Diabetische Retinopathie
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenEnglisch: diabetic retinopathy
Definition
Die diabetische Retinopathie ist eine mikrovaskuläre Komplikation des Diabetes mellitus. Es handelt sich um eine Mikroangiopathie der Blutgefäße der Netzhaut. Sie zählt zu den häufigsten Ursachen für Erblindung im erwerbsfähigen Alter in Industrieländern.
Pathogenese
Die pathologischen Veränderungen der retinalen Gefäße werden durch einen erhöhten bzw. schlecht eingestellten Blutzucker begünstigt. Glykierte und weiter chemisch modifizierte Makromoleküle lagern sich in den Gefäßwänden ab und induzieren eine Mikroangiopathie.
Epidemiologie
Bei Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1 liegt die Prävalenz der diabetischen Retinopathie bei 24–27 %, ein klinisch signifikantes Makulaödem tritt bei bis zu 10 % auf. Bei Diabetes mellitus Typ 2 besteht bereits bei Diagnosestellung bei 2–16 % der Patienten eine Retinopathie, die Gesamtprävalenz liegt bei 9–16 %, eine diabetische Makulopathie findet sich bei etwa 6 %.[1]
Die diabetische Retinopathie ist in Industrieländern mit hoher Diabetes-Prävalenz häufig die Ursache für eine Erblindung. Eine rechtzeitige Prophylaxe ist daher von höchster Bedeutung. Jede Form der diabetischen Retinopathie gilt zudem als Biomarker für ein deutlich erhöhtes kardiovaskuläres Risiko.[1]
Stadieneinteilung
Die diabetische Retinopathie wird nach dem Untersuchungsbefund in nonproliferative und proliferative diabetische Retinopathie unterteilt. Die Übergänge sind fließend.
Nonproliferative Retinopathie (NPDR)
Die Veränderungen bleiben auf die Retina beschränkt. Bei Spiegelung des Augenhintergrundes fallen diverse Veränderungen der Netzhaut auf:
- Mikroaneurysmen der Arterien
- Kalibersprünge der Venen
- Blutungen innerhalb der Retina
- Retinaödem und Exsudate
- sogenannte Cotton-Wool-Herde
Stadien der nichtproliferativen Retinopathie
Die nichtproliferative Retinopathie wird in drei Schweregrade unterteilt:
| Stadium | Klinisches Bild |
|---|---|
| Mild | Mikroaneurysmen |
| Mäßig (Auftreten von Gefäßverschlüssen) | Mikroaneurysmen, einzelne intraretinale Blutungen, perlschnurartige Venen |
| Schwer (höhergradige Ischämie der Retina, unmittelbare Vorstufe der Proliferation) |
"4-2-1"-Regel:
|
Proliferative Retinopathie (PDR)
Die proliferative Retinopathie ist mit weitergehenden Einschränkungen der Funktion der Retina und extraretinalen Komplikationen verbunden. Kennzeichnend sind:
- Glaskörperblutung mit Vernarbungen
- Netzhautablösung durch Narbenzug des Glaskörpers (Traktionsamotio)
- Gefäßneubildungen vor der Retina
- Rubeosis iridis (akutes Glaukom möglich)
Symptome
Die diabetische Retinopathie verläuft in frühen Stadien in der Regel asymptomatisch. Regelmäßige augenärztliche Kontrollen sind daher unabhängig vom subjektiven Sehvermögen notwendig. Als Warnzeichen für eine fortgeschrittene Netzhautkomplikation gelten:
- plötzliche oder nicht korrigierbare Visusverschlechterung
- Leseschwierigkeiten
- Farbsinnstörungen
- allgemeines Verschwommensehen
- "Rußregen" vor den Augen bei Glaskörperblutung
Beim Auftreten dieser Symptome ist eine sofortige augenärztliche Vorstellung indiziert.[1]
Risikofaktoren
Zahlreiche pathogenetische Faktoren der diabetischen Retinopathie beeinflussen Entwicklung und Risiko der Progression. Gesicherte Risikofaktoren der diabetischen Retinopathie sind:
Chronische Hyperglykämie
Eine intensivierte Blutzuckereinstellung (Reduktion des HbA1c von 7,9 % auf 7,1 %) führt zu einer signifikanten Senkung der Notwendigkeit einer Laserkoagulation.[2] Zur Verhinderung der Progression einer diabetischen Retinopathie wird eine Senkung des HbA1c unter 7 % empfohlen.
Arterielle Hypertonie
Eine intensivierte Blutdruckeinstellung (Reduktion des Blutdrucks in Studien von 154/87 auf 144/82 mmHg) führt zu einer 35 %igen Senkung der Notwendigkeit von Laserkoagulationen wegen diabetischer Retinopathie.[3] Zur Verhinderung der Progression einer diabetischen Retinopathie wird eine Senkung des Blutdrucks unter 140/80 mmHg empfohlen.
Hyperlipidämie
Patienten mit Typ-2-Diabetes mellitus und Dyslipidämie haben ein erhöhtes Risiko, harte Exsudate, eine diabetische Makulopathie und einen Visusverlust zu entwickeln. Daneben ist das Risiko für eine proliferative diabetische Retinopathie erhöht.
Diagnostik
Die Diagnose kann durch eine augenärztliche Untersuchung des Augenhintergrundes bei weitgestellter Pupille gestellt werden. Zur Abklärung des Ausmaßes der vorliegenden Gefäßverschlüsse kann eine Angiographie der Netzhautgefäße durchgeführt werden. Zur besseren Darstellung werden dabei Fluoreszenzfarbstoffe verwendet.
Eine eventuell vorliegende Rubeosis iridis kann in einer separaten Untersuchung ohne Mydriasis zuverlässig untersucht werden.
Risikostratifizierung und Untersuchungszeitpunkte[1]
| Zustand / Beschwerden | Untersuchungszeitpunkt |
|---|---|
| Erstdiagnose Typ-2-Diabetes | Zeitnah zur Statuserhebung |
| Diagnostizierter Typ-2-Diabetes ohne bekannte Retino-/Makulopathie und ohne allgemeine Risikofaktoren (z.B. Diabetesdauer > 10 Jahre, HbA1c > 7,5 %, Blutdruck > 140/85 mmHg, Nephropathie) | alle 2 Jahre |
| Diagnostizierter Typ-2-Diabetes ohne bekannte Retino-/Makulopathie, mit einem oder mehreren allgemeinen Risikofaktoren oder wenn diese dem Augenarzt nicht bekannt sind | 1 x jährlich |
|
Neu auftretende Symptome wie z.B.
|
Sofort |
| Diagnostizierte Retino-/Makulopathie | Indivuduelle Festlegung durch den Augenarzt |
Therapie
Wichtigste Maßnahme ist die Prävention. Diabetiker werden daher regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung einem Augenarzt vorgestellt. Beginnende Stadien einer diabetischen Retinopathie können so rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Zudem wird der Stoffwechsel optimalerweise so gut eingestellt, dass die diabetische Retinopathie gar nicht erst auftritt. Multifaktorielle Therapieansätze (Lebensstiländerung mit mehr Bewegung, Gewichtsreduktion bzw. -normalisierung, Raucherentwöhnung, Blutzuckereinstellung, Blutdrucksenkung, Senkung bzw. Normalisierung erhöhter Blutlipidwerte sowie medikamentöse Thrombozytenaggregationshemmung) können bei Hochrisikopatienten das Retinopathierisiko um bis zu 50 % reduzieren.
Bei proliferativer Retinopathie ist die panretinale Laserkoagulation Standardtherapie; in ausgewählten Fällen kann ergänzend eine intravitreale operative Medikamenteneingabe (IVOM) erfolgen.[1]
...bei Makulaödem
Bei einem vorliegendem Makulaödem (Flüssigkeitsansammlung im Bereich der Makula, dem Ort des schärfsten Sehens) ohne Beteiligung der Fovea centralis erfolgt die Therapie mit einer Laserkoagulation des betroffenen Areals. Bei großflächiger Retinopathie (proliferativ oder schwer nichtproliferativ) muss die Laserbehandlung auf die ganze Retina ausgeweitet werden und über mehrere Sitzungen verteilt erfolgen.
Besteht ein diabetisches Makulaödem mit Foveabeteiligung und einer Visusverschlechterung, ist eine intravitreale Injektion eines VEGF-Inhibitors indiziert. Bei Therapieresistenz kann eine intravitreale Steroidtherapie erfolgen.
Prognose
Frühzeitige Diagnose und leitliniengerechte Therapie senken das Erblindungsrisiko deutlich. Eine milde Retinopathie ist der stärkste Einzelprädiktor für die Progression zu einer visusbedrohenden Retinopathie – stärker als HbA1c-Wert, Blutdruck oder Cholesterin. Unbehandelt kann eine proliferative Retinopathie oder ein klinisch signifikantes Makulaödem zu schwerem, irreversiblem Visusverlust bis zur Erblindung führen. Nach Einleitung einer intensivierten Stoffwechseltherapie kann es, insbesondere bei vorbestehender Retinopathie und langer Diabetesdauer, zu einer vorübergehenden Frühverschlechterung kommen; langfristig überwiegt jedoch der protektive Effekt der Blutzuckerverbesserung.[1]
Podcast
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Hammes HP, Lemmen KD, Bertram B. Diabetische Retinopathie und Makulopathie. Diabetol Stoffwechs. 2024;19:S315–S321.
- ↑ UK Prospective Diabetes Study (UKPDS) Group. Intensive blood-glucose control with sulphonylureas or insulin compared with conventional treatment and risk of complications in patients with type 2 diabetes (UKPDS 33). Lancet. 1998;352(9131):837-853.
- ↑ UK Prospective Diabetes Study Group. Tight blood pressure control and risk of macrovascular and microvascular complications in type 2 diabetes (UKPDS 38). BMJ. 1998;317(7160):703-713.
Literatur
- AWMF. S3-Leitlinie: Spezielle Diagnostik und Therapie von Netzhautkomplikationen bei Diabetes. AWMF-Registernummer 045-024. Stand 08/2025. Verfügbar unter: S3-Leitlinie Netzhautkomplikationen bei Diabetes
- Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, AWMF. Nationale VersorgungsLeitlinie: Prävention und Therapie von Netzhautkomplikationen bei Diabetes. Langfassung, 2. Auflage, Version 2. 2015 (durch die S3-Leitlinie AWMF-Registernummer 045-024 aktualisiert/ersetzt).
- Lemmen et al. Stadieneinteilung und Therapie der diabetischen Retinopathie und Makulopathie – eine Übersicht Teil 2. Zeitschrift für praktische Augenheilkunde und Augenärztliche Fortbildung, 2021.
Bildquelle
- Bildquelle für Flexikon-Quiz: ©Marina Vitale / Unsplash
- Bildquelle Podcast: © Midjourney + ChatGPT + Photoshop Firefly