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Reisediarrhoe

Synonyme: Reisediarrhö, Reisedurchfall, "RD"
Englisch: traveler's diarrhea

1 Definition

Eine Reisediarrhoe ist eine Infektion des Gastrointestinaltrakts, die im Rahmen einer Reise auftritt und mit Durchfall einhergeht. Meist wird sie durch toxinbildende Bakterien verursacht. Es handelt sich um die mit Abstand häufigste Reisekrankheit.

  • ICD10-Code: A09 - Diarrhoe und Gastroenteritis, vermutlich infektiösen Ursprungs

2 Epidemiologie

Die Inzidenz pro 2 Wochen Aufenthalt liegt in Industrieländern bei unter 8 %. In den Tropen oder Subtropen (Afrika, Südamerika und Südostasien) begünstigen die klimatischen Bedingungen eine Infektion. Sind zusätzlich die hygienischen Standards eingeschränkt, kann die Inzidenz bei bis zu 55 % liegen. Kinder und junge Erwachsene besitzen ein besonders hohes Risiko.

3 Erreger

Bei Erwachsenen lösen in mehr als 80 % der Fälle Bakterien die Reisediarrhoe aus. Die häufigsten nachgewiesenen Erreger sind enterotoxische (ETEC) und enteroaggregative Escherichia coli (EAEC). Daneben spielen Shigellen und Salmonellen eine Rolle. Campylobacter spp. trifft gehäuft in Nordafrika und Südostasien auf. Yersinien spp. oder Aeromonas spp. sind seltenere Ursachen. Meist wird die Diarrhoe durch eine Enterotoxinbildung der Erreger unterhalten, es können aber auch enteroinvasive Pathogene vorliegen.

Weitere häufige Erreger sind Rotaviren und Noroviren, insbesondere bei Kindern und Ausbrüchen auf Kreuzfahrtschiffen. Mit Ausnahme der Giardiasis spielen parasitäre Infektionen als Ursache einer Reisediarrhoe nur eine geringe Rolle.

Die lokale Bevölkerung ist gegenüber den Erregern durch die ständige Exposition häufig immun.

4 Klinik

Zu den möglichen Symptomen einer Reisediarrhoe zählen:

Die Erkrankung dauert durchschnittlich 3-5 Tage und verläuft in den meisten Fällen selbstlimitierend. Nur 10 % der Patienten sind länger als 1 Woche krank. Etwa 20 % aller Fälle verlaufen schwerer und verlangen ggf. Bettruhe. Das Auftreten von Fieber, Blut oder Schleim im Stuhl in Verbindung mit stärkeren Bauchschmerzen ist ein Warnsignal, das weiterer diagnostischer Abklärung bedarf.

5 Prophylaxe

Die Wahrscheinlichkeit, an einer Reisediarrhoe zu erkranken, lässt sich durch das eigene Verhalten - mit Vermeidung infizierter Nahrungsmittel - deutlich reduzieren. Die griffigste Regel ist "Peel it, Boil it, Cook it or Forget it!", d.h.

  • nur frisch gekochte, gebratene oder frittierte Speisen zu sich nehmen
  • nicht kochbare Lebensmittel (z.B. Obst) vor dem Verzehr schälen
  • Wasser abkochen bzw. filtern oder original verschlossene Getränke verwenden

Impfungen sind nur gegen schwerere Darminfektionen wie Cholera und Typhus verfügbar. Die Choleraimpfung bietet wegen ihrer Kreuzreaktivität einen teilweisen Schutz gegen ETEC.

Eine Prophylaxe durch Bismutpräparate ist nur in ca. 60 % der Fälle effektiv. Eine medikamentöse Prophylaxe der Reisediarrhoe sollte nur in Ausnahmefällen (z.B. bei immunsupprimierten Patienten) erwogen werden. Zur Einnahme von Probiotika liegen nur wenige Daten vor.

6 Therapie

Eine leichte Reisediarrhoe wird primär symptomatisch und diätetisch behandelt. Bei moderater bis schwerer Verlaufsform (z.B. bei mehr als 3 Stuhlgänge in 8 Stunden) kann eine antibiotische Behandlung die Zahl der Durchfälle reduzieren und die Dauer verkürzen.

6.1 Rehydration

Bei länger anhaltenden Verläufen ist der Ersatz von verlorenem Wasser und Elektrolyten notwendig, besonders bei hohen Temperaturen und körperlicher Anstrengung. Die WHO empfiehlt die Mischung einer geeigneten Trinklösung, ebenso existieren wasserlösliche Fertigpräparate in Pulverform unter der Gattungsbezeichung "Oral Rehydration Solutions" (ORS). ORS sind in der Regel in Apotheken erhältlich, können aber auch selbst angemischt werden. Zusätzlich zu großen Mengen an Natrium, wenig Kalium und Chlorid-Ionen enthalten diese Lösungen Glukose und gegebenenfalls zusätzlich Stärke, welche die Absorption von Wasser und Natrium im Dünndarm fördert. Diese Absorption funktioniert auch bei toxin-induzierter sekretorischer Diarrhoe, was einen Vorteil gegenüber normalem Trinkwasser darstellt.

6.2 Antidiarrhoika

Antidiarrhoika können die Symptomatik einer Reisediarrhoe verbessern. Bei leichten bis mäßigen Diarrhoen kann Loperamid verabreicht werden. Alternativ kommen andere Antidiarrhoika wie z.B. Racecadotril in Frage. Die Wirkung von Antidiarrhoika wird kontrovers diskutiert, da sie die Symptomatik larvieren und die Ausscheidung von pathogenen Erreger verlängern können.

Quellstoffe sind in der akuten Phase meist wirkungslos. Adsorbentien wie Medizinalkohle können den Verlauf positiv beeinflussen. Ihre Wirksamkeit ist allerdings nicht durch kontrollierte klinische Studien dokumentiert.

6.3 Antibiotika

Therapie der Wahl war lange Zeit die dreitägige Gabe von Levofloxacin oder Ciprofloxacin. Der Einsatz ist jedoch aufgrund des Nebenwirkungprofils und der Resistenzsituation umstritten. Daher wird häufig eine Einzeldosis Azithromycin empfohlen. Es ist außerdem Mittel der Wahl bei Campylobacter-Infektionen in Ländern mit grundsätzlich hohen Chinolon-Resistenzraten in Südostasien, Indien und Nepal.

Rifaximin wirkt ebenfalls effektiv gegen nicht invasive bakterielle Pathogene wie ETEC und EAEC und kann bei Fehlen von Fieber oder blutigen Stühlen verwendet werden.

Gegenüber Sulfonamiden und Doxycyclin sind viele Erreger bereits resistent. Hält der Durchfall trotz antibiotischer Behandlung an, können z.B. eine Amöbenruhr, eine Giardiasis oder eine Cholera vorliegen. Auch Cyclospora cayetanensis und Entamoeba histolytica sind zu berücksichtigen. Außerdem müssen Differenzialdiagnosen erwogen werden (Laktoseintoleranz, Reizdarmsyndrom). Wenn keine Ursache nachweisbar ist, kann ein Versuch mit Metronidazol oder eine strikt laktosefreie oder ballaststoffreiche Kost erwogen werden.

7 Trivia

Für eine Reisediarrhö gibt es zahlreiche länderspezifische Synonyme wie "Pharaos Rache", "Fluch des Pharao" oder "Montezumas Rache".

Diese Seite wurde zuletzt am 22. Juni 2020 um 18:12 Uhr bearbeitet.

Danke für den Hinweis.
#2 am 19.06.2020 von Bijan Fink (Arzt | Ärztin)
Mittel der Wahl zur Therapie sind seit der Risikobewertung durch das BfArM im April 2019 definitiv nicht mehr die Fluorchinolone. Neue Empfehlungen gehen eher zum Azithromycin. Auch fehlt hier die Erwähnung von Racecadotril (Vaprino) als Alternative zum Loperamid
#1 am 17.06.2020 von Alexandra Sonntag (Apotheker/in)

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