Dysbiose
von altgriechisch: δυσ- ("dys-") - schlecht; βíος ("bíōs") - Leben
Englisch: dysbiosis
Definition
Als Dysbiose bezeichnet man eine Störung der physiologischen Besiedelung eines Körperkompartiments (z.B. Haut, Darm, Mundhöhle, Vagina) mit Mikroorganismen. Dabei werden im Mikrobiom normale Saprophyten bzw. Kommensalen zugunsten potentiell pathogener Keime verdrängt.
Hintergrund
Dysbiose ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein pathologischer Zustand, der verschiedene Erkrankungen triggern kann. Der normale Besiedelung wird als Eubiose bezeichnet.
Pathophysiologie
Die Dysbiose führt zu einer Störung der mikrobiellen Homöostase mit funktionellen Konsequenzen für das betroffene Kompartiment. Dabei kommt es zu einer verminderten Diversität des Mikrobioms sowie zu einer Reduktion protektiver Mikroorganismen (z.B. Butyrat-produzierender Bakterien) und einer relativen Zunahme potenziell pathogener Keime.
Folgen einer Dysbiose sind u.a. eine Störung der epithelialen Barrierefunktion, eine verminderte Produktion kurzkettiger Fettsäuren (SCFA) sowie die Aktivierung des angeborenen Immunsystems mit dem Effekt einer chronischen niedriggradigen Entzündung. In der Folge kommt es zu einem Verlust der Kolonisationsresistenz mit Überwucherung durch pathogene Keime (z.B. Clostridioides difficile).
Ursachen
Zu den häufigsten Auslösern einer Dysbiose zählen:
- Antibiotikatherapie
- Fehlernährung (ballaststoffarm, fettreich, zuckerreich)
- Medikamente (z.B. PPI, NSAR)
- Darminfektionen
- Hormonelle Veränderungen (z.B. Östrogenmangel)
Chronischer Stress und Schlafmangel gelten als Risikofaktoren.
Klinische Bedeutung
Dysbiosen sind an der Entstehung und Aufrechterhaltung zahlreicher Erkrankungen beteiligt. Dazu zählen u.a.:
- chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED)
- Parodontopathien
- Reizdarmsyndrom
- Clostridium-difficile-assoziierte Diarrhö (CDAD)
- Adipositas, metabolisches Syndrom, Diabetes mellitus
- bakterielle Vaginose
- Atopien (Asthma bronchiale)
- Neuropsychiatrische Erkrankungen (z.B. Depressionen über die Darm-Hirn-Achse)
Die klinische Bedeutung einer Dysbiose ist in vielen Bereichen jedoch nicht abschließend geklärt und Gegenstand aktueller Forschung.
Diagnostik
Eine standardisierte Routinediagnostik der Dysbiose existiert derzeit (2026) nicht. Die Zusammensetzung eines Mikrobioms kann mithilfe der Mikrobiomdiagnostik evaluiert werden. Sie bedient sich molekularbiologischer Verfahren, wie der 16S-rRNA-Sequenzierung oder des Next-Generation-Sequencing (NGS). Bei der Auswertung sind die großen interindividuellen Unterschiede menschlicher Mikrobiome zu berücksichtigen.
Klinisch erfolgt die Beurteilung meist indirekt anhand von Symptomatik und Kontext.
Therapie
Die Behandlung zielt primär auf die Wiederherstellung der Eubiose ab. Mögliche Maßnahmen sind:
- Beseitigung auslösender Faktoren (z.B. Absetzen unnötiger Antibiotika)
- Ernährungsumstellung mit erhöhter Ballaststoffzufuhr
- Einsatz von Probiotika und Präbiotika (situationsabhängig)
- Fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT)
- Spezifische antiinfektive Therapie bei nachgewiesener Pathogenüberwucherung
Die Evidenzlage ist indikationsabhängig und Gegenstand aktueller Forschung.