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Urolithiasis (Hund)

Synonyme: Harnsteinleiden, Harnsteine (umgangssprachlich)
Englisch: urolithiasis

1 Definition

Als Urolithiasis bezeichnet man das Vorkommen von Harnsteinen (Urolithen) in den harnbildenden und/oder harnableitenden Organen beim Hund.

2 Erkrankungen

Anhand der Lokalisation der Harnsteine können folgende Krankheitsbilder unterschieden werden:

3 Vorkommen

Die große Mehrheit an Urolithen werden in der Harnblase oder in der Harnröhre gefunden. Am häufigsten kommen Struvit- und Kalziumoxalatsteine vor.

Struvitsteine betreffen bevorzugt Hündinnen, da sie häufiger an Harnwegsinfektionen leiden als Rüden. Männchen hingegen leiden vermehrt an obstruktiven Harnsteinen, da ihre Harnröhren länger und deutlich enger sind. Die Erkrankung tritt bei Hunden jeder Altersgruppe auf, jedoch werden sie vermehrt bei Hunden mittleren Alters beobachtet.

4 Harnsteine

Harnsteine können aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung voneinander unterschieden werden. Beim Hund kommen in absteigender Reihenfolge folgende Harnsteinarten vor:

5 Ätiologie

Urolithiasis ist eine multifaktorielle Erkrankung, die durch das Zusammenspiel verschiedener Einflüsse entsteht. Neben Infektionskrankheiten des Harntrakts begünstigen auch Entgleisungen des Mineralstoff- sowie Hormonhaushalts und die Zusammensetzung der Ernährung die Bildung von Urolithen.

6 Pathogenese

Unabhängig von den Auslösern kommt es bei der Erkrankung initial zu einer Übersättigung des Harns mit Kristallen, die letztendlich akkumulieren und auch ausgeschieden werden (Kristallurie). Übersteigt die Kristallbildung die Ausscheidungsrate oder kommt es aus unterschiedlichen Gründen zu eine verminderten Harnabsatz, können die im Harn befindlichen Partikel Aggregate bilden und letztendlich Harnsteine formen.

6.1 Struvitsteine

Ein wichtige Rolle in der Entstehung von Harnsteinen scheinen Harnwegsinfektionen mit Urease-bildenden Bakterien zu spielen. Da diese Bakterien Harnstoff zu Ammoniak und Kohlendioxid spalten, entstehen während der Hydrolyse des Ammoniaks Ammonium- und Hydroxidionen. Diese Zwischenprodukte alkalisieren den Urin, weshalb die Löslichkeit für Struvit verringert wird. Gleichzeitig erhöht eine bakteriell bedingte Zystitis die Menge an organischem Debris, der wiederum als Nidus für eine Kristallbildung dienen kann und letztendlich Struvitsteine enstehen lässt.

6.2 Kalziumoxalatsteine

Kalziumoxalatsteinen treten am häufigsten bei Hunden mit vorübergehender postprandialer Hyperkalzämie und Hyperkalzurie auf. Der Großteil dieser Tiere leidet an verminderten Parathormonkonzentrationen im Serum. Veränderten Kalziumkonzentrationen können auch bei Hunden beobachtet werden, die unter einer gestörten tubulären Kalzium-Resorption, primärem Hyperparathyreoidismus, Lymphomen, Vitamin D-Intoxikationen, verringerter Citratkonzentrationen im Urin oder vermehrter Oxalatzufuhr über die Ernährung leiden.

Ein saurer Harn fördert zusätzlich die Entstehung von Kalziumoxalatsteinen. Hunde, die Dosenfutter mit hohen Kohlenhydratanteilen fressen, scheinen daher ein erhöhtes Risiko zu haben, Kalziumoxalatsteine auszubilden.

6.3 Uratsteine

Uratsteine setzen sich aus den schwer löslichen Salzen der Harnsäure zusammen, die vorwiegend durch einen metabolischen Abbau von endogenen Purin-Ribonukleotiden und Nukleinsäuren aus der Nahrung entstehen. Aufgrund eines Gendefekts leiden Dalmatiner verstärkt unter einem mangelhaften Transport von Harnsäure in der Leber, was wiederum zu einer verringerten Produktion von Allantoin und einer erhöhten Ausscheidung von Harnsäure im Urin bedingt. Da diese Hunderasse zusätzlich an einer verminderten proximale tubulären Resorption und distalen tubulären Sekretion von Harnsäure leidet, treten Uratsteine bei Dalmatinern besonders häufig auf.

Hunde mit Leberinsuffizienzen (z.B. aufgrund eines kongenitalen portosystemischen Shunts) können aufgrund einer erhöhten renalen Ausscheidung von Ammoniumurat ebenfalls Harnsteine aus den Salzen der Harnsäure bilden.

6.4 Silikatsteine

Silikatsteine weisen oft eine stachapfelförmige Gestalt auf und entstehen vermutlich im Zusammenhang mit einer erhöhten oralen Aufnahme von Silikaten, Kieselsäure oder Magnesiumsilikat. Neben männlichen Deutschen Schäferhunden besitzen auch Englische Schäferhunde (Bobtails) ein erhöhtes Risiko für die Bildung von Silikatsteinen.

6.5 Zystinsteine

Zystinsteine kommen aufgrund einer erblichen Störung des renalen tubulären Transports vor. Sie werden vermehrt in saurem Harn gebildet.

7 Klinik

Die Symptome einer Urolithiasis können vielfältig sein. Sie hängen einerseits von der Lokalisation und von der Art der Steine, andererseits von der zugrundeliegenden Erkrankung ab.

Bei einer Harnwegsinfektion leiden die Tiere vermehrt an Hämaturie, Pollakisurie und Strangurie. Die Harnsteine sind vielfach in der Harnblase oder in der Harnröhre anzutreffen. Bei kleinen Harnsteinen, die sich in der Urethra von Rüden festsetzen, entwickelt sich häufig eine partielle oder gar vollständige Harnwegsobstruktion. Infolge dessen kommt es zu einer Erweiterung der Harnblase, druckdolentem Abdomen, Strangurie, paradoxer Inkontinenz und/oder Zeichen einer postrenalen Azotämie (Erbrechen, Depression). Gelegentlich tritt als Komplikation eine Harnblasenruptur auf, die ein Uroperitoneum nach sich zieht.

8 Differenzialdiagnosen

Als Differenzialdiagnosen sind v.a. Harnwegsinfektionen sowie Neoplasien und granulomatöse Entzündungen des Harntrakts auszuschließen.

9 Diagnose

Anhand der Anamnese und der klinischen Untersuchung können erste Hinweise für eine Verdachtsdiagnose gewonnen werden.

Die Diagnose wird letztendlich mittels bildgebenden Verfahren (z.B. Röntgenuntersuchung, Ultraschall). Als Goldstandard gilt eine Doppelkontrast-Zystographie bzw. -urethrograpie, da sie die sensitivste Methode ist, um Harnsteine zu erkennen. Parallel dazu ist der Harn sowohl mikroskopisch als auch bakteriologisch zu untersuchen und ein Blutbild inkl. Serologie und Elektrolytstatus anzufertigen.

10 Therapie

Die Therapie hängt einerseits von der Lokalisation und Art der Harnsteine, andererseits vom Schweregrad der Symptome und dem radiologischen Befund ab. Grundsätzlich ist aber zwischen einer konservativen und einer chirurgischen Behandlung zu unterscheiden.

Indikationen für eine chirurgische Intervention bestehen dann, wenn

Eine medikamentöse Auflösung der Harnsteine hingegen sollte nur bei Struvit-, Urat- oder Zystinsteine versucht werden.

Steinart Behandlungsoption Prophylaxe
 Struvit
  • operative Entfernung oder Auflösung
  • Auflösung mittels spezieller Diät
  • antegrade Urohydropropulsion
  • spezielle Diät
  • Kontrolle des Harn-pH-Werts und -sediments
  • Harnwegsinfektionen vorbeugen
  • Harn-pH < 6,5 bzw.BUN < 10 mg/dl und USG < 1020
Kalziumoxalat
  • operative Entfernung
  • antegrade Urohydropropulsion
  • spezielle Diät
  • Harn-pH > 7,0
  • keine Vitamin C- oder Vitamin D-Supplementation
Urat
  • spezielle Diät
  • Allopurinol verabreichen (wenn notwendig)
Silikat
  • operative Entfernung
  • spezielle Diät
  • Fressen von Schmutz verhindern
Zystin
  • operative Entfernung
  • Auflösung mittels spezieller diät
  • Anwendung von D-Penicillamin oder N-(2-Mercaptopropionyl)-glycin (MPG)
  • spezielle Diät
  • Thiole-enthaltende Medikamente (wenn notwendig)

11 Prognose

Die Rezidivrate liegt zwischen 12 und 25 %. Zystin- und Uratsteine neigen eher zu Rezidiven als Phosphatsteine. Um eine erneute Erkrankung zu vermeiden, sind unbedingt präventive Maßnahmen wie ein streng eingehaltener Diätplan und die Vermeidung von Harnwegsinfektionen einzuhalten.

12 Literatur

  • Fossum TW. 2007. Chirurgie der Kleintiere. 2. Auflage. München: Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag. ISBN: 978-3-437-57091-9

Diese Seite wurde zuletzt am 15. April 2021 um 21:14 Uhr bearbeitet.

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