Autoimmunes polyendokrines Syndrom
Synonyme: Autoimmunes polyglanduläres Syndrom (APGS), pluriglanduläre Insuffizienz, polyendokrine Autoimmunopathien, Autoimmun-Polyendokrinopathie
Englisch: Polyglandular autoimmune syndromes (PAS), autoimmune polyendocrine syndromes
Definition
Das autoimmune polyendokrine Syndrom, kurz APS, bezeichnet ein Spektrum von gehäuft gemeinsam auftretenden Autoimmunerkrankungen, die primär endokrine Drüsen, aber auch andere Gewebe betreffen können. Es handelt sich um eine heterogene Erkrankungsgruppe, der ein allgemeiner Verlust der Autotoleranz zugrundeliegt.
- ICD10-Code: E31.0
Nomenklatur
Tritt eine isolierte endokrine Autoimmunerkrankung (monoglanduläre Autoimmunität, MGA 1) zusammen mit einer nicht-endokrinen Autoimmunerkrankung auf, spricht man von einem monoglandulären Autoimmunsyndrom (MGA 2). Diese Bezeichnung besteht unabhängig von den unten genannten Einteilungen.
Einige Autoren zählen das Kearns-Sayre-Syndrom und Wolfram-Syndrom zu den polyglandulären Syndromen, da auch hier Störungen mehrerer endokriner Organe auftreten. Diese Erkrankungen haben allerdings keinerlei Autoimmunkomponente und werden daher im Folgenden nicht weiter behandelt.
Einteilung
In der Literatur sind unterschiedliche Einteilungen der APS beschrieben. Am verbreitetsten ist eine klinische Einteilung (Betterle & Zanchetta, modifiziert nach Neufeld et al.) anhand der zu beobachtenden Erkrankungen in folgende vier Typen:[1][2][3]
- APS Typ 1 (Whitaker-Syndrom): gekennzeichnet durch mindestens zwei der Erkrankungen chronische mukokutane Candidiasis, Hypoparathyreoidismus und Morbus Addison
- APS Typ 2 (Schmidt-Syndrom): Morbus Addison (obligat) in Kombination mit einer Autoimmunthyreopathie und/oder einem Typ-1-Diabetes
- APS Typ 3: Autoimmunthyreopathien in Kombination mit definierten anderen Autoimmunerkrankungen (exklusive Morbus Addison und/oder Hypoparathyreoidismus)
- APS Typ 4: Sammelbegriff für alle weiteren Kombinationen, die nicht obenstehende Kriterien erfüllen
Während der Typ 1 im Kindesalter auftritt und monogen vererbt wird, handelt es sich bei den Typen 2, 3 und 4 um familiär gehäuft auftretende, am ehesten polygen bedingte Syndrom im Erwachsenenalter.[3]
Vertreter
APS Typ 1
Das autoimmune polyendokrine Syndrom Typ 1, auch APECED-Syndrom genannt, manifestiert sich in der Kindheit mit chronischer mukokutaner Candidiasis, Hypoparathyreoidismus und Morbus Addison. Jedoch können im Laufe der Zeit noch viele andere Organsysteme betroffen sein. Es handelt sich um eine autosomal-rezessive Mutation im AIRE-Gen auf Chromosom 21.
APS Typ 2
Das APS Typ 2, auch als Schmidt-Syndrom bezeichnet, ist häufiger als das APS Typ 1 und hat eine Prävalenz von 1 auf 100.000. Dabei betrifft es Frauen dreimal häufiger. Es beginnt oft im Erwachsenenalter und wird multifaktoriell vererbt. Als wichtigster Risikofaktor wurden Gene im HLA-Komplex auf Chromosom 6 identifiziert. Ein APS Typ 2 manifestiert sich meist mit Morbus Addison, Autoimmunthyreopathie, Diabetes mellitus Typ 1 und primärem Hypogonadismus. Weitere assoziierte Autoimmunerkrankungen sind unter anderem Zöliakie, Myasthenia gravis, Vitiligo, Alopezie und perniziöse Anämie.
APS Typ 3
Als APS Typ 3 wird die seltene Assoziation aus Autoimmunthyreoiditis und weiteren Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes, Hypophysitis, Immunthrombozytopenie, Myasthenia gravis und weiteren Autoimmunopathien subsumiert. Teils werden auch einzelne Subtypen (APS 3a bis 3d) unterteilt, die mit der Beteiligung bestimmter Organgruppen (z.B. endokrine Organe bei 3a) einhergehen.[2]
APS Typ 4
Das APS Typ 4 ist in der Regel eine Sammelbegriff für alle Konstellationen, bei denen zwei oder mehr organspezifische Autoimmunerkrankungen bestehen, die nicht Typ 1 bis 3 zugeordnet werden können. Es handelt sich hierbei somit um eine Ausschlussdiagnose. Teilweise werden auch andere Autoimmunitätssyndrome unter dem APS 4 geführt, z.B.:
- IPEX-Syndrom
- Autoimmungphänomene bei Thymustumoren
- POEMS-Syndrom
- Insulinresistenz-Syndrom Typ B
- Antiinsulinantikörper-Syndrom
- Erworbener kombinierter Hypophysenhormonmangel (CPHD) mit Anti-Pit1-Autoantikörpern
Überblick über assoziierte Krankheiten
Die wichtigsten Krankheitsassoziationen der definierten APS-Typen 1 bis 3 sind:[2][3]
| Erkrankungsgruppe | APS Typ 1 | APS Typ 2 | APS Typ 3 |
|---|---|---|---|
| endokrine und definierende Erkrankungen | obligat zwei der folgenden:
fakultativ:
|
obligat:
fakultativ:
|
obligat:
fakultativ:
|
| nichtendokrine Erkrankungen |
|
|
|
Literatur
- Eisenbarth GS, Gottlieb PA Autoimmune polyendocrine syndromes. N Engl J Med. 2004 May 13;350(20):2068-79, abgerufen am 04.07.2019
- Brabant G et al. Autoimmun polyglanduläre Syndrome: Aspekte zu Pathogenese, Prognose und Therapie, Dtsch Arztebl 2002; 99(21): A-1428 / B-1194 / C-1117, abgerufen am 04.07.2019
- Kahaly GJ et al. Polyglandular autoimmune syndromes, J Endocrinol Invest. 2018 Jan;41(1):91-98, abgerufen am 04.07.2019
- Komminoth P Polyglandular autoimmune syndromes : An overview, Pathologe 37, 253-257, abgerufen am 04.07.2019
- Hansen et al.: Autoimmune polyglanduläre Syndrome Dtsch Med Wochenschr. 2013, abgerufen am 27.05.2021
Einzelnachweise
- ↑ Neufeld et al., Autoimmune Polyglandular Syndromes, Pediatric Annals, 1980.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Betterle & Zanchetta, Update on autoimmune syndromes (APS), Acta bio-medica, 2003.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Cutolo, Autoimmune polyendocrine syndromes, Autoimmunity Reviews, 2014.