Dermatomyositis
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonym: Lila-Krankheit
Englisch: dermatomyositis
Definition
Die Dermatomyositis, kurz DM, ist eine systemische Autoimmunerkrankung aus der Gruppe der idiopathischen entzündlichen Myopathien. Sie befällt charakteristischerweise Haut und quergestreifte Muskulatur und kann zudem Lunge, Herz, Gelenke und Speiseröhre betreffen.
Epidemiologie
Dermatomyositis ist eine seltene Erkrankung. Die geschätzte jährliche Inzidenz liegt bei etwa 1,1 pro 100.000 Personenjahre, die Prävalenz bei etwa 13 pro 100.000 Einwohnern.[1] Für die Gruppe der idiopathischen entzündlichen Myopathien insgesamt werden Inzidenzen von 0,2–2 und Prävalenzen von 2–25 pro 100.000 angegeben. Je nach Region und Studienkohorte bestehen deutliche Unterschiede.[2] Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Erkrankung hat zwei Erkrankungsgipfel. Ein Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. Ein zweiter Gipfel tritt im Kindesalter vor dem 15. Lebensjahr auf und wird als juvenile Dermatomyositis bezeichnet.[2][3]
Ätiologie
Die genaue Ursache der Dermatomyositis ist bisher (2026) nicht vollständig geklärt. Angenommen wird ein Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren. Zu den möglichen Auslösern zählen beispielsweise UV-Exposition, Virusinfektionen und bestimmte Medikamente. Bei einem Teil der Fälle wird zudem ein Malignom als möglicher Auslöser angenommen, insbesondere bei Nachweis von Anti-TIF1-γ- oder Anti-NXP2-Antikörpern.
Bei Erwachsenen mit Dermatomyositis findet sich eine erhöhte Rate an assoziierten Malignomen, wobei die Angaben in der Literatur je nach Kohorte und Beobachtungszeitraum erheblich schwanken. Das Risiko ist bei Nachweis von Anti-TIF1-γ- oder Anti-NXP2-Antikörpern sowie bei Erkrankungsbeginn nach dem 40. Lebensjahr am höchsten.[4] Im Gegensatz dazu ist die juvenile Dermatomyositis nicht mit einem erhöhten Tumorrisiko assoziiert.
Pathogenese
Bei der Erkrankung kommt es vor allem zu einer Schädigung der kleinen Blutgefäße und einer erhöhten Aktivität von Typ-I-Interferonen.[5] In den kleinen Gefäßen der Muskulatur können sich Bestandteile des Komplementsystems ablagern, insbesondere der Membranangriffskomplex C5b-9. Dadurch werden die Kapillaren geschädigt und teilweise zerstört. Die daraus entstehende verminderte Durchblutung des Muskelgewebes trägt vermutlich zur typischen perifaszikulären Muskelfaseratrophie bei.
Zusätzlich ist der Typ-I-Interferon-Signalweg in Haut und Muskelgewebe sowie im Blut verstärkt aktiviert. Die anhaltende Aktivierung dieses Signalwegs fördert entzündliche und zelluläre Stressreaktionen und trägt zur Schädigung von Muskelfasern und der Kapillaren des Muskelgewebes bei.
Einteilung
Die Dermatomyositis wird anhand des klinischen Phänotyps und des Antikörperprofils in mehrere Subtypen unterteilt:
| Subtyp | Charakteristika |
|---|---|
| Klassische Dermatomyositis | Haut- und Muskelbeteiligung gemeinsam vorhanden |
| Amyopathische bzw. hypomyopathische DM | Typische Hautveränderungen ohne bzw. mit nur gering ausgeprägter Muskelschwäche |
| Juvenile Dermatomyositis | Manifestation vor dem 15. Lebensjahr, kein erhöhtes Malignomrisiko |
| Tumorassoziierte DM | Enger zeitlicher Zusammenhang mit einem Malignom, v.a. bei Anti-TIF1-γ- oder Anti-NXP2-Positivität |
| Anti-MDA5-assoziierte DM | Häufig amyopathisch, hohes Risiko für rasch progrediente interstitielle Lungenerkrankung |
Diese Einteilung ist klinisch relevant, da sie sowohl das Malignomrisiko als auch die Prognose und Therapieentscheidungen beeinflusst.
Klinik
Klinisch äußert sich die Dermatomyositis initial häufig mit Allgemeinsymptomen wie leichtem Fieber, Krankheitsgefühl, Gewichtsverlust und Arthralgien. Im Verlauf kommen spezifischere Haut- und Muskelsymptome hinzu.
Muskelbeteiligung
Typisch ist eine über Wochen bis Monate zunehmende, symmetrische Schwäche der rumpfnahen (proximalen) Muskulatur. Betroffen sind vor allem Schulter- und Beckengürtel, sodass Treppensteigen, Aufstehen und das Anheben der Arme erschwert sind. Häufig, aber nicht immer, bestehen zusätzlich Muskelschmerzen. Bei Befall der Schlundmuskulatur kann eine Dysphagie auftreten. Bei einem Teil der Patienten bestehen typische Hautveränderungen ohne klinisch fassbare Muskelschwäche (amyopathe bzw. hypomyopathe Dermatomyositis).
Hautbeteiligung
- Hochcharakteristische Hautzeichen:
- Heliotropes Erythem: rötlich-violettes (lilafarbenes), meist symmetrisches Erythem der Oberlider und um die Augenhöhle, häufig mit Schwellung.
- Gottron-Papeln: erythematöse bis violette Papeln und Plaques über den Streckseiten der Fingergrund-, -mittel- und -endgelenke (pathognomonisch).
- Gottron-Zeichen: erythematöse Flecken über den Streckseiten von Fingern, Ellenbogen und Knien, seltener Knöcheln.
- Weitere charakteristische Hautzeichen:
- Keining-Zeichen: gerötete und verdickte Nagelfalzregion, bei der das Zurückschieben der Nagelhaut schmerzhaft ist.
- V-Zeichen: Erythem an unterer vorderer Halsseite und oberem Brustbereich.
- Schal-Zeichen: Erythem über hinterem Nacken, Schultern und oberem Rücken.
- Holster-Zeichen: symmetrische Poikilodermie/Erythem an Hüften und seitlichen Oberschenkeln.
- Poikilodermie: Kombination aus Hyper-/Hypopigmentierung, Teleangiektasien und oberflächlicher Hautverdünnung, v.a. an oberer Brust und seitlichen Oberarmen.
Die Hautveränderungen sind häufig lichtempfindlich (Photosensibilität) und oft mit Juckreiz verbunden. Kalkeinlagerungen in Haut und Unterhaut (Calcinosis cutis) kommen auch vor, besonders bei der juvenilen Form.[6]
Weitere Organbeteiligung
Die Erkrankung kann über Haut und Muskel hinaus weitere Organe betreffen, wobei klinisch folgende Beschwerden im Vordergrund stehen:
- Lunge: zunehmende Belastungsdyspnoe und trockener Husten als Zeichen einer interstitiellen Lungenerkrankung (ILD).
- Herz: Herzstolpern und Palpitationen (Herzrhythmusstörung), seltener Zeichen einer Herzinsuffizienz (Kardiomyopathie) bei Myokarditis.
- Gelenke: Gelenkschmerzen und Gelenkschwellungen.
- Ösophagus: Schluckbeschwerden und Sodbrennen bei Beteiligung der Speiseröhre.
- Gefäße: anfallsartige Blässe und Verfärbung der Finger bei Kälte (Raynaud-Phänomen).
Diagnostik
Die Diagnose stützt sich auf die Kombination aus proximaler Muskelschwäche und charakteristischen Hautzeichen und wird durch Muskelenzyme und myositisspezifische Antikörper gesichert. Ergänzend werden laut aktueller Leitlinie bildgebende und elektrophysiologische Verfahren sowie bei unklarem Befund eine Muskelbiopsie eingesetzt, um die Diagnose zu sichern und Differentialdiagnosen auszuschließen.[7]
Laborwerte
- Creatinkinase (CK) meist erhöht, kann aber auch bei aktiver Dermatomyositis im Normbereich liegen
- Aldolase gelegentlich einzig erhöhter Wert
- ergänzend LDH und Transaminasen (AST, ALT), CRP/BSG in aktiver Phase erhöht
Autoantikörper
- Myositis-Panel bei Verdacht auf Myositis; myositisspezifische Antikörper der Dermatomyositis: Anti-Mi2-, Anti-TIF1γ-, Anti-NXP2-, Anti-SAE-, Anti-MDA5-Antikörper
- ANA bei der Dermatomyositis in der Mehrzahl der Fälle positiv (ca. 60–80 %), jedoch wenig spezifisch; ein negativer ANA schließt eine Dermatomyositis nicht aus und ist mit einem höheren Malignomrisiko assoziiert.[8]
Ergänzende Verfahren
Nur bei unklarem oder seronegativem Befund:
- Muskelbiopsie zur Bestätigung und zum Ausschluss von Differenzialdiagnosen. Bei der Dermatomyositis findet sich eine perifaszikuläre Atrophie (hochspezifisch, gering sensitiv), MxA-Überexpression und eine Komplementablagerung (Membranangriffskomplex C5b-9) an Kapillaren
- MRT der proximalen Muskulatur zur Aktivitätsbeurteilung und Biopsieplanung (Muskelödem in T2)
- EMG mit myopathischem Muster, v.a. zur Abgrenzung neurogener Ursachen
- Hautbiopsie: Interface-Dermatitis mit vakuoliger Basalzelldegeneration und dermaler Muzinablagerung
- Nagelfalzkapillaroskopie: Nachweis dilatierter oder rarefizierter Kapillarschlingen als unterstützender Befund
Tumorscreening
Risikoeinschätzung
Bei Erwachsenen mit Dermatomyositis besteht ein erhöhtes Malignomrisiko. Die Dermatomyositis selbst gilt dabei bereits als Hochrisikofaktor. Weitere Hochrisikofaktoren sind:
- Anti-TIF1γ-Antikörper
- Anti-NXP2-Antikörper
- Erkrankungsbeginn > 40 Jahre
- persistierend hohe Krankheitsaktivität trotz immunsuppressiver Therapie
- mittelgradige bis schwere Dysphagie
- kutane Nekrosen oder Ulzerationen
Bei Dermatomyositis ohne weiteren Hochrisikofaktor besteht ein moderates Malignomrisiko. Liegt mindestens ein weiterer Hochrisikofaktor vor, wird das Risiko als hoch eingestuft. Die internationale Leitlinie der IMACS (International Myositis Assessment and Clinical Studies Group) empfiehlt bei allen Erwachsenen mit neu diagnostizierter Dermatomyositis die Bestimmung myositisspezifischer und -assoziierter Antikörper zur Risikostratifizierung.[4]
Empfohlenes Tumorscreening
Bei moderatem Risiko ist bei Diagnosestellung ein Basis-Screening und ein erweitertes Screening sinnvoll.
Das Basis-Screening umfasst Anamnese und körperliche Untersuchung sowie Blutbild, Leberwerte, Entzündungsparameter, Serum-Protein-Elektrophorese, Immunfixation und freie Leichtketten, Urinstatus und Röntgen-Thorax.
Das erweiterte Screening umfasst insbesondere eine CT von Hals, Thorax, Abdomen und Becken sowie geschlechtsspezifische Tumormarker (z.B. PSA, CA-125) und gegebenenfalls weitere alters- und geschlechtsspezifische Früherkennungsuntersuchungen.[4]
Bei hohem Malignomrisiko werden Basis- und erweitertes Screening ebenfalls bei Diagnosestellung durchgeführt. Das Basis-Screening wird anschließend über drei Jahre jährlich wiederholt werden. Bei ausgewählten Hochrisikopatienten können zusätzlich ein FDG-PET/CT oder eine Endoskopie des gastrointestinalen Trakts (ÖGD, Koloskopie) erwogen werden.
Differentialdiagnosen
Die wichtigsten Differentialdiagnosen sind:
- andere Formen idiopathischer entzündlicher Myopathie:
- Antisynthetase-Syndrom
- Immunvermittelte nekrotisierende Myopathie
- Einschlusskörpermyositis
- Overlap-Myositis bei systemischen Autoimmunerkrankungen:
- Polymyositis (nach aktueller Klassifikation zunehmend als Ausschlussdiagnose betrachtet)
- Neuromuskuläre Erkrankungen:
- Viren-assoziierte Myositis
- Sarkoidose-Myositis
- Trichinose
- medikamenteninduzierte Myopathien z.B. durch Steroide, Statine, Cimetidin, Penicillamin, Chloroquin
Therapie
Ziel ist die rasche Entzündungskontrolle bei möglichst früher Kortisoneinsparung. Begleitend UV-Schutz, Physiotherapie und bei Erwachsenen Tumorscreening.[7]
Induktion
- Prednisolon 1 mg/kg/Tag (max. 80 mg); bei schwerem Verlauf Methylprednisolon-Pulstherapie 500 – 1000 mg i.v. über 3–5 Tage
- von Beginn an mit einem klassischen Immunsuppressivum kombiniert
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Erhaltungstherapie
Zusätzlich zu einer oralen Prednisolontherapie:
- Methotrexat 10–25 mg/Woche oder Azathioprin 2–3 mg/kg/Tag
- bei Lungenbeteiligung Mycophenolat-Mofetil 2–3 g/Tag oder Calcineurininhibitor (Tacrolimus, Ciclosporin)
- Steuerung der Therapie nach Muskelkraft, nicht allein nach CK
Unter einer Kombinationsimmunsuppression ist das Infektionsrisiko deutlich erhöht. Eine Pneumocystis-jirovecii-Prophylaxe mit Trimethoprim/Sulfamethoxazol senkt dieses Risiko nachweislich und ist zu erwägen.[9]
Schwerer oder refraktärer Verlauf
Zusätzlich zur Kombination von Steroid und klassischem Immunsuppressivum:
- intravenöse Immunglobuline (IVIG) 2 g/kg alle 4 Wochen, früh bei hoher Krankheitslast (z.B. signifikant eingeschränkte Gehfähigkeit, Dysphagie). IVIG ist derzeit die einzige für die Dermatomyositis zugelassene Therapie (Immunmodulation bei aktiver Erkrankung unter Immunsuppression bzw. bei Unverträglichkeit oder Kontraindikation); alle übrigen hier genannten Substanzen werden Off-Label eingesetzt.[10]
- Rituximab 1 g Tag 0 und 14
- JAK-Inhibitor (z.B. Tofacitinib 2× 5 mg/Tag); Brepocitinib 30 mg/Tag zeigte in einer Phase-3-Studie positive Ergebnisse, ist aber bislang (2026) nicht zugelassen
Rasch progrediente interstitielle Lungenerkrankung (ILD)
Eine rasch progrediente ILD, insbesondere bei Anti-MDA5-Positivität, kann innerhalb weniger Wochen zum respiratorischen Versagen führen und erfordert eine unverzügliche intensivierte Therapie.
- hochdosierte Glukokortikoide + Cyclophosphamid + Calcineurininhibitor (Tacrolimus), ggf. plus JAK-Inhibitor oder Rituximab
- ggf. Plasmapherese
Prognose
Die Prognose der Dermatomyositis ist sehr unterschiedlich und in publizierten Kohorten uneinheitlich angegeben. Entscheidend sind vor allem das Ausmaß der Organbeteiligung und das Autoantikörperprofil.[1] Die Sterblichkeit ist im ersten Krankheitsjahr am höchsten.
Ungünstige Prognosefaktoren sind:
- interstitielle Lungenerkrankung (ILD)
- begleitende Malignomerkrankung
- höheres Lebensalter
- schwere Dysphagie mit Aspirationsgefahr
Besonders ungünstig verläuft die anti-MDA5-positive Dermatomyositis, aufgrund rasch progredienter interstitieller Lungenerkrankung mit erhöhter kurzfristiger Mortalität in den ersten 6–12 Monaten. Die kritische Phase liegt in den ersten Wochen bis etwa 6 Monaten, danach stabilisiert sich häufig der Verlauf. Die anti-Mi-2-positive Dermatomyositis ist innerhalb der Dermatomyositis-Subtypen prognostisch günstiger, mit gutem Therapieansprechen.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Kronzer VL et al. Incidence, Prevalence, and Mortality of Dermatomyositis: A Population-Based Cohort Study. Arthritis Care Res (Hoboken). 2023;75(2):348-355.
- ↑ 2,0 2,1 Khoo T et al. Epidemiology of the idiopathic inflammatory myopathies. Nat Rev Rheumatol. 2023;19(11):695-712.
- ↑ Aslan E et al. Different age, different phenotype: a comparative analysis of juvenile and adult-onset dermatomyositis from a tertiary center. Rheumatology (Oxford). 2026.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Oldroyd AGS et al. International Guideline for Idiopathic Inflammatory Myopathy-Associated Cancer Screening: an International Myositis Assessment and Clinical Studies Group (IMACS) initiative. Nat Rev Rheumatol. 2023;19(12):805-817.
- ↑ Allenbach Y et al. Inflammatory Myopathies. N Engl J Med. 2026.
- ↑ SpringerLink. Mögliche Hautläsionen bei Dermatomyositis. hautnah dermatologie. 2017.
- ↑ 7,0 7,1 AWMF. S2k-Leitlinie Myositissyndrome. AWMF-Registernummer 030/054. 2022 (Gültigkeit verlängert bis 2027). Verfügbar unter: S2k-Leitlinie Myositissyndrome.
- ↑ Barbosa RA, Shinjo SK. Characterization of Antinuclear, Myositis-Specific, and Myositis-Associated Antibodies in a Large Sample of Patients With Idiopathic Inflammatory Myopathies. Cureus. 2026;18(3):e104553.
- ↑ Yuan G et al. Prevalence and clinical correlates of infection in idiopathic inflammatory myopathies: A systematic review and meta-analysis of 14,548 patients. Autoimmun Rev. 2026;25(8):104088.
- ↑ Werth VP et al. Efficacy of intravenous immunoglobulins (IVIg) in improving skin symptoms in patients with dermatomyositis: a post-hoc analysis of the ProDERM study. EClinicalMedicine. 2023;64:102234.