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Ketamin

Englisch: ketamine

1 Definition

Ketamin ist ein Arzneimittel aus der Klasse der Narkotika.

2 Geschichte

Ketamin wurde erstmals im Jahr 1962 in den USA von dem Chemiker Calvin Stevens synthetisiert und ist eine Weiterentwicklung des Phencyclidin. Dieser Vorgänger, in der Drogenszene heutzutage auch "Angel Dust" oder "Peace Pill" genannt, zeigte jedoch stärkste psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen, Delirien und Psychosen und konnte somit in klinischen Gebrauch nicht verwendet werden.

Das Derivat Ketamin präsentierte ein ähnliches Nebenwirkungsprofil, jedoch in wesentlich geringerem Ausmaß und konnte somit ab 1966 vertrieben werden. Im Jahr 1965 etablierte Professor Edward Domino nach Versuchen an freiwilligen Strafgefangenen und in einem Selbstversuch den Begriff „Dissoziatives Anästhetikum“. Dieser Begriff beschreibt das für das Ketamin und PCP typische Wirkungsprofil einer Analgesie und Sedation unter limitierter Erhaltung der Reflextätigkeit, insbesondere der Schutzreflexe.

3 Chemie

Ketamin hat die Summenformel C13H16ClNO und eine molare Masse von 237,74 g/mol.

Ketamin ist ein chirales Cyclohexanon, von dem verschiedene Enantiomere existieren (z.B. S-Ketamin, R-Ketamin). Es ist verwandt mit seinem Vorgängerstoff Phencyclidin (PCP) und dem Opioid Pethidin. In der Klinik gebräuchlich ist das Racemat, welches zu gleichen Teilen aus den Enantiomeren S-Ketamin und R-Ketamin besteht und das seit 1997 erhältliche und klinisch gebräuchlichere Eutomer S-Ketamin (Ketanest S, Ketanest-S), welches nur aus den S-Enantiomer besteht. Das S-Ketamin ist das eigentlich analgetisch und narkotisch wirksamere Enantiomer.

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4 Wirkungsmechanismus

Ketamin hat eine antagonistische Wirkung am ionotropen Glutamat-NMDA-Rezeptorkomplex, indem es diesen allosterisch blockiert. Es hemmt die NMDA-abhängige Freisetzung von Acetylcholin und die Glutamatrezeptoren, außerdem blockiert es den neuronalen Kalziumeinstrom. Die Tatsache, dass durch Naloxon ein Teil des analgetischen Effekts antagonisiert wird, spricht für zusätzliche opioide Wirkkomponenten.

5 Pharmakokinetik

Der Wirkungseintritt erfolgt bei i.v.-Gabe nach ca. 30-60 Sekunden, bei einer Wirkdauer von ca. 10-20 Minuten. Eine intramuskuläre Gabe bedarf einer 3-5fach höheren Dosierung und hat einen verzögerten Wirkungseintritt von ca. 2-6 Minuten.

Die Bioverfügbarkeit liegt bei i.v.-Gabe bei 100%, bei oraler oder rektaler Gabe bei 20% und bei i.m.-Gabe bei 93%.

Die Halbwertzeit von Ketamin liegt bei ca 10-15 min, die Metabolisation erfolgt über die Leber. Es sind höhere Dosierungen bei Alkoholikern notwendig. Bis zu 20% des applizierten Ketamins können bis zu 80 Stunden nach der Gabe im Urin nachgewiesen werden.

Ketamin ist plazentagängig, zeigt jedoch nach derzeitiger Kenntnis keine Nebenwirkungen auf den Fetus.

6 Indikationen

Ketamin wird als Anästhetikum und Analgetikum verwendet. Es erzeugt eine dissoziative Anästhesie, d.h. es wirkt narkotisch und analgetisch, erhält aber die Reflextätigkeit des Patienten. Ketamin hält auch in höheren Dosierungen die Atemregulation und Schutzreflexe weitestgehend aufrecht. Daher eignet es sich besonders bei schwer traumatisierten Patienten mit hohem Analgetikabedarf oder bei der Rettung von Patienten in Situationen, in denen eine Sicherung der Atemwege nicht zu gewährleisten ist.

Bei höherer Dosierung ist eine Kombination mit einem Hypnotikum zu empfehlen, um den Patienten vor möglichen psychedelischen Nebenwirkungen abzuschirmen. Am gebräuchlichsten sind Kombinationen mit Midazolam oder Propofol in einer 1:1 Dosierung zur Narkose bei Kurzeingriffen oder Intubationen, in deutlich geringeren Verhältnissen bei analgetischer Indikation.

Es wird eine deutlich stärkere Wirkung des S-Ketamin postuliert, ebenfalls werden weiterhin weniger psychedelische Nebenwirkungen angegeben. Jedoch zeigt sich in klinischem Gebrauch häufig kein signifikanter Unterschied der beiden Stoffe, sowohl bezüglich der Wirkung als auch der Nebenwirkungen.

Aufgrund seiner bronchodilatatorischen Wirkung ist Ketamin zur Narkose bei Asthmapatienten zu empfehlen. Als Ultima Ratio ist es auch zur Durchbrechung eines Asthmaanfalls geeignet, hinsichtlich seiner ausgeprägten bronchodilatorischen Wirkung reicht eine Dosierung im analgetischen Bereich aus.

Ketamin bewirkt eine Katecholaminfreisetzung mit konsekutiven Anstieg des Blutdrucks und einer Tachykardie. Diese Nebenwirkung kann bei kreislaufinstabilen, hypotonen, hypovolämen Patienten oder im schweren Schock von positiven Nutzen sein. Ketaminbedingter Blutdruckanstieg steigert den myokardialen Sauerstoffbedarf und ist daher bei ausgeprägter KHK, Hypertonie oder Myokardinfarkt nicht zu empfehlen, Ausnahme sind Patienten in Schocksituationen und während der Reanimation.

Bei einem Schädel-Hirn-Trauma muss beachtet werden, dass eine zerebrale Vasodilatation bei Hyperkapnie hervorgerufen werden kann und damit der ICP steigt. Es wird daher empfohlen, Ketamin nur bei Beatmungsmöglichkeiten zu benutzen.

Ketamin wird aktuell in Zusammenhang mit der Behandlung depressiver Störungen erforscht.

7 Dosierung

Diese Angaben dienen nur der Orientierung. Ausschlaggebend sind die Dosierungsempfehlungen des Herstellers.

7.1 Ketamin-S

  • Analgesie: i.v.: 0,1-0,25 mg/kg KG i.v. und i.m.: 0,25-0,5 mg/kg KG
  • Narkose: i.v.: 0,5 mg-1 mg/kg KG und i.m.: 2-6 mg/kg KG

7.2 Ketamin

  • Analgesie: i.v.: 0,2-0,5 mg/kg KG i.v. und i.m.: 1-2 mg/kg KG
  • Narkose: i.v.: 1-2 mg/kg KG i.v. und i.m.: 5-12 mg/kg KG

8 Missbrauch

Ketamin ist unter verschiedenen Szenenamen (K, Special K, Vitamin K, Kate, Keta, Ketamin C) in vielen Ländern auch als "Partydroge" bekannt. Dies beruht auf der dissoziativen Wirkung der Substanz. Allerdings schränken die möglichen und leicht auftretenden Nebenwirkungen wie Horrortrips oder das sogenannte "K-Hole" die Beliebtheit zum Teil ein.

Konsumenten berichten von Veränderungen des Raum- und Zeitgefühls, Auflösung der Grenzen des eigenen Körpers, Veränderungen der Wahrnehmung der eigenen Existenz und Nahtod-Erlebnissen. Der Rausch wird als klinisch-kalter, gefühllöser Zustand beschrieben. Des weiteren tritt Appetitlosigkeit auf.

9 Weiteres

Die "Hellabrunner Mischung" ist eine vom Direktor des Tierparks Hellabrunn, Henning Wiesner, zur Narkotisierung von Wildtieren mit Injektionspfeilen entwickeltes Betäubungsmittel. Die Betäubung mit Blasrohr oder Druckluftpistole minimiert Stress und Belastung für die Tiere. Es besteht aus 125 Milligramm (mg) Xylazin und 100 mg Ketamin/ml.

10 Handelspräparate

Im Handel befinden sich beispielsweise folgende Präparate:

  • S-Ketaminhydrochlorid: Ketanest S®
  • RS-Ketaminhydrochlorid: Ketamin hameln®, Ketamin inresa®

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