Histaminintoleranz
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LoslegenSynonym: Histaminunverträglichkeit
Englisch: histamine intolerance
Definition
Als Histaminintoleranz, kurz HIT, wird eine individuelle Unverträglichkeit gegenüber Histamin bezeichnet.
Hintergrund
Die Existenz einer eigenständigen Unverträglichkeit gegenüber oral aufgenommenem Histamin wird in der aktuellen (2026) Fachliteratur zunehmend kritisch bewertet. Durch die starke mediale Präsenz hat die Histaminintoleranz Züge einer Modeerkrankung. Placebokontrollierte, doppelblinde orale Provokationsstudien konnten bei einem Großteil der Patienten mit Verdachtsdiagnose keine reproduzierbaren Reaktionen auf Histamin nachweisen. Die Beschwerden traten unter Placebogabe teils gleich stark oder stärker auf, was auf einen relevanten Nocebo-Effekt hindeutet.[1][2] Da eine Unverträglichkeit per Definition ein reproduzierbares Geschehen auf einen definierten Auslöser voraussetzt, wird die Existenz der HIT als eigenständige Entität von Teilen der Fachwelt infrage gestellt.[1]
Andere Autoren gehen weiterhin von einem eigenständigen, wenn auch diagnostisch schwer fassbaren Krankheitsbild aus.[3]
Epidemiologie
Ätiopathogenese
Der Histaminintoleranz liegt nach dem klassischen Erklärungsmodell ein Ungleichgewicht zwischen Aufnahme/Produktion des Gewebshormons Histamin und dessen Abbau zugrunde. Histamin wird im menschlichen Körper vor allem in Mastzellen, basophilen Granulozyten und ECL-Zellen der Magenschleimhaut gebildet. Es fungiert als Entzündungsmediator und löst unter anderem eine Vasodilatation und Bronchokonstriktion aus.[4]
Histamin wird außerdem über die Nahrung aufgenommen und ist besonders in konservierten, fermentierten bzw. gereiften Lebensmitteln enthalten (z.B. Käse, Wurst, geräucherter Fisch, alkoholhaltige Getränke, vor allem Rotwein, Sauerkraut). Das Hormon wird hier vornehmlich von Bakterien produziert, es ist ein Abbauprodukt der Aminosäure Histidin. Allerdings ist die Aussagekraft des Histamingehalts eines Lebensmittels für dessen tatsächliche Verträglichkeit umstritten, da beispielsweise Käse trotz hohen Histamingehalts meist gut vertragen wird, während der Zusammenhang bei Fisch oder Wein uneinheitlich ist.[1]
Einige Lebensmittel enthalten selbst kein Histamin, dafür aber sogenannte Histaminliberatoren, welche die körpereigene Freisetzung von Histamin aus Mastzellen erhöhen sollen.
Histamin kann über zwei Wege metabolisiert werden:
- oxidative Desaminierung durch die Diaminooxidase (DAO)
- Ringmethylierung durch die Histamin-N-Methyltransferase (HNMT)
Ursächlich für eine Histaminintoleranz wird in der Regel ein Mangel oder eine Inaktivität der Diaminooxidase angenommen. Das Enzym baut normalerweise vor allem exogenes Histamin ab, das über die Nahrung aufgenommen wird. Genetische Polymorphismen und bestimmte Medikamente können die DAO-Aktivität zusätzlich vermindern.[5] Eine HIT kann sowohl primär als auch sekundär im Rahmen anderer gastrointestinaler Erkrankungen (z.B. chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Zöliakie, Dünndarmfehlbesiedlung, Dysbiose) auftreten. Erniedrigte DAO-Werte können in diesen Fällen ein Surrogatparameter einer mukosalen Entzündung sein.[3]
Symptomatik
Die Manifestation der postulierten HIT ist sehr vielfältig und kann diverse Organsysteme betreffen. Am häufigsten werden gastrointestinale Beschwerden genannt, wie:
- Blähungen, postprandiales Völlegefühl
- Stuhlunregelmäßigkeiten, Diarrhö
- abdominelle Schmerzen, Sodbrennen, Übelkeit
Daneben werden folgende Symptome beschrieben:
- Kopfschmerzen bzw. migräneartige Beschwerden, Schwindel
- Hypotonie, Tachykardie
- Urtikaria, Flush, Pruritus, Ekzeme
- Fließender Schnupfen, nasale Obstruktion, Niesanfälle, Asthma-artige Atemnot
Meist besteht eine Kombination von mindestens drei Symptomen, wobei auch unterschiedliche Organsysteme gleichzeitig betroffen sein können.[3] Da keine Antigen-Antikörper-Reaktion stattfindet, wird das Beschwerdebild – sofern es tatsächlich auf Histamin zurückzuführen ist – als Pseudoallergie eingeordnet.
Diagnostik
Ein validierter Biomarker für die Histaminintoleranz existiert nicht.[6] Grundlage der Diagnostik sind:
- eine ausführliche Anamnese, idealerweise gestützt durch ein Ernährungs- und Symptomtagebuch über ca. 7 Tage[3]
- die Erfüllung eines Symptomkriteriums (je nach Arbeitsgruppe mindestens 2 gastrointestinale oder > 3 typische Symptome)[3]
- die gezielte Differentialdiagnostik zum Ausschluss anderer, besser belegter Ursachen (u.a. Nahrungsmittelallergien, Kohlenhydratverwertungsstörungen wie Laktoseintoleranz oder Fruktosemalabsorption, Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Mastozytose, Mastzellaktivierungssyndrom)[1][2]
Eine Bestimmung der DAO-Serumaktivität wird häufig ergänzend durchgeführt, ihre klinische Aussagekraft ist jedoch umstritten. Die Datenlage zur Zuverlässigkeit dieses Markers ist widersprüchlich, und es wird sogar bezweifelt, ob Serum überhaupt ein geeignetes Medium zur Messung der DAO ist.[1] DAO-Werte über 20 U/ml sprechen gegen eine HIT, niedrigere Werte sind hingegen nicht sicher diagnostisch wegweisend. Auch erhöhte Mastzellmediator-Konzentrationen liefern keinen diagnostischen Zusatznutzen.[2] Weitere vorgeschlagene Verfahren wie der Histamin-50-Haut-Prick-Test oder die Bestimmung von Methylhistamin im Urin weisen ebenfalls eine begrenzte Aussagekraft auf.[3]
Eine orale Provokation (idealerweise doppelblind, placebokontrolliert) gilt formal als Goldstandard zum Nachweis bzw. zur Entkräftung der Verdachtsdiagnose, scheiterte in mehreren Studien jedoch an der fehlenden Reproduzierbarkeit der Symptome.[1] Die aktuelle Leitlinie verzichtet daher pragmatisch auf eine formale Entkräftigung der Verdachtsdiagnose und sieht stattdessen direkt eine dreistufige Ernährungsumstellung vor, mit dem Ziel, Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.[7][1]
Differentialdiagnosen
Differentialdiagnostisch kommen insbesondere ein Mastzellaktivierungssyndrom, eine Mastozytose und eine hereditäre α-Tryptasämie in Frage. Diese Entitäten weisen teils überlappende, unspezifische Beschwerden auf, sind jedoch an spezifische Befundkonstellationen (z.B. definierte Serumtryptase-Grenzwerte, KIT-D816V-Mutation, Ansprechen auf mastzellgerichtete Therapie) gebunden, die bei einer HIT-Verdachtsdiagnose nicht vorliegen.[2]
Therapie
Eine kausale Therapie steht derzeit nicht zur Verfügung. Die Leitlinie empfiehlt eine dreistufige Ernährungsumstellung:[7][1]
- Karenzphase (10–14 Tage): gemüsebetonte Mischkost mit reduzierter Zufuhr biogener Amine, insbesondere Histamin; Ziel ist primär die Optimierung der Verdauungsvoraussetzungen, nicht allein die Histaminreduktion
- Testphase (bis zu 6 Wochen): gezielte, kontrollierte Wiedereinführung zuvor gemiedener Lebensmittel zur Ermittlung der individuellen Verträglichkeit
- Dauerernährung: individuell angepasste, dauerhafte Ernährung mit möglichst hoher Lebensqualität und ausgewogener Nährstoffzufuhr
Eine Zusammenarbeit mit einer allergologisch versierten Ernährungsfachkraft wird ausdrücklich empfohlen, um unnötig strikte Diäten zu vermeiden.[7]
Diaminooxidase kann unterstützend als Nahrungsergänzungsmittel zum Essen eingenommen werden. Die Studienlage zur Wirksamkeit ist limitiert und hängt unter anderem vom Kofaktorstatus (Vitamin B6, Vitamin C, Kupfer) und von der Herkunft des Enzympräparats ab.[5] Bei ausgeprägter Beschwerdesymptomatik können kurzzeitig H1-/H2-Antihistaminika oder Mastzellstabilisatoren eingesetzt werden.[3] Für eine Nahrungsergänzung mit Prä- und Probiotika besteht aktuell (2026) keine ausreichende Evidenz.[3]
Prognose
Unter der dreistufigen Ernährungsumstellung berichtet ein Großteil der Betroffenen über eine deutliche Beschwerdebesserung.[3] Angesichts der unklaren Reproduzierbarkeit histamininduzierter Beschwerden in kontrollierten Provokationsstudien ist jedoch unklar, in welchem Umfang dieser Effekt auf therapeutische Maßnahmen zurückzuführen ist.[1] In der Regel ist eine dauerhafte Anpassung der Ernährung erforderlich.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 1,8 Reese I. Vermutete Histaminintoleranz – Wie vorgehen? Dermatologie. 2025;76:422–427. doi.org/10.1007/s00105-025-05482-4
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Brockow K, Franz TM, Saak M et al. Nur spezifische Befundkonstellationen indizieren eine Abklärung auf Mastozytose, hereditäre α-Tryptasämie, Histaminintoleranz oder ein Mastzellaktivierungssyndrom. Allergo J Int. 2026;35:101–108. doi.org/10.1007/s40629-026-00373-z
- ↑ 3,00 3,01 3,02 3,03 3,04 3,05 3,06 3,07 3,08 3,09 Zopf Y, Dieterich W. Nahrungsmittelallergie und Histaminintoleranz. Gastroenterologie. 2024;19:3–12. doi.org/10.1007/s11377-023-00751-x
- ↑ Maintz L, Novak N. Die verschiedenen Gesichter der Histaminintoleranz – Konsequenzen für die Praxis. Dtsch Arztebl. 2006;103(51-52):A-3477.
- ↑ 5,0 5,1 Alemany-Fornés M, Bori J, Muguerza B, Suárez M. Diamine oxidase deficiency implications for health, current management, and future directions in the treatment of histamine intolerance: A review. Int J Biol Macromol. 2025;327(Pt 1):147130. doi.org/10.1016/j.ijbiomac.2025.147130
- ↑ Jackson K, Busse W, Gálvez-Martín P, Terradillos A, Martínez-Puig D. Evidence for Dietary Management of Histamine Intolerance. Int J Mol Sci. 2025;26(18):9198. doi.org/10.3390/ijms26189198
- ↑ 7,0 7,1 7,2 AWMF. S1-Leitlinie: Vorgehen bei Verdacht auf Unverträglichkeit gegenüber oral aufgenommenem Histamin. AWMF-Registernummer 061-030. 2021. Verfügbar unter: S1-Leitlinie Histaminunverträglichkeit.