Epidermale Nekrolyse
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenEnglisch: epidermal necrolysis
Definition
Die epidermale Nekrolyse, kurz EN, ist eine seltene, überwiegend arzneimittelinduzierte Überempfindlichkeitsreaktion, die mit einer ausgedehnten Apoptose der Keratinozyten und nachfolgender Ablösung von Epidermis und Schleimhäuten einhergeht. Als übergeordneter Begriff umfasst sie das Stevens-Johnson-Syndrom (SJS), die SJS/TEN-Übergangsform und die toxische epidermale Nekrolyse (TEN).[1]
Hintergrund
Das Stevens-Johnson-Syndrom und die toxische epidermale Nekrolyse wurden früher aufgrund klinischer Ähnlichkeiten als schwere Verlaufsformen des Erythema exsudativum multiforme (EEM) angesehen. Diese Einschätzung gilt heute (2026) als überholt: Das EEM wird als eigenständige, meist infektassoziierte Krankheitsentität betrachtet, während SJS, Übergangsform und TEN als Ausprägungen ein und derselben Entität – der epidermalen Nekrolyse – mit unterschiedlichem Schweregrad aufgefasst werden. Innerhalb der schweren kutanen Arzneimittelreaktionen (SCARs) zählt die EN neben dem DRESS-Syndrom und der akuten generalisierten exanthematischen Pustulose (AGEP) zu den wichtigsten Vertretern.[1]
Epidemiologie
Ätiologie
Häufigste Auslöser sind Medikamente, unter anderem:
- Allopurinol
- Coxibe (Celecoxib)
- Antiepileptika (Carbamazepin, Phenytoin, Lamotrigin)
- Analgetika (Metamizol; verschiedene nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID), u.a. Ibuprofen, Diclofenac)
- Antibiotika (Sulfonamide, Cotrimoxazol)
Die Latenz zwischen erster Einnahme des auslösenden Medikaments und dem Beginn der Reaktion beträgt meist 4 bis 28 Tage.
Seltener werden Infektionen, Impfungen oder maligne Erkrankungen als Auslöser beobachtet. Die früher der EN zugerechnete, durch Mycoplasmoides pneumoniae ausgelöste mukokutane Erkrankung wird heute überwiegend als eigenständige Entität abgegrenzt.[2]
Pathophysiologie
Die epidermale Nekrolyse ist eine T-Zell-vermittelte Reaktion vom Typ IV. Durch das auslösende Agens stimulierte zytotoxische CD8+-T-Lymphozyten induzieren über Granulysin, den Fas-Liganden (Fas/FasL) sowie Perforin und Granzym B eine ausgedehnte Apoptose der Keratinozyten. Granulysin gilt dabei als zentraler Mediator des Zelluntergangs.[3]
Zur Bildung des neoantigenen Agens-Gewebe-Komplexes werden drei Modelle diskutiert:[1]
- Kovalente Bindung des Arzneistoffs an ein zelluläres Protein (Hapten-/Prohapten-Konzept)
- nicht-kovalente, direkte Interaktion des Arzneistoffs mit einem MHC-Klasse-I-Molekül und dem T-Zell-Rezeptor (p-i-Konzept)
- Präsentation eines veränderten Selbst-Repertoires
Das Risiko ist teilweise genetisch determiniert: Bestimmte HLA-Allele prädisponieren wirkstoff- und ethnienspezifisch, unter anderem HLA-B*15:02 (Carbamazepin, vor allem bei Han-Chinesen), HLA-B*58:01 (Allopurinol) und HLA-A*31:01 (Carbamazepin).[1]
Als Schlüsselmechanismus der Entzündungsreaktion wurde die Aktivierung des JAK/STAT-Signalwegs identifiziert. Mittels Deep Visual Proteomics ließen sich eine ausgeprägte Typ-I- und Typ-II-Interferonsignatur sowie eine STAT1-Aktivierung in Immunzellen und Keratinozyten nachweisen – ein Ansatzpunkt für den off-label-Einsatz von JAK-Inhibitoren.[4]
Einteilung
Die Zuordnung zu den drei Formen richtet sich nach dem Anteil der Körperoberfläche (KOF) mit epidermaler Ablösung. Mit steigendem Ausmaß nimmt die Letalität deutlich zu:
| Form | Epidermale Ablösung (KOF) | Letalität (dt. Register) |
|---|---|---|
| Stevens-Johnson-Syndrom | < 10 % | 13 % |
| SJS/TEN-Übergangsform | 10–30 % | 42 % |
| Toxische epidermale Nekrolyse | > 30 % | 49 % |
Zur Bestimmung ist das gesamte ablösbare Epithel (positives Nikolski-Phänomen), nicht nur bereits abgelöste Areale, heranzuziehen.[1]
Symptome
Der Erkrankung geht meist eine Prodromalphase mit Fieber und allgemeinem Krankheitsgefühl voraus. Anschließend treten schmerzhafte Makulae und atypische Kokarden auf, die konfluieren. Es folgen Blasenbildung, Nekrose und flächige Ablösung der Epidermis (Epidermolyse) mit erheblichen Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten.
Die Schleimhäute – v.a. von Mund, Augen und Urogenitaltrakt – sind fast immer betroffen. Die okuläre Beteiligung ist prognostisch bedeutsam, da sie zu bleibenden Schäden der Augenoberfläche führen kann.[1]
Diagnostik
Die Diagnose wird klinisch anhand der Medikamentenanamnese und des typischen Hautbefundes gestellt und histopathologisch gesichert.
Klinische Untersuchung
Bei Verdacht erfolgt unverzüglich eine dermatologische, bei wahrscheinlicher Diagnose zeitnah auch eine ophthalmologische Untersuchung. Das Nikolski-Phänomen ist positiv.
Histologie
Eine Hautbiopsie wird möglichst früh entnommen. Charakteristisch ist eine vollflächige (transepidermale) Nekrose der Epidermis mit subepidermaler Spaltbildung und nur spärlichem dermalem Entzündungsinfiltrat. Die direkte Immunfluoreszenz ist negativ und dient der Abgrenzung gegenüber bullösen Autoimmundermatosen und dem Staphylococcal scalded skin syndrome (SSSS).[1]
Therapie
Die Behandlung erfolgt stationär und interdisziplinär. Alle als Auslöser infrage kommenden Medikamente müssen sofort abgesetzt werden – dies ist die wichtigste kausale Maßnahme.
Die supportive Therapie orientiert sich am Verbrennungsmanagement und umfasst Volumen- und Elektrolytsubstitution, Temperatur- und Wundmanagement sowie eine sterile Abdeckung der betroffenen Areale. Eine Verlegung auf die Intensivstation oder in ein Brandverletztenzentrum richtet sich nach Alter, Ausmaß der Ablösung und Organfunktionsstörungen. Die Patienten werden zur Reduktion des Infektionsrisikos isoliert.
Ergänzend kann eine immunmodulierende Systemtherapie mit Cyclosporin, Kortikosteroiden oder Etanercept individuell erwogen werden. Ein pauschaler Prognosevorteil ist nicht gesichert. Eine Monotherapie mit intravenösen Immunglobulinen ist nicht abschließend beurteilbar.[1][5] In kleinen Fallserien wurden off-label JAK-Inhibitoren wie Abrocitinib und Tofacitinib mit rascher Rückbildung eingesetzt.[4]
Prognose
Die Prognose hängt wesentlich vom Ausmaß der Hautablösung ab. Zur Abschätzung der Sterbewahrscheinlichkeit dient der SCORTEN, ein anhand von sieben klinischen und laborchemischen Parametern berechneter Score. Bei Überlebenden sind Folgeschäden häufig – insbesondere an Augen, Haut, Nägeln und Schleimhäuten sowie als psychische Langzeitfolgen.[1]
Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 Heuer R, Paulmann M et al. S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der epidermalen Nekrolyse (Stevens-Johnson-Syndrom und toxisch epidermale Nekrolyse). AWMF-Registernummer 013-103. 2024.
- ↑ Canavan TN et al. Mycoplasma pneumoniae-induced rash and mucositis as a syndrome distinct from Stevens-Johnson syndrome and erythema multiforme: a systematic review. J Am Acad Dermatol. 2015;72(2):239-245.
- ↑ Hoetzenecker W et al. Toxic epidermal necrolysis. F1000Res. 2016;5:F1000 Faculty Rev-951.
- ↑ 4,0 4,1 Nordmann TM, Anderton H, Hasegawa A et al. Spatial proteomics identifies JAKi as treatment for a lethal skin disease. Nature. 2024;635:1001-1009.
- ↑ Zimmermann S et al. Systemic Immunomodulating Therapies for Stevens-Johnson Syndrome and Toxic Epidermal Necrolysis: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Dermatol. 2017.