Diabetes mellitus Typ 1
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LoslegenSynonyme: Typ-1-Diabetes, juveniler Diabetes (obsolet), DM1
Englisch: type 1 diabetes, T1D
Definition
Der Diabetes mellitus Typ 1 ist eine Form des Diabetes mellitus, die auf einem Insulinmangel beruht. Er tritt meist infolge einer autoimmun bedingten Zerstörung der insulinproduzierenden Betazellen in den Langerhans'schen Inseln des Pankreas auf. Der Insulinmangel vermindert die insulinabhängige Glukoseaufnahme in das Muskel- und Fettgewebe und steigert die hepatische Glukoseproduktion.
siehe auch: Diabetes mellitus Typ 2, Diabetes mellitus Typ 3
Terminologie
Der Neuerkrankungsgipfel liegt bei Kindern zwischen 11 und 13 Jahren, weshalb der Typ-1-Diabetes früher auch als jugendlicher oder juveniler Diabetes bezeichnet wurde.
Verlaufsformen
Der Typ-1-Diabetes kann in jedem Lebensalter auftreten. Die Geschwindigkeit des Betazellverlusts und der daraus resultierende Insulinbedarf variieren. Während die Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen häufig rasch manifest wird, sind bei Erwachsenen sowohl rasche als auch langsam fortschreitende Verläufe möglich.
- Als LADA („latent autoimmune diabetes in adults“) wird ein langsam fortschreitender Autoimmundiabetes im Erwachsenenalter bezeichnet. Häufig verwendete Definitionskriterien sind ein Diagnosealter über 30 Jahren, der Nachweis diabetesassoziierter Autoantikörper und ein fehlender Insulinbedarf während der ersten sechs Monate nach Diagnosestellung. Diese Kriterien sind nicht als starre Grenzen zu verstehen.[1]
- Die Bezeichnung SAID („severe autoimmune diabetes“) stammt aus einer datenbasierten Clusterklassifikation des im Erwachsenenalter diagnostizierten Diabetes. Dieser Cluster umfasst sowohl klassische Typ-1-Diabetesfälle als auch LADA.[2]
Daneben findet sich in der Literatur gelegentlich das Akronym JODA (Juvenile-Onset Diabetes of the Adults) für einen ab dem 40. Lebensjahr auftretenden Typ-1-Diabetes. Dieser Begriff ist mittlerweile (2026) obsolet.
Epidemiologie
Bei ungefähr 5 % aller Diabeteserkrankungen handelt es sich um einen Typ-1-Diabetes. Er tritt meist bei Kindern und Jugendlichen auf, kann jedoch grundsätzlich in jedem Lebensalter in Erscheinung treten.
Nach Daten des Robert Koch-Instituts lebten in Deutschland 2022 rund 35.000 Kinder und Jugendliche (0–17 Jahre) mit einem Typ-1-Diabetes. Die geschätzte Neuerkrankungsrate lag im selben Jahr bei 33,2 pro 100.000 Personenjahre (ca. 4.700 Neuerkrankungen) und ist über die letzten Jahre ansteigend.[3]
Ätiopathogenese
Der Typ-1-Diabetes entsteht durch eine fehlgeleitete Autoimmunreaktion gegen pankreatische Betazellen bei genetisch prädisponierten Personen. Dabei richten sich autoreaktive T-Lymphozyten gegen die Betazellen, entsprechend sind spezifische Autoantikörper nachweisbar. Infolge der immunologischen Fehlfunktionen kommt es zum Untergang der insulinproduzierenden Zellen und zum absoluten Insulinmangel. Symptome treten erst auf, wenn bereits ein Großteil der Zellen zerstört ist.
Genetischer Risikofaktoren sind bestimmte HLA-Konfigurationen, vor allem HLA-DR3-DQ2 und HLA-DR4-DQ8. Als Umwelttrigger sind Enteroviren, besonders Coxsackie-Viren, am besten belegt. Vermutlich fördern sie die Autoimmunität über persistierende Infektion, Entzündung, molekulare Mimikry, Bystander-Aktivierung.
Typ-1-Diabetes tritt gehäuft zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen auf, besonders mit Hashimoto-Thyreoiditis, Zöliakie, Morbus Addison und autoimmuner Gastritis.
Stadien
Seit 2015 hat sich die von der ADA etablierte Stadieneinteilung des Typ-1-Diabetes durchgesetzt. Sie bildet den Krankheitsprozess von der beginnenden Inselautoimmunität bis zur klinischen Manifestation ab und ermöglicht es, die Diagnose bereits präsymptomatisch – also vor dem Auftreten klinischer Symptome – zu stellen.[4]
Unterschieden werden drei Stadien:
| Merkmal | Stadium 1 | Stadium 2 | Stadium 3 |
|---|---|---|---|
| Inselautoimmunität | vorhanden (multiple Autoantikörper) | vorhanden (in der Regel multiple Autoantikörper) | vorhanden; Autoantikörper können nicht mehr nachweisbar sein |
| Glykämie | Normoglykämie | Dysglykämie (gestörte Nüchternglukose und/oder gestörte Glukosetoleranz) | Hyperglykämie nach den Diabetes-Kriterien |
| Klinik | präsymptomatisch | präsymptomatisch | symptomatisch |
| Laborkriterien | keine gestörte Nüchternglukose oder Glukosetoleranz | Diagnose über die Standardkriterien des Diabetes mellitus |
Stadium 3 entspricht dem klinisch manifesten Typ-1-Diabetes. Für die Diagnose gelten die allgemeinen Glukosekriterien des Diabetes mellitus. Die präsymptomatischen Stadien 1 und 2 bilden die Grundlage für Früherkennung und für krankheitsmodifizierende Ansätze wie die immunmodulierende Therapie mit Teplizumab.
Symptome
Typische Symptome des Typ-1-Diabetes sind:
- Polyurie
- Polydipsie
- Polyphagie
- Leistungsabfall, Müdigkeit
- Kopfschmerzen
- Nausea, Bauchschmerzen
- Gewichtsverlust
- Pilzinfektionen der Haut
- Sehstörungen
Bei einer drohenden Ketoazidose können zusätzlich Bewusstseinstrübung, Kussmaul-Atmung und Acetongeruch auftreten.
Komplikationen
Akutkomplikationen des Typ-1-Diabetes sind Ketoazidose und therapiebedingte Hypoglykämien.
Zu den Langzeitkomplikationen zählen Retinopathie, Nephropathie, Neuropathie und kardiovaskuläre Erkrankungen. Ihre Häufigkeit und Schwere sind von der Qualität des Blutzuckermanagments abhängig.
Diagnostik
Grundlagen der Diagnostik sind die Anamnese und die körperliche Untersuchung. Die Diagnosesicherung erfolgt durch labormedizinische Untersuchungen.
Labor
Basisdiagnostik
Die Basisdiagnostik des Typ-1-Diabetes umfasst die Bestimmung von Gelegenheits-Plasmaglukose, Nüchternblutzucker und HbA1c. Ein Glukosetoleranztest ist bei klinisch manifestem Typ-1-Diabetes nicht indiziert, kommt aber in präsymptomatischen Stadien zur Anwendung.
Differenzierung
Zur diagnostischen Differenzierung von anderen Diabetesformen wird die Bestimmung verschiedener Autoantikörper herangezogen:
- Inselzellantikörper
- GAD-Antikörper (GAD-AK)
- IA2-Antikörper (IA2-AK)
- Insulinantikörper (IAA)
- Zinktransporter-8-Antikörper (ZnT8-AK)
Die Autoantikörper können schon Jahre vor Erkrankungsausbruch nachweisbar sein. Je mehr verschiedene Antikörper vorhanden sind, desto höher ist das Risiko, einen Typ-1-Diabetes zu entwickeln.
Einschätzung der Stoffwechselsituation
- pH-Wert, Bicarbonat
- Ketonkörper (Urin/Blut)
- Serumelektrolyte (Natrium Na⁺, Kalium K⁺, Chlorid Cl⁻)
- Kreatinin, Harnstoff
- CRP, Leukozyten
Fundoskopie
Eine Fundoskopie ist im Rahmen des Screenings auf Komplikationen zur Früherkennung einer diabetischen Retinopathie empfehlenswert.
Therapie
Bei manifestem Typ-1-Diabetes mit absolutem Insulinmangel ist eine dauerhafte Insulinsubstitution erforderlich. Die Insulintherapie soll im Rahmen einer strukturierten Diabetesbetreuung und einer strukturierten Diabetesschulung erfolgen; die Auswahl der Therapieform wird nach den Grundsätzen der partizipativen Entscheidungsfindung getroffen. Parallel sind eine angepasste Ernährung und körperliche Bewegung bedeutsam.[5]
Therapieziele
Als Richtwert wird bei Erwachsenen ein HbA1c-Wert ≤ 7,5 % (≤ 58 mmol/mol) angestrebt, solange keine problematischen Hypoglykämien auftreten. Ein strengerer Zielwert ≤ 6,5 % kann bei niedrigem Hypoglykämierisiko sinnvoll sein (z.B. bei neu manifestiertem Typ-1-Diabetes), ein weniger strenger Wert < 8,5 % z.B. bei ausgeprägten Komorbiditäten oder rezidivierenden schweren Hypoglykämien. Neben dem HbA1c-Wert dient die aus CGM-Daten gewonnene Time in Range als Zielparameter.[5]
Insulintherapie
Behandlungsstandard ist die intensivierte Insulintherapie (ICT), bei der Basal- und Mahlzeiteninsulin getrennt substituiert werden. Zum Einsatz kommen Humaninsuline (Normalinsulin oder Verzögerungsinsulin) oder Insulinanaloga (kurz- oder langwirksam).[5]
Glukosemonitoring
Die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) soll allen Menschen mit Typ-1-Diabetes angeboten werden. Die Entscheidung für ein System erfolgt individuell im Rahmen der partizipativen Entscheidungsfindung und erfordert eine technische Einweisung sowie eine strukturierte Schulung.[5]
Insulinpumpen- und AID-Therapie
Werden die individuellen Therapieziele unter intensivierter Insulintherapie trotz CGM nicht erreicht oder treten häufige bzw. rezidivierende schwere Hypoglykämien auf, soll eine Insulinpumpentherapie mit AID-Algorithmus angeboten werden. AID-Systeme ("Closed-Loop-Systeme") koppeln CGM und Insulinpumpe über einen Algorithmus, der die Insulinabgabe automatisiert steuert. Voraussetzung ist die Betreuung durch eine in diesen Systemen erfahrene diabetologische Einrichtung.[5]
Betazellersatz
Bei schwerer metabolischer Instabilität mit Hypoglykämien und/oder Hypoglykämiewahrnehmungsstörung sollen zunächst die konservativen Möglichkeiten einschließlich technischer Hilfsmittel ausgeschöpft werden. Bleiben diese erfolglos, können Optionen einer Betazellersatztherapie (Inseltransplantation oder Pankreastransplantation) geprüft werden.[5]
Immunmodulierende Therapie
Mit dem gegen CD3 gerichteten monoklonalen Antikörper Teplizumab (EU-Handelsname Teizeild) steht seit 2026 erstmals eine krankheitsmodifizierende Therapie zur Verfügung. Sie ist zur Verzögerung des Fortschreitens vom präklinischen Stadium 2 in das symptomatische Stadium 3 bei Personen ab 8 Jahren zugelassen und verschiebt den Übergang im Mittel um etwa zwei Jahre.[6]
Prognose
Der Typ-1-Diabetes ist mit einem erhöhten Risiko für mikro- und makrovaskuläre Folgeerkrankungen verbunden. Eine strikte Blutzuckereinstellung kann dieses Risiko erheblich senken, wie in der DCCT-Studie und ihrer Nachbeobachtung (EDIC) gezeigt wurde.[7]
Podcast
Leitlinie
- S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes, Version 5.1, Stand September 2023; gültig bis 01.09.2028.[5]
Quellen
- ↑ Buzzetti R et al. Management of Latent Autoimmune Diabetes in Adults: A Consensus Statement From an International Expert Panel. Diabetes. 2020;69(10):2037–2047.
- ↑ Ahlqvist E et al. Novel subgroups of adult-onset diabetes and their association with outcomes: a data-driven cluster analysis of six variables. Lancet Diabetes Endocrinol. 2018;6(5):361–369.
- ↑ Robert Koch-Institut: Diabetes Typ 1: Inzidenz und Prävalenz (0–17 Jahre), abgerufen am 28.09.2026
- ↑ Insel et al. Staging presymptomatic type 1 diabetes: a scientific statement of JDRF, the Endocrine Society, and the American Diabetes Association. Diabetes Care. 2015 Oct;38(10):1964-74. doi: 10.2337/dc15-1419. PMID: 26404926.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes, Version 5.1, 2023, abgerufen am 28.09.2026
- ↑ EU-Zulassung: Teplizumab verzögert Typ-1-Diabetes in Stadium 2, diabetologie-online, 2026, abgerufen am 28.09.2026
- ↑ The Diabetes Control and Complications Trial Research Group, The effect of intensive treatment of diabetes on the development and progression of long-term complications in insulin-dependent diabetes mellitus, N Engl J Med, 1993
Bildquelle
- Bildquelle Podcast: © Midjourney + ChatGPT + Photoshop Firefly