Spermatozystitis
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Samenblasenentzündung, Vesikulitis, Spermatocystitis
Englisch: seminal vesiculitis, spermatocystitis
Definition
Die Spermatozystitis ist eine Entzündung der Bläschendrüse (Vesicula seminalis). Sie verläuft akut oder chronisch und betrifft meist beide Bläschendrüsen.
- ICD-10 Code: N49.0 — Entzündliche Krankheiten der Vesicula seminalis
Hintergrund
Eine isolierte Spermatozystitis ist selten. Da die Bläschendrüse über den Ductus ejaculatorius mit der Prostata und der Harnröhre in Verbindung steht, liegt in der Regel eine Begleitentzündung der Nachbarorgane vor – am häufigsten als Prostatovesikulitis, seltener zusammen mit einer Epididymitis oder Urethritis.
Ätiologie
Die Erreger erreichen die Bläschendrüse meist aszendierend über den Ductus ejaculatorius – ausgehend von einer Harnwegsinfektion, einer Prostatitis oder einer Urethritis. Eine hämatogene Streuung aus einem entfernten Infektfokus ist selten, ebenso die Ausbreitung vom Ductus deferens her bei Epididymitis oder Orchitis.
Das Erregerspektrum entspricht weitgehend dem der bakteriellen Prostatitis:
| Gruppe | Erreger | Kontext |
|---|---|---|
| Enterobakterien | Escherichia coli, Klebsiella, Proteus | häufigste Ursache, meist aszendierend aus dem Harntrakt |
| Grampositive Kokken | Enterococcus faecalis, Staphylococcus aureus | u.a. nach urologischen Eingriffen, bei Abszessbildung |
| Sexuell übertragbare Erreger | Chlamydia trachomatis, Mycoplasma genitalium, Gonokokken | vor allem bei Männern unter 35 Jahren |
| Spezifische Erreger | Mycobacterium tuberculosis, Schistosoma haematobium | chronische Verläufe, Urogenitaltuberkulose, Schistosomiasis |
Begünstigend wirken Diabetes mellitus, Immunsuppression, eine Blasenentleerungsstörung sowie transrektale Prostatabiopsien und Katheterisierungen.
Pathophysiologie
Die aufsteigende Infektion führt zu einem Ödem der Drüsenwand und zur Infiltration mit Granulozyten. Die Schwellung engt den Ductus ejaculatorius ein und behindert den Sekretabfluss. Der resultierende Sekretstau unterhält die Entzündung und fördert die Bildung von Konkrementen und Verkalkungen. Durch die entzündliche Hyperämie der Schleimhaut kommt es zur Einblutung in das Ejakulat. Bei chronischem Verlauf entwickelt sich eine Fibrose der Drüsenwand, die in eine dauerhafte Obstruktion des Ductus ejaculatorius mit konsekutiver Ejakulationsstörung oder Infertilität übergehen kann.[1]
Einteilung
Die Spermatozystitis wird nach Verlauf und Erregertyp eingeteilt:
- nach Verlauf: akute Spermatozystitis und chronische Spermatozystitis (Beschwerden über mehr als drei Monate)
- nach Erregertyp: unspezifische Form (Enterobakterien, Kokken) und spezifische Form (Tuberkulose, Schistosomiasis)
- nach Ausdehnung: einseitig oder beidseitig, mit oder ohne Abszessbildung
Klinisch relevant ist zudem die Abgrenzung der isolierten Spermatozystitis von der Prostatovesikulitis, da letztere die Therapiedauer bestimmt.
Symptome
Das Beschwerdebild hängt vom Verlauf ab. Leitsymptom ist die Hämatospermie. Typisch sind:
- Hämatospermie, teils über Wochen rezidivierend
- schmerzhafte Ejakulation (Odynorgasmie)
- dumpfer Druck- oder Schmerz perineal, inguinal, lumbosakral oder im Unterbauch
- Dysurie, Pollakisurie und imperativer Harndrang
- Fieber und Krankheitsgefühl – nahezu ausschließlich bei akutem Verlauf oder Abszess
Die chronische Form verläuft häufig oligosymptomatisch und wird oft erst im Rahmen einer Infertilitätsabklärung erkannt.
Diagnostik
Die Diagnose ergibt sich aus Anamnese, körperlicher Untersuchung und mikrobiologischem Erregernachweis. Bildgebung dient der Abgrenzung struktureller Ursachen.
Klinische Untersuchung
Bei der digital-rektalen Untersuchung ist die Bläschendrüse bei akuter Entzündung als druckdolente, teigig geschwollene Struktur kranial der Prostata tastbar. Die Prostata ist häufig mitbetroffen und ebenfalls druckschmerzhaft. Ergänzend werden Skrotum und Nebenhoden palpiert, um eine begleitende Epididymitis zu erfassen.
Labor
Zur Erregerdiagnostik gehören:
- Urinsediment und Urinkultur aus dem Mittelstrahlurin
- Vier-Gläser-Probe oder vereinfachte Zwei-Gläser-Probe zur Lokalisation der Infektion
- Nukleinsäure-Amplifikationstest auf Chlamydia trachomatis, Neisseria gonorrhoeae und Mycoplasma genitalium aus Erststrahlurin
- Ejakulatkultur und Spermiogramm
- C-reaktives Protein und Blutbild bei Fieber oder Abszessverdacht
Im Spermiogramm zeigt sich typischerweise eine Leukozytospermie (Pyospermie) mit mehr als 1 Mio. Leukozyten pro Milliliter, häufig verbunden mit erhöhtem pH-Wert, reduziertem Ejakulatvolumen und eingeschränkter Spermienmotilität. Eine Nekrozoospermie ist möglich. Eine Azoospermie tritt nur bei vollständiger Obstruktion des Ductus ejaculatorius auf und ist dann obstruktiv bedingt.
Bildgebung
Der transrektale Ultraschall ist das Verfahren der ersten Wahl. Er zeigt eine diffuse Wandverdickung, eine Dilatation der Drüsenlumina, echoreiche Binnenstrukturen bei Konkrementen sowie Verkalkungen und kann zur gezielten Aspiration genutzt werden.
Die Magnetresonanztomographie des Beckens ist bei unklarem Befund, Abszessverdacht, Malignomverdacht und vor interventioneller Therapie indiziert. Sie stellt Wandverdickung, Einblutung und Abszessformationen mit hohem Weichteilkontrast dar und erfasst begleitende Fehlbildungen wie Samenblasenzysten oder eine Nierenagenesie im Rahmen eines Zinner-Syndroms. Die Computertomographie ist der MRT unterlegen und bleibt Notfallsituationen vorbehalten.
Differentialdiagnosen
- Bakterielle Prostatitis und chronisches Beckenschmerzsyndrom
- Epididymitis und Orchitis
- Ejakulationsgangobstruktion, Samenblasenzyste, Samenblasenkonkremente
- Prostatakarzinom und – sehr selten – Samenblasenkarzinom
- Amyloidose der Bläschendrüse
- arterielle Hypertonie und Koagulopathie als systemische Ursachen einer Hämatospermie
- iatrogene Blutung nach Prostatabiopsie oder Brachytherapie
Cave: Eine persistierende Hämatospermie bei Männern über 40 Jahren erfordert immer den Ausschluss eines Prostatakarzinoms.[2]
Therapie
Konservative Therapie
Mittel der Wahl ist eine kalkulierte antibiotische Therapie, die nach Erhalt des Antibiogramms angepasst wird. Aufgrund der guten Gewebepenetration in das männliche Genitale werden Fluorchinolone eingesetzt, bei intrazellulären Erregern Tetracycline oder Makrolide.[3]
| Situation | Substanz | Dosierung | Dauer |
|---|---|---|---|
| akut, unspezifisch | Ciprofloxacin | 500 mg p.o. 2-mal täglich | 2 bis 4 Wochen |
| akut, unspezifisch | Levofloxacin | 500 mg p.o. 1-mal täglich | 2 bis 4 Wochen |
| chronisch, unspezifisch | Ciprofloxacin oder Levofloxacin | wie oben | 4 bis 6 Wochen |
| Chlamydia trachomatis | Doxycyclin | 100 mg p.o. 2-mal täglich | 10 bis 14 Tage |
| Mycoplasma genitalium | Azithromycin bzw. Moxifloxacin | nach Resistenzlage | 5 bis 10 Tage |
| Neisseria gonorrhoeae | Ceftriaxon plus Azithromycin | nach aktueller Empfehlung | Einmalgabe bzw. kurz |
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Unterstützend werden nichtsteroidale Antirheumatika, eine ausreichende Trinkmenge, Alphablocker bei Miktionsbeschwerden sowie – bei chronischem Verlauf – regelmäßige Ejakulation zur Verbesserung der Sekretdrainage empfohlen. Bei sexuell übertragbaren Erregern ist die Partnermitbehandlung obligat.
Interventionelle Therapie
Ein Abszess der Bläschendrüse, der nicht rasch auf die Antibiose anspricht, wird transrektal oder perineal ultraschallgesteuert drainiert. Bei therapierefraktärer chronischer Spermatozystitis, persistierender Hämatospermie oder Konkrementen hat sich die transurethrale Vesikuloskopie etabliert: Sie erlaubt die Inspektion von Ductus ejaculatorius und Drüsenlumen, die Spülung, die Konkremententfernung und die Erweiterung des Ausführungsgangs.[4][1]
Komplikationen
- Abszess der Bläschendrüse mit Perforation, Fistelbildung oder Sepsis
- Fortleitung als Epididymitis, Orchitis oder Prostatitis
- narbige Obstruktion des Ductus ejaculatorius mit obstruktiver Azoospermie
- Ureterobstruktion durch entzündliche Kompression – seltene Ursache einer einseitigen Hydronephrose
- chronisches Beckenschmerzsyndrom und schmerzbedingte sexuelle Dysfunktion
Prognose
Die akute unspezifische Spermatozystitis heilt unter adäquater Antibiose in der Regel folgenlos aus; eine Hämatospermie kann noch mehrere Wochen persistieren. Chronische Verläufe neigen zu Rezidiven und können durch Fibrose und Obstruktion die Fertilität dauerhaft beeinträchtigen. Nach Vesikuloskopie ist die Hämatospermie bei der Mehrzahl der Patienten anhaltend rückläufig, Rezidive sind jedoch möglich.[1]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Liao LG, Li YF, Zhang Y et al. Etiology of 305 cases of refractory hematospermia and therapeutic options by emerging endoscopic technology. Sci Rep. 2019;9.
- ↑ Suh Y, Gandhi J, Joshi G et al. Etiologic classification, evaluation, and management of hematospermia. Transl Androl Urol. 2017;6(5):959-972.
- ↑ Bonkat G, Bartoletti R, Bruyère F et al. EAU Guidelines on Urological Infections. European Association of Urology; 2025.
- ↑ Liu B, Li J, Li P et al. Transurethral seminal vesiculoscopy in the diagnosis and treatment of intractable seminal vesiculitis. J Int Med Res. 2014;42(1):236-242.
Literatur
- Michel MS, Thüroff JW, Janetschek G, Wirth M. Die Urologie. Springer; 2016.
- Hautmann R, Gschwend JE. Urologie. 5. Aufl. Springer; 2014.
- Schmelz HU, Sparwasser C, Weidner W. Facharztwissen Urologie. 3. Aufl. Springer; 2014.