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Myelodysplastisches Syndrom

(Weitergeleitet von Knochenmarkdysplasie)

Synonym: MDS, Myelodysplasie
Englisch: myelodysplastic syndrome

1 Definition

Das myelodysplastische Syndrom ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von erworbenen klonalen Erkrankungen des Knochenmarks, die mit einer Störung der Hämatopoese einhergehen.

ICD10-Code: D46

2 Hintergrund

Beim myelodysplastischen Syndrom erfolgt die Bildung der Blutzellen nicht wie gewöhnlich durch normale Stammzellen, sondern durch genetisch verändertes Zellmaterial. Daraus resultiert eine zunehmende Produktion fehlerhafter und nicht voll funktionstüchtiger Blutzellen. Befindet sich die Erkrankung in einem fortgeschrittenen Stadium und ist der Anteil an defekten Zellen sehr hoch, besteht ein erhöhtes Entstehungsrisiko für eine Leukämie. Typische Folge ist die akute myeloische Leukämie (AML).

3 Ätiologie

Das myelodysplastische Syndrom zeigt eine steigende Prävalenz mit zunehmendem Lebensalter. Ab dem 60. Lebensjahr steigt das Risiko für ein Myelodysplastisches Syndrom an. In 90% der Fälle handelt es sich um primäre (idiopathische) MDS. Die Pathomechanismen primärer Erkrankungsformen sind weitestgehend unklar. Sekundäre Formen gehen auf eine Schädigungen der hämatopoetischen Vorläuferzellen (Blasten) im Rahmen einer radioonkologischen Behandlung oder Chemotherapie und/oder Noxenexposition (z.B. Benzol) zurück. 40-50% der MDS-Patienten weisen bei Diagnosestellung Erbgutveränderungen in den Zellkernen der entarteten Knochenmarkszellen auf.

Die MDS zählen mit einer Anzahl von Neuerkrankungen bei 4-5/100.000 pro Jahr zu den häufigsten malignen hämatologischen Erkrankungen. Im Alter über 70 steigt die Inzidenz auf >30/100.000.

4 Symptome

Das myelodysplastische Syndrom ist durch eine Proliferationsstörung und pathologische Veränderung der Vorläuferzellen gekennzeichnet, die mit dem klinischen Bild einer Anämie, seltener auch einer Leukopenie, Thrombozytopenie oder Panzytopenie bei normalem oder erhöhten Zellgehalt im Knochenmark einhergeht. Meist sind jedoch alle 3 blutbildenden Zellreihen betroffen.

Rund 50 % der Patienten spüren keine Symptome, bei ihnen wird die Krankheit durch Zufall entdeckt. Unbehandelt führt das Myelodysplastische Syndrom – je nach Stadium – innerhalb von einem halben bis acht Jahren zum Tod.

4.1 Anämie

Klinisch auffällig wird meistens zuerst der Mangel an Erythrozyten. Dieser zeigt sich in einer ausgeprägten Anämie, Hämoglobin und Hämatokrit sinken immer mehr ab. Direkte Folge für den Patienten ist eine zunehmende Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, sowie eine allgemein deutlich herabgesetzte Leistungsfähigkeit. Durch die im Gewebe vorhandene Hypoxie kommt es zu einer kompensatorischen Tachykardie. Die Betroffenen fallen durch ihre sehr blasse Hautfarbe auf. Häufig leiden sie zusätzlich unter Schwindel und Kurzatmigkeit.

4.2 Immunschwäche

Das Defizit an Leukozyten manifestiert sich durch eine ausgeprägte Immunschwäche. Die Häufigkeit an Infektionen steigt drastisch an, häufig verbunden mit Fieber. Die Immunschwäche stellt auch bei der später eingeleiteten Therapie das Hauptproblem dar; die zur Anwendung kommenden Zytostatika schwächen den ohnehin schon belasteten Körper weiter.

4.3 Blutungsneigung

Die Thrombozytopenie zeigt sich durch eine signifikante Zunahme der Blutungsneigung. Verletzungen verheilen schlechter, es kommt leichter zu Zahnfleisch- oder Nasenbluten und es entstehen wesentlich schneller Hämatome.

5 Diagnose

Die Diagnostik wird nach labordiagnostischem Ausschluss anderer internistischer bzw. hämatologischer Ursachen (Differentialdiagnostik der Anämie) auf Grundlage des Blutausstrichs (Vorkommen von Blasten) und des Hämatomyelogramms getroffen. Für die anschließende Therapie ist es notwendig, die Art der genetischen Veränderung in den Ursprungszellen zu kennen.

Die klinische Stadieneinteilung wird anhand der FAB-Klassifikation des myelodyplastischen Syndroms, sowie die konkretisierenden Klassifikation der WHO vollzogen.

5.1 WHO-Klassifikation des MDS

Bezeichnung Befund
Refraktäre Zytopenie mit unilineärer Dysplasie (RCUD bzw. Einlinien-MDS) Uni- oder Bizytopenie; Blastenanteil im Blut <1%, im Knochenmark <5%; Dysplasien ≥10% in einer Zellreihe
Refraktäre Anämie mit Ringsideroblasten (RARS) Anämie; Blastenanteil im Knochenmark <5%; Vorkommen von ≥15% Ringsideroblasten
Refraktäre Zytopenie mit multilineärer Dysplasie (RCMD, mit oder ohne Ringsideroblasten) Mehrlinienbeteiligung, Blastenanteil im Blut <1%, im Knochenmark <5%; Dysplasien ≥10% in 2-3 Zellreihen
Refraktäre Anämie mit Blastenexzess I (RAEB I) Zytopenie, Blastenanteil im Blut <1%, im Knochenmark 5-9%; Uni- oder multilineäre Dysplasie
Refraktäre Anämie mit Blastenexzess II (RAEB II) Zytopenie, Blastenanteil im Blut <20%, im Knochenmark 10-19%; Uni- oder multilineäre Dysplasie, Auerstäbchen möglich
MDS mit isolierter del(5q) (auch: 5q-Syndrom) Anämie, Blastenanteil im Blut <1%, im Knochenmark <5%; morphologisch veränderte Megakaryozyten (mononukleär, mikrozytär)
Nicht klassifizierbare MDS

6 Prognose/Risikoabschätzung

Um die geeignete Therapie zu finden und die Krankheit so gut wie möglich zu charakterisieren spielt die Prognose bei MDS eine wichtige Rolle. Zur Abschätzung der Prognose werden neben Alter, Geschlecht und Komorbidität vor allem krankheitsbiologische Parameter herangezogen. Die wichtigsten Prognoseparameter sind der Knochenmarks-Blastenanteil und zytogenetische Befunde, gefolgt von Transfusionsbedarf, Zellwerten und LDH. Über diese Parameter wird der individuelle Prognose-Score errechnet.

Anhand des Prognose-Scores wird der Patient einer Risikogruppe (Hoch- bis Niedrigrisiko) zugeteilt, wodurch die Therapieplanung unter Berücksichtigung von Alter, Allgemeinzustand und Wunsch des Patienten wesentlich beeinflußt wird.

Ohne Einleitung einer adäquaten Behandlung liegt die gemittelte Überlebenszeit statistisch gesehen zwischen 4,8 Monaten bei Hochrisiko- und etwa 5,7 Jahren bei Niedrigrisiko-Patienten.

6.1 IPSS

IPSS ist ein validiertes Prognosesystem, das zur Risiko-Abschätzung bei MDS Patienten Anwendung findet.

  • Basiert auf Datenbank von n= 816 MDS-Patienten
  • das IPSS nutzt für die Berechnung folgende Faktoren:
    • Zytopenien: Stärke (Mangel an funktionsfähigen Blutzellen)
    • Veränderung Erbgut: Schwere (Umfang zytogenetischer Veränderungen)
    • Blasten im Knochenmark: Anteil (Hinweis auf baldigen Leukämie-Übergang)
  • Hochrisiko: In allen Faktoren stark ausgeprägt

7 Therapie

Die Therapie des myelodysplastischen Syndroms ist abhängig vom Befundbild und dem damit behafteten Leukämierisiko zu planen.

7.1 Abwartendes Vorgehen

Bei leichten, asymptomatischen Verlaufsformen genügt es mitunter, den Patienten regelmäßig zu untersuchen. Eine Therapie ist hier zunächst nicht notwendig.

7.2 Chemotherapie

Zur kurativen Therapie des MDS oder zur Senkung des Risikos einer malignen Transformation bei Hochrisikopatienten können Pyrimidinanaloga wie 5-Azacytidin und Decitabin eingesetzt werden. Die Chemotherapie dient zur Minimierung des Anteils an pathologischen Zellen. Bei Patienten mit geringem oder mäßigem Risiko sind die nachteiligen Effekte der Chemotherapie (Komplikation der Panzytopenie) gegenüber dem therapeutischen Nutzen abzuwägen.

7.3 Immunsuppressiva bzw. Immunmodulatoren

Eine Besserung des Krankheitsbildes konnte in verschiedenen Studien unter der Gabe von Immunmodulatoren wie Thalidomid oder Lenalidomid) beobachtet werden. Bei transfusionspflichtiger Anämie oder Thrombozytopenie kommen Antithymozytenglobulin und Cyclosporin A zum Einsatz.

7.4 Weitere Arzneistoffe

In der Erforschung befinden sich u.a.

7.5 Supportive Therapie

Die Behandlung milder Verlaufsformen geringen Risikos erfolgt durch Substitution hämatopoetischer Wachstumsfaktoren (Erythropoetin, G-CSF). Die regelmäßige Gabe von Blutprodukten (z.B. Erythrozyten- oder Thrombozytenkonzentraten) kann die Symptomatik des myelodysplastischen Syndroms verbessern.

7.6 Stammzelltransplantation

Die Implantation von geeigneten Stammzellen (passender Spender notwendig) ist die einzige Möglichkeit, das Syndrom zu heilen. Während früher nur junge Patienten für diese Therapie in Frage kamen, kommen heute auch ältere Empfänger in Betracht.

8 Weblink

Hallo zusammen! Ich habe eine Frage bzgl des myelodysplastischen Syndroms. Bei einer Pathoprüfungsfrage wurde nach zwei Syndromen gefragt - was könnte denn damit gemeint sein bzw. kann mir jmd bitte ein paar Beispiele nennen? Liebe Grüße Carolina
#1 am 24.01.2018 von Carolina Stroppa (Student der Humanmedizin)

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