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Theory of Mind

von englisch: theory - Theorie, mind - Geist

1 Definition

Die Theory of Mind, kurz ToM, ist ein Konzept aus der Psychologie und den Kognitionswissenschaften. Es bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, mentale Inhalte wie Überzeugungen, Wünsche, Emotionen oder Intentionen in sich selbst und in anderen Personen zu erkennen. Somit ist die ToM eine wesentliche Voraussetzung eine erfolgreichen sozialen Interaktion.

2 Hintergrund

Der Begriff wurde von den Psychologen David Premack und Guy Woodruff 1978 geprägt, um die bei Schimpansen scheinbar vorhandene Fähigkeit zu beschreiben, die Absichten ihrer Artgenossen am Gesicht abzulesen.[1]

3 Einteilung

  • Kognitive ToM: Beschreibt das eher rationale Erschließen von mentalen Zustände anderer ("Ich weiß, was du weißt.")
  • Affektive ToM: Bezeichnet das emotionale Nachempfinden der Gefühle des Gegenübers ("Ich fühle, was du fühlst.")

4 Theoretische Grundlagen der ToM

Die philosophischen Grundlagen der Theory of Mind werden aus der Erkenntnistheorie abgeleitet. Dabei gibt es verschiedene Erklärungsansätze der ToM:

  • Simulationstheorie: Der Mensch hat unmittelbaren Zugang zum mentalen Geschehen. Ein Kind muss nur noch verstehen, was andere denken, indem es die Perspektive der anderen Person einnimmt und simuliert, was man selbst in der Situation denken würde.
  • Theorie-Theorie: Da mentale Zustände nicht direkt beobachtbar sind, müssen sie wie theoretische Begriffe erschlossen werden. Das Verständnis des eigenen und fremden mentalen Geschehens erschließt sich simultan.
  • Modularitätstheorie: Das psychologische Verständnis basiert auf einem angeborenen Modul der Informationsverarbeitung, das die Wahrnehmung und Interpretation von Personen und Handlungen leitet. Kinder scheitern an ToM-Aufgaben durch eine begrenzte Informationsverarbeitungskapazität.

5 Entwicklungspsychologie

Bei alltäglichen Verhaltenserklärungen bezieht sich jeder Mensch auf zwei Konzepte ("belief-desire-psychology"):

  • Das Konzept des Wissens bzw. der Überzeugung (belief)
  • Das Konzept des Wunsches bzw. der Absicht (desire)

1983 untersuchten Heinz Wimmer und Josef Perner erstmals systematisch die Entwicklung der Unterscheidung zwischen Überzeugung und Realität. Bei ihrem Experiment (false-belief-Aufgabe) wird Kindern folgende Geschichte erzählt: "Maxi legt eine Tafel Schokolade in einen grünen Schrank und geht weg. Anschließend nimmt die Mutter die Tafel und legt sie in einen blauen Schrank. Wenn Maxi wiederkommt, wo wird er nach der Schokolade suchen?"[2]

Kinder ab dem 4. Lebensjahr wählten den grünen Schrank als Antwort, sodass sie die falsche Überzeugung einer Person unabhängig von ihrem Wissen über den Realitätszustand repräsentieren. Sie sagten die Handlung aufgrund der Zuschreibung von einer Überzeugung vorher. Fast alle Kinder unter dem 4. Lebensjahr hielten den blauen Schrank für die richtige Antwort. Es wurde geschlussfolgert, dass Kinder vor dem 4. Lebensjahr noch keine Theory of Mind besitzen.

Weitere Studien konnten zeigen, dass ein klarer Alterstrend zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr herrscht. In diesem Altersbereich entwickeln Kinder die Fähigkeit, andere aktiv zu täuschen und fangen an, konsistent zwischen Schein und Sein zu unterscheiden, d.h. sie verstehen, dass ein und dasselbe Objekt aussehen kann wie X, jedoch in Wirklichkeit Y ist.[3] Dieser Übergang in der Alltagspsychologie des Kindes im 3. und 4. Lebensjahr zeigt Anfänge bereits vor dem zweiten Lebensjahr, jedoch nur im Bereich des Konzepts des Wunsches: Kinder beginnen gegen Ende des zweiten Lebensjahrs über mentale Zustände zu sprechen (traurig, froh, ich mag nicht) und im dritten Lebensjahr werden diese Zuschreibungen bereits verwendet, um den Wunsch von der Realität zu kontrastieren. Einige Studien zeigen, dass Zweijährige bereits verstehen, dass ein Objekt von einer Person begehrt, von einer anderen jedoch als unttraktiv betracht werden kann.[4]

5.1 Vorläufer im Säuglingsalter

In der neueren Säuglingsforschung gibt es Belege für eine frühe Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Personen und unbelebten Objekten. In den ersten Lebenswochen präferieren Säuglinge Gesichter und imitieren Handlungen von Personen, nicht jedoch von mechanischen Objekten. Im ersten Lebensjahr zeigen sich Säuglinge überrascht, wenn unbelebte Objekte sich bewegen ohne angestoßen zu werden, nicht jedoch wenn Personen das tun. Dies zeigt zumindest ein spezifisches Wissen über Personen, jedoch nicht die spezifisch psychologische Fähigkeit, mentale Zustände und Vorgänge Personen zuzuschreiben.

Ab dem neunten Monat folgen Säuglinge kommunikativen Gesten und setzen diese selbst ein, indem sie sich am Gesichtsausdruck ihrer Eltern orientieren (social referencing). Einige Forscher beschreiben diese soziale Kompetenz als intentionalen Agenten. Mit dieser Selbstrekognition ist gemeint, dass Säuglinge und Kleinkinder sich selbst und anderen Personen konkrete Handlungsziele zuschreiben können.[5] Ein Beispiel ist das wiederholte Fallenlassen eines Gegenstandes, das zum Ziel hat, von der Betreuungsperson aufgehoben zu werden.

Diese Interpretation wird auch zum Teil durch neue Befunde mit Blickzeitmethoden unterstützt. Zunächst betrachtet ein einjähriges Kind eine Videosequenz, bei der so lange das gleiche Ereignis gezeigt wird, bis die Fixationszeit auf die Hälfte der ursprünglichen Fixationszeit abgesunken ist (Habituationsphase). In der anschließenden Testphase werden Ereignisse gezeigt, die neu sind und nicht den Erwartungen des Beobachters entsprechen. Ein Wiederanstieg der Blickzeit ist ein Indikator dafür, dass der Säugling das Ereignis als unerwartet wahrnimmt. Desweiteren konnte gezeigt werden, dass Säuglinge im fünften bis neunten Lebensmonat die Greifbewegung eines menschlichen Arms, nicht jedoch die eines mechanischen Stabs als zielbezogen verstanden.[6] Ergebnisse weiteren Studien, z.B. bei 12 Monate alten Säuglingen[7], lassen die Rationalität der Zielerreichung vermuten: Die Säuglinge erwarteten, dass sich computeranimierte Scheiben, die sich über ein Hindernis auf ein Zielobjekt hin bewegen, einen direkten Pfad nehmen, sobald man das Hindernis entfernt.

5.2 Entwicklung in der Kindheit

Im vierten Lebensjahr verstehen Kinder, dass jemand eine falsche Überzeugung haben kann und ungefähr zwei Jahre später, können sie nachvollziehen, dass eine Überzeugung über eine Überzeugung einer anderen Person falsch sein kann (second order belief). In diesem Zeitraum entdecken Kinder, dass auch schlussfolgerndes Denken zu Wissen führt und sie beginnen, zwischen aktuellen Lernereignissen und Vorwissen zu differenzieren. Die zunehmende Erkenntnis des eigenen Bewusstseinsstroms und Verständnis von geistiger Konstruktion ist ein wesentliches Merkmal der Entwicklung im Grundschulalter. Sie beginnen Handlungen im Hinblick auf Vorurteile und Voreingenommenheiten zu interpretieren.

6 Klinik

6.1 ToM bei Autismus

Laut einer Vielzahl an Studien ist die Entwicklung einer ToM universell, also unabhängig z.B. von kulturellen Einflüssen. Ein spezifischer und gravierender Entwicklungsrückstand zeigt sich jedoch bei Kindern mit Autismus. So konnten betroffene Kinder bei normalem verbalen Intelligenzniveau falsche Überzeugungen nicht repräsentieren. Außerdem gelang ihnen nicht die Differenzierung zwischen Schein und Sein und sie waren nicht fähig, die Blickrichtung anderer Personen als Hinweis auf deren Handlungsabsicht zu interpretieren.[8] Kontrollaufgaben, die kein Verständnis von mentaler Repräsentation benötigen, z.B. Fotos, die den aktuellen Zustand der Realität nicht abbilden, können sie verstehen. Dieses spezifische Entwicklungsdefizit konnte auch in vielen neueren Studien gezeigt werden (z.B. Senju et al. 2009[9]). Die Defizite können durch gezieltes Training verbessert werden.[10]

6.2 Neurotopologie der ToM

Durch bildgebende Verfahren wird versucht, korrespondierende neuronale Strukturen als Evidenz für einen ToM-Mechanismus zu finden. Studien deuten auf ein Netzwerk kortikaler Regionen hin, wobei dem medialen präfrontalen Kortex (mPFC), dem superioren Temporalsulkus (STS) und temporoparietale Regionen (TPJ) eine besondere Bedeutung zugesprochen werden.[11]

7 Literatur

  • Myers DG. Psychologie. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Heidelberg: Springer Verlag 2008
  • Feggert, Eggers, Resch. Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, 2. Auflage. Heidelbeerg: Springer Verlag 2012
  • Stangl. W. 2019 Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. Stichwort: Theory of Mind., abgerufen am 13.06.2019 [1]

8 Quellen

  1. Premack D, Woodruff G Does the chimpanzee have a theory of mind? Behavioral and Brain Sciences 4(4):515-629, 1978, abgerufen am 13.06.2019
  2. Wimmer J, Perner J, Beliefs about beliefs: Representation and constraining function of wrong beliefs in young children’s understanding of deception. Cognition, 13, 103–128, 1983, abgerufen am 13.06.2019
  3. Flavell JH et al. Development of knowledge about the appearance-reality distinction. Monographs of the Society for Research in Child Development, 51(1), 1-68, 1986, abgerufen am 13.06.2019
  4. Wellman HM, Woolley JD From simple desires to ordinary beliefs: The early development of everyday psychology. Cognition, 35(3), 245-275, 1990, abgerufen am 13.06.2019
  5. Tomasello M Joint attention as social cognition. In C. Moore & P. J. Dunham (Eds.), Joint attention: Its origins and role in development (pp. 103-130). Hillsdale, NJ, US: Lawrence Erlbaum Associates, Inc., abgerufen am 13.06.2019
  6. Woodward AL Infants selectively encode the goal object of an actor's reach. Cognition. 1998 Nov;69(1):1-34, abgerufen am 13.06.2019
  7. Gergely G et al. Taking the intentional stance at 12 months of age. Cognition. 1995, Aug;56(2):165-193, abgerufen am 13.06.2019
  8. Baron-Cohen S et al. Does the autistic child have a “theory of mind” ?, Cognition. 1985, Oct;21(1):37-46, abgerufen am 13.06.2019
  9. Senju et al. Atypical eye contact in autism: Models, mechanisms and development, Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 2009, Sep;33(8)1204-1214, abgerufen am 13.06.2019
  10. Pellicano E. The Development of Core Cognitive Skills in Autism: A 3‐Year Prospective Study, Child Development, 2010, Sep;81(5), abgerufen am 13.06.2019
  11. Carrington SJ, Bailey AJ Are there theory of mind regions in the brain? A review of the neuroimaging literature, Human Brain Mapping, 2008, Nov;30(8), abgerufen am 13.06.2019

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