Fluorchinolon
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LoslegenSynonyme: Fluorchinolonantibiotikum, Gyrasehemmer
Englisch: fluoroquinolones, fluoroquinolone antibiotics
Definition
Fluorchinolone zählen zu den Chinolonen und bilden die klinisch bedeutsamste Untergruppe dieser Antibiotikaklasse. Charakteristisch ist ein Fluoratom an Position C6, das zusammen mit weiteren Substituenten die antibakterielle Aktivität und Gewebegängigkeit bestimmt. Leitsubstanz ist Ciprofloxacin.
Einteilung
Die Fluorchinolone werden im deutschsprachigen Raum nach ihrem Wirkprofil in vier Gruppen nach der Paul-Ehrlich-Gesellschaft (PEG) bzw. nach Naber und Adam eingeteilt.
Gruppe 1
Norfloxacin gehört zu den in Deutschland zugelassenen (Stand 2026) Wirkstoffen aus Gruppe 1. Die Substanz erreicht therapeutische Konzentrationen im Wesentlichen nur im Harntrakt und Gastrointestinaltrakt und ist daher nicht für systemische Infektionen geeignet. Sie wird fast ausschließlich als Mittel der zweiten Wahl bei unkomplizierten Harnwegsinfekten eingesetzt, da sie das gramnegative Erregerspektrum gut erfasst und sehr gut nierengängig ist.
Gruppe 2
In Deutschland zurzeit (2026) zugelassene Substanzen der Gruppe 2 sind Ciprofloxacin und Ofloxacin. Enoxacin und Fleroxacin sind außer Handel. In der Tiermedizin sind v.a. Enrofloxacin und Marbofloxacin in Verwendung. Sie besitzen ein breiteres Wirkungsspektrum, insbesondere im gramnegativen Bereich und bei intrazellulären Erregern. Dazu zählen:
- Enterobakterien
- Haemophilus influenzae
- atypische Erreger: Chlamydien, Legionellen, Mykoplasmen
- Pseudomonas aeruginosa
- schwach wirksam gegen Staphylokokken, Pneumokokken, Enterokokken
Ciprofloxacin ist bei systemischen Infektionen einsetzbar und hat ein weites Spektrum an Indikationen:
- unkomplizierte Harnwegsinfektionen (Mittel der zweiten Wahl)
- Pyelonephritis
- Atemwegsinfektionen: Anwendung nur bei Verdacht auf gramnegative Erreger (inkl. Pseudomonas) bei nosokomial erworbener Pneumonie
- chronische Otitis media, chronische Sinusitis
- schwere Magen-Darm-Infekte
- Haut- und Weichteilinfektionen, Knochen-, Gelenkinfektionen
- Milzbrand
Gruppe 3
Levofloxacin ist die in Deutschland zugelassene Substanz (Stand 2026) aus Gruppe 3. Grepafloxacin befindet sich nicht mehr im Handel.
Substanzen der Gruppe 3 haben im Vergleich zur Gruppe 2 eine bessere Wirksamkeit gegen grampositive Erreger (Staphylokokken, Streptokokken, Pneumokokken, Enterokokken) und atypische Erreger (Chlamydien, Mykoplasmen, Legionellen). Sie wirken jedoch nur mäßig gegen Pseudomonas aeruginosa. Indikationen sind:
- schwere, vor allem nosokomiale Atemwegsinfekte
- komplizierte Harnwegsinfektionen (z.B. Pyelonephritis, chronische Prostatitis)
- schwere systemische Infekte
- Milzbrand
Des Weiteren ist Levofloxacin Mittel der zweiten Wahl bei ambulant erworbener Pneumonie, akuter Sinusitis, akut exazerbierter COPD, komplizierten Haut- und Weichteilinfektionen und Tuberkulose.
Gruppe 4
Moxifloxacin ist die Leitsubstanz der Gruppe 4. Trovafloxacin und Gatifloxacin sind außer Handel. Das Wirkspektrum entspricht weitestgehend der Gruppe 3, zusätzlich wirken die Substanzen dieser Gruppe gegen Anaerobier, jedoch nicht gegen Pseudomonas. Indikationen sind:
- schwere, vor allem nosokomiale Atemwegsinfekte
- schwere systemische Infekte
Mittel der zweiten Wahl ist Moxifloxacin unter anderem bei ambulant erworbener Pneumonie, akuter Sinusitis, akut exazerbierter COPD und Entzündungen des oberen weiblichen Genitaltrakts (inkl. Salpingitis, Endometritis).
Chinolone der Gruppe 3 und 4 werden wegen ihrer Wirksamkeit gegen Pneumokokken auch "Atemwegschinolone" genannt.
Weitere Substanzen
Nadifloxacin ist ein topisches Fluorchinolon, das bei leichten bis mittelschweren Formen der Akne vulgaris eingesetzt wird.
Delafloxacin ist ein Fluorchinolon mit Wirkung auch gegen MRSA. Es wurde 2019 in der EU zugelassen und wird vor allem bei akuten bakteriellen Haut- und Weichgewebeinfektionen eingesetzt.[1]
Pharmakokinetik
Die Pharmakokinetik einzelner Fluorchinolone unterscheidet sich teils beträchtlich, entsprechend werden hier nur wichtige Gemeinsamkeiten angesprochen.
Mit Ausnahme des Norfloxacins werden alle Fluorchinolone bei oraler Gabe gut resorbiert. Ein pharmakokinetisches Charakteristikum der Fluorchinolone ist ihr hohes Verteilungsvolumen. Dies ist ein Hinweis auf die gute Gewebegängigkeit dieser Substanzen. Dadurch können hohe Konzentrationen im Gewebe und in den Zellen erreicht werden.
Klinisches Korrelat dieser Eigenschaften ist die gute Behandelbarkeit von Infektionen schwer erreichbarer Organsysteme (z.B. Knochen, Prostata) und die gute Wirksamkeit gegen intrazellulär aktive Bakterien (z.B. Legionella pneumophila, Mykoplasmen, Chlamydien).
Anwendungsbeschränkungen
Bereits im April 2019 hat das BfArM im Rahmen eines Risikobewertungsverfahrens aufgrund der schweren, möglicherweise dauerhaften und die Lebensqualität beeinträchtigenden Nebenwirkungen Anwendungseinschränkungen für Fluorchinolone ausgesprochen. Die Fachinformationen müssen dementsprechend umfangreiche Hinweise und Warnhinweise enthalten.[2]
Systemisch und inhalativ angewendete Fluorchinolone sollten nicht verordnet werden:[3][4][5]
- bei vorangegangenen schwerwiegenden Nebenwirkungen mit einem Chinolon- oder Fluorchinolon-Antibiotikum
- bei leichten Verläufen oder selbstlimitierenden Infektionen (z.B. Pharyngitis, Tonsillitis und akuter Bronchitis)
- bei leichten bis mittelschweren Infektionen (z.B. unkomplizierte Zystitis, akute bakterielle Rhinosinusitis und akute Otitis media), es sei denn, andere Antibiotika, die üblicherweise für diese Infektionen empfohlen werden, werden als ungeeignet erachtet
- bei nichtbakteriellen Infektionen
- zur Prävention von Reisediarrhoe oder rezidivierenden Infektionen der unteren Harnwege
Nebenwirkungen
Unerwünschte Wirkungen können gleichzeitig mehrere Organe, Organsysteme und Sinnesqualitäten betreffen:[6]
In der ICD-10-GM 2026 steht für unerwünschte Nebenwirkungen von Fluorchinolonen bei therapeutischer oder prophylaktischer Dosierung der Zusatzkode Y57.90! "Komplikationen durch Fluorchinolone" zur Verfügung.[7]
Nebenwirkungen am Muskel- und Skelettsystem
Fluorchinolone verursachen Entzündungen oder Risse der Sehnen (Tendinitis, Sehnenruptur), vor allem bei Personen über 65 Jahren, mit eingeschränkter Nierenfunktion oder Organtransplantaten. Sehnenschwellungen und Sehnenverletzungen können bereits innerhalb von zwei Tagen nach dem Beginn der Behandlung, aber auch erst einige Monate nach dem Behandlungsende auftreten. Eine besondere Gefährdung besteht bei gleichzeitiger Einnahme von Glukokortikoiden.[2]
Es können Muskelschmerzen oder Muskelschwäche, Gelenkschmerzen (Arthralgie) oder Gelenkschwellungen und Schwierigkeiten beim Gehen auftreten.
Neurotoxische Nebenwirkungen
Neurotoxische Nebenwirkungen umfassen:
- Parästhesien (Gefühle von Nadelstichen oder Kribbeln)
- brennende Schmerzen
- Fatigue
- Kopfschmerzen
- Schwindel
- Gedächtnisstörungen
- Schlafstörungen
- Verwirrtheit
- Depressionen
- Halluzinationen
- Psychosen
Durch die Senkung der Krampfschwelle können epileptische Anfälle ausgelöst werden. Zudem können Probleme beim Sehen oder Hören, veränderter Geschmacks- oder Geruchssinn auftreten.[2]
Auch Angst, Panikattacken, Suizidgedanken, Neuralgien und Konzentrationsstörungen können zum Spektrum der langanhaltenden und die Lebensqualität beeinträchtigenden Nebenwirkungen systemisch oder inhalativ angewendeter Fluorchinolone gehören.[8]
Kardiovaskuläre Nebenwirkungen
Insbesondere Moxifloxacin und Levofloxacin führen zur QT-Verlängerung, sodass es (v.a. bei Komedikation mit gleichartig wirksamen Substanzen oder angeborenen Fehlbildungen des Erregungsleitungssystems (z.B. Long-QT-Syndrom) zu gefährlichen Arrhythmien (z.B. Torsades de pointes) kommen kann.
Fluorchinolone erhöhen das Risiko für das Auftreten eines Aortenaneurysmas, einer Aortendissektion, von Herzklappenregurgitationen und einer Herzinsuffizienz.
Gastrointestinale Nebenwirkungen
Dosisabhängig treten vor allem Übelkeit und Erbrechen auf. Diarrhö und Bauchschmerzen sind seltener. Bei Levofloxacin kann es zur Pankreatitis kommen.
Hepatotoxische Nebenwirkungen
Fluorchinolone wirken hepatotoxisch. Häufig kommt es zu einem Anstieg der Transaminasen. Auch eine Erhöhung der alkalischen Phosphatase bis hin zur cholestatischen Hepatitis ist möglich, insbesondere bei Norfloxacin und Moxifloxacin.
Metabolische Nebenwirkungen
Fluorchinolone können Störungen des Blutzuckers verursachen. Sowohl Hypoglykämien als auch Hyperglykämien sind möglich; ein besonderes Risiko besteht bei Patienten mit Diabetes mellitus und entsprechender Begleitmedikation.
Hämatologische Nebenwirkungen
In seltenen Fällen wurden Störungen des Blutbildes (Zytopenien, hämolytische Anämie, Agranulozytose bis hin zur Panzytopenie) beschrieben.
Phototoxische Nebenwirkungen
Die Phototoxizität ist bei den einzelnen Substanzen unterschiedlich stark ausgeprägt. Ausgiebige Sonnenbäder, Höhensonne und der Besuch von Solarien sollten für die Dauer der therapeutischen Wirksamkeit unterlassen werden.
Überempfindlichkeitsreaktionen
Exantheme und Pruritus kommen in 0,1 bis 1 % der Fälle vor, selten sind schwere allergische Reaktionen.
Kontraindikationen
Kontraindikationen sind grundsätzlich wirkstoff- und indikationsspezifisch und können nicht vollständig als Klasseneigenschaften der Fluorchinolone angegeben werden.
Eine Behandlung mit systemischen Fluorchinolonen ist insbesondere kontraindiziert bei:
- vorausgegangenen schwerwiegenden Nebenwirkungen im Zusammenhang mit einem Chinolon- oder Fluorchinolon-Antibiotikum
- bestimmten substanzspezifischen Konstellationen, beispielsweise einer bekannten QT-Verlängerung bei Wirkstoffen mit relevantem QT-Risiko
- gleichzeitiger Gabe bestimmter Arzneimittel, wenn eine entsprechende substanzspezifische Kontraindikation besteht
Besondere Vorsicht ist unter anderem geboten bei:
- Erkrankungen oder vorausgegangenen Beschwerden der Sehnen
- höherem Lebensalter
- gleichzeitiger Glukokortikoidtherapie
- eingeschränkter Nierenfunktion
- bekannten Herzrhythmusstörungen oder anderen Risikofaktoren für eine QT-Verlängerung
- Epilepsie oder anderen Erkrankungen mit erhöhter Krampfbereitschaft
- Myasthenia gravis, da Fluorchinolone eine Verschlechterung auslösen können
- Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel, bei dem insbesondere bei bestimmten Wirkstoffen das Risiko einer Hämolyse berücksichtigt werden sollte
- Risikofaktoren für Aortenaneurysma oder Aortendissektion, darunter bestimmte hereditäre Bindegewebserkrankungen wie Marfan-Syndrom oder Ehlers-Danlos-Syndrom
Die erforderliche Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz und die Anwendung bei Leberinsuffizienz sind vom jeweiligen Wirkstoff abhängig.
Schwangerschaft und Stillzeit
Bei Schwangerschaft und Stillzeit sollen Fluorchinolone grundsätzlich nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung und unter Beachtung der jeweiligen Fachinformation eingesetzt werden.
Bei Kindern und Jugendlichen ist die Anwendung auf bestimmte zugelassene Indikationen beschränkt und sollte entsprechend der jeweiligen Fachinformation erfolgen.
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind besonders relevant:
- Fluorchinolone sollten nicht zusammen mit Antazida bzw. zweitwertigen Kationen (Calcium, Magnesium) eingenommen werden, da durch Komplexierungen die Bioverfügbarkeit stark beeinträchtigt wird.
- In Kombination mit NSAR kann es vermehrt zu ZNS-Übererregbarkeit (Senkung der Krampfschwelle) kommen.
- Gleichzeitige Gabe von Glukokortikoiden erhöht das Risiko für Sehnenerkrankungen (Tendinitis, Sehnenruptur).
- Fluorchinolone führen zur Abbauhemmung von Theophyllin, Coffein, Ciclosporin A, oralen Antikoagulantien und Glibenclamid.
Weitere Wechselwirkungen sind substanzspezifisch.
Quellen
- ↑ EMA - Quofenix – EPAR, abgerufen am 02.10.2026.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Fluorchinolone: Schwere und langanhaltende Nebenwirkungen im Bereich Muskeln, Gelenke und Nervensystem. BfArM, abgerufen am 07.06.2023
- ↑ Fluorchinolonhaltige Antibiotika: Erinnerung an Maßnahmen zur Verringerung des Risikos für schwerwiegende, die Lebensqualität beeinträchtigende und potentiell dauerhafte Nebenwirkungen. BfArM, abgerufen am 23.05.2023
- ↑ Systemisch und inhalativ angewendete fluorchinolonhaltige Antibiotika – Erinnerung an die Anwendungsbeschränkungen. Rote Hand Brief vom 07.06.2023, abgerufen am 07.06.2023
- ↑ AkdÄ: Anwendungsbeschränkung von Fluorchinolonen. Dtsch Ärzteblatt 2023, abgerufen am 16.10.2023
- ↑ Wicherski et al., High risk for life-threatening adverse events of fluoroquinolones in young adults: a large German population-based cohort study, BMC Med, 2025
- ↑ BfArM: ICD-10-GM Version 2026, abgerufen am 02.10.2026
- ↑ European Medicines Agency: Annual report 2024 – Evaluation and monitoring of medicines: highlights, abgerufen am 02.10.2026