Neisseria gonorrhoeae
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Loslegennach dem deutschen Dermatologen, Bakteriologen und Sozialhygieniker Albert Ludwig Sigesmund Neisser (1855–1916)
Synonym: Gonokokken
Englisch: Neisseria gonorrhoeae, gonococci
Definition
Neisseria gonorrhoeae ist ein humanpathogenes Bakterium, das durch direkten Schleimhautkontakt (z. B. Geschlechtsverkehr) übertragen wird. Es löst unter anderem die Erkrankung Gonorrhö ("Tripper") aus.
Taxonomie
Eigenschaften
Gonokokken sind gramnegative, unbewegliche, semmel- bzw. kaffeebohnenförmige Bakterien, die meist paarig angeordnet sind (Diplokokken). Sie wachsen strikt aerob bei 36–38 °C und bevorzugen eine hohe Luftfeuchtigkeit sowie einen erhöhten CO2-Gehalt von 5 bis 10 % (kapnophil).[1] Gonokokken sind empfindlich gegenüber Kälte und Austrocknung.
Vorkommen
Das einzige Erregerreservoir ist der Mensch. Entscheidend für die Weiterverbreitung sind asymptomatische Infektionen. Sie betreffen etwa 50 % der Frauen mit urogenitaler Gonorrhö und 10–30 % der infizierten Männer. Pharyngeale Infektionen verlaufen überwiegend asymptomatisch.[1]
Übertragung
Neisseria gonorrhoeae wird durch direkten Schleimhautkontakt beim Geschlechtsverkehr (genital, oral, anal) übertragen (Kontaktinfektion), außerdem während der Geburt. Nach Adhäsion an die Epithelzellen der Urogenitalschleimhaut werden die Erreger per Endozytose aufgenommen. Im subepithelialen (submukösen) Gewebe kommt es zu eitrigen Entzündungen.
Die Inkubationszeit beträgt 1–14 Tage. Bei Männern mit symptomatischer gonorrhoischer Urethritis treten die Beschwerden meist innerhalb von 2–6 Tagen nach der Infektion auf.[1]
Pathogenitätsfaktoren
Die Virulenz der Gonokokken wird durch verschiedene Eigenschaften bestimmt:
- Typ-IV-Pili (Fimbrien) vermitteln die Haftung an Schleimhautzellen.
- OPA-Proteine (OPA = opacity) dienen dem engen Kontakt zur Wirtszelle.
- Eine IgA-Protease spaltet sekretorisches IgA1 und macht es in Schleimhautsekreten unwirksam.
- Lipooligosaccharide in der äußeren Membran bewirken eine Serumresistenz und ermöglichen ein extrazelluläres Überleben.
- Eisenfangsysteme fördern das Wachstum im Wirt.
Pilusproteine und OPA-Proteine zeigen eine hohe Antigenvariabilität. Eine durchgemachte Infektion hinterlässt daher keine Immunität. Reinfektionen sind häufig.[1] Nach der Phagozytose können Gonokokken teilweise in neutrophilen Granulozyten überleben. Anders als Neisseria meningitidis besitzt Neisseria gonorrhoeae keine Polysaccharidkapsel.[2]
Klinik
Beim Mann kann es zu einer Urethritis, Prostatitis und Epididymitis kommen. Bei der Frau ist die Zervix der häufigste Infektionsort. Eine aufsteigende Infektion kann zur Salpingitis, Peritonitis und Beckeninfektion (PID) führen. Mögliche Spätfolgen sind Infertilität und Extrauteringravidität. Abhängig von der Form des Sexualkontakts können auch eine Proktitis und eine Pharyngitis auftreten.
Selten kommt es zu einer disseminierten Gonokokkeninfektion (DGI). Sie ist durch intermittierendes Fieber, Arthritis bzw. Tenosynovitis und vaskulitisch-hämorrhagische Hautveränderungen gekennzeichnet. Weitere seltene Manifestationen sind Endokarditis, Meningitis und Sepsis.[1]
Bei Neugeborenen kann eine eitrige Bindehautentzündung (Konjunktivitis) auftreten, auch als Ophthalmia neonatorum bezeichnet. Um dieser Erkrankung vorzubeugen, sollte eine Gonokokken-Infektion der werdenden Mutter vor der Geburt behandelt werden. Früher wurde auch eine sogenannte Credé-Prophylaxe durchgeführt.
Nachweis
Material
Bei Männern wird ein Harnröhrenabstrich bzw. Urethralsekret untersucht. Vor dem Abstrich empfiehlt sich eine Miktionskarenz von 4 Stunden. Für einen Nukleinsäureamplifikationstest (NAT) ist auch Erststrahlurin geeignet, für die Kultur dagegen nicht.
Bei Frauen wird für die Kultur ein endozervikaler Abstrich (Zervixabstrich) entnommen, wobei der Schleimpfropf vorher entfernt werden muss. Für die NAT eignen sich zusätzlich selbst entnommene Vaginalabstriche. Urin ist bei Frauen aufgrund geringer Sensitivität des Nachweises ungeeignet.
Je nach Sexualanamnese sollten zusätzlich pharyngeale und rektale Abstriche entnommen werden.[1]
Für Gonokokken sind spezielle Transportbedingungen notwendig. Für Abstriche sind Transportmedien erhältlich, in denen die Erreger etwa 24 Stunden überleben. Optimal ist die direkte Beimpfung eines geeigneten Nährbodens.
Mikroskopie
Im Ausstrich lassen sich Gonokokken mit Methylenblau oder mittels Gram-Färbung darstellen. Sie zeigen sich als gramnegative, häufig intraleukozytär gelegene Diplokokken. Bei symptomatischer Urethritis des Mannes erreicht das Grampräparat eine hohe Sensitivität. Bei asymptomatischen Männern sowie bei endozervikalen, pharyngealen und rektalen Proben ist die Mikroskopie deutlich weniger sensitiv.[1] Die direkte Immunfluoreszenz ist wenig verbreitet.
Nukleinsäureamplifikationstests
Nukleinsäureamplifikationstests (NAT, z. B. PCR) sind die sensitivste Nachweismethode und erfassen auch asymptomatische Infektionen. Kommerzielle Testsysteme weisen oft gleichzeitig Chlamydia trachomatis nach. Bei pharyngealen und rektalen Proben kann es zu Kreuzreaktionen mit apathogenen Neisserien kommen. Hier sollte ein dualer Test oder ein Bestätigungsverfahren eingesetzt werden.[1]
Bei männlichen Jugendlichen und Erwachsenen mit akuter Urethritis gehört eine NAT auf Neisseria gonorrhoeae zur Standarddiagnostik. Bei urethralem Ausfluss soll zusätzlich ein meataler oder urethraler Abstrich zur kulturellen Anzucht und Resistenztestung erfolgen, da der molekulare Nachweis die phänotypische Empfindlichkeitsprüfung nicht ersetzt.[3]
Antikörpernachweis (obsolet)
Gonokokken-Antikörper können im Blutserum mittels einer Komplementbindungsreaktion nachgewiesen werden (Referenzbereich: Titer < 1:10). Aufgrund unzureichender Sensitivität und Spezifität spielt diese Methode in der Routinediagnostik jedoch keine Rolle.
Hinweis: Referenzwerte sind häufig vom Messverfahren abhängig und können von den o.a. Werten abweichen. Ausschlaggebend sind die Referenzwerte, die vom Labor angegeben werden, das die Untersuchung durchführt.
Anzucht
Die kulturelle Anzucht ist Voraussetzung für die Empfindlichkeitsprüfung. Gonokokken lassen sich auf feuchten, eiweißreichen Nährmedien anzüchten. Verwendet werden Selektivnährmedien auf Basis von Kochblutagar mit Antibiotikazusatz zur Unterdrückung der Begleitflora (z.B. Thayer-Martin-Medium).
Die Koloniemorphologie ist typisch: Die Kolonien sind klein, rund und durchscheinend. Die Erreger sind Oxidase-positiv. Zur Differenzierung dienen die Kohlenhydratverwertung (Säurebildung nur aus Glukose) oder die MALDI-TOF-Massenspektrometrie.
Therapie
Bei gonorrhoischer Urethritis ist Ceftriaxon das Mittel der ersten Wahl. Eine Monotherapie mit Azithromycin kommt nur bei Kontraindikationen gegen Cephalosporine und nachgewiesener Empfindlichkeit des Erregers infrage.[3] Die S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Gonorrhoe (AWMF 059-004) ist seit Dezember 2023 abgelaufen und befindet sich in Überarbeitung.
Im Dezember 2025 hat die US-amerikanische FDA mit Gepotidacin und Zoliflodacin zwei neue orale Antibiotika zur Behandlung der unkomplizierten urogenitalen Gonorrhö zugelassen.[4] Beide hemmen die bakterielle DNA-Gyrase und Topoisomerase IV. In der EU sind sie bislang (2026) nicht zugelassen.
siehe Hauptartikel: Gonorrhö
Resistenzen
Gonokokken haben gegenüber allen bisher empfohlenen Antibiotika Resistenzen entwickelt. In Deutschland liegen die Resistenzraten gegenüber Ciprofloxacin (59–68 %) und Tetrazyklin (79–82 %) sehr hoch. Eine plasmidvermittelte, Penicillinase-bedingte High-Level-Penicillinresistenz findet sich bei 13–24 % der Isolate. Die Ceftriaxon-Resistenz war in Deutschland mit 0–0,5 % bislang stabil.[1]
In Europa werden jedoch zunehmend Ceftriaxon-resistente Gonokokken nachgewiesen, einschließlich multiresistenter und extensiv resistenter Stämme. Während frühe Nachweise häufig reiseassoziiert waren, gibt es inzwischen zunehmend Hinweise auf lokale Übertragung innerhalb der EU/des EWR und des Vereinigten Königreichs. Dies unterstreicht die Bedeutung der kulturellen Anzucht und Resistenztestung.[5]
Seit 2014 erhebt das Robert Koch-Institut (RKI) im Gonokokken-Resistenz-Netzwerk "GORENET" bundesweit Daten zur Resistenzentwicklung bei Neisseria gonorrhoeae. Seit 2021 wird dies zusammen mit der Meldepflicht unter dem Namen "Go-Surv-AMR" als Amtsaufgabe des RKI weitergeführt.
Meldepflicht
Seit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) vom 16.09.2022 besteht für alle Nachweise von Neisseria gonorrhoeae gemäß § 7 Abs. 3 IfSG eine nichtnamentliche Meldepflicht an das Robert Koch-Institut. Diese Regelung löst die ältere Meldepflicht von 2020 ab, die nur für Neisseria gonorrhoeae mit verminderter Empfindlichkeit gegenüber Azithromycin, Cefixim oder Ceftriaxon galt.
Die Meldung soll elektronisch über das Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (DEMIS) erfolgen.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 1,8 Robert Koch-Institut. RKI-Ratgeber Gonorrhö (Tripper). Stand: 23.12.2024. Abgerufen am 28.09.2026.
- ↑ Quillin SJ, Seifert HS. Neisseria gonorrhoeae host adaptation and pathogenesis. Nat Rev Microbiol. 2018;16(4):226-240.
- ↑ 3,0 3,1 AWMF. S3-Leitlinie: Management der Urethritis bei männlichen Jugendlichen und Erwachsenen. AWMF-Registernummer 013-099. 2024. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Management der Urethritis.
- ↑ U.S. Food and Drug Administration. FDA Approves Two Oral Therapies to Treat Gonorrhea. 12.12.2025. Abgerufen am 28.09.2026.
- ↑ European Centre for Disease Prevention and Control. Risk assessment – Upsurge in ceftriaxone-resistant Neisseria gonorrhoeae with evidence of domestic transmission in the EU/EEA and the UK. Stockholm: ECDC; 16.07.2026.