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Beta-Thalassämie

(Weitergeleitet von Cooley-Anämie)

1 Definition

Als Beta-Thalassämie bezeichnet man eine autosomal-rezessiv vererbbare Synthesestörung der Beta-Ketten des Proteinanteils (Globin) im Hämoglobin. Die Erkrankung gehört zu den Hämoglobinopathien.

2 Genetik

Ursächlich ist eine Mutation im ß-Globin-Gen (HBB), das auf dem kurzen Arm von Chromosom 11 lokalisiert ist. Es existieren mehr als 200 unterschiedliche genetische Varianten, von denen die meisten Punktmutationen sind. Deletionen kommen nur selten vor.

Je nach den Auswirkungen der Mutation auf die Produktion von β-Globin-Ketten unterscheidet man drei Klassen von Mutationen:

  • β0: keine Produktion von β-Globin-Ketten
  • β+: deutlich verringerte Produktion von β-Globin-Ketten
  • β++: moderat verringerte Produktion von β-Globin-Ketten

Daraus ergeben sich folgende mögliche Genotypen mit entsprechendem Phänotyp:

Genotyp Allele Phänotyp
β / β normal homozygot gesund
β / β0 heterozygot β-Thalassaemia minor
β / β+ oder β++ heterozygot β-Thalassaemia minor (mild oder inapparent)
β0 / β0 homozygot  β-Thalassaemia major
β+ / β0 komplex heterozygot meist β-Thalassaemia major
β+ / β+ oder β++ homozygot oder komplex heterozygot β-Thalassaemia major oder Thalassaemia intermedia

Heterozygote Träger der Mutation (ein Allel des ß-Globin-Gens betroffen) zeigen demnach eine mildere Verlaufsform (ß-Thalassämia minor) als homozygote Träger (ß-Thalassämia major; beide Allele des ß-Globin-Gens betroffen). Schwere Formen werden gelegentlich auch als "Cooley-Anämie" bezeichnet (nach der Erstbeschreibung durch Thomas Cooley 1925).

3 Epidemiologie

Die β-Thalassämie ist die häufigste Form der Thalassämie und damit auch die am weitetesten verbreitete Hämoglobinopathie. Sie ist vor allem im Mittelmeerraum beheimatet, u.a. in Griechenland, in der Türkei und in Süditalien sowie auf den Mittelmeerinseln Malta, Zypern, Kreta, Sardinien, Korsika und Sizilien. Darüber hinaus findet man die Genmutation in Nordafrika, im Nahen Osten, in Indien und in Südostasien. Die weltweit höchste Konzentration an Carriern lebt auf den Malediven.

4 Klinik

  • ß-Thalassaemia minor: Die milde Verlaufsform der Beta-Thalassämie imponiert als mikrozytäre hypochrome Anämie. Obwohl diese klinisch stumm bleiben kann, können anämieassoziierte Symptome (z.B. Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen) auftreten.[1][2] Desweiteren haben betroffene Frauen in der Schwangerschaft ein höheres Risiko, eine ausgeprägte Schwangerschaftsanämie zu entwickeln.[3] Die Hämoglobinwerte liegen bei Frauen zwischen 9 und 13 g/dl, bei Männern zwischen 10 und 15 g/dl.
  • ß-Thalassaemia major: Die ß-Thalassaemia major führt wenige Monate nach der Geburt - durch den Austausch von HbF zu HbA0 - zu einer klinisch manifesten Symptomatik. Durch die verminderte ß-Globinkettensynthese kommt es zu einer relativen Zunahme der Alpha-Globinketten. Diese führen über die Bildung unlöslicher Präzipitate zur Destruktion der Erythrozyten. Die Hämoglobinwerte liegen unter 7 g/dl.
  • ß-Thalassaemia intermedia: Als intermediäre Thalassämie werden mittelschwere Krankheitsverläufe eingeordnet, bei denen a priori keine Notwendigkeit für eine dauerhafte Transfusionstherapie besteht. Genetisch liegt meist eine homozygote oder komplex heterozygote Allelkonstellation vor. Das klinische Bild ist sehr variabel. Die Patienten können bis ins Erwachsenenalter asymptomatisch sein. Die Hämoglobinwerte liegen etwa zwischen 8-10 g/dl.

Die Folge ist allen drei Fällen eine mikrozytär hypochrome hämolytische Anämie. Als Symptome treten auf die "Allgemeinsymptome" der Anämie auf, wie

Zusätzlich kommt es zu Ikterus und Splenomegalie als Ausdruck der Hämolyse. Im Zuge der Erkrankung tritt ferner eine kompensatorisch gesteigerte Erythropoese auf, die mit Skelettdeformierungen einhergeht.

5 Diagnostik

Die Diagnose der Beta-Thalassämie erfolgt labordiagnostisch:

Darüberhinaus ist ein molekulargenetischer Deletions-Nachweis möglich, der die exakte Abgrenzung der verschiedenen Thalassämie-Formen ermöglicht. Er kommt auch im Rahmen der Pränataldiagnostik und bei der genetischen Beratung zum Einsatz.

Bei hämolytischen Anämien ist die palpatorische und sonographische Beurteilung der Milz indiziert.

6 Therapie

6.1 Konventionelle Therapie

Therapiebedürftig ist in erster Linie die ß-Thalassaemia major. Die konventionelle Behandlung erfolgt hierbei durch

Weitere Medikamente zur Behandlung der Eisenüberladung (z.B. Hepcidinmimetika) befinden sich zur Zeit (2019) in der klinischen Forschung.

Bei Patienten mit β-Thalassaemia major ist eine allogene Stammzelltransplantation die Therapie der Wahl.

6.2 Gentherapie

Seit Mai 2019 ist eine Gentherapie (Zynteglo®) zur Behandlung der Beta-Thalassämie verfügbar. Dabei werden dem Patienten autologe hämatopoetische Stammzellen entnommen, die man in vitro mit Hilfe eines Lentivirus genetisch verändert. Der Lentivirus schleust ein modifiziertes Beta-Globin (βA-T87Q-Globin) in die Zellen ein. Anschließend werden die Zellen reinfundiert und siedeln sich im Knochenmark an. Der Patient ist nach gelungener Therapie wieder in der Lage, funktionelles Hämoglobin zu bilden.

7 Literatur

  1. Premawardhena A, Arambepola M, Katugaha N, Weatherall DJ 2008. Is the β thalassaemia trait of clinical importance? Br J Haematol 141: 407–410 PMID 18341640
  2. Nienhuis AW, Nathan DG. Pathophysiology and clinical manifestations of the β-thalassemias. Cold Spring Harb Perspect Med. 2012;2:a011726. PMID 23209183
  3. White JM, Richards R, Byrne M, Buchanan T, White YS, Jelenski G 1985. Thalassemia trait and pregnancy. J Clin Pathol 38: 810–817 PMID 4019802

8 Weblinks

Hemoglobinopathies and Thalassemias, Homepage von Ed Uthman, MD (englisch)

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