Sedierung
von lateinisch: sedare - besänftigen, sinken lassen, beruhigen
Englisch: sedation
Definition
Eine Sedierung ist die gezielte Dämpfung des Zentralnervensystems durch Verabreichung eines Sedativums, mit dem Ziel, Angst, Unruhe oder Bewusstsein eines Patienten zu reduzieren. Das zugehörige Verb heißt sedieren.
Indikationen
Sedierungen kommen in verschiedenen klinischen Kontexten zum Einsatz:
- Prozedurale Sedierung und Analgesie (PSA): Vor diagnostischen oder therapeutischen Eingriffen (z.B. Endoskopie, Kardioversion, Wundversorgung) wird eine leichte bis moderate Sedierung eingesetzt, um Stress und Diskomfort des Patienten zu minimieren. Ein häufiges Beispiel ist die Sedierung im Rahmen der anästhesiologischen Prämedikation.[1]
- Intensivmedizinische Sedierung: Auf der Intensivstation erhalten beatmungspflichtige Patienten Sedativa, um Beatmungstoleranz zu verbessern, Agitation zu kontrollieren und den Sauerstoffverbrauch zu senken.[2]
- Psychiatrische Notfallsedierung: Bei schwerer Agitation oder Fremdgefährdung im Rahmen einer Psychose oder einem Suizidversuch kann eine Sedierung ohne vorherige Patienteneinwilligung erforderlich sein.
- Palliative Sedierung: In der Palliativmedizin kann bei refraktären Symptomen (z.B. nicht beherrschbarer Schmerz, Dyspnoe) eine tiefe kontinuierliche Sedierung eingesetzt werden, um unerträgliches Leiden zu lindern.[3]
Sedierungstiefe
Die Sedierungstiefe wird klinisch standardisiert erfasst. Gebräuchliche Skalen sind:
- Richmond Agitation-Sedation Scale (RASS): reicht von +4 (streitlustig/aggressiv) bis −5 (Koma); Zielwert auf Intensivstation meist −2 bis 0
- Ramsay-Score: klassische Skala von 1 (agitiert) bis 6 (keine Reaktion auf Schmerzreize)
Die American Society of Anesthesiologists (ASA) unterscheidet vier Sedierungsstufen: minimale Sedierung (Anxiolyse), moderate Sedierung, tiefe Sedierung und Allgemeinanästhesie. Mit zunehmender Tiefe steigt das Risiko für Atemwegsverlust und Atemdepression.
Sedativa
Zu den wichtigsten Substanzklassen, die in der Sedierung eingesetzt werden, gehören:
- Benzodiazepine (z.B. Midazolam, Diazepam): anxiolytisch, antikonvulsiv, amnestisch. Risiko von Toleranz, Abhängigkeit und paradoxer Reaktion
- Propofol: schnell anflutend und kurz wirksam; Mittel der Wahl für Kurzsedierungen und auf der Intensivstation. Risiko: Propofol-Infusionssyndrom bei Hochdosistherapie
- Dexmedetomidin: selektiver α2-Agonist, keine relevante Atemdepression. Wird zunehmend in der Intensivmedizin eingesetzt
- Ketamin: dissoziatives Anästhetikum mit analgetischen Eigenschaften. Erhält Schutzreflexe und wird häufig in der Notfallmedizin zur Analgosedierung verwendet
- Opioide (z.B. Morphin, Fentanyl): primär analgetisch mit sedierender "Nebenwirkung"
Cave: Alle Sedativa können bei inadäquater Überwachung eine lebensbedrohliche Atemdepression und Hypotonie verursachen. Puls, Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz müssen kontinuierlich überwacht werden.
Probleme
Bei langfristiger Anwendung kommt es bei den meisten Sedativa zur Toleranzentwicklung, sodass für die erwünschte Wirkung eine höhere Dosis erforderlich wird. Außerdem kann sich eine körperliche und psychische Abhängigkeit entwickeln. Besonders Benzodiazepine und Opioide haben ein hohes Abhängigkeitspotenzial und werden daher missbräuchlich als Drogen eingesetzt. Die Einnahme in dieser Absicht wird nicht als Sedierung bezeichnet.
Weitere Risiken sind eine Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit nach Einnahme sowie kognitive Einschränkungen. Auf der Intensivstation ist eine übermäßige Sedierung mit erhöhter Inzidenz von Delir, verlängerter Beatmungsdauer und erhöhter Sterblichkeit assoziiert.
Quellen
- ↑ American Society of Anesthesiologists Task Force. Practice Guidelines for Moderate Procedural Sedation and Analgesia 2018. Anesthesiology. 2018;128(3):437-479.
- ↑ Hume NE et al. Clinical Impact of the Implementation Strategies Used to Apply the 2013 PAD or 2018 PADIS Guideline Recommendations. Crit Care Med. 2024;52(4):626-636.
- ↑ Colburn B, Johnston B. Palliative sedation: autonomy, suffering, and euthanasia. Curr Opin Support Palliat Care. 2023;17(3):214-218.