Blasenschmerzsyndrom
Englisch: bladder pain syndrome
Definition
Das Blasenschmerzsyndrom, kurz BPS, ist ein funktionelles urologisches Schmerzsyndrom mit chronischen Schmerzen, Druckempfindung oder Unbehagen in der Blasen- und Beckenregion. Die Erkrankung betrifft primär Frauen, kann aber auch bei Männern auftreten.
Nomenklatur
Die aktuelle deutsche AWMF-Leitlinie (2025) verwendet den Oberbegriff IC/BPS für das gesamte Spektrum chronischer Blasenschmerzen. Innerhalb dieses Spektrums werden aber zwei Subtypen klar differenziert:
- Interstitielle Zystitis (IC): Subtyp mit objektiv nachweisbaren entzündlichen Veränderungen in Zystoskopie und/oder Histologie (z.B. Hunner-Läsionen, Glomerulationen, Mastzellinfiltration, Fibrose)
- Blasenschmerzsyndrom (BPS): Subtyp ohne objektive strukturelle oder entzündliche Befunde – rein symptombasierte Diagnose nach Ausschluss organischer Pathologie
In der internationalen ICS-Nomenklatur werden IC und BPS hingegen weniger streng voneinander getrennt.
Epidemiologie
Da das Blasenschmerzsyndrom rein symptomatisch nicht von der IC zu unterscheiden ist, werden epidemiologische Angaben für beide Entitäten zusammenfassend berichtet.
siehe auch: chronisches Beckenschmerzsyndrom
Pathophysiologie
Das BPS wird als ein multifaktorielles, funktionelles Schmerzsyndrom verstanden:
- neurogene Dysfunktion: Sensibilisierung des viszeralen Nervensystems, abnorme Schmerzverarbeitung ohne strukturelle Organbeteiligung
- psychosomatische Faktoren: enge Assoziation mit Angststörungen, Depressionen und chronischem Stress
- funktionelle Blasenstörungen: überaktive Blasenmuskulatur, gestörte Sensibilität
- endokrine Faktoren: Östrogenabhängigkeit, zyklische Symptomverstärkung
Das BPS wird als zentrale Sensibilisierungsstörung verstanden – nicht als primär organische Erkrankung. Es ist häufig assoziiert mit Reizdarmsyndrom (IBS), Fibromyalgie und anderen funktionellen Syndromen.
Symptome
Die Hauptsymptome des BPS sind:
- chronische Beckenschmerzen: diffuse Schmerzen, Druckgefühl oder Unbehagen im Blasen-, Becken-, Unterbauch- oder Genitalbereich
- Miktionsbeschwerden: häufiger Harndrang (Pollakisurie) tagsüber und nächtlich (Nykturie)
- Schmerzverstärkung: bei Blasenfüllung, Besserung nach Miktion; bei Frauen häufig Verstärkung in der zweiten Zyklushälfte
- psychosoziale Symptome: Schlafstörungen, Depressionen, sexuelle Funktionsstörungen
Charakteristisch ist die Abwesenheit von Infektionszeichen. Die Symptome sind oft milder als bei der IC.
Diagnostik
Die Diagnose des BPS erfolgt symptombasiert nach Ausschluss organischer Ursachen.
Primäre diagnostische Schritte
- Ausführliche Anamnese: Erfassung von Symptombeginn, Schmerzcharakteristik, Miktionsprofil, Schmerzauslöser und psychosoziale Belastungen
- Symptom-Scores: O'Leary-Sant-Index (OSS) oder Pelvic Pain and Urgency/Frequency (PUF) Score zur Objektivierung
- Urinstatus und Urinkultur: Ausschluss von Infektionen; charakteristisch ist die negative Urinkultur
- Klinische Untersuchung: gynäkologische oder urologische Untersuchung zum Ausschluss lokaler Pathologie
Weiterführende Maßnahmen
- Zystoskopie mit Hydrodistension: optional zur Dokumentation fehlender Hunner-Läsionen oder Glomerulationen; nicht zwingend erforderlich
- Blasenbiopsie: nicht routinemäßig indiziert
- Bildgebung: zum Ausschluss anderer organischer Ursachen
- psychologische Evaluation: Screening auf Depression, Angststörung und Traumata
Differentialdiagnosen
Die folgenden Erkrankungen müssen vor der BPS-Diagnose ausgeschlossen werden:
- Interstitielle Zystitis (IC)
- Aktive Harnwegsinfektionen
- Überaktive Blase
- strukturelle Erkrankungen (z.B. Blasenkrebs, Steine, Endometriose, anatomische Fehlbildungen)
- Vulvodynie
- gynäkologische Infektionen und Schmerzsyndrome (z.B. Vaginitis, Adnexitis, primäre Dysmenorrhoe)
- neurologische Erkrankungen: Multiple Sklerose, Spina bifida, Querschnittslähmung mit neurogener Blase
Therapie
Die Therapie des Blasenschmerzsyndroms (BPS) erfolgt stufenweise im Rahmen eines multimodalen Konzepts mit Schwerpunkt auf psychosomatischen und verhaltensorientierten Maßnahmen. Zunächst stehen nicht-pharmakologische Interventionen im Vordergrund, insbesondere die Patientenedukation über den funktionellen Charakter der Erkrankung sowie Lebensstiländerungen wie die Meidung potenzieller Blasenreizstoffe (z.B. Koffein, Alkohol, scharfe Speisen), eine angepasste Trinkmenge und regelmäßige körperliche Aktivität. Eine zentrale Rolle spielt die psychosomatische Mitbehandlung, vor allem durch kognitive Verhaltenstherapie und Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Ergänzend werden Blasentraining mit strukturierten Miktionsintervallen sowie physikalische Maßnahmen wie Beckenbodentraining, myofasziale Techniken und Entspannungsverfahren empfohlen.
Bei persistierender Symptomatik können medikamentöse Therapien eingesetzt werden, insbesondere schmerzmodulierende Antidepressiva wie Amitriptylin oder Duloxetin; bei entsprechender Indikation kommen auch Antihistaminika sowie Koanalgetika wie Pregabalin oder Gabapentin zum Einsatz. In weiter fortgeschrittenen Therapiestufen stehen intravesikale Verfahren mit Hyaluronsäure, Chondroitinsulfat oder Lidocain sowie die elektromotorisch unterstützte Medikamentenapplikation (EMDA) zur Verfügung.
Bei therapierefraktären Verläufen können invasive Maßnahmen wie Botulinumtoxin-A-Injektionen in die Blasenwand, Neuromodulation oder eine multimodale Schmerztherapie in spezialisierten Zentren erwogen werden.
Prognose
Die Prognose des BPS ist insgesamt günstiger als die der IC. Bei etwa 10–20 % der Patienten kommt es zur Spontanremission. Auch das Komplikationsrisiko ist deutlich niedriger als bei IC. Ungünstige prognostische Faktoren sind hohe komorbide psychiatrische Belastung, eine späte Diagnose und fehlende psychosomatische Mitbehandlung.
Literatur
- AWMF-Leitlinie Interstitielle Zystitis / Blasenschmerzsyndrom (IC/BPS), abgerufen am 26.01.2026