Buprenorphin
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenHandelsnamen: Temgesic®, Transtec®, Norspan®, Suboxone®
Englisch: buprenorphine
Definition
Buprenorphin ist ein betäubungsmittelpflichtiges Opioidanalgetikum mit partialagonistischer Wirkung. Es zählt zur Stufe 3 des WHO-Stufenschemas und wird bei starken akuten und chronischen Schmerzen sowie zur Opioid-Substitutionstherapie eingesetzt.
Chemie
Buprenorphin ist ein halbsynthetisches Opioid-Derivat, das aus dem Alkaloid Thebain gewonnen wird. Es besitzt die Summenformel C29H41NO4 und eine molare Masse von 467,65 g/mol.
Wirkmechanismus
Buprenorphin bindet mit hoher Affinität an μ-Opioidrezeptoren und wirkt als Partialagonist, d.h. mit einer geringen intrinsischen Aktivität. Dabei zeigt Buprenorphin einen Ceiling-Effekt: Ab einer gewissen Dosis bewirkt eine weitere Steigerung keine Erhöhung der erwünschten oder unerwünschten Wirkungen.
Aufgrund der hohen Affinität zum μ-Opioidrezeptor ist Buprenorphin nur schwer durch Naloxon antagonisierbar. Bei Schmerzen, die nicht auf Buprenorphin reagieren, kann man den Wirkstoff zudem nicht durch ein höher potentes Opioid (z.B. Morphin) vom Rezeptor verdrängen, sondern muss erst das Wirkende abwarten. Die relative analgetische Potenz gegenüber Morphin wird in der Literatur uneinheitlich angegeben; gebräuchliche Umrechnungsfaktoren liegen zwischen 75 und 100, in Einzelfallanalysen wurden auch höhere Faktoren (bis ca. 110–115) postuliert.[1]
Am κ-Opioidrezeptor wirkt Buprenorphin als Antagonist. Am δ-Opioidrezeptor hat es eine schwach agonistische Wirkung. Insgesamt verursacht der Wirkstoff nur eine geringe Sedierung und Dysphorie. Außerdem bindet Buprenorphin noch an weitere Rezeptoren – beispielsweise blockiert es spannungsgesteuerte Natriumkanäle.
Buprenorphin besitzt im Vergleich zu anderen Opioiden aufgrund seiner langsamen Anflutung nur ein geringes Suchtpotential. Daher ist es zur Substitutionstherapie geeignet.
Pharmakokinetik
Buprenorphin weist nach oraler Gabe aufgrund eines ausgeprägten First-Pass-Effekts nur eine geringe Bioverfügbarkeit von ca. 10 bis 15 % auf.[2]
Der Wirkstoff wird in der Leber über CYP3A4, CYP3A5 und CYP2C8 in das geringer wirksame Nor-Buprenorphin umgewandelt. Weiterhin werden Buprenorphin und Nor-Buprenorphin durch UGT1A1, UGT1A3 sowie UGT2B7 glucuronidiert. Diese ebenfalls biologisch aktiven Metabolite werden über die Galle und mit dem Fäzes ausgeschieden. Die renale Elimination ist deutlich geringer, sodass bei Menschen mit reduzierter Nierenfunktion kein Akkumulationsrisiko besteht.
Die Plasmahalbwertszeit variiert zwischen 3 und 73 Stunden aufgrund der komplexen Pharmakokinetik (u.a. enterohepatischer Kreislauf, langsame Diffusion aus dem Fettgewebe). Angaben zur Wirkdauer variieren je nach Applikation zwischen 6 bis 8 Stunden (sublingual) und 84 bis 96 Stunden (transdermal).
Indikationen
Buprenorphin wird bei starken Schmerzen eingesetzt, die nicht mit Hilfe von Nicht-Opioid-Analgetika oder Spasmolytika behandelt werden können, insbesondere nach Operationen, Verletzungen, Herzinfarkt sowie bei chronischen Schmerzen bei Tumorerkrankungen. Für chronische, nicht-tumorbedingte Schmerzen (z.B. chronischer Rückenschmerz) zeigte eine Metaanalyse randomisierter Studien hingegen keinen eindeutigen analgetischen Vorteil von transdermalem Buprenorphin gegenüber Placebo.[3]
Es wird diskutiert, ob der Nutzen bei chronischem Rückenschmerz wesentlich von einer beteiligten neuropathischen Schmerzkomponente abhängt, da Buprenorphin über den κ-Rezeptor-Antagonismus und weitere nicht-µ-vermittelte Mechanismen verfügt. Einzelfallanalysen berichten über erfolgreiche Anwendung bei neuropathischem und gemischt nozizeptiv-neuropathischem Schmerz nach Versagen anderer Opioide.[4] Eine systematische Cochrane-Übersichtsarbeit fand jedoch unzureichende Evidenz, um eine spezifische Wirksamkeit von Buprenorphin bei neuropathischem Schmerz zu belegen oder auszuschließen.[5]
Ein weiteres zentrales Einsatzgebiet ist die Opioid-Substitutionstherapie bei Opioidabhängigkeit, v.a. in Kombination mit Naloxon; die aktuelle Leitlinie führt Buprenorphin als eine der Erstlinienoptionen der Opioidagonisten-Therapie (OAT).[6]
Buprenorphin zählt zu den unentbehrlichen Arzneimitteln der WHO.
Potenzielle Einsatzgebiete
Die Kombination aus Buprenorphin und Samidorphan wurde in den USA als Zusatztherapie bei therapieresistenter Depression geprüft. Eine Zulassung wurde von der FDA jedoch nicht erteilt, da die vorliegenden Wirksamkeitsdaten keinen signifikanten Vorteil gegenüber Placebo zeigten.[7] Weitere potentielle Einsatzgebiete sind Patienten mit Kokainabhängigkeit, Zwangsstörungen sowie neonatalem Abstinenzsyndrom.
Darreichungsformen
Buprenorphin kann als Sublingualtablette oder in Form eines transdermalen Pflasters angewendet werden. Eine Injektionslösung zur intravenösen bzw. intramuskulären Anwendung ist in Deutschland aktuell (2026) außer Vertrieb.
Für die transdermale Anwendung stehen zwei Pflastersysteme mit unterschiedlichem Dosisbereich zur Verfügung:
- Niedrigdosis-System(7-Tage-Pflaster und Generika) in den Wirkstärken 5, 10, 15 und 20 µg/h. Es ist für mittelstarke, nicht-tumorbedingte Schmerzen zugelassen, wenn ein Opioid zum Erreichen einer adäquaten Analgesie erforderlich ist, und eignet sich aufgrund der niedrigen Anfangsdosis auch für den Einstieg in eine Opioidtherapie.
- Ein Hochdosis-System (3,5- bis 4-Tage-Pflaster) in den Wirkstärken 35, 52,5 und 70 µg/h. Es ist für starke chronische Schmerzen einschließlich Tumorschmerzen zugelassen.
Beide Systeme sind nicht zur Behandlung akuter Schmerzen geeignet. Die sublinguale Gabe eignet sich hierfür aufgrund der kürzeren Latenzzeit besser und dient zudem der Kupierung von Schmerzspitzen unter laufender Pflastertherapie.
Das Pflaster wird auf den Oberkörper geklebt, wobei eine unbehaarte Stelle zu bevorzugen ist. Sonst sollten die Haare geschnitten, aber nicht rasiert werden, da Mikroläsionen genauso wie Fieber für eine vermehrte Wirkstoffresorption sorgen.
Seit November 2018 existiert auch ein Buprenorphin-Depot, das subkutan injiziert wird. Die EMA hatte 2019 zudem ein Buprenorphin-Implantat (Sixmo®) zur Substitutionstherapie zugelassen. Die Marktzulassung wurde jedoch am 19. Juni 2025 auf Antrag des Zulassungsinhabers aus kommerziellen Gründen zurückgezogen, sodass Sixmo® aktuell nicht mehr verfügbar ist.[8]
Dosierung
Chronische Schmerzen
Bei opioidnaiven Patienten sowie bei Vorbehandlung mit Nicht-Opioid-Analgetika oder schwach wirksamen Opioiden (WHO-Stufe I/II) wird üblicherweise mit dem Niedrigdosis-Pflaster begonnen. Die Dosis kann initial alle 3 Tage, im weiteren Verlauf im 7-Tage-Rhythmus gesteigert werden.
Ist ein Wechsel auf das Hochdosis-Pflaste erforderlich, wird bei bislang unbehandelten oder mit Nicht-Opioid-Analgetika bzw. schwach wirksamen Opioiden vorbehandelten Patienten mit der kleinsten Wirkstärke dieses Systems (35 µg/h) begonnen. Das Pflaster wird spätestens nach 4 Tagen gewechselt. Bei Vorbehandlung mit einem stark wirksamen Opioid (WHO-Stufe III) richtet sich die initiale Wirkstärke nach der vorbestehenden Opioiddosis:
| Buprenorphindosis | 35 µg/h | 52,5 µg/h | 70 µg/h | 2 × 70 µg/h |
|---|---|---|---|---|
| Dihydrocodein, oral | 120-240 | bis 360 | ||
| Tramadol, parenteral | 100-200 | bis 300 | bis 400 | |
| Tramadol, oral | 150-300 | bis 450 | bis 600 | |
| Buprenorphin, parenteral | 0,3-0,6 | bis 0,9 | bis 1,2 | bis 2,4 |
| Buprenorphin, sublingual | 0,4-0,8 | bis 1,2 | bis 1,6 | bis 3,2 |
| Morphin, parenteral | 10-20 | bis 30 | bis 40 | bis 80 |
| Morphin, oral | 30-60 | bis 90 | bis 120 | bis 240 |
Die Tabelle bietet eine Orientierung für die Umstellung und ersetzt nicht die individuelle klinische Titration. Publizierte Umrechnungsfaktoren zwischen Buprenorphin und anderen Opioiden variieren je nach Quelle und Applikationsart erheblich.[4] Zur Kupierung von Durchbruchschmerzen kann zusätzlich 1 bis 2 mal 0,2 mg Buprenorphin sublingual verabreicht werden. Wenn dauerhaft 0,4 bis 0,6 mg sublinguales Buprenorphin notwendig sind, sollte die nächst höhere Pflasterstärke verwendet werden.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
siehe auch: Opioidrotation
Substitutionstherapie
Buprenorphin wird zur Substitution bei Opioidabhängigkeit anfangs in einer Dosis von 2 bis 4 mg/d sublingual verabreicht. Die maximale tägliche Einzeldosis beträgt 24 mg. Alternative Schemata ergeben sich bei subkutaner Injektion eines Depots oder bei Verwendung eines Buprenorphin-Implantats.
Nebenwirkungen
Buprenorphin hat ein relativ günstiges Nebenwirkungsprofil. Im Vergleich zu Morphin treten Nebenwirkungen wie Obstipation und Juckreiz seltener auf. Initial kommt es häufig zu Übelkeit und Erbrechen, sodass die Gabe eines Antiemetikums und eine langsame Dosissteigerung notwendig sein können.
Zu den möglichen Nebenwirkungen von Buprenorphin zählen:
- Überempfindlichkeitsreaktionen bis hin zur Anaphylaxie
- Müdigkeit, Schlafstörungen und Benommenheit
- Schwindel und Kopfschmerzen
- Erschöpfung, Mundtrockenheit, verwaschene Sprache, Koma, Tremor, Krämpfe, Verwirrtheit, Desorientierung, Nervosität, Depression, Psychose, Halluzinationen, Depersonalisation, Euphorie und Dysphorie
- Miosis, Diplopie, Sehstörungen, Konjunktivitis und Tinnitus
- orthostatische Hypotonie, Tachykardie, Bradykardie, Zyanose, AV-Block und Hypotonie
- Atemdepression, Atemnot, Atemstillstand und Bronchospasmus
- Übelkeit, Erbrechen, Dyspepsie, Appetitlosigkeit und Diarrhö
- Miktionsbeschwerden und Harnretention
- Schwitzen, Parästhesie, Juckreiz, Hautausschlag, Blässe, Urtikaria und Quincke-Ödem
Bei sublingualer hochdosierter Gabe kann es zu einer QT-Verlängerung kommen. Daher sind Vorsichtsmaßnahmen bei Patienten mit bekannter oder vermuteter EKG-Veränderung, Elektrolytstörungen, Bradykardie oder Einnahme von Antiarrhythmika zu beachten. Vor und 2 Wochen nach Behandlungsbeginn oder Dosiserhöhung ist ein EKG durchzuführen.
Wechselwirkungen
Buprenorphin wird selbst überwiegend über CYP3A4 metabolisiert. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten resultieren daher in erster Linie aus einer Beeinflussung dieses Abbauwegs, nicht aus einer eigenständigen Hemmung von CYP3A4 durch Buprenorphin.[2]
Die gemeinsame Anwendung von Buprenorphin mit CYP3A4-Inhibitoren (Ketoconazol, Ritonavir, Indinavir, Grapefruitsaft) kann die Wirkung von Buprenorphin verstärken. Die Einnahme von CYP3A4-Induktoren (Phenobarbital, Carbamazepin, Phenytoin, Rifampicin) kann zur verringerten Buprenorphinwirkung führen.
Bei gleichzeitiger Einnahme von anderen Opioiden, Alkohol, Anästhetika, Hypnotika, Sedativa, Antidepressiva und Neuroleptika kann es zur Verstärkung von zentralnervösen Effekten (z.B. Sedierung) kommen. Benzodiazepine verstärken die atemdepressiven Nebenwirkungen von Buprenorphin.
Kontraindikationen
- Überempfindlichkeit
- schwere Ateminsuffizienz
- schwere Leberinsuffizienz
- Kombination mit MAO-Hemmern
- Alkoholismus, Delirium tremens
- schwere Kopfverletzungen, erhöhter Hirndruck
Die Anwendung während der Schwangerschaft erfolgt nur unter strenger Indikationsstellung. Die Gabe während der Stillzeit wird nicht empfohlen.
Intoxikation
Nach einer Überdosis Buprenorphin kommt es zu Atemdepression, Sedierung, Somnolenz, Übelkeit, Erbrechen, Kreislaufkollaps und Miosis. Die hohe Affinität von Buprenorphin führt zu einer langsamen Dissoziation vom Rezeptor. Im Falle einer Intoxikation erfolgt eine kontinuierliche Infusion mit Naloxon. Eine Atemdepression kann mit Naloxon nur schwer aufgehoben werden. Daher kommt eine Intubation und Beatmung sowie ggf. eine Verabreichung von Doxapram zur zentralen Atemstimulierung zum Einsatz.
Missbrauch
Buprenorphin wird von Heroinabhängigen häufig missbräuchlich nasal konsumiert, um dem Suchtdruck entgegenzuwirken und die Bioverfügbarkeit zu erhöhen. Es wird jedoch nicht nur als Ersatzstoff zu Heroin verwendet, sondern auch von Personen ohne Heroinabusus. Das Kombinationspräparat aus Buprenorphin und Naloxon hat dabei den Vorteil, dass bei missbräuchlicher nasaler oder intravenöser Anwendung Naloxon Entzugssymptome auslöst.
Labormedizin
Im Urin-Schnelltest kann es durch Kreuzreaktionen mit Chloroquin, Dihydrocodein und Tramadol zu falsch-positiven Ergebnissen kommen.[9]
Quellen
- ↑ Likar R, Krainer B, Sittl R. Challenging the equipotency calculation for transdermal buprenorphine: four case studies. Int J Clin Pract. 2008;62(1):152-156.
- ↑ 2,0 2,1 Elkader A, Sproule B. Buprenorphine: clinical pharmacokinetics in the treatment of opioid dependence. Clin Pharmacokinet. 2005;44(7):661-680. doi:10.2165/00003088-200544070-00001
- ↑ do Nascimento Souza AK, Barreto ESR, Antunes Júnior CR, Piñeiro GTO, Kraychete DC. Evaluation of the Efficacy of Transdermal Buprenorphine in Chronic Low Back Pain: A Meta-Analysis of Randomized Clinical Trials. Pain Pract. 2026;26(5):e70155. doi:10.1111/papr.70155
- ↑ 4,0 4,1 Likar R, Krainer B, Sittl R. Challenging the equipotency calculation for transdermal buprenorphine: four case studies. Int J Clin Pract. 2008;62(1):152-156.
- ↑ Wiffen PJ, Derry S, Moore RA, et al. Buprenorphine for neuropathic pain in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2015;(9):CD011603.
- ↑ AWMF. S3-Leitlinie Opioidbezogene Störungen. AWMF-Registernummer 076-012. 2025. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Opioidbezogene Störungen.
- ↑ Dinoff A, Lynch ST, Sekhri N, Klepacz L. A meta-analysis of the potential antidepressant effects of buprenorphine versus placebo as an adjunctive pharmacotherapy for treatment-resistant depression. J Affect Disord. 2020;271:91-99. doi:10.1016/j.jad.2020.03.089
- ↑ European Medicines Agency. Sixmo. Stand: 2025.
- ↑ Pfäffli M et al. Urinschnelltests (Immunoassays) auf Drogen und Medikamente. Schweiz Med Forum 2013