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Fibromyalgie

Synonyme: Fibromyalgie-Syndrom, generalisierte Tendomyopathie, Faser-Muskel-Schmerz
Englisch: fibromyalgia

1 Definition

Die Fibromyalgie bzw. das Fibromyalgie-Syndrom, kurz FMS, ist ein funktionelles somatisches Syndrom mit chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen. Zusätzlich treten oft Schlafstörungen mit Müdigkeit und körperliche und/oder geistige Erschöpfungsneigung auf.

2 Epidemiologie

Die Angaben zur Prävalenz schwanken zwischen 0,6 und 4 %. Frauen sind neunmal häufiger betroffen, insbesondere um das 50. Lebensjahr. Die epidemiologischen Zahlen sind jedoch aufgrund der unscharfen Abgrenzung des Krankheitsbilds und der Schwierigkeit einer exakten Diagnosestellung nur begrenzt aussagekräftig.

3 Ätiopathogenese

Derzeit (2020) erlaubt die aktuelle Studienlage keine eindeutigen Aussagen zur Pathophysiologie des FMS. Die Ätiologie ist weitgehend ungeklärt - ebenso, ob die Fibromyalgie tatsächlich eine eigene Krankheitsentität darstellt.

Folgende Veränderungen im zentralen und peripheren Nervensystem (PNS) werden diskutiert, die evtl. auch einzelne Subgruppen des FMS präsentieren:

Darüber hinaus spielen biologische, physikalische und psychosoziale Faktoren in Zusammenhang mit einer entsprechenden genetischen und lerngeschichtlichen Prädisposition (biopsychosoziales Modell) eine Rolle in der Auslösung und Chronifizierung der Fibromyalgie.

4 Symptome

Zu den möglichen Symptomen der Fibromyalgie zählen:

Das FMS kann zudem z.B. mit depressiven Störungen assoziiert sein.

5 Diagnostik

Im Rahmen der Erstevaluation sollte zunächst eine ausführliche Anamnese mit Erfragen der Schmerzsymptomatik und Abfragen typischer Symptome wie Müdigkeit, Schlafstörungen oder Konzentrationsstörungen erfolgen. Zur Erfassung des Symptomkomplexes können spezielle Fragebögen hilfreich sein.

Anschließend ist eine vollständige körperliche Untersuchung (inlusive Haut, neurologischer und orthopädischer Befund) obligat. Eine laborchemische Messung zum Ausschluss von Differenzialdiagnosen sollte mindestens folgende Parameter einschließen:

Die Laborparameter sind bei der FMS unauffällig, wobei Veränderungen aufgrund von möglicherweise gleichzeitig vorliegenden Erkrankungen eine Fibromyalgie nicht ausschließen. Auch die Bildgebung bietet in der Regel keine spezifischen Befunde.

5.1 Diagnosekriterien

Die Diagnose basiert auf Kriterien, die 1990 von der American College of Rheumatology (ACR) erstellt und im Jahr 2016 zuletzt modifiziert wurden:[1]

  • A: Vorhandensein eines generalisierten Schmerzes. Definiert als Schmerz in mindestens 4 von 5 Regionen (links oben, rechts oben, links unten, rechts unten, axial).
  • B: Die Symptome sind seit mindestens 3 Monaten auf einem ähnlichen Niveau vorhanden.
  • C: Entsprechende Punkte im Widespread-Pain-Index (WPI) und in der Symptomschweregradskala (SSS):
    • WPI ≥ 7 und SSS ≥ 5
    • oder WPI 4–6 und SSS-Score ≥ 9

Wenn alle Kriterien (A bis C) erfüllt sind, kann die Diagnose einer Fibromyalgie gestellt werden, unabhängig davon ob andere Diagnosen zu diesen Symptomen passen können. Im klinischen Alltag wird "Fibromyalgie" jedoch davon abweichend häufig als Verlegenheitsdiagnose eingesetzt.

Die Anzahl definierter Tenderpoints stellt kein Diagnosekriterium mehr dar.

6 Differentialdiagnosen

7 Therapie

Die Therapie des FMS erfolgt symptomatisch und multimodal. Primäres Ziel ist es die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Eine kausale Therapie ist derzeit (2020) nicht bekannt und aufgrund der unklaren Ätiologie auch nicht möglich.

Ein wichtiger Aspekt der Therapie ist die Patientenschulung, in der das Selbstmanagement der Patienten gefördert werden soll. Eine kontinuierliche Therapie mit klassischen Analgetika (z.B. NSAR) sollte vermieden werden.

Bei ungünstigen schweren Verläufen, wie bei ausgeprägter seelischer Begleitsymptomatik, ausgeprägter Beeinträchtigungen im Alltag oder mangelndem Ansprechen auf die oben genannten Maßnahmen sollte eine multidisziplinäre und multimodale Therapie durchgeführt werden. Am besten ist dies in einer Tagesklinik bzw. im stationären Setting möglich.

7.1 Medikamentöse Therapie

Medikamente ermöglichen zwar keine kausale Therapie, können in einigen Fällen die Symptomatik jedoch positiv beeinflussen. Sie sollten jedoch lediglich zeitlich befristet eingesetzt werden. Es kommen verschiedenen Wirkstoffe infrage, insbesondere Antidepressiva.

Eine besondere Rolle kommt dabei dem trizyklischen Antidepressivum Amitriptylin zu, welches niedrig dosiert (10 - 50 mg/d) eine langfristig schmerzlindernde und v. a. schmerzdistanzierende Wirkung haben kann. Bei Kontraindikationen oder Unverträglichkeit kann weiterhin das Antiepileptikum Pregabalin (150 - 450 mg/d) oder der SSNRI Duloxetin (60 mg/d) verabreicht werden.

Bei begleitenden depressiven Störungen oder Angststörungen kann Amitriptylin (10 - 50 mg/d) eingesetzt werden. Bei Therapieversagen kommen sekundär der SSNRI Duloxetin (60 mg/d), das atypische Antipsychotikum Quetiapin (50 - 300 mg/d) oder die beiden SSRI Fluoxetin (20 - 40 mg/d) oder Paroxetin (20 - 40 mg/d) in Frage.

In einzelnen Studien konnte ein positiver Effekt von 5-Hydroxytryptophan (5-HTP), einer Vorstufe von Serotonin, nachgewiesen werden.[2] Eine Erwähnung in den aktuellen Leitlinien findet dieser Wirkstoff jedoch nicht.[3] Seine Wirkung und die Wirkrationale sind umstritten.

Die Verwendung von Tramadol kann derzeit aufgrund unzureichender Datenlage nicht empfohlen werden.

Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.

7.2 Körperbezogene Therapie

Eine möglichst hohe aerobe Fitness verbessert nachweislich den Gesundheitszustand von Fibromyalgiepatienten. Herz-Kreislauf-Training ist eines der wichtigsten Bestandteile einer effektiven Therapie gegen das Schmerzsyndrom. Folgende körperbezogene Therapien werden diesbezüglich empfohlen:

  • Ausdauertraining (Ziel 2- bis 3-mal pro Woche für 30 bis 40 Minuten): Walking, Schwimmen, Fahrradfahren, Aquajogging
  • Wasser- oder Trockengymnastik
  • Funktionstraining (Kombination Wasser- oder Trockengymnastik)
  • niedrig-dosiertes Krafttraining in Kombination mit Dehnungsübungen
  • meditative Bewegungstherapie: Tai Chi, Qigong oder Yoga

7.3 Multimodale Therapie

Die multimodale Therapie umfasst die Kombination von Entspannungstraining und/oder kognitiver Verhaltenstherapie mit Ausdauertraining.

7.4 Weitere Therapiemöglichkeiten

8 Prognose

Hinsichtlich der Lebenserwartung ist die Prognose gut, jedoch nicht hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit. Aufgrund der Symptomatik kommt es häufig zur Frühberentung. Erwähnenswert ist, dass sich das Krankheitsbild nach dem 60. Lebensjahr oft spontan zurückbildet. Bei frühzeitiger Diagnose und Therapie in den ersten zwei Krankheitsjahren werden in bis zu 50 % d.F. komplette Remissionen beobachtet.

9 Weblinks

10 Quellen

  1. ACR-Kriterien
  2. Caruso I et al. Double-Blind Study of 5-Hydroxytryptophan versus Placebo in the Treatment of Primary Fibromyalgia Syndrome, Journal of International Medical Research. May 1990
  3. AWMF https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/145-004p_S3_Fibromyalgiesyndrom_2017-03.pdf|2017 S3-Leitlinie Fibromylagie, abgerufen am 01.10.2020

Diese Seite wurde zuletzt am 13. Oktober 2020 um 16:01 Uhr bearbeitet.

Hallo! Wir haben den Artikel nun nochmal den aktuellen Leitlinien angepasst. Bei einigen FMS Patienten konnte, wie du sagst, eine Small Fiber Neuropathie festgestellt werden. Bei anderen hingegen fand sich eine zentrale Sensibilisierung, Veränderungen zentralnervöser Neurotransmitter bzw. eine Dysfunktion des sympathischen Nervensystems. Ob diese Punkte jedoch pathophysiologisch das FMS bedingen oder Folge des FMS bzw. seiner Komorbiditäten sind, ist noch ungeklärt. Liebe Grüße, Anna
#4 vor 13 Tagen von Anna Albert (Arzt | Ärztin)
Hallo! 5-Hydroxytryptophan (5-HTP), eine Vorstufe von Serotonin, wirkte sich tatsächlich in einigen Studien positiv auf die Symptome bei Fibromyalgie aus. Danke für den Hinweis! Liebe Grüße, Anna Albert
#3 vor 15 Tagen von Anna Albert (Arzt | Ärztin)
Der Artikel ist recht einfach geschrieben. Leider ist die Aufzählung der Symtome unvollständig. Ebenso der Aspekt, das mittels Biopsie die Reduzierung/Schädigung der C-Muskelfasern klinisch nachgewiesen werden kann, die manchmal beteiligt sein können. Dieses nennt man Small Fiber Neuropathie. Diese Zusammenhänge sind seit 2013 bekannt und könnten das FMS endlich aus der Psychoecke holen.
#2 am 10.05.2020 von Cornelia Paetzel (Medizinische/r Fachangestellte/r)
Im Buch "die 20 besten Nahrungsergänzungsmittel" habe ich außerdem gelesen, dass 5HTP sehr hilfreich sein kann. Ist für den ein oder anderen vielleicht eine nützliche Information.
#1 am 02.02.2018 von Maik S. (Nichtmedizinischer Beruf)

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