Diabetes mellitus
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Loslegenvon altgriechisch: διαβαίνειν ("diabainein") - hindurchfließen und lateinisch: mellitus - honigsüß
Synonym: Zuckerkrankheit
Englisch: diabetes mellitus, diabetes
Definition
Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, die auf Insulinresistenz oder Insulinmangel beruht und durch einen chronisch erhöhten Blutzuckerspiegel gekennzeichnet ist. Sie ist mit einem deutlich erhöhten Risiko für schwere Begleit- und Folgeerkrankungen verbunden.
Das Vorstadium eines Diabetes mellitus bezeichnet man als "pathologische Glukosehomöostase". In der klinischen Alltagssprache wird jedoch häufiger der Begriff Prädiabetes verwendet.
Epidemiologie
Die Prävalenz des Diabetes mellitus hat seit 1980 stark zugenommen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stieg die Anzahl der Diabetiker (> 18 Jahre) in Europa von 33 Millionen Erkrankten im Jahr 1980 auf 64 Millionen Erkrankte im Jahr 2014. Weltweit stieg die Anzahl der Diabetiker im gleichen Zeitraum von 108 Millionen auf 422 Millionen. Nach neueren WHO-Schätzungen lebten 2022 weltweit rund 830 Millionen Erwachsene mit Diabetes mellitus, gegenüber rund 200 Millionen im Jahr 1990.[1] 95 % der Betroffenen haben Typ-2-Diabetes.[1]
Diabetes mellitus gehörte nach WHO-Angaben 2021 weltweit zu den zehn häufigsten Todesursachen. Die Zahl der diabetesbedingten Todesfälle stieg zwischen 2000 und 2021 um 95 %.[2]
In Deutschland waren 2021 rund 8,5 Mio. Menschen an Typ-2-Diabetes erkrankt. Der Diabetes mellitus liegt hier auf Platz 10 der häufigsten Todesursachen.[3] Auch bei Kindern und Jugendlichen nimmt die Prävalenz zu. Von 2002 bis 2020 wurde in NRW bei fast 15.000 Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren ein Typ-1-Diabetes neu diagnostiziert. Die Neuerkrankungsrate für Typ-1-Diabetes lag bei rund 23 Fällen auf 100.000 Menschen pro Jahr, für Typ-2-Diabetes in der Altersgruppe von 10 bis 19 Jahren bei 2 Fällen pro 100.000 Menschen und Jahr.[4]
Pathophysiologie
Ursache des Diabetes mellitus ist immer ein Ausfall des glucotropen Regelkreises, der durch Störungen an verschiedenen Stellen bedingt sein kann.
Durch die anhaltend hohen Saccharidwerte im Blut werden Proteine des Blutplasmas in einer nicht-enzymatischen Glykierung (Amadori-Umlagerung) mit Saccharidresten versehen und damit teilweise unbrauchbar gemacht oder lagern sich ab. Durch die hohe Konzentration von Zucker in nichtinsulinabhängigen Geweben kommen osmotische Organschädigungen vor, beispielsweise in der Augenlinse.
Einteilung
Es werden mehrere Formen des Diabetes mellitus unterschieden, die nach einem Positionspapier der American Diabetes Association (ADA) und nachfolgenden Publikationen folgendermaßen eingeteilt werden:[5]
| Klasse (Typ) | Beschreibung | Untertypen und Cluster |
|---|---|---|
| 1A | Insulinmangel, immunologisch | |
| 1B | Insulinmangel, idiopathisch | |
| 2 | Insulinresistenz und simultane Funktionseinschränkung der Betazellen | |
| 3A | Genetisch bedingte Betazellstörung |
|
| 3B | Genetisch bedingte Insulinresistenz |
|
| 3C | Pankreopriver Diabetes mellitus | |
| 3D | Sekundär endokriner Diabetes mellitus | |
| 3E | Diabetes mellitus durch Chemikalien oder Medikamente bedingt | |
| 3F | Infektiös | |
| 3G | Immunologisch | |
| 3H | Andere genetische Syndrome | |
| 4 | Gestationsdiabetes | |
| 5 | Malnutritionsbedingter Diabetes mellitus |
Die ätiologische Klassifikation unterscheidet Typ-1-Diabetes, Typ-2-Diabetes, andere spezifische Diabetesformen und Gestationsdiabetes. Die zusätzlich dargestellten ANDIS-Cluster sind davon getrennt zu betrachten und ersetzen diese Klassifikation nicht.[6] Es existieren jedoch auch Sonderformen des Diabetes mellitus, die nicht in der obigen Klassifikation enthalten sind.
Typ-1-Diabetes
Der Typ-1-Diabetes beruht auf einem meist autoimmun bedingten Untergang der insulinproduzierenden Betazellen in den Langerhans'schen Inseln des Pankreas mit resultierendem absolutem Insulinmangel. Er manifestiert sich häufig im Kindes- und Jugendalter, kann aber in jedem Lebensalter auftreten und erfordert lebenslang eine Insulinsubstitution.
siehe Hauptartikel: Typ-1-Diabetes
Typ-2-Diabetes
Der Typ-2-Diabetes beruht auf einer verminderten Insulinsensitivität der Körperzellen in Kombination mit einer fortschreitenden Funktionseinschränkung der Betazellen. Er ist mit einem Anteil von 95 % die häufigste Diabetesform[1] und manifestiert sich typischerweise im höheren Lebensalter, zunehmend jedoch auch bei jüngeren Menschen. Basis der Therapie sind Lebensstilmaßnahmen, ergänzt durch orale Antidiabetika und ggf. Insulin.
siehe Hauptartikel: Typ-2-Diabetes
Andere spezifische Diabetestypen
Unter dem inoffiziellen Sammelbegriff Typ-3-Diabetes werden verschiedene spezifische Diabetesformen zusammengefasst, die weder dem Typ 1 noch dem Typ 2 zuzurechnen sind – darunter genetische Defekte der Betazellen (MODY) und der Insulinwirkung, Erkrankungen des exokrinen Pankreas, Endokrinopathien sowie medikamentös, chemisch oder infektiös ausgelöste Formen. Die einzelnen Entitäten werden zunehmend als eigenständige Krankheitsbilder betrachtet.
siehe Hauptartikel: Typ-3-Diabetes
Gestationsdiabetes
Ein erstmals während der Schwangerschaft auftretender Diabetes wird als Gestationsdiabetes bezeichnet. Ursächlich ist eine hormonell vermittelte Hemmung der Insulinwirkung. Die Störung bildet sich in der Regel nach Beendigung der Schwangerschaft zurück, geht jedoch mit einem erhöhten Risiko für die spätere Entwicklung eines Typ-2- oder Typ-1-Diabetes einher.
siehe Hauptartikel: Gestationsdiabetes
Malnutritionsbedingter Diabetes (Typ 5)
Der relativ neu beschriebene Typ-5-Diabetes (malnutritionsbedingter Diabetes, MRDM) wird durch Mangel- und Unterernährung im Kindesalter ausgelöst.[7] Vermittelt wird der Effekt durch eine reduzierte Betazellfunktion in Kombination mit gesteigerter Glukoseabsorption, die wahrscheinlich Anpassungen an den chronischen Energiemangel darstellen.[8]
Sonderformen
Ein nach einer Transplantation diagnostizierter Diabetes wird als Posttransplantationsdiabetes mellitus (PTDM; früher NODAT) bezeichnet.[9][10] Eine Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren kann in seltenen Fällen durch immunologische Zerstörung von β-Zellen einen Checkpoint-Inhibitor-assoziierten Diabetes mellitus (CIADM oder PINOD) hervorrufen, der aufgrund zahlreicher Eigencharakteristika als eigenständige Diabetesform aufgefasst wird.[11][12]
Symptome
Der Diabetes mellitus kann lange Zeit symptomfrei verlaufen. Erst bei einem Anstieg des Blutzuckers über einen kritischen Wert wird die Erkrankung klinisch bemerkbar. Die Symptome der Hyperglykämie sind:
- Allgemeinsymptome
- Niere
- Auge
- Haut
- Dermatitis
- Wundheilungsstörungen
- Necrobiosis lipoidica diabeticorum
- Pergamenthaut
- Juckreiz (Diabetogener Pruritus)
- Immunsystem
- Herabgesetzter Immunstatus mit häufigen Allgemeininfektionen
- Harnwegsinfekte
- Nervensystem
- diabetische Neuropathie, insbesondere Polyneuropathie und kardiale autonome diabetische Neuropathie (KADN)
- Muskelfaszikulationen
Durst und Polyurie (erhöhte Harnproduktion) entstehen ab einem Blutzuckerspiegel von etwa 180 mg/dl ("Nierenschwelle"). Übersteigt der Blutzuckerspiegel diesen Wert, kann die Glukose in der Niere nicht mehr vollständig rückresorbiert werden. Das führt zu einem Auftreten von Glukose im Urin (Glukosurie) und zu einem deutlichen Anstieg des Harnvolumens. Der Patient versucht, den Wasserverlust durch erhöhtes Trinken (Polydipsie) zu kompensieren.
Unbehandelt kann die Hyperglykämie zum diabetischen Koma führen.
Diagnostik
Die von der American Diabetes Association empfohlenen Diagnosekriterien zur Feststellung eines Diabetes mellitus basieren auf der Messung des Blutzuckers, wobei eine der folgenden Messungen angewendet werden sollte:[13]
| Messung | Kein Diabetes | Pathologische Glukosehomöostase (erhöhtes Diabetesrisiko) |
Diabetes mellitus |
|---|---|---|---|
| Bestimmung des Nüchternblutzuckers | < 100 mg/dl | 100–125 mg/dl | ≥ 126 mg/dl |
| Bestimmung des Blutzuckers zu einem zufälligen Zeitpunkt | - | - | ≥ 200 mg/dl |
| Bestimmung des HbA1c-Wert | < 5,7 % | 5,7–6,4 % | ≥ 6,5 % |
| Venöse Plasmaglukose 2 Stunden nach einem standardisierten oralen Glukosetoleranztest (oGTT).[6] | < 140 mg/dl | 140–199 mg/dl | ≥ 200 mg/dl |
Hinweis: Referenzwerte sind häufig vom Messverfahren abhängig und können von den o.a. Werten abweichen. Ausschlaggebend sind die Referenzwerte, die vom Labor angegeben werden, das die Untersuchung durchführt.
Die DDG fordert zur laborchemischen Diagnosesicherung grundsätzlich pathologische Ergebnisse von 2 unterschiedlichen Messgrößen.[6] Nach ADA sind ohne eindeutige Hyperglykämie 2 pathologische Testergebnisse erforderlich. Auch die Wiederholung desselben Tests ist möglich. Bei klassischen Hyperglykämiesymptomen oder einer hyperglykämischen Krise genügt eine Gelegenheitsplasmaglukose ≥ 200 mg/dl. Diese Unterscheidung richtet sich nicht allein nach dem Diabetestyp.[14]
Weitere diagnostische Maßnahmen sind:
- Bestimmung des C-Peptids
- Bestimmung des Urinzuckers
Komplikationen
Bei langjährig bestehendem Diabetes können sich typische Komplikationen entwickeln, insbesondere wenn die Stoffwechsellage über längere Zeit schlecht eingestellt war. Betroffen sind vor allem das Nervensystem und die Blutgefäße. Entsprechend unterscheidet man:
- Diabetische Neuropathie mit ihren Unterformen diabetische Mononeuropathie, diabetische Polyneuropathie und diabetische autonome Neuropathie
- Diabetische Angiopathie mit ihren Unterformen diabetische Mikroangiopathie und diabetische Makroangiopathie
Auf der Basis dieser Leitungsbahnschäden entwickeln sich typische Endorganschäden des Diabetes mellitus:
- Nieren: Diabetische Nephropathie
- Auge: Diabetische Retinopathie
- Fuß: Diabetisches Fußsyndrom
- Magen: Diabetische Gastroparese
- Gelenke: Diabetische neuropathische Osteoarthropathie
- Haut: Diabetische Dermopathie
Weitere Komplikationen sind diabetische Katarakt, diabetische Amyotrophie, diabetische Mastopathie und diabetische Radikulopathie.
Pflege
Der Pflegebedarf bei Diabetes mellitus ist in erster Linie von den bereits eingetretenen Komplikationen abhängig. Aufgrund der bei Diabetikern häufig auftretenden Wundheilungsstörungen kann er erheblich sein. Ein besonderes Augenmerk verdient die Fußpflege. Zehennägel sollten vom Podologen so gekürzt werden, dass das Verletzungsrisiko minimal ist.
Im Anfangsstadium ist die Pflege primär auf die Beratung des Patienten (Ernährung, Bewegung, Medikamenteneinnahme, Insulingabe usw.) ausgerichtet.
ICD-Klassifikation
ICD-10
- E10: Primär insulinabhängiger Diabetes mellitus (Typ-1-Diabetes)
- E11: Nicht primär insulinabhängiger Diabetes mellitus (Typ-2-Diabetes)
ICD-11
- 5A10: Typ-1-Diabetes mellitus
- 5A11: Typ-2-Diabetes mellitus
- JA63: Gestationsdiabetes mellitus
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Leitlinien
- Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, S3, Version 3.0, Stand 2023, mit Ergänzung zur nichtmedikamentösen Therapie von 2024; gültig bis 15.05.2028.[15][16]
- S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes, Version 5.1, Stand September 2023; gültig bis 01.09.2028.[17]
- S3-Leitlinie Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge, am 27.02.2023 abgelaufen[18]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 WHO: Diabetes, abgerufen am 24.09.2026
- ↑ WHO: The top 10 causes of death, Stand 07.08.2024, abgerufen am 24.09.2026
- ↑ RKI: Diabetes in Deutschland - Erwachsene: Years of life lost (YLL) abgerufen am 15.08.2022
- ↑ Tagesspiegel, Hoher Anstieg bei Typ 2: Diabetes-Fälle nehmen bei Kindern und Jugendlichen zu, abgerufen am 21.7.2023
- ↑ American Diabetes Association, Diagnosis and Classification of Diabetes Mellitus, Diabetes Care, 2014
- ↑ 6,0 6,1 6,2 Landgraf et al., Definition, Klassifikation, Diagnostik und Differenzialdiagnostik des Diabetes mellitus: Update 2025, Diabetologie und Stoffwechsel, 2025
- ↑ International Diabetes Federation: IDF launches new type 5 diabetes working group. 15. April 2025
- ↑ Lontchi-Yimagou et al., An Atypical Form of Diabetes Among Individuals With Low BMI, Diabetes Care, 2022
- ↑ Sharif et al., Proceedings From an International Consensus Meeting on Posttransplantation Diabetes Mellitus: Recommendations and Future Directions, American Journal of Transplantation, 2014
- ↑ Sharif et al., International consensus on post-transplantation diabetes mellitus, Nephrology Dialysis Transplantation, 2024
- ↑ Wu et al., Risk Factors and Characteristics of Checkpoint Inhibitor–Associated Autoimmune Diabetes Mellitus (CIADM): A Systematic Review and Delineation From Type 1 Diabetes, Diabetes Care, 2023
- ↑ Müssig, CIADM unterscheidet sich deutlich vom Typ-1-Diabetes. Info Diabetologie, 2023.
- ↑ American Diabetes Association: 2. Classification and Diagnosis of Diabetes: Standards of Medical Care in Diabetes-2018. Diabetes Care. 2018 Jan;41(Suppl 1):S13-S27. doi: 10.2337/dc18-S002.
- ↑ American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes, 2. Diagnosis and Classification of Diabetes: Standards of Care in Diabetes—2026, Diabetes Care, 2026
- ↑ Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, Langfassung, Version 3.0, 2023, abgerufen am 24.09.2026
- ↑ Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, Ergänzung zu Version 3: Nicht-medikamentöse Therapie, 2024, abgerufen am 24.09.2026
- ↑ S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes, Version 5.1, 2023, abgerufen am 24.09.2026
- ↑ AWMF: Gestationsdiabetes mellitus (GDM), Diagnostik, Therapie und Nachsorge, Stand 28.02.2018, abgerufen am 24.09.2026
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- Bildquelle Podcast: © Midjourney + ChatGPT + Photoshop Firefly