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Systemische Mastozytose

Englisch: systemic mastocytosis

1 Definition

Die systemische Mastozytose, kurz SM, ist eine hämatologische Erkrankung, die durch die maligne Veränderung von Mastzellen gekennzeichnet ist. Im Gegensatz zur kutanen Mastozytose kommt es zu einer Beteiligung des Knochenmarks und der inneren Organe.

2 Einteilung

Die systemische Mastozytose wird in folgende Subtypen eingeteilt:

3 Epidemiologie

Die systemische Mastozytose gehört zu den seltenen Erkrankungen. Ihre genaue Inzidenz und Prävalenz ist nicht bekannt. Sie tritt typischerweise im Erwachsenenalter auf, wobei die indolente systemische Mastozytose eher bei jüngeren Erwachsenen (20. bis 40. Lebensjahr) und die fortgeschrittene systemische Mastozytose vor allem im höheren Alter (60. bis 70. Lebensjahr) vertreten ist. Die häufigste Variante ist die indolente systemische Mastozytose mit ca. 65 %.

4 Pathogenese

Bei einem Großteil der Patienten (80 bis 95 %) lässt sich eine aktivierende Punktmutation (D816V) der Tyrosinkinase KIT nachweisen. KIT (CD117) ist ein Rezeptor für den Stammzellfaktor (SCF), der u.a. für die Proliferation und Differenzierung von Mastzellen förderlich ist. Im Falle der KIT D816V-Mutation befindet sich der Rezeptor unabhängig von der Bindung an SCF in einem aktivierten Zustand, wodurch es zu einer klonalen Proliferation von atypischen Mastzellen kommt. Diese akkumulieren in einem oder mehreren Organsystemen. Verschiedene Reize, z.B. Allergene, Nahrungsmittelantigene, Infektionen, Medikamente uvm., können dann eine unkontrollierte Mastzelldegranulation auslösen.

5 Klinik

Bei der indolenten systemischen Mastozytose kommt es durch die Freisetzung der Mastzellmediatoren zu Symptomen, während die fortgeschrittene systemische Mastozytose v.a. durch die Organinfiltration klinisch manifest wird:

5.1 Indolente systemische Mastozytose

5.2 Smoldering systemische Mastozytose

Die SSM äußert sich klinisch durch eine Splenomegalie, Hepatomegalie und/oder Lymphadenopathie ohne relevante Funktionseinschränkung.

5.3 Fortgeschrittene systemische Mastozytose

6 Diagnostik

6.1 Labordiagnostik

Im Rahmen der labormedizinischen Diagnostik erfolgt ein Differentialblutbild sowie die Bestimmung von:

Zudem sollte eine Serumelektrophorese, Immunfixation und Gerinnungsdiagnostik durchgeführt werden. Zur Erfassung des Mutationsstatus ist eine molekulargenetische Untersuchung von peripherem Blut sinnvoll.

6.2 Bildgebung

6.3 Knochenmarkpunktion

Zur Diagnosesicherung ist in den meisten Fällen eine Knochenmarkpunktion mit Biopsie erforderlich. Das gewonnene Material wird zytologisch, histologisch, immunhistochemisch, durchflusszytometrisch und molekulargenetisch untersucht.

6.4 Histopathologie

In histologischen Präparaten finden sich typischerweise multifokale Ansammlungen abnormaler Mastzellen. Diese sind bezüglich ihrer Morphologie sehr variabel: Sie können rund bis spindelförmig sein mit langen zytoplasmatischen Fortsätzen. Möglich sind ein hypogranuläres Zytoplasma und atypische Zellkerne mit monozytoidem Aussehen.

6.5 WHO-Diagnosekriterien

Nach der WHO-Klassifikation von 2016 müssen für die Diagnosestellung einer systemischen Mastozytose das Hauptkriterium und mindestens ein Nebenkriterium erfüllt sein:

Hauptkriterium Nebenkriterien
multifokale, kompakte Mastzellinfiltrate in der Histologie (KM oder EKO) atypische spindelförmige Mastzellen (min. 25 %) im KM oder EKO
molekularpathologischer Nachweis einer einer KIT D816V-Mutation (KM, PB oder EKO)
CD2- und/oder CD25-positive Mastzellen (KM, PB oder EKO)
Tryptase im Serum dauerhaft > 20 μg/l (außer bei assoziierter hämatologischer Neoplasie)

Abkürzungen: KM = Knochenmark, PB = peripheres Blut, EKO = extrakutane Organe

6.5.1 Subtypen

Um eine Einteilung der verschiedenen Subtypen der systemischen Mastozytose vorzunehmen, erhebt man die sogenannten B- und C-Findings:

  • B-Findings:
    • Knochenmarkinfiltration > 30 %
    • Serum-Tryptase > 200 μg/l
    • Zeichen einer Dysplasie oder Myeloproliferation, ohne Erfülllung der Kriterien für ein MDS oder MPN
    • Splenomegalie, Hepatomegalie und/oder Lymphadenopathie ohne Funktionseinschränkung
  • C-Findings:
    • Zytopenie: Neutropenie, Anämie und/oder Thrombozytopenie
    • Hepatomegalie mit Leberfunktionsstörung
    • Splenomegalie mit symptomatischem Hypersplenismus
    • Malabsorption mit Hypoalbuminämie und Gewichtsverlust
    • große Osteolysen mit pathologischen Frakturen
    • lebensbedrohlicher Organschaden anderer Organsysteme durch lokale Mastzellinfiltration
Subtyp Merkmale
ISM
  • Knochenmarkinfiltration (1 - 30 %)
  • oft Hautmanifestationen
SSM
  • mindestens zwei B-Findings
AdvSM ASM
  • Organinfiltration mit Organschäden: mindestens ein C-Finding
SM-AHN
MCL

7 Differentialdiagnosen

Differentialdiagnostisch kommen eine Mastzellhyperplasie, myeloische Neoplasien oder die myelomastozytäre Leukämie infrage.

8 Therapie

Die Therapie erfolgt in Abhängigkeit von der Ausprägung und der Symptomatik. Aufgrund der Seltenheit der Erkrankung ist eine Behandlung in spezialisierten Zentren sinnvoll.

8.1 Symptomatische Therapie

8.2 Zielgerichtete Therapie

Für die medikamentöse Therapie der fortgeschrittenen systemischen Mastozytose wird Midostaurin eingesetzt. In vielen Fällen lassen sich mit dem Wirkstoff gute Ansprechraten erreichen. Andere Tyrosinkinaseinhibitoren, wie Imatinib und Nilotinib, kommen lediglich als Off-Label-Therapie bei Patienten ohne KIT-D816V-Mutation zur Anwendung.

8.3 Zytoreduktive Therapie

Im Falle einer therapierefraktären fortgeschrittenen systemischen Mastozytose kann Hydroxyurea zur palliativen, zytoreduktiven Therapie verabreicht werden. Bei aggressiven Formen, insbesondere bei einer assoziierten hämatologischen Neoplasie können klassische Zytostatika - z.B. im Rahmen einer Polychemotherapie - und hypomethylierende Substanzen notwendig sein.

Bei geeigneten Patienten mit einer aggressiven Verlaufsform sollte eine allogene Stammzelltransplantation in Erwägung gezogen werden.

9 Literatur

Tags:

Fachgebiete: Hämatologie

Diese Seite wurde zuletzt am 20. August 2021 um 15:26 Uhr bearbeitet.

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