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Asperger-Syndrom

nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger (1906-1980)
Englisch: Asperger's syndrome

1 Definition

Das Asperger-Syndrom ist eine in der Kindheit auftretende Form des Autismus. Manche Autoren fassen das Asperger-Syndrom jedoch auch als eine dem Autismus ähnliche, jedoch eigenständige Entität auf.

  • ICD-10-Code: F84.5 Asperger-Syndrom

2 Einordnung

Im DSM-5 und in der ICD-11 wird das Asperger-Syndrom nicht mehr als Einzelstörung bzw. Einzeldiagnose aufgeführt, sondern den Autismusspektrumstörungen ("autism spectrum disorders") zugeordnet. Man geht heute (2018) davon aus, dass es sich beim Asperger-Syndrom nur um eine mögliche Ausprägung des Autismus handelt.

3 Epidemiologie

Verlässliche Zahlen für das Asperger-Syndrom existieren nicht, weil es keine allgemein anerkannten Diagnosekriterien gibt. Verschiedene Studien geben eine Häufigkeit von

Das bedeutet, dass statistisch betrachtet etwa 16 bis 27 Personen pro 10.000 Einwohner vom Asperger-Syndrom betroffen sein können. Repräsentative Untersuchungen zur Häufigkeit des Asperger-Syndroms im Erwachsenenalter liegen jedoch zur Zeit (2019) noch nicht vor.

In den 1990er Jahren galt beim Asperger-Syndrom ein Männer/Frauen-Verhältnis von 8:1. Später wurde ein Verhältnis von 4:1 angegeben, manchmal liest man heute (2019) auch von einem Verhältnis 3:1 bis 2:1. Diese ungenaue Angabe der Verteilung kann darauf beruhen, dass das Asperger-Syndrom bei Frauen schwerer zu diagnostizieren ist als bei Männern oder dass es bei Frauen häufiger übersehen wird. Es dürfte jedoch davon auszugehen sein, dass das Verhältnis eher bei 2:1 liegt.

4 Ätiologie

Die genauen Ursachen der Erkrankung sind zur Zeit (2018) unklar und Gegenstand der Grundlagenforschung. Verschiedene genetische Einflüsse können zu einer Störung der regulären Gehirnentwicklung führen. Klinisch lassen sich anatomische und funktionelle Veränderungen feststellen, die vor allem die synaptischen Verbindungen zwischen den Nervenzellen betreffen (Konnektom).

5 Symptome

Das Asperger-Syndrom manifestiert sich meist im Schulalter. Das Symptombild ist sehr variantenreich, wobei das gemeinsame Hauptmerkmal eine Störung der sozialen Interaktion ist. Da jeder Mensch autistische Wesenszüge hat, ist eine klare Abgrenzung häufig schwierig. Die Symptome können im Einzelfall so gering ausgeprägt sein, dass sie als "normal" gelten. Mögliche Symptome sind u.a.:

5.1 Verbale Kommunikation

  • Kommunikationsmangel
  • in der Regel normale Sprachentwicklung, manchmal pedantische Sprechweise erkennbar
  • auffällige Sprachmelodie (Prosodie)
  • teilweise emotionslose und roboterhafte Sprechweise
  • betroffene Kinder können altklug erscheinen (sog. Little-Professor-Syndrom)
  • Probleme mit der Wertung vom zweideutigen Aussagen, Sarkasmus und Ironie
  • Smalltalk erscheint oft langweilig
  • Teilweise wörtliches Auffassen von Aussagen und Redewendungen
  • Aussagen ("Um 20 Uhr werden die Bürgersteige hochgeklappt") werden manchmal visualisiert, was zu starker Verwirrung führen kann

5.2 Nonverbale Kommunikation

  • Beeinträchtigung der nonverbalen Kommunikation (Gestik, Mimik)
  • Eigene und fremde nonverbale Signale werden nicht richtig gesetzt bzw. gedeutet.
  • Das "Spiegeln" in einer sozialen Interaktion ist defizitär - auf ein Lächeln der Eltern reagiert das Kind z.B. nicht mit einem Zurücklächeln.
  • Abnormaler Blickkontakt (äußert sich bspw. in Vermeidung von direktem Augenkontakt, da sich Betroffene so besser auf das Gegenüber konzentrieren können)

5.3 Emotionalität

  • verminderte oder in Teilbereichen auch verstärkte emotionale Schwingungsfähigkeit und Empathie
  • emotionale Intelligenz in Teilbereichen eingeschränkt

5.4 Individualverhalten

  • Stereotypes Sortieren von Gegenständen nach für Außenstehende nicht oder nicht sofort erkennbaren System (bei anderer Anordnung dieser Gegenstände Stressreaktionen)
  • Stereotype, ritualisierte Handlungen und Festhalten an gleichen Vorgehensweisen
  • Stressreaktionen bei plötzlichen Änderungen in Vorgehensweise und Planung
  • Überraschungen führen zu Überforderung

5.5 Sozialverhalten

  • Verschlossenheit bzw. wenn Kontaktsuche der Betroffenen, dann zu älteren Kindern oder Erwachsenen anstatt zu Gleichaltrigen
  • Unvermögen, auf soziale Interaktionen adäquat zu reagieren
  • Soziale Regeln werden nicht oder nur ungenügend wahrgenommen (Wrong-Planet-Syndrom).
  • Betroffene Kinder sagen oft geradeaus, was sie denken, ohne Rücksicht auf Gefühle anderer.
  • Bemühen um Ehrlichkeit und Wahrheit, teilweise stark gesteigerter Gerechtigkeitssinn (die eigene Ehrlichkeit wird bei anderen ebenfalls angenommen, weshalb Asperger-Betroffene manchmal naiv und leichtgläubig erscheinen)

5.6 Kognition

  • Notwendigkeit klarer Strukturen und Regeln
  • Theory of Mind-Defizit (Schwierigkeit, sich in Gefühls- und Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen)
  • Störungen bei der Wahrnehmung, Filterung und Verarbeitung von sensorischen Reizen (Hyper- oder Hyporeaktivität)
  • Vermeidung von Berührungen/Umarmungen
  • in der Regel durchschnittliche Intelligenz, in Teilbereichen auch überdurchschnittliche Intelligenz beobachtbar
  • überdurchschnittliches Erkennen von Mustern in Zahlen, Bildern oder Gegebenheiten möglich
  • begrenzte Interessen oder in ihrer Intensität abnorme Spezialinteressen (stundenlanges Nachgehen dieser)

5.7 Motorik

  • Beeinträchtigung/Störung in der Grob-/Feinmotorik (Betroffene erscheinen ungeschickt)

Einzelne Symptome werden häufig überbewertet. Dass ein Kind sein Spielzeug auf eine bestimmte Art anordnet, muss nicht auf autistische Züge oder Autismus hinweisen. Ebenso bedeutet eine hohe Rechenfähigkeit im Vorschulalter nicht, dass ein Kind das Asperger-Syndrom hat oder gar hochbegabt ist. Die Symptome sollten daher von erfahrenen Spezialisten bewertet werden.

Das Asperger-Syndrom wird auch "unsichtbarer Autismus" genannt, weil das Syndrom bei betroffenen erwachsenen Menschen nicht sofort sichtbar wird. Sie haben gelernt, ihre Einschränkungen erfolgreich vor anderen Menschen zu verstecken. Dennoch können auch nach außen hin "normal" erscheinende Erwachsene mit dem Asperger-Syndrom massiv unter ihrem Alltag und diversen Situationen leiden.

6 Diagnostik

Die Diagnostik des Asperger-Syndroms ist komplex und erfordert ein interdisziplinäres Vorgehen, das die Bewertung genetischer, neurologischer, psychomotorischer, kognitiver und sozialer Faktoren einbezieht und das Kind in verschiedenen Situationen in Bezug auf sein Verhalten, seine Interessen, seine Aktivitäten und seine Alltagskompetenz bewertet.

Meist wird die Diagnose in einem Alter zwischen 4 und 11 Jahren gestellt. Mögliche Diagnosekriterien wurden u.a. von Gillberg und Szatmari vorgeschlagen.

Als Screening-Verfahren sind einsetzbar:

Für eine weitere Diagnosesicherung stehen folgende strukturierte Interviewverfahren zur Verfügung:

Bekannte Probleme bei der Diagnostik des Asperger-Syndroms sind Unterdiagnostik, Überdiagnostik und Fehldiagnosen, die für das Kind ebenso traumatisch sein können wie für die Familien.

7 Komorbiditäten

7.1 ...mit dem Asperger-Syndrom

7.2 ...mit Autismusspektrumstörungen allgemein

8 Differentialdiagnosen

Zu den möglichen Differentialdiagnosen gehören:

9 Therapien

Da die genauen Ursachen des Asperger-Syndroms unbekannt sind, gibt es zur Zeit (2018) keine kausale Therapie. Die sozialen Fähigkeiten können durch Training zumindest ausgebaut werden. In Europa existieren in größeren Städten zudem diverse Selbsthilfegruppen für Menschen mit Asperger-Syndrom sowie eine Reihe von Foren. Der Austausch von Betroffenen untereinander kann sehr hilfreich sein.

10 Asperger-Syndrom als "Mode-Diagnose"

In den letzten 10 bis 15 Jahren ist zu beobachten, dass sich das Asperger-Syndrom zu einer Modediagnose entwickelt hat. Ein Beispiel ist der Physiker Sheldon Cooper aus der Serie "The Big Bang Theory", der witzig und reizvoll dargestellt wird. Diese Darstellung verharmlost jedoch die Auswirkungen des Asperger-Syndroms für die wirklich Betroffenen stark.

11 Weblinks

Fixed. Da gibt es zahlreiche Quellen, die sich gegenseitig widersprechen.
#8 am 25.06.2018 von Dr. Frank Antwerpes (Arzt)
Hallo Das Asperger-Syndrom zeichnet sich vorallem dadurch aus, dass es zu keiner Sprachentwicklungsverzögerung kommt. Das unterscheidet sie von den hochfunktionalen Autisten (HFA) und ist derzeit auch das einzige Unterscheidungsmerkmal. Siehe auch https://autismus-kultur.de/autismus/asperger-syndrom-high-functioning-autismus-gibt-es-einen-unterschied.html
#7 am 25.06.2018 von Jens Jedermann (Nichtmedizinische Berufe)
Ist durch eure Anpassungen ein sehr guter Artikel geworden, finde ich zumindest.
#6 am 21.06.2018 von Jens Jedermann (Nichtmedizinische Berufe)
Danke. Wir haben noch ein bisschen dran gefeilt. Der Artikel ist jetzt deutlich umfangreicher.
#5 am 20.06.2018 von Dr. Frank Antwerpes (Arzt)
Hab noch ein paar Ergänzungen angebracht. Hoffe es ist o.k. so...
#4 am 19.06.2018 von Jens Jedermann (Nichtmedizinische Berufe)
Danke für den Hinweis. Gefixt. Es wäre schon, wenn Sie den Artikel noch weiter ergänzen würden!
#3 am 18.06.2018 von Dr. Frank Antwerpes (Arzt)
Das Asperger-Syndrom wird nach ICD-11 wohl in der Autismusspektrumstörung (ASS) aufgehen. Im DSM-5 spricht man nicht mehr vom Asperger-Syndrom sondern vom "Spektrum autistischer Störungen". Das hier beschriebene Erscheinungsbild erscheint mir dem Thema nicht gerecht zu werden. Vorausschicken möchte ich jedoch, dass es nicht den Menschen mit Asperger-Syndrom schlechthin gibt, also keinen Prototypen. Die beschriebenen Erscheinungsbilder können zutreffen, ihr einzelnes Fehlen jedoch ist kein automatisches Ausschlusskriterium, was das Asperger-Syndrom verneinen würde.
#2 am 18.06.2018 von Jens Jedermann (Nichtmedizinische Berufe)
Gast
Das Aspergersyndrom ist eine besondere Art des Autismus. Erwachsene, haben meisst mühe mit der Formulierung, so dass andere ihn verstehen - nachvollziehen kann. Meisst haben Aspi's einen erhöhten IQ, werden oft als direkt, zu offen und kennen die Grenzen nicht deklariert, da dass Einfühlungsvermögen und die zwischenmenschliche Interaktionen oft " falsch- nicht der normentsprechend" sind. Es ist völlig verständlich, dass eine Person, die angst davor hat, anderen in das Gesicht, geschweige in die Augen zusehen nicht genügend übung im Umgang anderen Menschen haben kann.
#1 am 24.09.2012 von Gast

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