Okulokardialer Reflex
Synonym: Augen-Herz-Reflex
Englisch: oculocardiac reflex
Definition
Der okulokardiale Reflex ist eine Unterform des trigeminokardialen Reflexes. Bei Manipulation am Auge, insbesondere durch direkte Druckausübung auf den Augapfel (Bulbus oculi), orbitales Gewebe oder Zug an den Augenmuskeln, kommt es zu einem Abfall der Herzfrequenz und des Blutdrucks.
Pathophysiologie
Die kardiovaskulären Effekte des okulokardialen Reflexes sind die Folge einer Vagusstimulation. Der Reflexbogen läuft über parasympathische Fasern zwischen dem Nervus trigeminus (Nervus V) und dem Nervus vagus (Nervus X).
- Afferenter Schenkel: Nervi ciliares -> Nervus ophthalmicus -> Ganglion trigeminale (Gasser)
- Efferenter Schenkel: Nucleus ambiguus -> Nervus vagus
Der Nucleus ambiguus gilt als primär kardioinhibitorischer Kern des Vagus und ist damit der entscheidende efferente Kern im Reflexbogen des okulokardialen Reflexes.[1]
Klinik
Der okulokardiale Reflex tritt bei Augenoperationen häufig auf – bei Schieloperationen (Strabismus-OP) wird eine Inzidenz von bis zu 80 % beschrieben.[2] Klinisch relevant ist zudem das Phänomen der Habituation: Bei wiederholtem oder anhaltendem Zug am Augenmuskel nimmt die Reflexintensität in der Regel ab.
Auslöser sind insbesondere Schieloperationen, Exenterationen oder okuläre Traumata mit Orbitawandfraktur und Reizung bzw. Einklemmung der äußeren Augenmuskeln. Die vagale Stimulation äußert sich durch Übelkeit, Brechreiz, Hypotonie und Bradykardie bis hin zur Synkope oder bedrohlichen Herzrhythmusstörungen mit AV-Block und Asystolie.
Intraoperativ ist ein kontinuierliches EKG-Monitoring und die Überwachung durch einen erfahrenen Anästhesisten obligat, um das Auftreten des okulokardialen Reflexes frühzeitig erkennen und behandeln zu können.
Therapie
Prophylaxe
Bei Hochrisikoeingriffen (insbesondere Schieloperationen bei Kindern) kann eine präoperative anticholinerge Prophylaxe mit Atropin i.v. (z.B. 0,015–0,02 mg/kgKG) das Auftreten des Reflexes reduzieren, wird jedoch aufgrund möglicher Nebenwirkungen (Tachykardie, Mundtrockenheit) nicht routinemäßig empfohlen.[3]
Behandlung des akuten Reflexes
Die Therapie besteht in der sofortigen Beseitigung des auslösenden Drucks bzw. Zugs auf das Auge – z.B. durch chirurgische Intervention bei eingeklemmten Augenmuskeln. Sistiert der Reflex nicht, kann eine anticholinerge Therapie mit Atropin i.v. eingesetzt werden (z.B. 0,5 mg beim Erwachsenen; 0,01–0,02 mg/kgKG bei Kindern).
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Quellen
- ↑ Paton JFR, Machado BH. Nucleus ambiguus and dorsal motor nucleus of the vagus: role in cardiorespiratory regulation. Clin Exp Pharmacol Physiol. 2010;37(5):449-456. DOI
- ↑ Yi C, Chen C, Zhao Q, et al. Oculocardiac reflex during strabismus surgery under general anesthesia. BMC Ophthalmol. 2023;23(1):143. DOI
- ↑ Bakshi SG, Bhatt A, Sharma A. Oculocardiac reflex in strabismus surgery: an anesthesiologist's perspective. J Anaesthesiol Clin Pharmacol. 2021;37(1):1-6. DOI
Literatur
- Arasho B, Sandu N, Spiriev T, et al. Management of the trigeminocardiac reflex: facts and own experience. Neurol India. 2009 Jul-Aug;57(4):375-80.