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Chinolon

(Weitergeleitet von Fluorchinolon)

Synonyme: Fluorchinolone, Chinolonantibiotikum

1 Definition

Chinolone sind eine Gruppe von bakteriziden Antibiotika, deren Wirkung auf der Hemmung bakterieller Gyrasen basiert. Die Leitsubstanz ist Ciprofloxacin.

2 Chemie

Chinolone sind Chinolin-4-on-3-carbonsäuren sowie deren Aza-Analoga. Dabei existieren vier mögliche Ringsysteme als Grundgerüst:

Als gemeinsames Strukturmerkmal besitzen sie eine Ketogruppe in C4-Position und eine Carbonsäure in C3-Stellung.

Ausgangssubstanz war die mittlerweile nicht mehr im Einsatz befindliche Nalidixinsäure, eine Naphthyridin-Carbonsäure. Neuere Chinolone besitzen meist an C6-Position ein Fluor-Atom (Fluorchinolone), wodurch die antibakterielle Aktivität als auch die zelluläre Aufnahme erhöht wird. Der Cyclopropyl-Rest am ersten Stickstoffatom, wie z.B. in Ciprofloxacin, erhöht die Breitspektrumaktivität.

Weitere Struktur-Wirkungsbeziehungen der Chinolone wurden intensiv untersucht. Beispielsweise erhöht ein alkylierter Pyrrolidin- oder Piperazinrest an C7 die Serumhalbwertszeit und verstärkt die Wirkung gegen grampositive Bakterien. [1] Die basische Gruppe an C7 und die Carbonsäure-Gruppe an C3 bilden unter physiologischen Bedingungen ein Zwitterion. Es wird angenommen, dass der sterisch anspruchsvolle bizyklische Substituent an C7 in Moxifloxacin die Anfälligkeit für Efflux-Mechanismen verringert.

3 Wirkmechanismus

Chinolone wirken in wechselndem Ausmaß an der Gyrase (Topoisomerase II) und Topoisomerase IV. Beide Enzyme zählen zu den prokaryotischen Typ-II-Topoisomerasen, d.h. sie schneiden beide DNA-Stränge unter ATP-Verbrauch.

Durch Hemmung der Enzyme wird die Spiralisierung der DNA verhindert, was sukzessiv die Chromosomenlänge der bakteriellen DNA steigert. Diese kann schließlich nicht mehr korrekt abgelesen und repliziert werden, was zu einer verminderten Syntheseleistung der Bakterien führt.

Fluorchinolone sollen darüber hinaus auch durch andere, noch nicht vollends aufgeklärte Mechanismen wirken. Daher sollte man die ältere Gruppenbezeichnung Gyrasehemmer nicht mehr auf sie anzuwenden.

Fluorchinolone wirken sekundär bakterizid, d.h. sie töten vor allem proliferierende Erreger ab. Eine gleichzeitige Blockierung der Proteinbiosynthese oder der RNA-Synthese durch Makrolide, Chloramphenicol oder Rifampicin beeinträchtigt die Wirksamkeit der Chinolone zum Teil erheblich.

4 Indikationen

Fluorchinolone wurden in der Vergangenheit bei einer Vielzahl verschiedener Infektonskrankheiten eingesetzt. Aufgrund ihres Nebenwirkungsprofil ist ihr Einsatz in den letzten Jahren (Stand 2019) deutlich eingeschränkt worden. Bei üblicherweise selbstlimitierenden sowie leichten oder mittelschweren Atemwegsinfektionen (z.B. Sinusitis, Otitis media, Bronchitis) und Harnwegsinfektionen sind Fluorchinolone nur noch indiziert, wenn andere Antibiotika nicht wirksam bzw. nicht geeignet sind.

Weiterhin indiziert sind Fluorchinolone bei schweren Infektionen, insbesondere bei komplizierten Harnwegsinfektionen, u.a. bei Pyelonephritis und bakterieller Prostatitis.

5 Einteilung und Substanzen

Chinolone werden bezüglich ihres Wirkprofils in vier Substanzklassen eingeteilt (Paul-Ehrlich-Gesellschaft, 1998)

5.1 Gruppe 1

Norfloxacin ist der Vertreter der Gruppe 1. Die Substanz wird fast ausschließlich als Mittel der zweiten Wahl bei unkomplizierten Harnwegsinfekten eingesetzt, da sie das Erregerspektrum vor allem im gramnegativen Bereich (incl. Pseudomonas aeruginosa) gut erfasst und sehr gut nierengängig ist.

5.2 Gruppe 2

Substanzen der Gruppe 2 sind Ciprofloxacin und Ofloxacin. Enoxacin und Fleroxacin sind außer Handel. Sie besitzen ein breiteres Wirkungsspektrum, insbesondere im gramnegativen Bereich und bei intrazellulären Erregern. Dazu zählen:

Ciprofloxacin ist bei systemischen Infektionen einsetzbar und hat ein weites Spektrum an Indikationen:

5.3 Gruppe 3

Die Substanz Levofloxacin bildet die Gruppe 3. Grepafloxacin befindet sich nicht mehr im Handel.

Substanzen der Gruppe 3 haben im Vergleich zur Gruppe 2 eine bessere Wirksamkeit gegen grampositive Erreger (Staphylokokken, Streptokokken, Pneumokokken, Enterokokken) und atypische Erreger (Chlamydien, Mykoplasmen, Legionellen). Sie wirken jedoch nur mäßig gegen Pseudomonas aeruginosa. Indikationen sind:

  • schwere, vor allem nosokomiale Atemwegsinfekte
  • klomplizierte Harnwegsinfektionen (z.B. Pyelonephritis, chronische Prostatitis)
  • schwere systemische Infekte
  • Milzbrand

Desweiteren ist Levofloxacin Mittel der zweiten Wahl bei ambulant erworbener Pneumonie, akuter Sinusitis, akut exazerbierter COPD, komplizierten Haut- und Weichteilinfektionen und Tuberkulose.

5.4 Gruppe 4

Moxifloxacin ist die Leitsubstanz der Gruppe 4. Trovafloxacin und Gatifloxacin sind außer Handel. Das Wirkspektrum entspricht weitestgehend der Gruppe 3, zusätzlich wirken die Substanzen dieser Gruppe gegen Anaerobier, jedoch nicht gegen Pseudomonas. Indikationen sind:

  • schwere, vor allem nosokomiale Atemwegsinfekte
  • schwere systemische Infekte

Mittel der zweiten Wahl ist Moxifloxacin unter anderem bei ambulant erworbener Pneumonie, akuter Sinusitis, akut exazerbierter COPD und Entzündungen des oberen weiblichen Genitaltrakts (incl. Salpingitis, Endometritis)

Chinolone der Gruppe 3 und 4 werden wegen ihrer Wirksamkeit gegen Pneumokokken auch "Atemwegschinolone" genannt.

5.5 Weitere Chinolone

Nadifloxacin ist ein topisches Antibiotikum, das bei leichten bis mittelschweren Formen der Akne vulgaris eingesetzt wird.

Folgende Chinolone sind derzeit (2019) nicht in Deutschland zugelassen:

6 Pharmakokinetik

Die Pharmakokinetik einzelner Fluorchinolone unterscheidet sich unter Umständen beträchtlich, sodass Näheres in den Artikeln zu den einzelnen Substanzen zu besprechen ist. Therapeutisch nutzbare wichtige Gemeinsamkeiten sollen an dieser Stelle angesprochen werden.

Mit Ausnahme des Norfloxacins werden alle Fluorchinolone bei oraler Gabe gut resorbiert. Ein pharmakokinetisches Charakteristikum der Chinolone ist ihr hohes Verteilungsvolumen. Dies ist ein Hinweis für die gute Gewebegängigkeit dieser Substanzen. Dadurch können hohe Konzentrationen im Gewebe und in den Zellen erreicht werden.

Klinisches Korrelat dieser Eigenschaften ist die gute Behandelbarkeit von Infektionen schwer erreichbarer Organsysteme (z.B. Knochen, Prostata) und die gute Wirksamkeit gegen intrazellulär aktive Bakterien (z.B. Legionella pneumophila, Mykoplasmen, Chlamydien).

7 Nebenwirkungen

Im April 2019 hat das BfArM im Rahmen eines Risikobewertungsverfahrens aufgrund der schweren, möglicherweise dauerhaften und die Lebensqualität beeinträchtigenden Nebenwirkungen Anwendungseinschränkungen für Fluorchinolone ausgesprochen. Die Fachinformationen müssen dementsprechend umfangreiche Hinweise und Warnhinweise enthalten.[2]

7.1 Gastrointestinale Nebenwirkungen

Dosisabhängig treten vor allem Übelkeit und Erbrechen auf. Diarrhö und Bauchschmerzen sind seltener. Bei Levofloxacin kann es zur Pankreatitis kommen

7.2 Hepatotoxizität

Fluorchinolone wirken hepatotoxisch: Häufig kommt es zu einem Anstieg der Transaminasen. Auch eine Erhöhung der alkalischen Phosphatase bis hin zur cholestatischen Hepatitis ist möglich, insbesondere bei Norfloxacin und Moxifloxacin, seltener bei Levofloxacin.

7.3 Neurotoxizität

Kopfschmerzen, Schwindel und Verwirrtheit sind möglich, vereinzelt kommen auch Halluzinationen und Psychosen vor. Durch Senkung der Krampfschwelle sind selten epileptische Anfälle möglich. Weitere psychiatrische Nebenwirkungen sind innere Unruhe und Schlafstörungen

7.4 Phototoxizität

Die Phototoxizität ist bei den einzelnen Substanzen unterschiedlich stark ausgeprägt. Ausgiebige Sonnenbäder, Höhensonne und der Besuch von Solarien sollten für die Dauer der therapeutischen Wirksamkeit unterlassen werden.

7.5 Kardiale Nebenwirkungen

Insbesondere Moxifloxacin und Levofloxacin führen zur QT-Verlängerung, sodass es (v.a. bei Komedikation mit gleichartig wirksamen Substanzen (z.B. Betablockern) oder angeborenen Fehlbildungen des Erregungsleitungssystems (z.B. Long-QT-Syndrom) zu gefährlichen Arrhythmien (z.B. Torsades de pointes) kommen kann.

7.6 Vaskuläre Nebenwirkungen

Fluorchinolone gehen mit einem zweifach erhöhten Risiko für Aortenaneurysmen und -dissektionen einher.

7.7 Stoffwechselwirkungen

Fluorchinolone können zu Blutzuckerentgleisungen, insbesondere zu Hypoglykämien, führen.

7.8 Tendinitis

Vor allem bei Personen über 65 Jahren kommen Tendinitiden (bis 0,1 % der Fälle) bis hin zu Achillessehnenrupturen (< 0,01 %) vor, insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme von Glukokortikoiden

7.9 Knorpelschäden

Tierexperimentelle Befunde weisen auf knorpelschädigende Effekte, insbesondere bei Jungtieren (Beagle-Hunde) hin. Gelenkschäden beim Menschen, vor allem bei Patienten unter 16 Jahren, können nicht ausgeschlossen werden.

7.10 Hämatologische Nebenwirkungen

Sehr selten sind Störungen des Blutbildes (Zytopenien, hämolytische Anämie, Agranulozytose bis hin zur Panzytopenie) beschrieben.

7.11 Überempfindlichkeitsreaktionen

Exantheme und Pruritus kommen in 0,1 bis 1 % der Fälle vor, selten sind schwere allergische Reaktionen.

8 Kontraindikationen

Vorsicht ist geboten bei Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel (Hämolyse), älteren Patienten, Glukokortikoidtherapie, längerer Sonnenexposition, Myasthenia gravis, Patienten mit Organtransplantaten

9 Wechselwirkungen

Weitere Wechselwirkungen sind eher substanzspezifisch.

10 Quellen

  1. Krah, A Zur Toxikologie der Antibiotikagruppe der Gyrasehemmer / Chinolone unter besonderer Berücksichtigung der Fluorchinolone, Abschlussarbeit zum Postgradualstudium Toxikologie und Umweltschutz, Dez. 2006, abgerufen am 22.08.2019
  2. Fluorchinolone: Schwere und langanhaltende Nebenwirkungen im Bereich Muskeln, Gelenke und Nervensystem, BfArM, 08.04.2019

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