AID-System
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LoslegenSynonyme: Automatisches Insulin-Dosiersystem, Closed-Loop-System, künstliches Pankreas (umgangssprachlich)
Englisch: automated insulin delivery system, AID system, closed-loop system
Definition
Ein AID-System ist ein Medizinprodukt zur automatisierten Insulintherapie. Es koppelt ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) über einen Algorithmus mit einer Insulinpumpe. Hauptindikation ist der Typ-1-Diabetes. Einzelne Systeme sind inzwischen auch für insulinpflichtigen Typ-2-Diabetes und für die Anwendung in der Schwangerschaft zugelassen.
Aufbau
Für eine AID-Therapie sind eine Insulinpumpe, ein kompatibles CGM-System und ein kompatibler AID-Algorithmus erforderlich. Der Algorithmus berechnet anhand der aktuellen und der vorhergesagten Glukosewerte fortlaufend die abzugebende Insulinmenge. Er kann die Insulinabgabe bei drohender Hypoglykämie reduzieren oder stoppen und bei erwarteten hohen Glukosewerten steigern.[1]
Die Komponenten können in einem integrierten System eines Herstellers zusammengefasst sein. Bei interoperablen Systemen lassen sich dagegen Pumpe, Sensor und Algorithmus verschiedener Hersteller in festgelegten Kombinationen verbinden.[1]
Einteilung
Die derzeit (2026) verfügbaren AID-Systeme sind Hybrid-Closed-Loop-Systeme (HCL-Systeme). Sie geben Basalinsulin automatisch ab, Mahlzeitenboli müssen jedoch weiterhin manuell abgerufen werden. Auch körperliche Aktivität muss dem System angekündigt werden.[1] Systeme mit besonders weitgehender Automatisierung, etwa mit automatischen Korrekturboli, werden teils als Advanced-Hybrid-Closed-Loop-Systeme (AHCL) bezeichnet. Ein vollständig geschlossener Regelkreis (Full Closed Loop), der auch die Mahlzeiteninsulingabe automatisch übernimmt, ist das Ziel der Weiterentwicklung.[2]
Verfügbare Systeme
Das erste AID-System, das MiniMed 670G, wurde am 28.09.2016 von der US-amerikanischen Food and Drug Administration zugelassen. Die in Deutschland verfügbaren Systeme unterscheiden sich u.a. hinsichtlich Algorithmus, Steuergerät, Einstellmöglichkeiten und kompatibler Sensoren. Die Zulassungen werden laufend erweitert. So erhielt das MiniMed 780G im Juli 2025 die CE-Kennzeichnung auch für Typ-2-Diabetes, für die Schwangerschaft und für Kinder ab 2 Jahren.[3]
Do-it-yourself-Systeme
Do-it-yourself-AID-Systeme (DIY-AID), auch Open-Source-AID-Systeme genannt, kombinieren kompatible Insulinpumpen und Glukosesensoren mit Software, deren Quellcode öffentlich zugänglich ist. Beispiele sind AndroidAPS, Loop und OpenAPS. Sie ermöglichen eine individuelle Konfiguration, erfordern aber technische Kenntnisse und eine eigenverantwortliche Einrichtung und Anwendung.
Die Nutzung eines DIY-AID-Systems sollte offen mit dem betreuenden Diabetesteam besprochen werden. Ein internationaler Konsens empfiehlt, Anwender weiterhin diabetologisch zu betreuen, über Nutzen und Risiken aufzuklären und sie im Rahmen der eigenen fachlichen Kompetenz zu unterstützen. Fehlen systemspezifische Kenntnisse, kann eine Weitervermittlung an erfahrene Einrichtungen sinnvoll sein.[4]
Indikationen
Die S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes gibt folgende Empfehlungen.[1] Eine AID-Therapie soll empfohlen bzw. angeboten werden
- bei Nichterreichen der individuellen Therapieziele unter intensivierter Insulintherapie trotz CGM
- bei häufigen oder rezidivierenden schweren Hypoglykämien unter intensivierter Insulintherapie mit CGM
- bei Nichterreichen der Therapieziele unter laufender manueller Pumpentherapie
Die Auswahl erfolgt nach den Grundsätzen der partizipativen Entscheidungsfindung. Voraussetzungen sind – neben der technischen Einweisung – die Betreuung und Schulung durch eine erfahrene diabetologische Einrichtung bzw. ein qualifiziertes diabetologisches Team. Bei der Auswahl sind unter anderem die CE-Kennzeichnung für Lebensalter und Schwangerschaft sowie die individuelle Messgenauigkeit des Sensors zu berücksichtigen.[1]
Wirksamkeit
AID-Systeme verbessern die Time in Range, also den Anteil der Zeit, in dem der Glukosewert im Zielbereich liegt. In einer Metaanalyse stieg die Time in Range (70–180 mg/dl) unter AID-Therapie um etwa 10 %. Zudem senken AID-Systeme den HbA1c-Wert und verringern Hypoglykämien. Studien zum Langzeit-Outcome in Form harter Endpunkte fehlen aufgrund der kurzen Marktverfügbarkeit bislang.[1]
Limitationen
Mahlzeiten und körperliche Aktivität müssen weiterhin angekündigt werden. Weitere Einschränkungen ergeben sich aus der zeitlichen Verzögerung der Gewebeglukosemessung gegenüber dem Blutzucker, aus Sensorungenauigkeiten sowie aus technischen Störungen von Sensor, Pumpe oder Katheter. Bei einer Unterbrechung der Insulinzufuhr droht eine Ketoazidose. Anwender müssen daher jederzeit auf eine manuelle Insulintherapie mit Pumpe oder Pen zurückgreifen können.[2]
Rechtliches
AID-Systeme unterliegen in der Europäischen Union der Verordnung (EU) 2017/745 über Medizinprodukte (MDR). Für das Inverkehrbringen ist eine CE-Kennzeichnung erforderlich. Bei Systemen aus mehreren Komponenten muss die Zweckbestimmung des Gesamtsystems vom Hersteller abgedeckt sein. Die Konformitätsbewertung umfasst dann auch die sichere Zusammenschaltung der vorgesehenen Komponenten.[5] Kombinationen außerhalb der vorgesehenen Konfiguration, wie bei DIY-Systemen, sind nicht von der Zulassung abgedeckt.[1]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 AWMF - S3-Leitlinie Therapie des Typ-1-Diabetes, AWMF-Registernummer 057-013, Version 5.1, 2023
- ↑ 2,0 2,1 Sherr et al., Automated insulin delivery: benefits, challenges, and recommendations. A Consensus Report of the Joint Diabetes Technology Working Group of the European Association for the Study of Diabetes and the American Diabetes Association, Diabetologia, 2023
- ↑ Medtronic - Medtronic secures CE Mark for MiniMed 780G System, abgerufen am 19.10.2026
- ↑ Braune K et al. Open-source automated insulin delivery: international consensus statement and practical guidance for health-care professionals. Lancet Diabetes Endocrinol. 2022;10(1):58–74.
- ↑ Europäisches Parlament, Rat der Europäischen Union - Verordnung (EU) 2017/745 über Medizinprodukte. Amtsblatt der Europäischen Union, 2017