Carbo medicinalis
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Handelsnamen: Kohle Hevert®, Kohle Pulvis®, Ultracarbon® u.a.
Synonyme: Aktivkohle, medizinische Kohle, Medizinalkohle
Englisch: activated charcoal
Definition
Carbo medicinalis ist ein aus pflanzlichen Materialien (z. B. aus Holzkohle) gewonnener Arzneistoff, der überwiegend aus reinem, amorphem Kohlenstoff besteht. Er ist feinkörnig und besitzt aufgrund seiner besonderen Oberflächenstruktur ein hohes Bindungsvermögen, sodass er als Adsorbens eingesetzt werden kann.
Chemie
Die enorme innere Oberfläche (ca. 1.000–2.000 m²/g) ermöglicht die physikalische Adsorption organischer Moleküle. Die Adsorptionskapazität ist substanzabhängig und variiert je nach Oberflächencharakter und Molekülgröße des Giftstoffs. In vitro wurden maximale Adsorptionskapazitäten von 35 mg/g für Kaliumcyanid und 800 mg/g für Morphin beschrieben.[1][2]
Wirkmechanismus
Carbo medicinalis dient der primären Entgiftung im Gastrointestinaltrakt und wird selbst nicht resorbiert. Die Adsorption von Giftstoffen im Gastrointestinaltrakt erfolgt durch physikalisch-chemische Bindung an die innere Oberfläche der Aktivkohle. Die gebundenen Toxine werden so der Resorption entzogen und mit dem Stuhl ausgeschieden. Die Effektivität der Adsorption ist abhängig von der Zeit seit der Ingestion, der Substanz, ihrer Formulierung (Sofortrelease vs. Retard) und der Dosis. Je früher Aktivkohle verabreicht wird, desto höher die Adsorptionsrate. Bei ausgewählten Substanzen kann eine Gabe jedoch auch mehrere Stunden nach der Ingestion noch sinnvoll sein.
Carbo medicinalis kann auch Bakterientoxine adsorbieren. Die Evidenz für die Anwendung als Antidiarrhoikum ist jedoch begrenzt. Nach den deutschen S2k-Leitlinien sollen kohlehaltige Antidiarrhoika bei akuter infektiöser Gastroenteritis nicht eingesetzt werden, da ausreichende Wirksamkeitsbelege fehlen. Dies gilt auch für Säuglinge, Kinder und Jugendliche.[3][4] Aufgrund der Eigenschaft, Partikel und Zelldetritus zu adsorbieren, wird Aktivkohle auch als Wundauflage (z. B. bei Ulcus cruris) angewendet. Die Evidenz für diese Indikation ist jedoch bisher (2026) begrenzt, hochwertige Studien zur Wundheilung fehlen.[5]
Darreichungsform
Dosierung
Präparate zur Behandlung von Diarrhö werden von Erwachsenen in der Regel dreimal täglich eingenommen.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Bei einer Vergiftung ist die Dosis höher und vom Körpergewicht abhängig. Im Allgemeinen werden 50 g als Einmaldosis (Erwachsene) bzw. 1 g/kgKG verabreicht. Die Verabreichung soll so bald wie möglich nach der Vergiftung erfolgen. Für die Anwendung bei Vergiftungen werden verschiedene Anwendungskonzepte unterschieden:[6]
- Single-dose (Einzeldosis): Ziel ist die gastrointestinale Dekontamination, d.h. die Verhinderung weiterer Resorption eines Gifts. Sie ist für viele Substanzen bis zu 6 Stunden nach Einnahme möglich, da Vergiftungen die Magenentleerungszeit um das 2- bis 3-Fache verlängern können
- Additional-dose (Zusatzdosis): Eine weitere Aktivkohledosis kann zur gastrointestinalen Dekontamination sinnvoll sein, wenn noch relevante Giftmengen im Gastrointestinaltrakt vermutet werden, etwa bei Retardformulierungen, Pharmakobezoaren oder einer Überschreitung der Adsorptionskapazität der Erstdosis.[2]
- Multiple-dose (Mehrfachdosis): Ziel ist die Elimination bereits resorbierter Substanzen über den enterohepatischen oder enteroenterischen Kreislauf, z. B. durch eine wiederholte Gabe alle 4 Stunden
Indikationen
Die Indikation für Carbo medicinalis ist substanzspezifisch, dosisabhängig und zeitabhängig. Eine pauschale Anwendung bei allen Vergiftungen ist nicht indiziert. Carbo medicinalis kann bei folgenden Indikationen eingesetzt werden:
- Vergiftungen
- Diarrhö
- Wundauflage
=== Intoxikation mit Indikation für Einzeldosis === [6]
- Betablocker
- Bupropion
- Calciumkanalblocker
- Carbamazepin
- Herzglykoside (Digoxin, Oleander)
- Chloroquin
- Kokain
- Colchicin
- Cyanid (innerhalb 30 min)
- Dapson
- Diphenhydramin
- Disopyramid
- Faktor-Xa-Inhibitoren (Apixaban, Rivaroxaban)
- Ibuprofen
- Isoniazid
- Lamotrigin
- Methotrexat
- Moclobemid
- Opioide
- Organophosphat-Insektizide
- Paracetamol
- Paraquat
- Phenobarbital
- Phenytoin
- Chinin und Chinidin
- Salicylate
- SSRI
- Sulfonylharnstoffe
- Thallium
- Theophyllin
- trizyklische Antidepressiva
- Valproinsäure
- Venlafaxin
- Warfarin
Intoxikation mit Indikation für Zusatzdosis
- Carbamazepin
- Paracetamol (bei Massenvergiftung)
- Paraquat
- Phenobarbital
- Salicylate
- Thallium
- Theophyllin
- Valproinsäure
- retardiertes Verapamil
Intoxikation mit Indikation für Mehrfachdosis
- Carbamazepin
- Herzglykoside
- Colchicin
- Dapson
- Phenobarbital
- Phenytoin
- Thallium
- Theophyllin
Nicht empfohlen ist die Gabe von Aktivkohle bei z. B. Arsen, Cäsium, Kupfer, Ethanol, Methanol, Ethylenglykol, Eisen, Blei, Lithium oder Metformin. Diese Substanzen werden entweder nicht effektiv adsorbiert oder der Nutzen überwiegt das Risiko nicht.
Anwendungshinweise
Aktivkohle wird in der Regel als Suspension verabreicht (typischerweise im Verhältnis 1:4 bis 1:8 mit Wasser). Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sollte gewährleistet sein.
Nebenwirkungen
Als unerwünschte Wirkungen können Obstipation oder ein mechanischer Ileus auftreten. In bis zu 15 % der Fälle kommt es zu Übelkeit und Erbrechen. Opioide oder andere Arzneistoffe, welche die Darmbewegung verlangsamen, erhöhen das Risiko. Zudem besteht die Gefahr einer pulmonalen Aspiration, insbesondere bei bereits eingeschränktem Bewusstsein.[7]
Kontraindikationen
Aktivkohle darf bei Vergiftungen mit ätzenden Stoffen nicht angewendet werden, da sie Säuren oder Laugen nicht effektiv bindet. Sie birgt das Risiko einer zusätzlichen Reizung und Verschlimmerung der Schleimhautschäden.
Bei Patienten mit Darmerkrankungen (z. B. Stenosen, Verwachsungen oder Tumoren) sollte der Einsatz von Aktivkohle hinsichtlich seiner Nutzen-Risiko-Relation abgewogen werden.
Bei fehlenden oder voraussichtlich ausfallenden Schutzreflexen darf Aktivkohle nicht ohne gesicherten Atemweg verabreicht werden. Eine endotracheale Intubation allein zur Ermöglichung der Aktivkohlegabe soll jedoch unterbleiben, wenn keine klinisch relevanten Vergiftungskomplikationen zu erwarten sind.[2]
Quellen
- ↑ Chyka et al., Position paper: Single-dose activated charcoal, Clinical Toxicology, 2005
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Hoegberg et al., Recommendations from the Clinical Toxicology Recommendations Collaborative on the administration of activated charcoal in acute oral overdose, Clinical Toxicology, 2026
- ↑ S2k-Leitlinie Gastrointestinale Infektionen, AWMF-Registernummer 021-024, Version 2.1, 2023, abgerufen am 18.09.2026
- ↑ S2k-Leitlinie Akute infektiöse Gastroenteritis im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter, AWMF-Registernummer 068-003, Version 4.1, 2024, abgerufen am 18.09.2026
- ↑ Kerihuel: Effect of activated charcoal dressings on healing outcomes of chronic wounds. J Wound Care, 2010
- ↑ 6,0 6,1 Hoegberg et al.: Recommendations from the Clinical Toxicology Recommendations Collaborative on the administration of activated charcoal in acute oral overdose. Clinical Toxicology, 2025
- ↑ Bohnert et al. Aspiration von Aktivkohle: Organbefunde nach Fehllage einer Magensonde mit 18-tägiger Überlebenszeit. Rechtsmedizin 2023