DRESS-Syndrom
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenAbk. für: Drug Rash with Eosinophilia and Systemic Symptoms
zu deutsch: Arzneimittelreaktion mit Eosinophilie und systemischen Symptomen
Synonyme: (medikamentöses) Hypersensitivitätssyndrom, HSS, Drug-induced Hypersensitivity Syndrome, DiHS, Überempfindlichkeitssyndrom
Englisch: DRESS syndrome, drug-induced hypersensitivity syndrome
Definition
Das DRESS-Syndrom ist eine seltene, potenziell lebensbedrohliche hypererge Reaktion auf die Einnahme eines Medikamentes. Es ist charakterisiert durch Exanthem, Fieber, hämatologische Veränderungen und viszeralen Organbefall. Das DRESS-Syndrom gehört zur Gruppe der schweren kutanen Arzneimittelreaktionen (SCARs).[1]
Hintergrund
Das DRESS-Syndrom tritt bei etwa 1 von 1.000 bis 1 von 10.000 Expositionen gegenüber auslösenden Substanzen auf und zählt damit zu den selteneren, aber besonders schweren Arzneimittelreaktionen der Haut.
Ätiologie
Zahlreiche Arzneimittel können ein DRESS-Syndrom auslösen. Am häufigsten sind Antikonvulsiva, Antibiotika und Allopurinol verantwortlich.[2] Zu den relevanten Auslösern zählen u.a.:
- Abacavir
- Allopurinol
- Carbamazepin
- Clobazam
- Dapson
- Immuntherapeutika, z.B. Ipilimumab[3]
- Lamotrigin[4]
- Levetiracetam
- Minocyclin
- Modafinil
- Nevirapin
- Phenobarbital
- Phenytoin
- Strontiumranelat
- Sulfonamide
- Vancomycin
Genetische Prädisposition
Für mehrere Wirkstoffe sind HLA-Assoziationen belegt, die das Risiko eines DRESS-Syndroms erhöhen:
| Wirkstoff | HLA-Allel |
|---|---|
| Allopurinol | HLA-B*58:01 |
| Carbamazepin | HLA-A*31:01 |
| Abacavir | HLA-B*57:01 |
| Phenytoin | CYP2C9*3-Varianten (HLA-B*15:02 ist spezifisch mit Phenytoin-induziertem SJS/TEN, nicht mit DRESS assoziiert) |
Pathophysiologie
Der genaue Mechanismus ist bisher (2026) nicht vollständig geklärt. Es wird von einem komplexen Zusammenspiel aus Arzneimittel, Viren und einer überwiegend T-Zell-vermittelten Immunreaktion ausgegangen.[1] Charakteristisch ist die Reaktivierung von Herpesviren, insbesondere des humanen Herpesvirus 6 (HHV-6), seltener auch von EBV, CMV oder HHV-7. Zusätzlich wird ein erblich bedingter Defekt des Arzneimittelmetabolismus diskutiert.
Symptome
Das typische Zeichen ist ein generalisiertes Exanthem der Haut, das in der Regel 2–6 Wochen nach Beginn der Medikamenteneinnahme auftritt – in seltenen Fällen früher oder erst nach bis zu 8 Wochen.[1] Häufig imponiert ein morbilliformes bzw. makulopapulöses Bild.
Im Unterschied zu einem einfachen Arzneimittelexanthem sind beim DRESS-Syndrom immer auch hämatologische Veränderungen und mindestens ein Zeichen eines viszeralen Befalls nachweisbar. Die Betroffenen klagen oft über hohes Fieber und weisen Ödeme im Gesicht sowie Lymphadenopathien auf. Hämatologisch finden sich Eosinophilie, atypische Lymphozytose und Thrombozytopenie.
Viele Organe können von einer Entzündung betroffen sein, u.a. Leber, Lunge, Niere, Schilddrüse und das Nervengewebe. Im Vordergrund steht die toxische Hepatitis, die bis zum Leberversagen fortschreiten kann.
Diagnostik
Klinische Untersuchung
Wegweisend ist die Kombination aus Exanthem, Fieber, Gesichtsödem und Lymphadenopathie in typischem zeitlichem Zusammenhang mit einer Medikamenteneinnahme.
Labor
Zu bestimmen sind Blutbild (Eosinophilie, atypische Lymphozyten, Thrombopenie, Anämie), Leberwerte, Nierenwerte und Schilddrüsenwerte. Eine Hautbiopsie kann ergänzend hilfreich sein.
Bildgebung
Je nach Organbeteiligung sind eine Abdomensonografie oder ein Röntgen-Thorax indiziert.
Diagnosekriterien
Zur Diagnosesicherung dient der Score des internationalen Registers für schwere kutane Arzneimittelreaktionen (RegiSCAR). Bewertet werden:
- Fieber ≥ 38,5 °C
- Lymphadenopathie (≥ 2 Regionen)
- Eosinophilie
- atypische Lymphozyten
- Hautbeteiligung (Ausdehnung, Morphologie, Biopsie)
- Organbeteiligung
- Krankheitsdauer > 15 Tage
- Ausschluss anderer Ursachen
Die Summe erlaubt die Einordnung als möglich (2–3 Punkte), wahrscheinlich (4–5 Punkte) oder gesichert (> 5 Punkte).[2]
Differentialdiagnosen
Das DRESS-Syndrom kann leicht mit folgenden Krankheitsbildern verwechselt werden:
- Stevens-Johnson-Syndrom (SJS)
- Toxische epidermale Nekrolyse (TEN)
- Eosinophile Zellulitis (Wells-Syndrom)
- Akute generalisierte exanthematische Pustulose (AGEP)
- Staphylococcal Scalded Skin Syndrome (SSSS)
- EMPACT-Syndrom
Therapie
Der wichtigste Schritt ist das sofortige Absetzen des auslösenden Medikaments. Die weitere Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad, der anhand der Leber-, Nieren- und Blutbeteiligung sowie der Beteiligung weiterer Organe eingeteilt wird.[5]
Bei mildem Verlauf ohne relevante Organbeteiligung werden topische Glukokortikoide und supportive Maßnahmen eingesetzt. Bei moderatem bis schwerem Verlauf mit Organbeteiligung sind systemische Glukokortikoide (z.B. Prednisolon 0,5-1 mg/kg KG/d) mit langsamer Reduktion über mehrere Wochen Mittel der Wahl. Bei therapierefraktären Verläufen kommen steroidsparende Optionen wie Ciclosporin oder intravenöse Immunglobuline (IVIG) in Betracht.[2]
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Prognose
Die Mortalität wird je nach Studie mit etwa 2–10 % angegeben. Neuere Übersichtsarbeiten berichten Werte um 3,8 %[2] bzw. bis zu 9 %.[6] Häufigste Todesursachen sind fulminante Hepatitis und Lebernekrose. Prognostisch ungünstig sind ausgeprägte Eosinophilie, Thrombozytopenie, Panzytopenie und Koagulopathie.[2] Als Langzeitfolgen können Autoimmunerkrankungen (u.a. Thyreoiditis, Diabetes mellitus Typ 1) auftreten. Zudem besteht ein Rezidivrisiko bei erneuter Exposition.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Wei BM et al. Drug-induced hypersensitivity syndrome/drug reaction with eosinophilia and systemic symptoms. Part I. J Am Acad Dermatol. 2024;90(5):885-908.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Calle AM et al. DRESS syndrome: A literature review and treatment algorithm. World Allergy Organ J. 2023;16(3):100673.
- ↑ Fachinformation zu YERVOY® (Ipilimumab), Arzneimittelregister der europäischen Kommission, aufgerufen am 27.11.2024.
- ↑ Demas N, Shaikh MB. Amoxicillin and lamotrigine-induced DRESS syndrome: A case report. Clin Case Rep. 2024;12:e9487.
- ↑ Brüggen MC et al. Management of Adult Patients With DRESS: A Delphi-Based International Consensus. JAMA Dermatol. 2024;160(1):37-44.
- ↑ Awad A et al. Drug Reaction With Eosinophilia and Systemic Symptoms: A Systematic Review. J Allergy Clin Immunol Pract. 2023;11(6):1856-1868.