Zirkumzision
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LoslegenSynonyme: Beschneidung, männliche Beschneidung
Englisch: circumcision
Definition
Hintergrund
Ein Großteil der Zirkumzisionen wird heute (2026) aus religiös-rituellen Gründen oder aus kosmetisch-hygienischen Gründen durchgeführt. Besonders in den USA ist die frühzeitige Beschneidung noch gängige Praxis, obwohl der Eingriff bei gesunden Kindern keine relevanten medizinischen Vorteile bietet.
Von diesen Beschneidungen ohne behandlungsbedürftige Erkrankung sind medizinisch indizierte Eingriffe zu unterscheiden. Eine Zirkumzision kann bestimmte Erkrankungen der Vorhaut wirksam behandeln.
Der Eingriff entfernt dauerhaft funktionelles Gewebe. Er ist nicht risikofrei und kann Schmerzen und Komplikationen verursachen. Besonders bei nicht einwilligungsfähigen Kindern sind Indikation, konservative Alternativen und die Möglichkeit eines Aufschubs sorgfältig zu prüfen.[1]
Epidemiologie
Die Häufigkeit der Zirkumzision unterscheidet sich erheblich zwischen Ländern und Bevölkerungsgruppen. Aus epidemiologischer Sicht sind die jährliche Zahl der Eingriffe und die Prävalenz, also der Anteil bereits beschnittener Jungen oder Männer, von Interesse.
Deutschland
Eine Hochrechnung auf Grundlage von Krankenversicherungsdaten ergab für die Jahre 2013 bis 2018 insgesamt 673.819 Zirkumzisionen in Deutschland. Dies entspricht durchschnittlich rund 112.300 Eingriffen jährlich. Etwa 89 % davon erfolgten ambulant. Bei männlichen Minderjährigen stieg die jährliche Eingriffshäufigkeit von 7,5 pro 1.000 im Jahr 2013 auf 8,0 pro 1.000 im Jahr 2018. Beschneidungen außerhalb des Gesundheitssystems, beispielsweise im religiösen Kontext, sind darin nicht vollständig enthalten.[2]
USA
In einer repräsentativen Auswertung US-amerikanischer Krankenhausdaten sank der Anteil stationärer Aufenthalte männlicher Neugeborener mit Zirkumzision von 54,1 % im Jahr 2012 auf 49,3 % im Jahr 2022. Für 2022 wurden rund 816.300 stationäre neonatale Zirkumzisionen hochgerechnet. Die untersuchte Population umfasste Neugeborene im Alter von 0 bis 28 Tagen. Frühgeborene sowie Kinder mit Gerinnungsstörungen oder Penisanomalien waren ausgeschlossen. Ambulante oder später durchgeführte Eingriffe wurden nicht erfasst. Die regionalen Anteile lagen 2022 zwischen 19,7 % im Westen und 68,5 % im Mittleren Westen.[3]
Internationaler Vergleich
Eine 2016 veröffentlichte Übersicht schätzte den weltweiten Anteil beschnittener Männer auf etwa 37 bis 39 %. Ausgewählte länderspezifische Schätzwerte sind in der folgenden Tabelle dargestellt. Sie beruhen auf unterschiedlichen Erhebungen und teilweise auf Modellannahmen. Sie sind nicht mit aktuellen jährlichen Eingriffsraten gleichzusetzen.[4]
| Land | Geschätzter Anteil beschnittener Männer |
|---|---|
| Deutschland | 10,9 % |
| USA | 71,2 % |
| Vereinigtes Königreich | 20,7 % |
| Frankreich | 14,0 % |
| Niederlande | 5,7 % |
| Schweden | 5,1 % |
| Australien | 26,6 % |
| Türkei | 98,6 % |
| Israel | 91,7 % |
Die Vergleichbarkeit ist durch unterschiedliche Altersgruppen, Erhebungsmethoden und Bezugsjahre eingeschränkt. Die Prävalenz bei erwachsenen Männern kann deutlich von der Eingriffshäufigkeit bei heutigen Neugeborenen abweichen.[4]
Anatomie
Die Vorhaut ist eine verformbare Gewebefalte, welche die Glans penis bedeckt und an der Beweglichkeit der Penishaut beteiligt ist. Sie besteht aus zwei Blättern, einem inneren Blatt und einem äußeren Blatt. Ihre Entfernung verändert die anatomischen Verhältnisse irreversibel. Der Umfang der Veränderung hängt unter anderem von der Resektionsmenge ab.
Bei Kindern sind eine eingeschränkte Zurückziehbarkeit und Verklebungen zwischen Vorhaut und Eichel häufig entwicklungsbedingt. Sie sind ohne Beschwerden nicht behandlungsbedürftig. Gewaltsames Zurückziehen der Vorhaut kann Verletzungen und sekundäre Vernarbungen verursachen.[5]
siehe Hauptartikel: Präputium
Indikationen
Phimose
Eine Phimose ist eine Verengung der Vorhaut, die dazu führt, dass sich das Gewebe nicht über die Eichel zurückstreifen lässt. Die Diagnose erfordert eine differenzierte Beurteilung der anatomischen Verhältnisse und der Beschwerden. Eine nicht zurückziehbare Vorhaut im Kindes- und Jugendalter ist bis zum Beginn der Pubertät normal und bedarf keiner Therapie. Auch eine Ballonierung beim Wasserlassen allein begründet keine Zirkumzision.
Bei behandlungsbedürftiger Phimose ohne ausgeprägte Vernarbung kommen zunächst topische Glukokortikoide mit vorsichtiger Mobilisation infrage. Je nach Befund sind vorhauterhaltende Operationsverfahren möglich. Eine Zirkumzision ist nur bei symptomatischer, konservativ nicht ausreichend behandelbarer Phimose zu erwägen.[1][5]
Rezidivierende Balanoposthitis
Eine Balanoposthitis ist eine simultane Entzündung der Eichel und der Vorhaut. Sie wird in der Regel ursachenbezogen konservativ behandelt. Wiederholte Entzündungen erfordern die Abklärung prädisponierender Faktoren, beispielsweise einer Phimose, irritativer oder entzündlicher Hauterkrankungen und eines Diabetes mellitus.
Bei rezidivierenden, trotz angemessener Behandlung fortbestehenden Balanoposthitiden kann eine Zirkumzision sinnvoll sein, insbesondere bei begleitender narbiger Phimose. Die Indikation richtet sich nach Ursache, Schwere und Verlauf. Ein pauschaler vorbeugender Eingriff bei beschwerdefreien Jungen lässt sich daraus nicht ableiten.[1][5]
Lichen sclerosus
Der genitale Lichen sclerosus kann zu narbiger Vorhautverengung sowie Veränderungen an Eichel, Harnröhrenöffnung und Harnröhre führen. Die Behandlung umfasst potente oder sehr potente topische Glukokortikoide. Bei einer durch Lichen sclerosus bedingten Phimose, die auf eine leitliniengerechte Behandlung nicht ausreichend anspricht, empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie eine Zirkumzision, vorzugsweise mit vollständiger Vorhautentfernung. Die kinderurologische EAU-Leitlinie nennt die Erkrankung ebenfalls als Operationsindikation.[6][5]
Eine Zirkumzision beseitigt nicht zuverlässig bereits bestehende Veränderungen an Eichel oder Harnröhre. Histologische Abklärung, gegebenenfalls weitere Lokaltherapie und längerfristige Kontrollen können erforderlich sein.
Weitere Situationen
Weitere mögliche Indikationen sind ausgewählte Erkrankungen der Vorhaut und auf die Vorhaut begrenzte neoplastische Läsionen. Nach einer Paraphimose wird die definitive Behandlung nach Versorgung des akuten Befundes individuell geplant. Bei Kindern mit bestimmten Fehlbildungen der Harnwege und hohem Risiko rezidivierender Harnwegsinfektionen kann eine Zirkumzision Bestandteil eines urologischen Behandlungskonzepts sein.[1][5][7]
Setting
Die sachgerechte Durchführung erfordert sterile OP-Bedingungen, einen fachlich qualifizierten Operateur und eine altersgerechte Anästhesie und Schmerzbehandlung. Bei rituellen Beschneidungen sind diese Voraussetzungen in der Regel nicht gewährleistet, was sich in der Komplikationsrate niederschlägt.
Kontraindikationen
Vor dem Eingriff sind anatomische Besonderheiten, Blutungsrisiken und Begleiterkrankungen zu prüfen. Bei einer akuten lokalen Infektion wird eine elektive Zirkumzision üblicherweise zurückgestellt. Bei Hypospadie, verborgenem Penis und anderen angeborenen Fehlbildungen ist vor einer Vorhautentfernung eine fachärztliche Beurteilung erforderlich. Das Gewebe kann für eine Rekonstruktion benötigt werden.[5]
Präventiver Nutzen
Hygiene
Eine normale, beschwerdefreie Vorhaut ist keine Erkrankung. Eine generelle Indikation zur Zirkumzision aus hygienischen Gründen besteht nicht.[1]
Harnwegsinfektionen
Die Studienlage ist uneinheitlich. Eine Metaanalyse von 2022 fand bei beschnittenen Jungen ein niedrigeres Risiko für Harnwegsinfektionen. Die eingeschlossenen Studien unterscheiden sich jedoch hinsichtlich Design und untersuchter Risikogruppen.[8] Eine Studie mit 77 Jungen nach erfolgreicher operativer Korrektur eines vesikoureteralen Refluxes konnte keinen zusätzlichen präventiven Nutzen einer gleichzeitig durchgeführten Zirkumzision hinsichtlich postoperativer Harnwegsinfektionen nachweisen.[9]
Bei gesunden Kindern mit niedrigem Ausgangsrisiko ist der präventive Nutzen gering. Bei ausgewählten Patienten mit erhöhtem Risiko, beispielsweise aufgrund urologischer Fehlbildungen, kann die Abwägung im Einzelfall anders ausfallen. Eine generelle Empfehlung zur Beschneidung gesunder Säuglinge lässt sich daraus nicht ableiten.[1]
HIV
Der präventive Nutzen einer Zirkumzision zur HIV-Prophylaxe wird kontrovers diskutiert. Epidemiologische Daten zeigen, dass die Rate an HIV-Infektionen nicht negativ mit der Beschneidungsrate korreliert. Ob dies auf eine fehlende präventive Wirkung der Zirkumzision zurückzuführen ist oder auf Überlagerungseffekte (Testhäufigkeit, Migration, Meldeverfahren, Übertragungswege) bleibt unklar.
Randomisierte Studien aus afrikanischen Ländern zeigen eine relative Risikoreduktion von ungefähr 60 % für den HIV-Erwerb bei Männern durch heterosexuellen Kontakt. Eine systematische Auswertung ermittelte für die drei randomisierten Studien ein gepooltes Inzidenzratenverhältnis von 0,41 (95%-Konfidenzintervall 0,30–0,56).[10]
Die WHO empfiehlt die freiwillige medizinische Zirkumzision insbesondere als ergänzende Maßnahme in Regionen mit generalisierten HIV-Epidemien und hoher Krankheitslast. Die Schutzwirkung ist unvollständig. Die Operation ersetzt weder Kondome noch Präexpositionsprophylaxe oder andere etablierte Präventionsmaßnahmen.[11]
Der absolute Nutzen hängt von Infektionsrisiko, Übertragungswegen und verfügbaren Präventionsmaßnahmen ab. Für Männer, die Sex mit Männern haben, beschreibt eine aktualisierte Metaanalyse von 2026 mögliche Vorteile insbesondere bei überwiegend insertivem Analverkehr. Ein Schutz bei rezeptivem Analverkehr kann daraus nicht abgeleitet werden.[12]
| HIV-Diagnosen in Industrieländern (2024) | ||
|---|---|---|
| Land | HIV je 100.000 Einwohner | Quelle/Besonderheiten |
| USA | 13,3 | CDC; nationale Surveillance.[13] |
| Australien | 2,8 | Altersstandardisierte Rate.[14] |
| Kanada | 5,5 | Bekannte frühere Diagnosen werden aus der Neudiagnosenrate ausgeschlossen.[15] |
| Frankreich | 6,9 | ECDC/WHO.[16] |
| Niederlande | 4,7 | ECDC/WHO.[16] |
| Vereinigtes Königreich | 8,7 | ECDC/WHO.[16] |
| Deutschland | 3,9 | ECDC/WHO.[16] |
| Schweden | 2,8 | ECDC/WHO.[16] |
| Norwegen | 4,8 | ECDC/WHO.[16] |
| Finnland | 4,0 | ECDC/WHO.[16] |
HPV und andere sexuell übertragbare Infektionen
Eine Metaanalyse von 2023 fand bei beschnittenen Männern eine geringere Prävalenz und Inzidenz genitaler HPV-Infektionen sowie eine erhöhte Virusclearance. Die Ergebnisse unterscheiden sich nach untersuchter Körperregion und Endpunkt. Auch bei Partnerinnen wurden günstigere HPV-bezogene Ergebnisse beschrieben.[17]
Die Studien belegen keine ausreichende Prophylaxe von HPV-Infektionen durch eine Zirkumzision. Zur gezielten HPV-Prävention ist die frühzeitig durchgeführte HPV-Impfung die vorrangige Maßnahme. Sie bietet einen hochwirksamen Schutz gegen die enthaltenen HPV-Typen und erfordert keinen operativen Eingriff.[18]
Peniskarzinom
Zu den Risikofaktoren des Peniskarzinoms gehören unter anderem Phimose, chronische Entzündung, Lichen sclerosus, Rauchen und bestimmte HPV-Infektionen. Beobachtungsdaten sprechen für ein niedrigeres Risiko nach früher Zirkumzision. Die Zusammenhänge werden unter anderem durch die Vermeidung einer Phimose beeinflusst und erlauben keine individuelle Nutzenprognose.[19]
Wegen der Seltenheit der Erkrankung und der Risiken des Eingriffs ergibt sich daraus keine allgemeine Empfehlung zur Zirkumzision allein zur Krebsprävention.[5]
Komplikationen
Das Risiko für Komplikationen hängt unter anderem von Alter, Indikation, Technik, Erfahrung der Behandelnden, hygienischen Bedingungen und Nachsorge ab. Eine Metaanalyse von 351 Studien mit rund vier Millionen Patienten ermittelte einen gepoolten Anteil behandlungsbedürftiger Komplikationen von 3,84 % (95%-Konfidenzintervall 3,35–4,37). Die erhebliche Heterogenität begrenzt die Übertragbarkeit auf einzelne Patienten und Versorgungssituationen.[20]
Mögliche Folgen sind:[21]
- Schmerzen, Nachblutung, Hämatome, Infektionen und Wundheilungsstörungen
- störende oder schmerzhafte Narben, Verwachsungen, Keloide und Hautbrücken
- zu umfangreiche oder unzureichende Hautentfernung und unbefriedigendes kosmetisches Ergebnis
- Meatusstenose, gegebenenfalls mit weiteren Behandlungserfordernissen
- selten schwere Verletzungen von Eichel oder Harnröhre, Fisteln oder Gewebsnekrosen
Häufigkeitsangaben einzelner Komplikationen lassen sich nicht ohne Berücksichtigung von Definition und untersuchter Patientengruppe verallgemeinern. Bei Erkrankungen wie Lichen sclerosus können Grunderkrankung und Eingriff gemeinsam zum Ergebnis beitragen. Zusätzlich sind die Risiken der jeweiligen Anästhesie zu berücksichtigen.[6][21]
Sexuelle und sensorische Folgen
Die Entfernung der Vorhaut ist ein dauerhafter Gewebeverlust. Veränderungen von Berührungsempfinden, Hautbeweglichkeit und subjektivem sexuellen Erleben sind möglich. Durch die fehlende Schutzfunktion der Vorhaut kann es mit steigendem Lebensalter zur Keratinisierung der Eicheloberfläche kommen, was meist eine verringerte Empfindlichkeit zur Folge hat. Männer, die erst im Erwachsenenalter beschnitten wurden, berichten über einen spürbaren Sensibilitätsverlust.[22] Zusätzlich zur Keratinisierung der Glansoberfläche ist der Harnröhrenausgang direkter äußerer Irritation ausgesetzt.
Systematische Übersichten finden insgesamt keinen konsistenten Nachweis einer schlechteren männlichen Sexualfunktion nach Zirkumzision. Es kommt im Regelfall nicht zu einer Einschränkung von Erektion, Orgasmus oder partnerschaftlicher Sexualität.[23] Die Studien unterscheiden sich jedoch stark nach Alter beim Eingriff, Indikation, kulturellem Kontext, Messinstrumenten und Beobachtungsdauer.[24][23]
Einzelne Beobachtungsstudien berichten ungünstige Zusammenhänge, etwa mit Orgasmusproblemen bei Männern oder Beschwerden von Partnerinnen.[25]
Durchschnittliche Studienergebnisse schließen individuelle Beeinträchtigungen nicht aus. Beschwerden nach einem Eingriff erfordern eine unvoreingenommene somatische und gegebenenfalls sexualmedizinische Abklärung. Umgekehrt kann die Behandlung einer schmerzhaften oder vernarbten Vorhaut die Sexualfunktion verbessern.[23]
Psychische Folgen
Akute Schmerzen und Belastungen sind von möglichen langfristigen psychischen Folgen zu unterscheiden. Manche Betroffene sind mit ihrem Körperbild unzufrieden. Sie berichten über einen subjektiven Verlust oder Belastungen durch einen ohne ihre Zustimmung vorgenommenen Eingriff. Bedeutung und Ausmaß können vom individuellen Erleben und sozialen Kontext abhängen.[26]
Die Forschung zu langfristigen psychischen Folgen ist begrenzt und methodisch uneinheitlich. Eine allgemeine Verursachung psychischer Störungen oder feste Häufigkeiten einer posttraumatischen Belastungsstörung nach Zirkumzision sind nicht belastbar belegt.[26][27]
Aufklärung
Die Aufklärung sollte die Erfolgsaussichten, Alternativen, Komplikationen, Operations- und Anästhesierisiken sowie mögliche funktionelle und kosmetische Veränderungen umfassen.[1][11]
Bei fehlender behandlungsbedürftiger Erkrankung entfällt die therapeutische Rationale. Dies erhöht die Bedeutung einer umfassenden Aufklärung.
Rechtliche und ethische Aspekte
Rechtliche Situation in Deutschland
Eine Zirkumzision erfüllt grundsätzlich den Tatbestand der Körperverletzung nach § 223 StGB. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine Strafbarkeit. Der Eingriff kann durch eine wirksame Einwilligung gerechtfertigt sein.
Bei nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindern umfasst die Personensorge nach § 1631d BGB auch die Einwilligung in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung. Voraussetzung ist, dass der Eingriff nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt wird. Diese Einwilligungsmöglichkeit besteht nicht, wenn die Beschneidung unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet. Die gesetzliche Regelung ist nicht auf religiös begründete Eingriffe beschränkt.[28]
Innerhalb der ersten sechs Lebensmonate dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dafür vorgesehene Personen eine Beschneidung nach dieser Vorschrift durchführen, sofern sie besonders ausgebildet und für den Eingriff einem Arzt vergleichbar befähigt sind. Die übrigen Voraussetzungen gelten auch für diese Eingriffe.[28]
Historischer Hintergrund
Vor der gesetzlichen Neuregelung war die rechtliche Zulässigkeit medizinisch nicht erforderlicher Beschneidungen nicht einwilligungsfähiger Jungen umstritten. Das Landgericht Köln bewertete am 7. Mai 2012 die religiös begründete Beschneidung eines vierjährigen Jungen trotz elterlicher Zustimmung als rechtswidrige Körperverletzung. Der behandelnde Arzt wurde wegen eines unvermeidbaren Verbotsirrtums freigesprochen.[29]
Die anschließende öffentliche und rechtspolitische Debatte führte zur gesetzlichen Neuregelung. Der Bundestag verabschiedete am 12. Dezember 2012 das Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes.[30]
Ethische Aspekte
Die ethische Diskussion betrifft vor allem die körperliche Unversehrtheit und zukünftige Selbstbestimmung des Kindes, die elterliche Verantwortung sowie die Religionsfreiheit. Bei einwilligungsfähigen Personen steht die informierte eigene Entscheidung im Mittelpunkt.
Der Deutsche Ethikrat empfahl 2012 als Mindestanforderungen eine umfassende Aufklärung und Einwilligung der Sorgeberechtigten, eine qualifizierte Schmerzbehandlung, die fachgerechte Durchführung sowie die Anerkennung eines entwicklungsabhängigen Vetorechts des Jungen.[31]
Ökonomische Aspekte
Zirkumzisionen sind in Deutschland wirtschaftlich relevante Leistungen für operativ tätige Praxen und Kliniken, insbesondere in der Kinderchirurgie und Urologie. Eine deutsche Versorgungsstudie schätzte auf Grundlage von Krankenversicherungsdaten für die Jahre 2013 bis 2018 insgesamt 673.819 Eingriffe. Etwa 89 % erfolgten ambulant.[32]
Ein Bericht der FAZ von 2013 nannte unter Berufung auf Angaben niedergelassener Kinderchirurgen rund 21.000 Beschneidungen jährlich. Bei einer damals angegebenen Vergütung von etwa 300 Euro je Eingriff entsprach dies einem geschätzten jährlichen Umsatz von rund 6,3 Millionen Euro. Diese historischen Angaben sind keine aktuelle bundesweite Kostenerhebung. Vom Umsatz sind Personal-, Raum-, Material- und sonstige Betriebskosten abzuziehen.[33]
Die Vergütung operativer Leistungen kann einen wirtschaftlichen Anreiz schaffen, durch eine "weichere" Indikationsstellung zusätzliche Eingriffe durchzuführen. Bei relativen Indikationen besteht damit ein potenzieller Interessenkonflikt zwischen den wirtschaftlichen Interessen des Leistungserbringers und dem medizinisch sinnvollen Vorgehen. Wie häufig Zirkumzisionen aus wirtschaftlichen Gründen erfolgen, ist unbekannt. Die deutsche Leitlinie fordert deshalb eine strenge Indikationsstellung unter Berücksichtigung konservativer Maßnahmen.[34]
Podcast
Quellen
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- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 European Association of Urology. EAU Guidelines on Paediatric Urology: Phimosis and other abnormalities of the penile skin. Ausgabe 2026.
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- ↑ European Association of Urology. EAU Guidelines on Penile Cancer: Disease management. Ausgabe 2026.
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