Transfusionszwischenfall
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LoslegenSynonym: unerwünschtes Transfusionsereignis
Englisch: transfusion incident, transfusion-related adverse event
Definition
Ein Transfusionszwischenfall ist ein unbeabsichtigtes oder unerwünschtes Ereignis im Zusammenhang mit Blutprodukten. Es kann die Gewinnung, Prüfung, Verarbeitung, Lagerung, Bereitstellung oder Anwendung der Blutprodukte betreffen. Transfusionszwischenfälle können zu einer Beeinträchtigung der Blutprodukte und/oder zu einer Schädigung des Empfängers bzw. Spenders führen. Ein Patientenschaden ist für das Vorliegen eines Zwischenfalls nicht unbedingt erforderlich.[1]
Abgrenzung
Von Transfusionszwischenfällen sind Transfusionsreaktionen als klinische Reaktionen des Empfängers und Fehltransfusionen als fehlerhafte Anwendung einer Blutkomponente abzugrenzen. Die Übergänge sind fließend. Ein Prozessfehler kann folgenlos bleiben, beinahe zu einem Transfusionszwischenfall führen oder eine Transfusionsreaktion auslösen.[2]
Hintergrund
Transfusionszwischenfälle werden im Rahmen der Hämovigilanz systematisch erfasst, untersucht und bewertet. In Deutschland geschieht dies durch das Paul-Ehrlich-Institut, welches regelmäßig einen Hämovigilanzbericht erstellt. Ziel ist es, Risiken entlang der gesamten Transfusionskette zu erkennen und durch Korrektur- und Präventionsmaßnahmen zu reduzieren. Die Hämovigilanz umfasst daher sowohl Prozessabweichungen und Beinahe-Ereignisse als auch unerwünschte Reaktionen bei Spendern und Empfängern.[3]
Terminologie
Im transfusionsmedizinischen Qualitätsmanagement werden verschiedene Ereignisebenen unterschieden:
- Ein Beinahe-Fehler wird vor der Anwendung des Blutprodukts erkannt und erreicht den Patienten nicht.
- Ein Zwischenfall ist eine Abweichung innerhalb der Transfusionskette, die die Produkt- oder Patientensicherheit gefährden kann.
- Eine Fehltransfusion ist die geplante oder durchgeführte Gabe einer nicht für den Empfänger vorgesehenen oder nicht den patientenbezogenen Anforderungen entsprechenden Blutkomponente. Dazu zählen unter anderem Verwechslungen, die Transfusion ohne ausreichende Indikation und die Nichtbeachtung besonderer Produktanforderungen.
- Eine Transfusionsreaktion ist eine unerwünschte klinische Reaktion des Empfängers, die in einem möglichen, wahrscheinlichen oder gesicherten ursächlichen Zusammenhang mit der Transfusion steht.
Eine Fehltransfusion kann auch bei zufälliger AB0-Kompatibilität ohne klinische Reaktion vorliegen. Umgekehrt können Transfusionsreaktionen trotz regelgerecht ausgewählter und angewendeter Blutprodukte auftreten.[4]
Ursachen
Transfusionszwischenfälle können in allen Abschnitten der Transfusionskette entstehen. Häufige Ursachen sind:
- fehlerhafte Patientenidentifikation oder Probenkennzeichnung, z. B. "Wrong Blood in Tube"
- Verwechslung von Patienten, Blutproben oder Blutkomponenten
- fehlerhafte Anforderung, Ausgabe, Lagerung oder Transport
- unzureichende Indikation oder falsche Produktauswahl
- Nichtbeachtung besonderer Anforderungen, z.B. Bestrahlung, Antigennegativität oder Erwärmung
- Fehler beim Bedside-Test oder bei der Identitätskontrolle
- ungeeignete Transfusionsgeschwindigkeit oder unzureichende klinische Überwachung
- technische Defekte oder ungeeignete Begleitlösungen und Transfusionssysteme
Besonders fehleranfällig sind Schnittstellen mit manueller Datenübertragung und unklarer Zuständigkeit. Transfusionsbezogene Fehler werden häufig bereits bei der Patientenprobenentnahme oder Probenbearbeitung verursacht.[5]
Einteilung der Transfusionsreaktionen
Transfusionsreaktionen werden nach ihrem zeitlichen Auftreten sowie nach immunologischer oder nichtimmunologischer Genese eingeteilt. Akute Reaktionen treten typischerweise während der Transfusion oder innerhalb von 24 Stunden auf. Verzögerte Reaktionen können sich erst nach Tagen bis Wochen oder bei chronischer Transfusionsbehandlung nach Monaten bis Jahren manifestieren.[6]
| Zeitpunkt | Reaktion | Typische Merkmale |
|---|---|---|
| akut | akute hämolytische Transfusionsreaktion | Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen, Hämoglobinurie, Hypotonie, disseminierte intravasale Gerinnung, akutes Nierenversagen |
| akut | febrile nicht-hämolytische Transfusionsreaktion (FNHTR) | Fieber und/oder Schüttelfrost ohne Nachweis einer Hämolyse oder anderen erklärenden Ursache. FNHTR sind mit die häufigsten Transfusionsreaktionen. |
| akut | allergische oder anaphylaktische Reaktion | Urtikaria, Pruritus, Angioödem, Bronchospasmus, Hypotonie bis anaphylaktischer Schock |
| akut | transfusionsbedingte bakterielle Infektion (TBI) | hohes Fieber, Schüttelfrost, Hypotonie, Sepsis und Schock |
| akut | TRALI | akute Hypoxämie und bilaterales nichtkardiogenes Lungenödem während oder bis 6 Stunden nach der Transfusion |
| akut | TACO | Dyspnoe und hydrostatisches Lungenödem durch zirkulatorische Überlastung, meist mit positiver Flüssigkeitsbilanz und häufig mit Hypertension |
| akut | hypotensive Transfusionsreaktion | isolierter deutlicher Blutdruckabfall während oder kurz nach der Transfusion |
| akut | metabolische und physikalische Komplikationen | Hypothermie, Hyperkaliämie, Hypokalzämie durch Citrat sowie nichtimmunologische Hämolyse, insbesondere bei Massivtransfusion |
| verzögert | verzögerte hämolytische Transfusionsreaktion | Hämoglobinabfall, Ikterus und Hämolyse durch eine anamnestische erythrozytäre Alloantikörperantwort |
| verzögert | posttransfusionelle Purpura | schwere Thrombozytopenie meist 5 bis 12 Tage nach der Transfusion |
| verzögert | transfusionsassoziierte Graft-versus-Host-Krankheit | Fieber, Exanthem, Diarrhö, Hepatitis und Panzytopenie meist 1 bis 6 Wochen nach der Transfusion |
| verzögert | transfusionsübertragene Infektion | bakterielle, virale, parasitäre oder selten andere Infektionen mit erregerabhängiger Latenz |
| verzögert | weitere Folgen | Alloimmunisierung, Transfusionshämosiderose und transfusionsassoziierte Immunmodulation |
Auch seltene Reaktionen können schwer oder tödlich verlaufen. Insbesondere pulmonale Komplikationen wie TACO, TRALI und transfusionsassoziierte Dyspnoe sind für einen erheblichen Anteil schwerwiegender Verläufe verantwortlich.[7] Transfusionszwischenfälle können nicht nur nach Erythrozytentransfusionen, sondern auch nach Transfusion anderer Blutkomponenten auftreten. Thrombozytentransfusionen haben z. B. ein höheres Risiko bakterieller Infektionen, da sie nicht gekühlt gelagert werden können.
Wichtige Reaktionsformen
Hämolytische Transfusionsreaktion
Die akute immunhämolytische Reaktion beruht meist auf präformierten Antikörpern des Empfängers gegen transfundierte Erythrozytenantigene. Besonders gefährlich ist die AB0-inkompatible Erythrozytentransfusion, die durch die natürlich präformierten Isoagglutinine verursacht wird. Akute Hämolysen können jedoch auch durch andere Antikörper oder nichtimmunologische Ursachen entstehen. Verzögerte hämolytische Reaktionen treten typischerweise durch eine erneute Immunantwort (Boosterung) gegen nicht-AB0-erythrozytäre Antigene auf.[8] Die häufigsten irregulären erythrozytären Antikörper treten gegen Antigene im Rhesus-System auf.
Febrile nicht-hämolytische Transfusionsreaktion
Die febrile nicht-hämolytische Transfusionsreaktion wird durch Empfängerantikörper gegen Leukozytenantigene oder durch proinflammatorische Mediatoren im Blutprodukt vermittelt. Sie ist eine Ausschlussdiagnose. Bei Fieber müssen insbesondere eine Hämolyse und eine bakterielle Kontamination ausgeschlossen werden.
Allergische und anaphylaktische Reaktion
Allergische Reaktionen richten sich gegen lösliche Bestandteile des Spenderplasmas. Das Spektrum reicht von isolierter Urtikaria bis zur Anaphylaxie. Fieber ist für eine rein allergische Reaktion untypisch.
TRALI
Die TRALI ist ein akutes Lungenödem durch gesteigerte pulmonale Kapillarpermeabilität. Sie beginnt während oder innerhalb von 6 Stunden nach der Transfusion. Die Diagnose ist klinisch und erfordert keinen Nachweis von Leukozytenantikörpern. Unterschieden werden TRALI Typ I ohne und TRALI Typ II mit begleitendem ARDS-Risikofaktor oder mildem vorbestehendem ARDS.[9]
TACO
Die TACO ist ein hydrostatisches Lungenödem infolge einer für den Empfänger nicht tolerierbaren Volumen- oder Transfusionsbelastung. Risikofaktoren sind unter anderem hohes Alter, kardiale oder renale Dysfunktion, vorbestehende positive Flüssigkeitsbilanz, große Transfusionsvolumina und hohe Transfusionsgeschwindigkeit. Ein Anstieg von BNP oder NT-proBNP, eine positive Flüssigkeitsbilanz und das Ansprechen auf Diuretika unterstützen die Diagnose, sind jedoch jeweils nicht allein beweisend.[10] Von der TACO wird noch die transfusionsbedingte Dyspnoe (TAD) abgegrenzt.
Diagnostik
Die Diagnostik richtet sich nach der klinischen Symptomatik. Sie darf notwendige Notfallmaßnahmen nicht verzögern. Zur initialen Abklärung gehören:
- Kontrolle von Patientenidentität, Blutprodukt, Begleitdokumentation und AB0-Bedside-Test
- engmaschige Erfassung von Vitalparametern, Sauerstoffsättigung und Urinausscheidung
- erneute Blutgruppenbestimmung, Antikörpersuchtest, Kreuzprobe und direkter Antiglobulintest
- Laborparameter einer Hämolyse, insbesondere Blutbild, freies Hämoglobin, Haptoglobin, Lactatdehydrogenase, Bilirubin und Urinstatus
- Gerinnungsdiagnostik sowie Kontrolle von Nierenfunktion und Elektrolyten bei schwerer Reaktion
- Blutkulturen aus dem Empfänger und dem Blutprodukt bei Verdacht auf bakterielle Kontamination
- Thoraxbildgebung und gegebenenfalls kardiale Diagnostik bei pulmonaler Symptomatik
Der Blutbeutel mit Transfusionssystem sowie neu entnommene Patientenproben werden entsprechend der hausinternen Arbeitsanweisung asserviert und dem zuständigen transfusionsmedizinischen oder immunhämatologischen Labor zugeleitet.[6]
Therapie
Sofortmaßnahmen
Jede neu auftretende klinische Verschlechterung während einer Transfusion ist bis zum Beweis des Gegenteils als mögliche Transfusionsreaktion zu behandeln.
Bei Verdacht auf eine akute Transfusionsreaktion sind folgende Maßnahmen erforderlich:
- Transfusion sofort unterbrechen; bei schwerer Reaktion endgültig abbrechen.
- Transfundierenden Arzt und zuständige transfusionsmedizinische Einrichtung beziehungsweise Blutbank unverzüglich informieren.
- Venösen Zugang mit einer geeigneten kristalloiden Lösung offen halten. Das verdächtige Blutprodukt nicht weiter transfundieren.
- Patienten nach dem ABCDE-Schema untersuchen, Vitalparameter überwachen und eine symptomorientierte Notfalltherapie einleiten.
- Patienten- und Produktidentität kontrollieren sowie eine Verwechslung ausschließen.
- Blutprodukt, Transfusionssystem, Patientenproben und Dokumentation für die weitere Untersuchung sichern.
Bis zur Klärung sollen weitere Blutkomponenten nur bei zwingender Indikation und nach transfusionsmedizinischer Rücksprache gegeben werden.[6]
Kausale und supportive Therapie
Die weitere Behandlung richtet sich nach der vermuteten Reaktion:
- Bei Anaphylaxie erfolgt die leitliniengerechte Notfalltherapie, insbesondere mit intramuskulärem Adrenalin und Atemwegsmanagement.
- Bei Verdacht auf transfusionsbedingte Sepsis werden nach Abnahme von Blutkulturen unverzüglich kalkulierte Antibiotika verabreicht und eine Schocktherapie eingeleitet.
- Bei akuter intravasaler Hämolyse stehen Kreislaufstabilisierung, Erhalt der Nierenperfusion, Kontrolle von Gerinnung und Elektrolyten sowie gegebenenfalls intensivmedizinische und nephrologische Maßnahmen im Vordergrund.
- Bei TRALI erfolgt eine supportive respiratorische Therapie. Eine routinemäßige Diuretikagabe ist ohne Hinweis auf eine Volumenüberlastung nicht angezeigt.
- Bei TACO werden die Transfusion gestoppt oder verlangsamt, der Oberkörper hochgelagert und Sauerstoff sowie bei geeigneter Kreislaufsituation Diuretika gegeben.
Eine ungezielte medikamentöse Prämedikation darf die Ursachenklärung einer vorausgegangenen Reaktion nicht ersetzen.[11]
Dokumentation und Meldung
Jeder Verdacht auf einen Transfusionszwischenfall oder eine Transfusionsreaktion wird zeitnah in der Patientenakte und nach den Vorgaben des einrichtungsinternen Qualitätssicherungssystems dokumentiert. Erfasst werden insbesondere:
- Beginn, Art und Verlauf der Symptome
- Vitalparameter und verabreichte Blutkomponenten
- Identifikations- und Produktdaten
- diagnostische und therapeutische Maßnahmen
- Ergebnis der transfusionsmedizinischen Bewertung
Schwerwiegende Zwischenfälle und unerwünschte Reaktionen unterliegen in Deutschland gesetzlichen Meldewegen. Abhängig von Ereignisart und Verantwortungsbereich sind insbesondere der pharmazeutische Unternehmer beziehungsweise Blutspendedienst und bei schwerwiegenden Fällen das Paul-Ehrlich-Institut einzubeziehen. Die Meldung erfolgt nach den jeweils geltenden Vorgaben des Transfusionsgesetzes und Arzneimittelrechts.[1]
Prävention
Die Prävention basiert auf standardisierten Abläufen und einer lückenlosen Identitätssicherung. Wichtige Maßnahmen sind:
- eindeutige Patientenidentifikation bei Probenentnahme und Transfusion
- Beschriftung der Blutprobe unmittelbar am Patienten
- leitliniengerechte Indikationsstellung und Produktauswahl
- Kontrolle besonderer Produktanforderungen
- AB0-Identitätstest am Patienten unmittelbar vor der Erythrozytentransfusion
- dokumentierte Zuordnung von Patient, Blutprodukt und Begleitpapieren
- angepasste Transfusionsgeschwindigkeit und engmaschige Überwachung, insbesondere bei TACO-Risikopatienten
- regelmäßige Schulung des Personals sowie Analyse von Zwischenfällen und Beinahe-Ereignissen
Technische Barrieren wie elektronische Identifikationssysteme können die Prozesssicherheit unterstützen. Sie ersetzen jedoch nicht die aktive Identitätskontrolle durch das transfundierende Personal.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Paul-Ehrlich-Institut. Hämovigilanz. Abgerufen am 05.08.2026.
- ↑ Chavez Ortiz JL et al. Transfusion-related errors and associated adverse reactions and blood product wastage as reported to the National Healthcare Safety Network Hemovigilance Module, 2014-2022. Transfusion. 2024;64(4):627-637.
- ↑ Townsend M et al. Haemovigilance resources available for everyone: A report from the International Haemovigilance Tools Collaborative Project. Vox Sang. 2024;119(3):277-281.
- ↑ Paul-Ehrlich-Institut. Hämovigilanzbericht 2021. Langen; 2023.
- ↑ Chavez Ortiz JL et al. Transfusion-related errors and associated adverse reactions and blood product wastage as reported to the National Healthcare Safety Network Hemovigilance Module, 2014-2022. Transfusion. 2024;64(4):627-637.
- ↑ 6,0 6,1 6,2 Bundesärztekammer. Querschnitts-Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten – Gesamtnovelle 2020. Berlin; 2020.
- ↑ Politis C et al. Adverse reactions following transfusion of blood components, with a focus on some rare reactions: Reports to the International Haemovigilance Network Database (ISTARE) in 2012-2016. Transfus Clin Biol. 2022;29(3):243-249.
- ↑ Gehrie EA, Savani BN, Booth GS. Risk factors for hemolytic transfusion reactions resulting from ABO and minor red cell antigen incompatibility: From mislabeled samples to stem cell transplant and sickle cell disease. Blood Rev. 2021;45:100719.
- ↑ Vlaar APJ et al. A consensus redefinition of transfusion-related acute lung injury. Transfusion. 2019;59(7):2465-2476.
- ↑ Klanderman RB et al. Transfusion-associated circulatory overload-a systematic review of diagnostic biomarkers. Transfusion. 2019;59(2):795-805.
- ↑ Ackfeld T et al. Blood Transfusion Reactions-A Comprehensive Review of the Literature including a Swiss Perspective. J Clin Med. 2022;11(10):2859.