Ipidacrin
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LoslegenHandelsname(n): Ipidacrin Md-Pharm®, Neiromidin®, Ipigrix®, Axamon®
Synonyme: Ipidacrinhydrochlorid, Amiridin, NIK-247
Englisch: ipidacrine
Definition
Ipidacrin ist ein reversibler Cholinesterasehemmer, der zusätzlich spannungsabhängige Kaliumkanäle blockiert. Er wird zur symptomatischen Behandlung von Neuropathien, der Myasthenia gravis, der Alzheimer-Krankheit und der Darmatonie eingesetzt. In Deutschland ist der Arzneistoff bisher (2026) nicht zugelassen.
Chemie
Ipidacrin ist ein Aminochinolin-Derivat (9-Amino-2,3,5,6,7,8-hexahydro-1H-cyclopenta[b]chinolin) mit der Summenformel C12H16N2 und einer molaren Masse von 188,3 g/mol. Strukturell handelt es sich um ein ringverengtes Analogon von Tacrin; arzneilich eingesetzt wird das Hydrochlorid-Monohydrat.
Wirkmechanismus
Ipidacrin verstärkt die cholinerge Übertragung über zwei einander ergänzende Mechanismen. Zum einen hemmt es reversibel und nichtselektiv die Acetylcholinesterase sowie die Butyrylcholinesterase, sodass Acetylcholin im synaptischen Spalt langsamer abgebaut wird. Zum anderen blockiert es Kaliumkanäle der Membran von Neuronen und Muskelzellen. Dadurch verzögert sich die Repolarisation, das Aktionspotential am präsynaptischen Nervenende wird verlängert und pro Impuls wird mehr Neurotransmitter freigesetzt.[1]
Klinisch resultiert daraus eine Verbesserung der neuromuskulären Übertragung und der Erregungsleitung im peripheren Nervensystem, auch nach Blockade durch Trauma, Entzündung, Lokalanästhetika oder bestimmte Antibiotika. Hinzu kommen eine gesteigerte Kontraktilität der glatten Muskulatur und eine mäßige Stimulation des ZNS mit sedierenden Anteilen. Die Wirkung an der glatten Muskulatur betrifft nicht nur Acetylcholin, sondern auch Adrenalin, Serotonin, Histamin und Oxytocin.
Pharmakokinetik
Nach oraler Gabe wird Ipidacrin rasch resorbiert, überwiegend aus dem Duodenum und in geringerem Ausmaß aus dem übrigen Dünndarm. Nach einer Dosis von 10 mg wird die maximale Plasmakonzentration innerhalb einer Stunde erreicht. Die Plasmaproteinbindung liegt bei 40 bis 55 %. Der Wirkstoff verteilt sich schnell in die Gewebe; im Verteilungsgleichgewicht finden sich nur noch etwa 2 % der Substanz im Plasma.
Die Metabolisierung erfolgt in der Leber. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt rund 40 Minuten. Ipidacrin wird renal und extrarenal eliminiert, wobei die renale Ausscheidung überwiegt und hauptsächlich über die tubuläre Sekretion verläuft; nur etwa ein Drittel wird glomerulär filtriert. Unverändert im Urin wiedergefunden werden 3,7 % einer oralen und 34,8 % einer parenteralen Dosis. Die systemische Exposition unterscheidet sich zwischen intramuskulärer und oraler Gabe, sodass beim Wechsel der Applikationsform eine Dosisanpassung nötig sein kann.[2]
Indikationen
Ipidacrin wird bei Erwachsenen eingesetzt zur:
- symptomatischen Behandlung erworbener Mononeuropathien und Polyneuropathien
- adjuvanten symptomatischen Behandlung der Myasthenia gravis
- adjuvanten symptomatischen Behandlung einer bulbären Dysfunktion in der Erholungsphase nach einem den Hirnstamm betreffenden ischämischen Schlaganfall
- adjuvanten symptomatischen Behandlung motorischer Defizite in der Erholungsphase nach ischämischem oder hämorrhagischem Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma
- symptomatischen Behandlung der leichten bis mittelschweren Alzheimer-Krankheit mit oder ohne vaskuläre Demenz
- symptomatischen Behandlung der Darmatonie
Nicht mehr zugelassen sind seit der Überprüfung durch die EMA 2026 die zuvor geführten Anwendungsgebiete Neuritis, Polyneuritis, Polyradikuloneuropathie, myasthenes Syndrom unterschiedlicher Ätiologie und demyelinisierende Erkrankungen.[3]
Nebenwirkungen
Die Verträglichkeit gilt insgesamt als gut; die meisten unerwünschten Wirkungen beruhen auf der Stimulation von Muskarinrezeptoren und treten dosisabhängig auf:
- Hypersalivation
- Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, epigastrische Schmerzen
- Palpitationen, Bradykardie
- vermehrtes Schwitzen
- Schwindel, Kopfschmerzen, Somnolenz
- vermehrte Bronchialsekretion
- allergische Hautreaktionen mit Pruritus und Exanthem
- Muskelkrämpfe und Schwäche
- Überempfindlichkeitsreaktionen bis hin zu anaphylaktischem Schock, toxischer epidermaler Nekrolyse und Larynxödem
Hypersalivation und Bradykardie lassen sich durch Parasympatholytika wie Atropin abmildern. Bei ausgeprägten Nebenwirkungen wird die Dosis reduziert oder die Therapie für 1 bis 2 Tage unterbrochen.
Wechselwirkungen
In Kombination mit zentral dämpfenden Arzneimitteln verstärkt Ipidacrin deren sedierende Wirkung. Zusammen mit anderen Cholinesterasehemmern oder Parasympathomimetika nehmen Wirkung und Nebenwirkungen zu; bei Myasthenia gravis steigt dadurch das Risiko einer cholinergen Krise. Eine Vorbehandlung mit Betablockern erhöht die Gefahr einer Bradykardie. Alkohol verstärkt die unerwünschten Wirkungen.
Kontraindikationen
Kontraindiziert ist Ipidacrin bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
- Epilepsie
- extrapyramidalen Störungen mit Hyperkinesen
- Angina pectoris
- ausgeprägter Bradykardie
- Asthma bronchiale
- mechanischer Obstruktion von Darm oder Harnwegen
- akutem Ulcus ventriculi bzw. Ulcus duodeni
- vestibulären Störungen
- Schwangerschaft und in der Stillzeit
Die Substanz erhöht den Uterustonus und kann vorzeitige Wehen auslösen. Besondere Vorsicht ist geboten bei Ulkusanamnese, Thyreotoxikose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen und eingeschränkter Leberfunktion. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist die Sicherheit nicht belegt.[2]
Zulassung
Ipidacrin wurde in der Sowjetunion entwickelt und ist seit 1997 in Europa im Verkehr. Nationale Zulassungen bestehen unter anderem in Österreich, Bulgarien, Kroatien, Finnland, Ungarn, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Rumänien, der Slowakei und Slowenien. In Deutschland ist der Wirkstoff nicht zugelassen.[3]
Auf Antrag der irischen Arzneimittelbehörde leitete die EMA 2025 eine Überprüfung ein. Anlass waren Zweifel an der Wirksamkeitsevidenz sowie Hinweise für eine Lebertoxizität. Der CHMP kam im September 2026 zu dem Schluss, dass der Nutzen die Risiken weiterhin überwiegt, empfahl aber eine deutliche Einschränkung und Präzisierung der Anwendungsgebiete, die Beschränkung der Verordnung auf erfahrene Ärzte sowie einen Warnhinweis zur Lebersicherheit.[3]
Quellen
- ↑ Kojima J et al. Ipidacrine (NIK-247): A Review of Multiple Mechanisms as an Antidementia Agent. CNS Drug Rev. 1998;4(3):247-259.
- ↑ 2,0 2,1 European Medicines Agency. Ipidacrine-containing medicinal products, Article 31 referral – Annex III. 17.09.2026.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 European Medicines Agency. Ipidacrine-containing medicinal products – referral. EMA/210708/2026, 18.09.2026.