Delir
von lateinisch: delirare – verrückt sein
Synonyme: Delirium, delirantes Syndrom
Englisch: delirium
Definition
Ein Delir ist ein akutes, fluktuierend verlaufendes hirnorganisches Syndrom. Er ist durch qualitative Bewusstseinsstörungen (Bewusstseinstrübung, veränderte Wahrnehmung) und eine verminderte Aufmerksamkeit gekennzeichnet.
Das Delir ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptomkomplex, der durch vielfältige Ursachen ausgelöst werden kann.
ICD-10
- F05: Delir, nicht durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingt
- F05.0: Delir ohne Demenz
- F05.1: Delir bei Demenz
- F05.8: Sonstige Formen des Delirs
- F05.9: Delir, nicht näher bezeichnet
Einteilung
Es werden verschiedene Arten des Delirs unterschieden, wobei die Zuordnung nicht immer eindeutig ist:
- nach Ausprägung der Psychomotorik:
- hypoaktives Delir (etwa 30 %, insbesondere ältere Menschen)
- hyperaktives Delir (etwa 5 %, insbesondere Kinder)
- Mischtyp (etwa 65 % der Fälle)
- nach Ätiologie und Situation:
- Fieberdelir
- Entzugsdelir (z.B. Delirium tremens)
- Delir auf Intensivstation
- postoperatives Delir
- pädiatrisches Emergence-Delir (Aufwachdelir)
Epidemiologie
Etwa 30 bis 40 % der über 65-Jährigen entwickeln während einer stationären Behandlung ein Delir. Unter allen intensivmedizinisch betreuten Personen kommt es bei bis zu 30 %, unter maschineller Beatmung bei bis zu 80 %, zu einem Delir.
Ätiologie
Die möglichen Ursachen des Delirs sind vielseitig. Prinzipiell können alle Faktoren, die körperlichen oder psychischen Stress auslösen, die Entstehung eines Delirs fördern. Häufig führt eine Kombination aus vorbestehenden Risikofaktoren und akuten Stressoren zur Entstehung eines Delirs.
Mögliche intrazerebrale Ursachen sind:
- neurodegenerative Erkrankungen (z.B. Demenzen, Parkinson-Syndrome)
- zerebrale Ischämien, Hirnblutungen
- Meningoenzephalitis
- Hirntumor
Zu den extrazerebralen Ursachen zählen:
- metabolische Störungen: z.B. Diabetes mellitus, Störungen des Elektrolythaushalts
- Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems: z.B. Myokardinfarkt, Schock
- (fieberhafte) Infektionen: z.B. Pneumonie, Sepsis
- toxikologische Faktoren: z.B. Entzug, Drogen, Medikamente
- psychosozialer Stress: z.B. Angst, Kontrollverlust
- andere körperliche Einschränkungen: z.B. Schmerzen, Schlafstörungen
- Operationen: insbesondere aufwendige Operationen wie Herzoperationen oder ein Ersatz des Hüftgelenks
- Exsikkose
- Anämie
- Niereninsuffizienz
Ein wichtiger Auslöser sind zudem Veränderungen im persönlichen Umfeld eines Patienten. Dazu gehören z.B. unvorhergesehene Ortswechsel (Aufnahme im Krankenhaus, Wechsel des Zimmers), unbekannte Umgebung, erschwerte Orientierung (z.B. durch fehlende Uhr im Zimmer und dauerhaft eingeschaltetes Licht), häufige Wechsel der Bezugspersonen oder soziale Isolation.
Eine Sonderform des Delirs ist das Alkoholentzugssyndrom (Delirium tremens), das beim Alkoholentzug auftreten kann.
Risikofaktoren
Wichtige allgemeine Risikofaktoren für ein Delir sind z.B.:
- Alter
- Demenz
- Alkohol-/Substanzmissbrauch
- Delir in der Vergangenheit
- schwere Vorerkrankungen
- psychische Erkrankungen
- Polypharmazie (insbesondere anticholinerge Substanzen)
- Immobilität
- sensorische Defizite (Seh-, Hörstörung)
- Dehydratation
Pathogenese
Die Pathogenese des Delirs ist multifaktoriell und nicht vollständig geklärt (Stand 2026). Im Vordergrund steht ein Neurotransmitter-Ungleichgewicht mit verminderter cholinerger und erhöhter dopaminerger Aktivität. Zusätzlich spielen neuroinflammatorische Prozesse (z.B. Zytokinfreisetzung), Störungen des zirkadianen Rhythmus (Melatonin-Dysregulation) sowie eine Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse eine zentrale Rolle.
Symptome
Ein Delir beginnt i.d.R. akut und zeigt typischerweise einen fluktuierenden Verlauf. Dabei steht eine qualitative Bewusstseinsstörung im Vordergrund, das quantitative Bewusstsein kann auch unbeeinträchtigt sein.
Die hypoaktive Verlaufsform ist schwerer zu erkennen als die hyperaktive Form, da die Motorik bei den Betroffenen deutlich reduziert ist.
Zu den Symptomen des Delirs gehören:
- qualitative Bewusstseinsstörung
- Orientierungsstörung zur
- Zeit
- Situation
- Ort
- eigener Person
- Agitiertheit
- psychomotorisch mit
- Nesteln
- Beschäftigungsdrang
- stereotypen, oft sinnlosen Bewegungen (Akathisie)
- ängstliche Agitiertheit
- psychomotorisch mit
- Halluzinationen
- Tremor
- Kreislaufstörungen
- Dysautonomie
- übermäßiges Schwitzen
- Hyperthermie
Diagnostik
Ein Delir ist ein medizinischer Notfall und erfordert eine schnelle und breite Diagnostik. Ein regelmäßiges Delir-Screening erlaubt eine frühe Diagnosestellung und adäquate Therapie.
Neben der Eigen- und Fremdanamnese ist die Erfassung des Medikamentenplans wichtig, mit speziellem Blick auf:
- Diuretika
- Antiarrhythmika
- dopaminerge, anticholinerge und sedierende Medikation
- Opioide (insbesondere Hautinspektion nach Medikamentenpflaster, falls möglich Spiegelbestimmung)
Ebenso sollte eine umfassende körperliche Untersuchung stattfinden – mit Schwerpunkt auf der neurologischen Untersuchung, Anzeichen von Dehydratation, Hinweisen auf Substanzabhängigkeit und Erfassung von Schmerzen. Des Weiteren umfasst die Basisdiagnostik verschiedene Vitalparameter: Blutdruck, Temperatur, Herz- und Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung und die Glasgow-Coma-Scale (GCS).
Je nach klinischem Verdacht sollten im Labor folgende Parameter untersucht werden:[1]
| Kategorie | Laborbasisdiagnostik | Erweiterte Diagnostik |
|---|---|---|
| Metabolische Veränderungen | Glukose, Sauerstoffsättigung, Blutgasanalyse, Kreatinin, GFR, Harnstoff, Albumin | Cystatin und Cystatin-GFR |
| Elektrolytentgleisung | Natrium, Calcium, Kalium (bei kardialer Symptomatik bzw. pharmakotherapeutisch relevanter QTc-Zeit) | Phosphat, Magnesium |
| Entzündliche Genese | Großes Blutbild, CRP, Urinstatus | PCT, Blutkulturen, Urinkulturen |
| Anämie, Gerinnung | Großes Blutbild, Hb, INR, PTT | Retikulozyten-Index, Eisen, Transferrinsättigung, Ferritin |
| Leberfunktionstests | Gamma-GT, ALT, AST, Bilirubin, Alkalische Phosphatase | |
| Schilddrüsenfunktionstests | TSH | T3/fT3, T4/fT4, TPO-Antikörper |
| Kardiale Genese | Troponin (hs-cTn) | NT-proBNP |
| Vitamine | Vitamin B12, Holotranscobalamin, Folsäure | Methylmalonsäure |
Bei Verdacht auf zugrundeliegende epileptische Anfälle, einen nicht-konvulsiven Status epilepticus sowie bei differenzialdiagnostischer Unklarheit bei psychiatrischen Erkrankungen wird ein EEG empfohlen.
Bei Vorliegen von neuen fokal-neurologischen Bewusstseinseintrübungen, einem anhaltenden Delir ohne Ursache oder Hinweise auf eine Erkrankung des ZNS kann eine zerebrale Bildgebung erforderlich sein.
Bei klinischem Verdacht auf ein infektiöses oder autoimmun-entzündliches ZNS-Geschehen wird eine Lumbalpunktion empfohlen.
Screening
Folgende Screening-Instrumente werden je nach Setting empfohlen:
- Notaufnahme: 4AT oder CAM-Algorithmus
- Akutstation:
- Langzeitversorgung: individuell angepasst auf den Patienten; aufmerksame klinische Beobachtung, evtl. Delirscreening-Instrument
Therapie
Die Therapie des Delirs richtet sich nach der auslösenden Ursache. Unterstützend können dabei neben allgemeinen und präventiven Maßnahmen auch Medikamente zum Einsatz kommen. Für besondere Verlaufsformen (z.B. Delirium tremens) oder bei bestimmten Komorbiditäten (z.B. Parkinson, Demenz mit Lewy-Körperchen) gelten teils unterschiedliche Empfehlungen.
Behandlung der Ursachen
Die wichtigste Säule der Therapie ist die Behandlung der Ursache.
Allgemein sollte auf eine ausgewogene Flüssigkeitsbilanz geachtet werden. Mögliche Elektrolytstörungen und sonstige metabolische Störungen sollten behandelt werden. Darüber hinaus ist eine adäquate Sauerstoffversorgung, Schmerztherapie, Kreislaufstabilisierung wichtig. Nach Möglichkeit sollte die Gabe von Medikamenten mit delirogenem Potential unterbrochen oder reduziert werden.
Allgemeine Maßnahmen
Die üblichen präventiven Maßnahmen haben auch einen therapeutischen Effekt bei bereits bestehendem Delir. Es ist wichtig, eine möglichst strukturierte und vertraute Umgebung zu schaffen. Die Kommunikation mit den betroffenen Patienten sollte möglichst ruhig gestaltet werden. Dabei ist es sinnvoll, Personal- und Zimmerwechsel möglichst zu vermeiden. Zudem helfen die Regulierung des Schlafverhaltens bzw. des Tag-Nacht-Rhythmus, kognitive Stimulation und Hilfen zur Orientierung wie z.B. Brillen, Hörgeräte und Uhren. Postoperativ können eine frühe Mobilisierung, enterale Ernährung und Entfernung von Drainagen präventiv wirken. Ebenso ist eine Sturzprophylaxe wichtig, um Verletzungen zu verhindern.
Unter Umständen müssen Maßnahmen zum Eigen- und Fremdschutz getroffen werden. Diese können sich jedoch selbst negativ auf die Entwicklung eines Delirs auswirken, weshalb eine genaue Nutzen-Risiko-Abwägung wichtig ist.
Medikamentöse Therapie
Eine medikamentöse Therapie wird nur beim Versagen der allgemeinen Maßnahmen und bei besonders schweren Verläufen (z.B. bei ausgeprägter Agitation, Halluzinationen) eingesetzt. Es ist wichtig zu beachten, dass eine medikamentöse Therapie lediglich symptomatisch wirkt und keine kausale Therapieoption ist.
Medikamente werden symptomorientiert und temporär eingesetzt. Je nach Patientin oder Patient sind individuell unterschiedliche Nebenwirkungen und Anwendungsbeschränkungen zu beachten.
Folgende Substanzen kommen in der Therapie des Delirs zum Einsatz:
- typische Antipsychotika, z.B. Pipamperon, Melperon, Haloperidol
- atypische Antipsychotika, z.B. Risperidon, Clozapin, Quetiapin
- Alpha-2-Agonisten (z.B. Clonidin)
- Betablocker
Benzodiazepine sind bei nicht-entzugsbedingtem Delir in der Regel nicht indiziert und können ein Delir aggravieren. Eine klare Indikation besteht hingegen beim Alkoholentzugsdelir (Delirium tremens).
Medikamentöse Therapie bei Delir in der Palliativmedizin
Folgende Dosierungsangaben gelten nach Schwartz et al.:[2]
| Anwendung | Arzneimittel | Applikation | Einzeldosis (mg) | Tagesmaximaldosis (mg) |
|---|---|---|---|---|
| Monotherapie | Haloperidol | p.o., s.c. | 0,5–2 | 10 |
| Olanzapin | s.l. | 5 | 15 | |
| Melperon | p.o. | 25 | 150 | |
| Pipamperon | p.o. | 12 | 80 | |
| Additive Therapie | Lorazepam | i.v. | 0,5–1 | 3 |
| Levomepromazin | p.o. | 15–30 | 90 |
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Prophylaxe
Die Prävention eines Delirs beinhaltet (falls möglich) die Modifikation von Risikofaktoren, die zu einem Delir führen können. Zudem können viele Faktoren der Therapie eines Delirs auch prophylaktisch wirken (siehe Therapie).
Für Melatonin und Melatonin-Agonisten bestehen Hinweise auf eine mögliche Reduktion des Delirrisikos, die Evidenzlage ist jedoch uneinheitlich und erlaubt derzeit keine allgemeine Leitlinienempfehlung.
Diskutiert wird zudem eine mögliche präventive Wirkung einer präoperativen Gabe von Haloperidol bei Patienten mit einem sehr hohen Risiko für ein Delir.[3]
Quiz
Bildquelle
- Bildquelle für Flexikon-Quiz: © MARIOLA GROBELSKA / Unsplash
Quellen
- ↑ S3-Leitlinie, Delir im höheren Lebensalter, 2025
- ↑ Schwartz et al., Psychopharmakotherapie in der Palliativmedizin, Psychopharmakotherapie, 2023
- ↑ S3-Leitlinie Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin (DAS-Leitlinie 2020), AWMF-Registernummer: 001/012