RSV-Infektion
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonym: RSV-Bronchiolitis
Englisch: RSV infection, respiratory syncytial virus infection
Definition
Die RSV-Infektion ist eine durch das respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ausgelöste Infektion der Atemwege. Sie manifestiert sich vorwiegend im Säuglingsalter als Bronchiolitis oder obstruktive Bronchitis und kann bei Risikokindern zu schweren Verläufen führen.
Epidemiologie
Fast alle Kinder durchleben bis zum Ende des 2. Lebensjahres eine RSV-Infektion. Spätere Reinfektionen führen zu einem abgeschwächten Erkrankungsverlauf. Es besteht jedoch keine vollständige Immunität. Häufige schwere Verläufe betreffen meist Kinder mit kardiopulmonalen Vorerkrankungen oder bei Immunsuppression. Als weitere Risikofaktoren gelten Trisomie 21, schwere neuromuskuläre Erkrankungen sowie schwere chronische Lungenerkrankungen.
Ätiologie
Das respiratorische Synzytial-Virus ist ein behülltes RNA-Virus der Familie Pneumoviridae (Gattung Orthopneumovirus). Es wird durch Tröpfcheninfektion sowie durch Kontakt mit kontaminierten Oberflächen übertragen und ist nur für den Menschen pathogen. Nach Ausscheidung, z.B. durch Husten, bleibt das Virus mehrere Stunden infektiös, was eine rasche Durchseuchung im Säuglings- und Kindesalter begünstigt. In den Wintermonaten sind epidemische Ausbreitungen der RSV-Infektion üblich ("RSV-Saison").
Pathophysiologie
RSV infiziert bevorzugt die zilientragenden Epithelzellen des Respirationstraktes. Die Replikation führt zur Zytolyse mit Schleimhautödem, gesteigerter Mukusproduktion und Obstruktion der Bronchiolen. Charakteristisch ist die Bildung von Synzytien durch Fusion benachbarter infizierter Zellen – daher der Name des Virus. Bei Bronchiolitis im Säuglingsalter akkumuliert nekrotischer Zelldetritus und Schleim im Bronchiolenlumen, was zu ungleichmäßiger Ventilation, Überblähung und Atelektasen führt. Das unreife Immunsystem des Säuglings begünstigt eine Th2-dominierte Immunantwort mit bronchospastischer Komponente. Bei älteren Kindern verleiht eine bestehende Teilimmunität in der Regel einen milderen Verlauf mit obstruktiver Bronchitis.
Symptome
Nach einer Inkubationszeit von 3 bis 6 Tagen treten altersabhängige Symptome auf:
- In den ersten sechs Lebensmonaten manifestiert sich die RSV-Infektion als Bronchiolitis oder Pneumonie
- Bei einem Lebensalter ab 6 Monaten überwiegt die Verlaufsform der obstruktiven Bronchitis
Bei einer Bronchiolitis im Säuglingsalter sind Apnoen (Säuglingsapnoe) eine bedeutende und überwachungsbedürftige Komplikation. Komplikationsträchtige Verläufe mit Lebensgefahr sind bei Kindern mit bronchopulmonaler Dysplasie (Frühgeborene) und/oder Herzfehlern (mit Links-Rechts-Shunt) die Regel, ebenso bei Immunsuppression (z.B. bei angeborenen Immundefekten).
Warnsymptome
Warnsymptome für einen schweren Verlauf sind:
- Anhaltender Husten
- Dyspnoe und Atemgeräusche (Keuchen, Pfeifen)
- Langes Expirationsgeräusch (länger als Inspiration)
- Schnelle Atmung (Tachypnoe > 40/min)
- Bauchatmung: Einziehungen der Haut zwischen den Rippen und/oder in der unteren Halsregion
- Geblähte Nasenlöcher beim Atemzug
- Zyanose: Blaugraues Hautkolorit, blaue Lippen oder Zunge
- Fatigue: Deutliche Abnahme von Aktivität und Wachsamkeit
- Oligurie: Weniger als eine nasse Windel in 8 Stunden
Diagnostik
Der Erregernachweis wird nicht routinemäßig durchgeführt. Wichtig ist es, die klinische Symptomatik und die Anamnese bezüglich Begleiterkrankungen wie Frühgeburtlichkeit, BPD und Herzfehlern diagnostisch in den richtigen Zusammenhang zu setzen. Für die rasche orientierende Abklärung sind RSV-Schnelltests oder Kobinationstest (RSV, Influenza, COVID-19) verfügbar.
Ein labormedizinischer Erregernachweis ist dann erforderlich, wenn eine Epidemie ätiologisch abgeklärt werden muss oder bei schweren Verläufen, wenn als eine antivirale Therapie oder Prophylaxe notwendig wird. Diagnostischer Referenzstandard ist die PCR aus Nasensekret oder einem Rachenabstrich. Alternativ stehen ELISA- und IFT-basierte Verfahren sowie eine serologische Bestimmung der RSV-Antikörper zur Verfügung.
Differenzialdiagnosen
Folgende Erkrankungen sind differenzialdiagnostisch abzugrenzen:
- Bakterielle Pneumonie: Fieber, erhöhte Entzündungsparameter, radiologische Infiltrate
- Andere virale Atemwegsinfektionen: Humanes Metapneumovirus (HMPV), Rhinovirus, Parainfluenzavirus, SARS-CoV-2
- Pertussis (Bordetella pertussis): stakkatoartiger Husten, ausgeprägte Leukozytose
- Fremdkörperaspiration: plötzlicher Beginn, häufig einseitig, Aspirationsereignis anamnestisch
- Laryngotracheobronchitis (Krupp): bellender Husten, inspiratorischer Stridor
- Rezidivierende Verläufe: Aspiration bei gastroösophagealem Reflux
Therapie
Die Therapie einer RSV-Infektion erfolgt in den meisten Fällen symptomatisch. Zentrales Therapieprinzip ist die supportive Behandlung:
- Sauerstoffgabe bei respiratorischer Insuffizienz (zunächst Nasensonde)
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Überwachung bei Apnoe-Risiko
Beta-2-Sympathomimetika (z.B. Salbutamol), inhalative Anticholinergika (z.B. Ipratropiumbromid) und inhalatives Adrenalin werden bei der typischen RSV-Bronchiolitis von aktuellen (2026) Leitlinien nicht routinemäßig empfohlen, da kein konsistenter klinischer Nutzen nachgewiesen ist. Im Einzelfall kann ein individueller Therapieversuch bei ausgeprägter Obstruktion oder vorbekannter obstruktiver Atemwegserkrankung erwogen werden.[1]
Die Gabe von Glukokortikoiden ist bei der unkomplizierten RSV-Bronchiolitis nicht indiziert. Ein Nutzen für spezifische Subgruppen (z.B. bei schweren, intensivpflichtigen Verläufen in Kombination mit inhalativem Adrenalin) wird diskutiert, ohne dass eine generelle Empfehlung besteht.[1]
Die antivirale Therapie mit Ribavirin (inhalativ) ist auf immunsupprimierte Patienten mit schweren Infektionen der unteren Atemwege beschränkt; bei immunkompetenten Kindern besteht keine ausreichende Evidenz für einen klinischen Nutzen.[2]
Bei Verdacht auf eine bakterielle Koinfektion bzw. Superinfektion (Fieber, verdächtiger Röntgenthorax) ist eine Behandlung mit Antibiotika sinnvoll.
Prophylaxe
Eine Prophylaxe der RSV-Infektion ist mit monoklonalen Antikörpern möglich. Derzeit stehen drei in der EU zugelassene Substanzen zur Verfügung:[3]
- Palivizumab: monatliche Injektionen; zugelassen für Risikokinder
- Nirsevimab: Einmalgabe pro Saison (längere HWZ); zugelassen für alle Neugeborenen und Säuglinge
- Clesrovimab (Enflonsia®): Einmalgabe; EU-Zulassung April 2026; gewichtsunabhängige Dosierung (105 mg); Schutz über eine typische RSV-Saison von 5 Monaten[4]
Alle drei Substanzen senken die Rate schwerer Verläufe mit Krankenhauseinweisung.
Seit Juni 2024 empfiehlt die STIKO eine generelle Prophylaxe mit Nirsevimab für alle Neugeborenen und Säuglinge. Bei Geburt außerhalb der RSV-Saison (April bis September) soll die Gabe im Herbst vor der ersten RSV-Saison erfolgen. Bei Geburt während der Saison soll die Verabreichung nach der Geburt erfolgen, z.B. bei Entlassung aus der Geburtseinrichtung oder bei der U2.[5] Bei Kindern mit Risikofaktoren kann weiterhin eine Gabe von Palivizumab erfolgen, jedoch nicht parallel oder sequentiell zu Nirsevimab.[6] Die Empfehlungen für Risikokinder sind in der aktuellen AWMF S2k-Leitlinie detailliert ausgeführt.[7]
Impfung
Es stehen mehrere aktive RSV-Impfstoffe für bestimmte Patientenkollektive zur Verfügung. Sie verwenden gentechnisch veränderte Versionen des Fusionsproteins von RSV in einer präfusionsstabilisierten Form (RSVPreF).
- Arexvy® ist in der EU seit 06/2023 für Personen ab 60 Jahren zugelassen.[8]
- Abrysvo® ist seit 09/2023 zugelassen. Bei Schwangeren im letzten Trimenon schützt die maternale Impfung durch transplazentare Antikörperübertragung das Neugeborene in den ersten Lebensmonaten; zugelassen auch für Personen ab 60 Jahren.
- mResvia® ist seit 2024 für Personen ab 60 Jahren zugelassen.
Prognose
Der Verlauf ist bei immunkompetenten Kindern in der Regel selbstlimitierend. Die vollständige Erholung erfolgt meist innerhalb von 1–2 Wochen. Ca. 1–3 % der im ersten Lebensjahr infizierten Kinder werden hospitalisiert. Bei Risikokindern (BPD, hämodynamisch relevante Herzfehler, Immunsuppression) bestehen eine deutlich erhöhte Hospitalisierungsrate und Mortalität. Eine RSV-Bronchiolitis im frühen Säuglingsalter ist mit einem erhöhten Risiko für rezidivierendes Wheezing und spätere Asthma-Entwicklung assoziiert.[1]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Castro-Rodriguez JA et al. New paradigms in acute viral bronchiolitis: Is it time to change our approach?. Paediatr Respir Rev. 2024;56:29-36.
- ↑ Alvarez de Toledo M et al. Antiviral therapies for respiratory syncytial virus infection: current expectations. Curr Opin Infect Dis. 2026;39(2):153-159.
- ↑ Bizot E et al. Prophylactic monoclonal antibodies against respiratory syncytial virus in early life: An in-depth review of mechanisms of action, failure factors, and future perspectives. Pediatr Allergy Immunol. 2025;36(12):e70257.
- ↑ Zar HJ et al. Clesrovimab for Prevention of RSV Disease in Healthy Infants. N Engl J Med. 2025;393(13):1292-1303.
- ↑ Empfehlungen der STIKO zu Nirsevimab. Internetauftritt des RKI, 27.06.2024. Aufgerufen am 02.08.2024.
- ↑ Epidemiologisches Bulletin 26/24. Internetpräsenz des RKI, 27.06.2024. Aufgerufen am 02.08.2024.
- ↑ AWMF. S2k-Leitlinie Prophylaxe von schweren Erkrankungen durch Respiratory-Syncytial-Virus (RSV) bei Risikokindern. AWMF-Registernummer 048-012. Aktualisierung 2023/Version 5.2, Amendment 1 (September 2024).
- ↑ EMA – Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels Arexvy, abgerufen am 05.07.2023.