceftriaxon: 1 x 2 g/d i.v.
- Cefotaxim: 3 x 2 g/d i.v.
- Ciprofloxacin: 2–3 x 400 mg/d i.v.
- Levofloxacin: 1 x 750 mg/d i.v.
In der Schwangerschaft werden i.d.R. Cephalosporine der Gruppe 2 und 3 eingesetzt; schwere Verläufe werden stationär behandelt. Jüngere Männer mit akuter unkomplizierter Pyelonephritis erhalten in erster Linie Fluorchinolone, sofern die lokale Escherichia-coli-Resistenzrate unter 10 % liegt.[3]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Prognose
Die unkomplizierte Zystitis heilt in vielen Fällen auch ohne Antibiotikatherapie innerhalb weniger Tage folgenlos aus. Unter adäquater Therapie ist die Prognose der unkomplizierten Pyelonephritis gut. Rezidive sind häufig und betreffen insbesondere Frauen. Komplizierte Verläufe, Urosepsis und rezidivierende Pyelonephritiden mit Narbenbildung verschlechtern die Prognose.
Prophylaxe
Das Risiko eines Harnwegsinfekts kann durch einfache Maßnahmen vermindert werden. Dazu zählen:
- Abwischen von Harnröhrenausgang und After immer von vorne nach hinten
- Wasserlassen unmittelbar nach dem Koitus
- Verwendung von Kondomen, insbesondere bei Analverkehr
- Urinmenge ca. 1,5 l/d, d.h. Trinkmenge anpassen, besonders im Sommer
- Verzehr von Fruchtsäften (v.a. aus Beeren) sowie mit probiotischen Bakterien fermentierten Milchprodukten
- Vermeiden einer Unterkühlung
Bei postmenopausalen Frauen kann eine vaginale Östrogentherapie die Rezidivrate senken.
Weiterhin gibt es im Falle von häufig rezidivierenden HWI folgende Maßnahmen:
- Immunprophylaxe:
- Uro-Vaxom® (OM-89, lysierte Fraktionen uropathogener Escherichia-coli-Stämme): oral über 3 Monate, vor Beginn einer antibiotischen Langzeitprävention
- StroVac® (inaktivierte Bakterienstämme): intramuskuläre Grundimmunisierung mit Auffrischung
- Hemmung der bakteriellen Adhäsion:
- Cranberry- und Moosbeerenprodukte (Vaccinium macrocarpon, Vaccinium oxycoccos): widersprüchliche Datenlage
- D-Mannose: 2 g/d p.o.
- Desinfizienzien und Phytotherapeutika: Methenaminhippurat, Bärentraubenblätter und weißes Sandelholz (jeweils maximal 1 Monat), Kapuzinerkressekraut, Meerrettichwurzel, Brunnenkressekraut
- kontinuierliche antibiotische Langzeitprävention über 3 bis 6 Monate: nach Versagen der allgemein vorbeugenden Maßnahmen bei hohem Leidensdruck. Alternativ ist eine postkoitale oder selbstinitiierte Kurzzeittherapie möglich.
Trivia
Der Roman „Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“ von John Irving aus dem Jahr 1972 handelt von einem Mann mit einer Harnröhrenverkrümmung. Er trinkt vor jedem Geschlechtsverkehr viel, um die Harnröhre anschließend durch Wasserlassen zu spülen. Andernfalls bekommt er häufig Blasenentzündungen.
Quellen
- ↑ American Urological Association, Canadian Urological Association, Society of Urodynamics, Female Pelvic Medicine & Urogenital Reconstruction. Recurrent Uncomplicated Urinary Tract Infections in Women: AUA/CUA/SUFU Guideline. 2019, bestätigt 2022, aktualisiert 2025. Abgerufen am 05.10.2026.
- ↑ Robert Koch-Institut. Krankenhausinfektionen – Antworten auf häufig gestellte Fragen. Stand 19.08.2025. Abgerufen am 05.10.2026.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 Deutsche Gesellschaft für Urologie et al. S3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen. AWMF-Registernummer 043-044, Version 3.0, April 2024, gültig bis 08.04.2029. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen. Abgerufen am 05.10.2026.
- ↑ European Association of Urology. EAU Guidelines on Urological Infections. Ausgabe 2026. Abgerufen am 05.10.2026.
Literatur
- Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO). Prävention und Kontrolle Katheter-assoziierter Harnwegsinfektionen. Bundesgesundheitsbl. 2015;58:641–650.
- Hautmann R, Gschwend JE (Hrsg.). Urologie. 6. Aufl. Springer; 2020.