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Staupe (Hund)

Synonyme: Hundestaupe, Carré-Krankheit (nach dem Entdecker Henri Joseph Carré, französischer Tierarzt)
Englisch: canine distemper

1 Definition

Die Staupe ist eine hochkontagiöse, multiorganische (pantrope), akut oder chronisch verlaufende virale Infektionskrankheit des Hundes.

2 Geschichte

Die Staupe beim Hund ist bereit seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Das zugrunde liegende Virus wurde 1905 vom französischen Tierarzt und Infektiologen Henri Joseph Carré nachgewiesen.

Seit der Einführung der Staupe-Impfung in den 1960er-Jahren kam es zu einem deutlichen Rückgang der Krankheit in den Hundepopulationen. Dennoch treten vereinzelt immer wieder Fälle auf, die teilweise epidemieartige Ausmaße erreichen können (z.B. Finnland 1994 bis 1995). Solche lokal begrenzten Krankheitsausbrüche sind auf einen mangelhaften Immunisierungsgrad der Population zurück zu führen. Gleichzeitig begünstigt sowohl der Tiertourismus als auch der Import von Hunden mit unvollständiger Immunisierung aus dem Ausland eine Ausbreitung des Virus.

3 Ätiologie

Die Hundestaupe wird durch das Canine Distemper Virus (CDV, Hundestaupevirus) ausgelöst. Es ist ein einsträngiges, behülltes RNA-Virus, das zum Genus der Morbilliviren und zur Familie der Paramyxoviridae gehört. Der Erreger ist ein naher Verwandter des Masernvirus des Menschen sowie des Rinderpestvirus.

Verschiedene CDV-Subtypen unterscheiden sich zwar im Organtropismus sowie der Pathogenität, jedoch nicht in der Antigenität. Das Staupevirus kann im Sonnenlicht bis zu 14 Stunden - an Kleidern und in Räumen sogar mehrere Tage - überleben. Aufgrund der äußerst labilen Virushülle kann der Erreger mit den meisten kommerziell erhältlichen Desinfektionsmittel sowie Hitze inaktiviert werden.

4 Epidemiologie

Für das Staupevirus sind alle Caniden, wie etwa Wolf, Fuchs, Kojote, Schakal u.ä. empfänglich. Kleinbären (Waschbär, Marderhund, Panda) können sich ebenso mit dem Staupevirus infizieren wie Großkatzen (Löwe) und Mustelidae (Nerz, Frettchen, Stinktier, Dachs, Marter, Otter). Seehunde können ebenfalls an Staupe erkranken.

Die Virusausscheidung erfolgt über alle Körpersekrete, wie etwa Speichel, Kot und Urin. Ein Erregernachweis ist schon ab dem 5. Tag p.i. möglich. Als Virusreservoir stehen v.a. klinisch inapparent infizierte Tiere im Verdacht.

Hunde bis zum 6. Lebensmonat sind am empfänglichsten für das Hundestaupevirus. Zu beachten ist, dass auch geimpfte Tiere erkranken können (Impfversager).

5 Pathogenese

Die Infektion erfolgt hauptsächlich oral oder aerogen (Tröpfcheninfektion) über Sekrete und Exkrete infizierter Hunde. Eine indirekte Übertragung spielt bei Staupe eine untergeordnete Rolle.

Die Inkubationszeit beträgt zwischen 3 und 7 Tage. Das Hundestaupevirus vermehrt sich zunächst 1 bis 2 Tage lang im lymphatischen Gewebe des Rachenrings und in den Bronchallymphknoten. Im späteren Erkrankungsverlauf erfolgt eine Virusvermehrung auch in anderen lymphoretikulären Geweben. Eine Virämie findet etwa 8 bis 9 Tage p.i. statt. Der weitere Krankheitsverlauf hängt stark vom Immunstatus des Hundes ab.

Eine Ausbreitung im Körper sowie anschließende Virusvermehrung in den Geweben kann verhindert werden, wenn eine starke humorale und zelluläre Immunantwort erfolgt. Das Virus kann dann symptomlos binnen 14 Tagen eliminiert werden. Solche Tiere können jedoch - wenn auch nur selten - später trotzdem neurologische Symptome sowie die sogenannte Hartballen-Krankheit (hard pad disease) entwickeln. Im Gegensatz dazu kann sich bei einer schlechten Immunantwort das Hundestaupevirus im Anschluss an die Virämie in epithelialen Geweben und/oder im ZNS ausbreiten. Durch Lymphozyten und Makrophagen gelangt das Virus ins Knochenmark, ins Lymphgewebe und zwischen dem 7. und 9. Infektionstag auch in die Lamina propria der Schleimhäute. Ein besonderer Tropismus zeigt das Virus für Epithelien des Respirations-, Verdauungs- und Urogenitaltrakts sowie für die Augen.

6 Klinik

Die Symptome der Staupe hängen stark vom Individuum, vom Alter, dem Organtropismus und der Virulenz des Hundestaupevirus ab. Zusätzlich spielen noch die Immunkompetenz des Wirtes, die Art der Sekundärerreger und das gleichzeitige Vorhandensein anderer Viren, insbesondere Parvo-, Adeno- und Coronaviren, eine wichtige Rolle der Symptomausprägung. Ein Großteil der CDV-Infektionen verlaufen subklinisch.

Je nach infizierten Organsystem unterscheidet man grundsätzlich vier verschiedene Krankheitsformen mit organspezifischen Symptomen, wobei Fieber generell in unterschiedlichen Schüben auftreten kann:

  • respiratorische Form (Atmungstrakt)
  • gastrointestinale Form (Verdauungstrakt)
  • kutane Form (Haut)
  • zentralnervöse Form (ZNS)

Es sind auch gemischte Formen mit gleichzeitigem Befall mehrerer Organsysteme möglich.

Form: Symptome:
respiratorische Form Husten Konjunktivitis
Schnupfen katarrhalische Laryngitis und Bronchitis
Augenausfluss katarrhalische Bronchopneumonie und Pleuritis
Tonsillitis Laryngitis
gastrointestinale Form Erbrechen Pharyngitis
Durchfall Enteritis
Zahnschmelzdefekte (bei Zahnwechsel)
kutane Form Hyperkeratosen (Nasenspiegel, Sohlenballen) Rötungen
Vesikel Pusteln
zentralnervöse Form Krämpfe Muskelzuckungen
Wesensveränderungen epileptoide Anfälle
Zittern Ataxie
Blindheit Lähmungen

7 Immunologie

Neutralisierende Antikörper treten ab dem 6. Tag p.i. auf, wobei ein maximaler Titer nach 2 bis 4 Wochen p.i. messbar ist. Die gegen das Hundestaupevirus gebildeten Antikörper bleiben für mindestens 2 Jahre bestehen.

Maternale Antikörper können beim Welpen mit der Impfung interferieren.

8 Diagnostik

Die Verdachtsdiagnose einer Staupe beim Hund wird anhand der Anamnese, des Alters und der typischen Kombination von gastrointestinalen und respiratorischen Symptomen sowie eventuell gleichzeitig auftretender ZNS-Störungen gestellt. Spezifische Veränderungen im Standardlabor treten in der Regel nicht auf. Eine Lymphopenie kann in der Virämie- und Organbesiedlungsphase vorkommen, jedoch auch fehlen. Bei Sekundärinfektionen kommt es meist zu einer Leukozytose mit Linksverschiebung.

Als relativ sicher gilt der Nachweis von Staupevirus-RNA in Leukozyten, Konjunktivalflüssigkeit und Urin mittels Realtime-PCR (RT-PCR). Bei Mitbeteiligung des ZNS (nervöse Form) kann ein Antigen-/Genomnachweis auch in den Zellen des Liquors erfolgen. Durch die indirekte Immunfluoreszenz ist auch ein Antigennachweis am toten Tier (in betroffenen Geweben mittels Abklatschpräparat von Lunge, Darm, Magen und Harnblase) möglich. Ebenso eignet sich die immunhistologische Untersuchung von Gehirn- und Lungenpräparaten.

9 Therapie

Bis dato (2018) gibt es keine wirksame antivirale Therapie gegen das Hundestaupevirus. Die Therapie richtet sich gegen die vorliegenden Symptome, v.a. bei einer respiratorischen oder gastrointestinalen Beteiligung. Hier steht die Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution im Vordergrund: intravenöse Verabreichung von kristalloiden Infusionen mit ausreichend Kalium u.ä. Als ebenso wirksam haben sich Bronchodilatatoren wie Theophyllin oder Terbutalin erwiesen, die zu einer Erweiterung der Atemwege und Erleichterung der Atemtätigkeit führen.

Sekundärinfektionen sollten stets nach erfolgtem Antibiogramm mit geeigneten antibiotischen Medikamenten behandelt werden. Eine Beteiligung des ZNS kann ebenfalls symptomatisch behandelt werden, wobei bereits eingetretene neurologische Ausfälle meist irreversibel sind.

10 Differenzialdiagnosen

Aufgrund der komplexen Klinik und der unterschiedlichen organspezifischen Symptome existieren zahlreiche Differenzialdiagnosen. Die wichtigsten Differenzialdiagnosen sind:

..bei der respiratorischen Form:

..bei der gastrointestinalen Form:

..bei der nervalen Form:

11 Prognose

Die Prognose ist stark vom Verlauf und von der Form der Erkrankung abhängig. Bei milden Formen ist die Prognose meist günstig, jedoch ist eine Beteiligung des ZNS meist als prognostisch schlecht zu werten.

12 Impfung

Um eine Immunisierung gegen das Hundestaupevirus zu erlangen, werden ausschließlich attenuierte Lebendimpfstoffe verwendet. Die Erstimpfung ist ab der 8. Lebenswoche möglich, wobei aufgrund der "immunologischen Lücke" eine Wiederholungsimpfung in der 10. bis 12. Lebenswoche empfohlen ist. Anschließend sollte eine Impfung nach einem Jahr erfolgen - Auffrischungsimpfungen im 2-Jahres-Rythmus.

13 Literatur

  • Rümenapf, Till. Virologie für die Module Tiersuchen, Verdauung, Respiration+Kreislauf, ZNS, Reproduktion. Für Studierende der Veterinärmedizin. Stand 1/2017. Institut für Virologie, VetMedUni Vienna.
  • Niemand, Hans Georg, Suter, Peter F., Kohn, Barbara, Schwarz, Günter. Praktikum der Hundeklinik. 11., überarbeitete und erweiterte Auflage. Enke-Verlag, 2012.

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