Kinderanästhesie
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LoslegenSynonyme: Pädiatrische Anästhesie, Kindernarkose
Englisch: pediatric anesthesia
Definition
Die Kinderanästhesie ist das Teilgebiet der Anästhesiologie, das sich mit der Durchführung von Narkosen und Regionalanästhesieverfahren bei Neugeborenen, Säuglingen, Kleinkindern und Schulkindern befasst. Aufgrund ausgeprägter anatomischer und physiologischer Besonderheiten unterscheidet sie sich in zahlreichen Aspekten grundlegend von der Anästhesie bei Erwachsenen.
Hintergrund
Schwere anästhesieassoziierte Komplikationen treten bei Neugeborenen, Säuglingen und Kindern mit schweren Vorerkrankungen häufiger auf als bei Erwachsenen. Das Outcome hängt – vor allem bei Kindern unter 3 Jahren – entscheidend von der Erfahrung und Routine des Anästhesieteams ab. Für die Durchführung von Narkosen bei komplexen Eingriffen, Frühgeborenen oder schweren Vorerkrankungen wird die Anwesenheit eines speziell ausgebildeten Kinderanästhesisten empfohlen.[1]
Altersgruppen
In der Kinderanästhesie werden folgende Altersgruppen unterschieden:
- Frühgeborene: Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche (SSW)
- Untergewichtig (LBW, „low birth weight"): < 2.500 g
- Sehr untergewichtig (VLBW, „very low birth weight"): < 1.500 g
- Extrem untergewichtig (ELBW, „extremely low birth weight"): < 1.000 g
- Neugeborene: 0.–27. Lebenstag
- Säugling: 1.–12. Lebensmonat
- Kleinkind: 2.–5. Lebensjahr
- Schulkind: ab dem 6. Lebensjahr
Anatomie und Physiologie
Respiratorisches System
Kinder, insbesondere Neugeborene und Säuglinge, haben im Vergleich zu Erwachsenen eine deutlich höhere alveoläre Ventilation relativ zur funktionellen Residualkapazität (5:1 vs. 2:1 beim Erwachsenen). Der Sauerstoffverbrauch beträgt 6–10 ml/kgKG/min, etwa doppelt so viel wie beim Erwachsenen. Diese Kombination aus hohem Verbrauch und geringen Reserven führt zu einer sehr kurzen Apnoetoleranz. Bereits kurze Apnoephasen führen beim jungen Säugling unweigerlich zu einem raschen SpO₂-Abfall.[1] Simulationsmodelle schätzen, dass beim 1 Monate alten Säugling ohne Präoxygenierung die maximale SpO₂-Abfallgeschwindigkeit nach ca. 7 Sekunden erreicht wird – beim 18-Jährigen erst nach etwa 30 Sekunden.[1] Einleitungs- und diagnostische Verfahren mit Apnoe sind für kleine Kinder daher ungeeignet und potenziell gefährlich.
Der kindliche Kehlkopf liegt weiter kranial und ventral als beim Erwachsenen. Klinisch besonders relevant ist die empfindliche subglottische Region auf Höhe des runden Ringknorpels. Hier liegt die funktionell engste Stelle des Atemwegs und damit die bedeutsamste Verletzungszone bei zu großen Tuben. Die Myelinisierung der Nervenfasern ist bis zum 2.–4. Lebensjahr noch unvollständig, was die Nervenblockade durch Lokalanästhetika erleichtert.
Herz-Kreislauf-System
Das Herzminutenvolumen ist beim Neugeborenen und Säugling frequenzabhängig, da das Schlagvolumen nur begrenzt gesteigert werden kann. Bradykardie ist ein besonders kritisches Ereignis – sie ist bei Kindern in erster Linie als Folge einer Hypoxie zu interpretieren und erst nach deren Ausschluss auf andere Ursachen (z.B. Opioide, okulokardialer Reflex) zurückzuführen.[1] Maligne tachykarde Rhythmusstörungen treten bei Kindern jenseits spezifischer Herzerkrankungen kaum auf.
Die sympathikusvermittelte Blutdruckstabilisierung ist bei Kindern unter 8 Jahren deutlich weniger ausgeprägt als bei Erwachsenen, weshalb rückenmarksnahe Regionalanästhesieverfahren bei kleinen Kindern selten zu relevanten Blutdruckabfällen führen. Dennoch sind niedrige Blutdruckwerte, vor allem in Kombination mit Hypokapnie, mit schwerwiegenden Folgen für das sich entwickelnde Gehirn assoziiert.[1]
Als klinisch praktikable Ziel-MAP-Werte gelten:[1]
- Termingeborene und Säuglinge: MAP > 40 mmHg; forcierter Handlungsbedarf bei MAP < 30 mmHg
- Kleinkinder: MAP > 50 mmHg; forcierter Handlungsbedarf bei MAP < 40 mmHg
- Schulkinder: MAP > 60 mmHg; forcierter Handlungsbedarf bei MAP < 50 mmHg
Der Blutdruck soll bei jeder Kindernarkose gemessen werden – auch bei kurzen Eingriffen.[1]
Temperaturregulation
Aufgrund des ungünstigen Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnisses sowie der noch unreifen Thermoregulation sind Kinder – besonders Frühgeborene und Neugeborene – stark Hypothermie-gefährdet. Intraoperative Wärmemaßnahmen (konvektive Wärmesysteme, gewärmte Infusionen, erhöhte Raumtemperatur) sind zwingend erforderlich. Bei Kindern < 5 kgKG sollten konvektive Wärmesysteme immer verwendet werden.[1]
Wasser- und Elektrolythaushalt
Kinder haben einen höheren Flüssigkeitsumsatz pro kgKG als Erwachsene. Das Extrazellulärvolumen pro kgKG ist beim Neugeborenen etwa doppelt so groß wie beim Erwachsenen. Die Niere des Neugeborenen ist noch nicht ausgereift und erreicht die glomeruläre Filtrationsrate des Erwachsenen erst im 2.–3. Lebensmonat. Eine exakte Flüssigkeitsbilanzierung ist daher essenziell. Blutverluste werden bei Kindern latent unterschätzt und sind eine häufige Ursache intraoperativer Kreislaufstillstände.[1]
Pharmakologische Besonderheiten
Das größere Verteilungsvolumen und die höhere Clearance bedingen bei Kindern für viele Pharmaka höhere gewichtsbezogene Dosierungen als bei Erwachsenen, insbesondere Induktionshypnotika. Bei Lokalanästhetika ist die Situation differenzierter: Zwar kompensiert das größere Verteilungsvolumen die geringere Proteinbindung bei der Einzeldosis weitgehend, bei kontinuierlicher Infusion besteht jedoch durch die noch unreife Cytochrom P450-Metabolisierung (insbesondere für Bupivacain und Ropivacain) ein erhöhtes Kumulationsrisiko – hier sind reduzierte Infusionsraten erforderlich. Alle Opioide führen bei Frühgeborenen und Säuglingen zu einer ausgeprägten Atemdepression; die Eliminationshalbwertszeit ist in dieser Altersgruppe deutlich verlängert.
Der MAC-Wert für volatile Inhalationsanästhetika ist bei Säuglingen am höchsten (z.B. Sevofluran: ca. 3,1–3,3 %) und bei Frühgeborenen sowie Neugeborenen wieder niedriger (unreifes ZNS, hohe Endorphinkonzentrationen). Beim Erwachsenen beträgt der MAC-Wert für Sevofluran ca. 1,8 %. Inhalationsanästhetika haben beim Neugeborenen und Säugling einen vergleichsweise stärkeren kardiodepressiven Effekt als bei größeren Kindern.[1]
Präoperative Phase
Voruntersuchungen
Bei klinisch und anamnestisch gesunden Kindern sind aus anästhesiologischer Sicht keine routinemäßigen Laborwerte und keine apparativen Voruntersuchungen notwendig. Eine sorgfältige Anamnese (inkl. Familienanamnese) und körperliche Untersuchung liefern alle relevanten Informationen. Lediglich bei Verdacht auf eine Hämostasestörung oder bei spezifischen Grunderkrankungen (z.B. Ileus, Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz) sind gezielte Zusatzuntersuchungen indiziert.
Bei Vorliegen einer infektiösen Kinderkrankheit sollte mit einem elektiven Eingriff gewartet werden. Die Dauer richtet sich nach Kontagiosität, Allgemeinzustand, Atemwegsbeteiligung, Operationsdringlichkeit und Eingriffsart. Nach Impfungen mit Totimpfstoffen wird ein Sicherheitsabstand von mindestens 3 Tagen, nach Lebendimpfstoffen von mindestens 14 Tagen empfohlen – hauptsächlich um eine mögliche Impfreaktion von einer postoperativen Komplikation differenzieren zu können. Ein eindeutig erhöhtes Narkoserisiko durch eine Impfung ist nicht belegt.
Bei einem sog. „banalen Infekt" der oberen Atemwege muss eine Operation im Kindesalter nicht generell verschoben werden. Eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung unter Berücksichtigung von Infektschwere, Operationsart, Patientenalter und Teamerfahrung ist erforderlich. Bei Fieber über 38,5 °C, eitrigem Sekret oder Zeichen einer Infektion der unteren Atemwege sollte die Operation dagegen verschoben werden.
Ein Risiko für eine bislang klinisch nicht erkannte Myopathie (mit der Gefahr einer malignen Hyperthermie-ähnlichen Reaktion auf Succinylcholin) besteht bei jedem Kind. Die Familienanamnese bezüglich maligner Hyperthermie ist präoperativ zu erheben.
Nüchternheitszeiten
Die präoperativen Nüchternzeiten sollten konsequent, jedoch nicht länger als notwendig eingehalten werden, um das Risiko einer Aspiration zu minimieren und gleichzeitig Dehydratation, Stress und metabolische Störungen zu vermeiden.[2] Neugeborene und Säuglinge sollten möglichst zu Beginn des Operationsprogramms operiert werden, um unnötig lange Nüchternheitszeiten zu vermeiden. Verglichen mit Erwachsenen (6 Stunden feste Nahrung, 2 Stunden klare Flüssigkeiten) gelten folgende Nüchternzeiten:[3]
| Nahrungsart | Karenzzeit vor Narkoseeinleitung |
|---|---|
| Vollwertige Mahlzeit | bis 6 Stunden vorher |
| Kleine leichte Mahlzeit (z.B. Toast, Brei, Joghurt) oder Säuglingsanfangsnahrung (Formula) oder Kuhmilch | bis 4 Stunden vorher |
| Muttermilch | bis 3 Stunden vorher |
| Klare Flüssigkeiten (Wasser, Tee mit Zucker, verdünnter Fruchtsaft ohne Fruchtfleisch) | bis 1 Stunde vorher |
Prämedikation
Kinder unter ca. 6–8 Monaten benötigen in der Regel keine medikamentöse Prämedikation, da sie noch nicht fremdeln. Bei älteren Kindern ist eine anxiolytische und sedierende Prämedikation meist sinnvoll.
Mittel der Wahl ist Midazolam:
- Oral (häufigste Applikationsform): 0,5(–0,75) mg/kgKG (max. 15 mg bei Säuglingen/Kleinkindern, max. 10 mg bei Schulkindern). Wirkungseintritt nach ca. 10–15 Minuten, Wirkungsdauer ca. 45–60 Minuten.
- Rektal: 0,5–0,75 mg/kgKG (Säuglinge/Kleinkinder), Wirkungseintritt ca. 5–10 Minuten.
- Nasal (off-label): 0,2–0,4 mg/kgKG, Wirkungseintritt sehr schnell (3–5 Minuten).
Gleichzeitig mit der Prämedikation kann – besonders bei kurzen Eingriffen – ein antipyretisches Analgetikum (Paracetamol oder Ibuprofen) oral oder rektal verabreicht werden, um eine ausreichende Wirkung bis zum Operationsende zu gewährleisten.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Narkoseeinleitung
Venöser Zugang und EMLA
Wenn möglich, sollte vor der Narkoseeinleitung ein venöser Zugang gelegt werden. Zur Schmerzreduktion bei der Venenpunktion empfiehlt sich das frühzeitige Auftragen einer lokalanästhetikahaltigen Creme (z.B. EMLA) auf die voraussichtliche Punktionsstelle (Mindesteinwirkzeit 60 Minuten). Dabei sind altersadaptierte maximale Einwirkzeiten zu beachten, deren Überschreiten durch Prilocain-Resorption eine Methämoglobinbildung verursachen können. Der venöse Zugang wird idealerweise an einer gut zugänglichen, sicher fixierbaren Stelle gelegt. Bevorzugt werden Handrücken, Unterarm oder Fußrücken. Bei Säuglingen kann auch eine Kopfvene punktiert werden, wenn periphere Zugänge an den Extremitäten nicht rasch verfügbar sind.
Im Notfall (nicht nüchternes Kind, Reanimation) ist die Anlage einer intraossären Kanüle indiziert, wenn innerhalb von 1 Minute kein venöser Zugang verfügbar ist.[1]
Intravenöse Einleitung
Die intravenöse Narkoseeinleitung ist die sicherste Einleitungsmethode und sollte bei allen Risikokindern angewandt werden. Kinder benötigen höhere gewichtsbezogene Induktionsdosierungen als Erwachsene (größeres Verteilungsvolumen, höhere Clearance).
Häufig verwendete Induktionshypnotika:
- Propofol:
- Kinder > 8 Jahre: ca. 2,5 mg/kgKG i.v.
- Kinder < 8 Jahre 2,5–4 mg/kgKG i.v.
- Neugeborenen (< 4 Wochen): nicht zugelassen und nicht empfohlen
- Thiopental:
- Kleinkinder: 4–6 mg/kgKG i.v.
- Säuglinge: 6–8 mg/kgKG i.v.
- Neugeborene: 3–5 mg/kgKG i.v.
- Ketamin (S-Ketamin: halbe Dosierung): ca. 2 mg/kgKG i.v.
Die routinemäßige Verwendung von Succinylcholin zur elektiven Intubation ist bei Kindern nicht empfohlen, da das Risiko einer klinisch noch nicht erkennbaren Myopathie besteht, bei der Succinylcholin eine maligne Hyperthermie-ähnliche Symptomatik oder Rhabdomyolyse auslösen kann. Stattdessen werden nichtdepolarisierende Muskelrelaxanzien eingesetzt, z.B.:
- Rocuronium: 0,6 mg/kgKG i.v. (für mRSI: 0,9–1,2 mg/kgKG i.v.) – ab Neugeborenenalter zugelassen
- Mivacurium: 0,2–0,25 mg/kgKG i.v. – ab 2. Lebensmonat zugelassen
- Atracurium: 0,5 mg/kgKG i.v. – ab 1. Lebensmonat zugelassen
Succinylcholin bleibt für spezifische Notfallindikationen reserviert (akuter Laryngospasmus, Nachblutung nach Tonsillektomie).
Maskeneinleitung
Die Einleitung per inhalationem kommt zum Einsatz, wenn beim wachen Kind kein venöser Zugang angelegt werden kann. Mittel der Wahl ist Sevofluran.
siehe Hauptartikel: Maskeneinleitung
Atemwegsmanagement
Maskenbeatmung
Eine dichte Maskenauflage ist entscheidend. Dabei sollte der kindliche Kopf nahezu in Neutralposition gelagert werden. Bei Neugeborenen und Säuglingen kann eine Schulterrolle hilfreich sein, um eine Atemwegsobstruktion durch Flexion oder Überstreckung zu vermeiden. Die Beatmung erfolgt mit niedrigen Inspirationsdrücken; bei erhöhtem Aspirationsrisiko sollte der Beatmungsdruck auf etwa 10–12 cmH₂O begrenzt werden.
Typische Fehlerquellen sind:
- zu hoher Maskendruck mit Verlegung der oberen Atemwege
- unzureichender Unterkieferzug
- Leckage durch ungeeignete Maskengröße
- Mageninsufflation durch zu hohe Beatmungsdrücke
- verzögerte Eskalation bei ineffektiver Ventilation
Tubusauswahl
Zur Berechnung des Innendurchmessers (ID) eines ungeblockten Endotrachealtubus für Kinder ab dem 1. Lebensjahr gilt als Näherungsformel:[1]
Für Endotrachealtuben mit Cuff gilt näherungsweise:
Die engste Stelle des kindlichen Kehlkopfes liegt subglottisch im Bereich des Ringknorpels. Der Tubus ist so zu wählen, dass ohne Aufblasen des Cuffs eine minimale Leckage auftritt; bei geblockten Tuben wird der Cuff danach mit ca. 20 cmH₂O geblockt.[1] Jenseits des Neugeborenenalters werden geblockte Tuben zunehmend bevorzugt; bei Befolgung der altersgerechten Größenempfehlung ist die Inzidenz postoperativer Stridor-Komplikationen nicht erhöht.[1]
Intubationstechnik
Der kindliche Kopf sollte weiterhin in Neutralposition gelagert werden (Stoffrolle unter Schulter, Kopfring zur Stabilisierung). Bei Neugeborenen und Säuglingen ist ein Überstrecken kontraindiziert. Da der Kehlkopf weiter kranial und ventral sitzt, ist häufiger ein BURP-Manöver oder OELM-Manöver notwendig. Bei Bedarf kann dieses durch den Anästhesisten selbst mit dem kleinen Finger durchgeführt werden. Bei kleinen Kindern kann auch ein Lidhaken an der Wange den Einblick erheblich verbessern.[1] Die Videolaryngoskopie ist insbesondere zur Ausbildung und bei erwartetem schwierigen Atemweg wertvoll.
Bei Neugeborenen und Säuglingen wird häufig ein gerades Laryngoskopiespatel nach Miller bevorzugt, da die relativ große, weiche Epiglottis damit direkt angehoben werden kann. Bei älteren Kindern wird meist ein gebogener Macintosh-Spatel verwendet, der in der Vallecula epiglottica positioniert wird und die Epiglottis indirekt anhebt.
Modifizierte Ileuseinleitung (mRSI)
Die klassische „Rapid Sequence Induction" (RSI) ohne Maskenbeatmung ist bei Kindern aufgrund der sehr kurzen Apnoetoleranz gefährlich und wurde durch die modifizierte RSI (mRSI) ersetzt.[1] Das absolute Aspirationsrisiko ist bei Kindern niedrig; Hypoxie stellt bei kleinen Kindern das unmittelbarere und schwerwiegendere Risiko dar.
Larynxmaske
Die Larynxmaske (LMA) ist bei kleinen, unkomplizierten Eingriffen mit weniger perioperativen respiratorischen Komplikationen assoziiert als die endotracheale Intubation und immer dann zu erwägen, wenn die Aspirationsgefahr nicht erhöht ist und keine exzessiven Atemwegsdrücke erwartet werden.[1]
Narkoseführung
Inhalationsanästhesie
Die Inhalationsanästhesie ist ein häufig eingesetztes Verfahren. Sevofluran wird aufgrund seines angenehmen Geruchs, der guten Steuerbarkeit und der geringen Atemwegsreizung für die Einleitung bevorzugt. Der MAC-Wert für volatile Inhalationsanästhetika ist bei Säuglingen am höchsten, bei Frühgeborenen und Neugeborenen hingegen niedriger. Nachteil der Sevoflurannarkose sind häufige postoperative Agitationszustände (Aufwachdelir), die insbesondere bei Vorschulkindern auftreten.
Totale intravenöse Anästhesie (TIVA)
Die TIVA ist in der Kinderanästhesie gleichwertig zur Inhalationsanästhesie etabliert. Vorteile sind geringere postoperative Agitation, antiemetische Wirkung von Propofol, geringere Umweltbelastung und gute Steuerbarkeit. Propofol ist bei Frühgeborenen und Neugeborenen (< 4 Wochen) nicht zugelassen.
Beatmung
Das Atemzugvolumen beträgt altersunabhängig 6–8 ml/kgKG; die größere alveoläre Ventilation bei Kindern wird durch eine höhere Atemfrequenz erreicht (Neugeborene ca. 40/min, 1 Jahr ca. 30/min, 10 Jahre ca. 20/min).[1]
Bei kleinen Kindern (ungeblockte Tuben, Larynxmaske) und Frühgeborenen empfiehlt sich druckkontrollierte Beatmung (PCV). Nach Atemwegssicherung sollte bei Neugeborenen und Säuglingen regelhaft ein Rekrutierungsmanöver zur Atelektasenauflösung durchgeführt werden.[1]
Intraoperatives Monitoring
Ein präkordiales Stethoskop ist bei kleinen Kindern ein wertvolles Hilfsmittel: Es ermöglicht die Überwachung von Ventilation, Herzfrequenz und Herztonstärke sowie die frühzeitige Erkennung von Laryngospasmus und einseitiger endobronchialer Intubation. Zumindest bei Narkoseeinleitung und -ausleitung sowie bei Beatmungsproblemen sollte es verwendet werden.
Weitere obligate Monitoring-Elemente sind:
- Pulsoxymetrie – bei Früh- und Neugeborenen stets präduktal (rechter Arm, Kopf)
- Kapnographie – bei Hauptstrommessung spezielle Kinderküvette mit kleinem Totraum erforderlich
- Blutdruckmessung (oszillometrisch) – korrekte Manschettengröße entscheidend; zu kleine Manschette liefert falsch hohe Werte
- EKG – v.a. zur Erkennung von Bradykardie (primär als Hypoxiezeichen interpretieren) und Tachykardie
- Temperaturmessung – bei Kindern < 2 Jahren rektal oder tief ösophageal
Eine Zyanose ist bei Kindern klinisch meist erst bei einer Sauerstoffsättigung von ca. 80 % erkennbar, beim Neugeborenen aufgrund des fetalen Hämoglobins sogar erst bei noch niedrigeren Werten. Eine ausschließlich klinische Beurteilung der Oxygenierung ist daher unzuverlässig.
Perioperative Infusions- und Transfusionstherapie
Basisbedarf: 4-2-1-Regel
Zur Schätzung des Flüssigkeitsbasisbedarfs bei Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern (jenseits der Neugeborenenperiode) dient die 4-2-1-Regel:[1]
- Erste 10 kgKG: 4 ml/kgKG/h
- 10.–20. kgKG: 2 ml/kgKG/h
- Jedes weitere kgKG über 20 kg: 1 ml/kgKG/h
Für kurze Operationen (< 1 Stunde) wird vereinfachend eine Grundinfusionsrate von 10 ml/kgKG/h empfohlen (sog. 10er-Regel), mit der Basis- und Nachholbedarf abgedeckt werden.
Transfusion
Blutverluste werden bei Kindern latent unterschätzt. Als Orientierungswerte für Transfusionstrigger bei Früh- und Neugeborenen gelten (alters-, beatmungs- und situationsabhängig – lokale SOP beachten):
| Alter (Tage) | Hkt-Orientierungsgrenze (%) | Hb (g/dl) |
|---|---|---|
| 1 | < 40 | < 13,3 |
| < 15 | < 35 | < 11,7 |
| 15–28 | < 30 | < 10 |
| > 28 | < 25 | < 8,3 |
Bei Kindern > 4 Monate und normaler Herz-Kreislauf-Funktion gilt orientierungsweise ein Hb < 6–7 g/dl als Transfusionstrigger. Diese Werte sind immer im klinischen Kontext zu werten.
Lokal- und Regionalanästhesie
Regionalanästhesieverfahren sollten bei Kindern großzügig eingesetzt werden, da eine bedarfsgerechte postoperative Opioidtitration bei Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern schwierig und mit hohem Atemdepressionsrisiko verbunden ist.
Bevorzugte Lokalanästhetika sind das lang wirksame Ropivacain und Bupivacain. Maximaldosen und Infusionsraten sind alters-, verfahrens- und konzentrationsabhängig; bei Säuglingen < 6 Monate ist die maximale Infusionsrate wegen verzögerter Elimination um ca. 50 % zu reduzieren. Prilocain ist bei Kindern < 6 Monate wegen des Risikos einer Methämoglobinämie kontraindiziert.
Häufig eingesetzte Verfahren:
- Kaudalanästhesie: in der Kinderanästhesie am häufigsten eingesetztes Regionalanästhesieverfahren; Indikationen: Hypospadieoperationen, Analeingriffe, orthopädische Eingriffe an der unteren Extremität
- Peniswurzelblock: Einfaches, sicheres Verfahren nach Zirkumzision
- TAP-Block (Transversus-Abdominis-Plane-Block): Postoperative Analgesie nach Unterbaucheingriffen; inzwischen häufig Alternative zum Ilioinguinalis-/Iliohypogastrikus-Block.
- Ilioinguinalis-/Iliohypogastrikus-Block: postoperative Analgesie nach Herniotomien
- Femoralisblock: Bei Femurschaftfrakturen bereits zur diagnostischen Schmerzlinderung geeignet.
- Spinalanästhesie: Selten indiziert; spezielle Indikation bei ehemaligen Frühgeborenen (< 60. postkonzeptionelle Woche) mit bronchopulmonaler Dysplasie zur Herniotomie.
Lokalanästhesieverfahren werden bei Kindern fast ausnahmslos in Narkose oder Analgosedierung durchgeführt, da ausreichende Kooperation erst ab ca. 8 Jahren möglich ist.
Postoperative Besonderheiten
Schmerztherapie
Die Grundlage der postoperativen Schmerztherapie bildet ein antipyretisches Analgetikum (Paracetamol oder Ibuprofen) als Basisanalgesie. Opioide (z.B. Piritramid initial max. 0,05 mg/kgKG i.v.) sind bei Indikation einsetzbar, erfordern aber bei Säuglingen < 3 Monate engmaschiges Monitoring wegen erhöhter Atemdepressionsempfindlichkeit. Die altersgerechte Schmerzerfassung mittels validierter Skalen (z.B. FLACC) ist essenziell.
Apnoen bei Frühgeborenen
Ehemalige Früh- und Mangelgeborene zeigen nach Narkosen ein erhöhtes Risiko für postoperative Apnoephasen aufgrund eines noch unreifen Atemzentrums. Eine postoperative Ventilationsüberwachung (Apnoemonitor) ist bei ehemaligen Frühgeborenen bis zur 60. postkonzeptionellen Woche ratsam; überwacht werden sollte, bis ein mindestens 12-stündiges apnoefreies Intervall vorliegt. Ambulante Narkosen sind bei diesen Risikokindern kontraindiziert.
Postoperatives Aufwachdelir
Besonders nach Sevoflurannarkosen treten bei Vorschulkindern häufig ausgeprägte Agitationszustände auf. Diese sind selbstlimitierend (ca. 5–15 Minuten). Differenzialdiagnostisch muss Schmerz ausgeschlossen werden. Prophylaktisch wirksam sind Clonidin (1–2 µg/kgKG i.v. intraoperativ) oder ein lang wirksames Opioid.
siehe Hauptartikel: Aufwachdelir
Postoperatives Erbrechen
Bei Kindern wird nicht von PONV, sondern von POV (postoperatives Erbrechen) gesprochen, da Übelkeit unter 5–6 Jahren nicht zuverlässig verbalisierbar ist. Die Inzidenz erreicht ein Maximum zwischen dem 6. und 10. Lebensjahr. Besonders hoch ist das Risiko nach Schieloperationen und Tonsillektomien (bis zu 80 %). Nach Tonsillektomie ist eine routinemäßige Prophylaxe mit Dexamethason (0,15 mg/kgKG i.v.) empfohlen.
Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 1,17 1,18 1,19 Jöhr M. Grundlagen der Kinderanästhesie. Anästh Intensivmed. 2017;58:138-152.
- ↑ Sümpelmann R et al. S1-Leitlinie: Perioperative Nüchternzeiten bei Kindern und Jugendlichen. Anästh Intensivmed. 2022;63:320-328.
- ↑ DGAI: S1-Leitlinie Perioperative Nüchternzeiten bei Kindern und Jugendlichen, 2022, zuletzt abgerufen am 23.06.2026
Literatur
- Striebel HW. Die Anästhesie. 4. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2019. Kapitel 61: Anästhesie bei Kindern.