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Respiratorisches Synzytial-Virus

Synonyme: RS-Virus, RSV, Humanes Respiratorisches Synzytial-Virus, HRSV
Englisch: respiratory syncytial virus (RSV), human respiratory syncytial virus (hRSV), human orthopneumovirus

1 Definition

Das respiratorische Synzytial-Virus, kurz auch RS-Virus oder RSV, ist ein RNA-Virus aus der Familie der Pneumoviridae. Das Virus führt zu Atemwegsinfektionen und befällt epidemieartig hauptsächlich Säuglinge und Kleinkinder, bei denen es eine RSV-Infektion auslöst.

2 Taxonomie

Nach neuerer Nomenklatur wird das humane respiratorische Synzytial-Virus - vor allem im englischen Sprachraum - auch als "humanes Orthopneumovirus" bezeichnet. Dieser Name hat sich in Deutschland noch nicht (2021) durchsetzen können.

3 Eigenschaften

Das RS-Virus ist ein einzelsträngiges, negativ polarisiertes und unsegmentiertes RNA-Virus ((-)ssRNA-Virus) innerhalb der Gattung Orthopneumovirus. Das Virusgenom umfasst 10 Gene, die insgesamt 11 Virusproteine kodieren. Sie werden als NS-1, NS-2, N, M, SH, G, F, M2, L und PN bezeichnet.

Das Virion besteht aus einer doppelschichtigen Lipidhülle, in die Glykoproteine eingelagert sind - u.a. das Fusions- (F-Protein) und Adhäsions-Protein (G-Protein). Anhand der Antigenstruktur des G-Proteins unterscheidet man zwischen RSVA und RSVB.

Beide Virenstämme sind im Umlauf, wobei RSVA eine dominierende Tendenz aufweist. Neben humanen RS-Viren (HRSV) gibt es RS-Viren, die auf andere Arten spezialisiert sind, z.B. das bovine respiratorische Synzytialvirus (BRSV).

4 Epidemiologie

RS-Viren sind weltweit verbreitet und hochkontagiös. Sie führen zu akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege. Klinische Manifestationen können in jedem Alter auftreten, wobei Atemwegsinfektionen v.a. bei Säuglingen, Frühgeborenen und Kleinkindern auftreten. Ab dem 3. Lebensjahr liegt eine hundertprozentige Serokonversion für RSV-spezifische Antikörper vor. Eine lebenslange Protektion vor einer erneuten Erkrankung ist dennoch nicht gegeben, spätere Infektionen zeigen jedoch einen deutlich milderen Verlauf.

Gefährdet sind außerdem Patienten unter Immunsuppression, z.B. nach einer Knochenmarkstransplantation.

Die Verbreitung von RSV-Infektionen kann in Saisonalität und Symptomatik mit der Influenza verglichen werden. Infektionen treten daher zyklisch auf und besitzen einen Höhepunkt von November bis April (RSV-Saison). Schätzungen zufolge kommen RSV-induzierte Atemwegserkrankungen weltweit mit einer Inzidenz von 48,5 Fällen und 5,6 schweren Fällen pro 1.000 Kindern im ersten Lebensjahr vor.

5 Pathogenese

Der Mensch stellt das einzige relevante Reservoir für das RS-Virus dar. Eine Übertragung erfolgt vorwiegend in Form einer Tröpfcheninfektion. Als Eintrittspforten kommen Konjunktiven und die Nasenschleimhäute in Frage. Auch eine indirekte Übertragung durch Kontakt (z.B. Schmierinfektion) wird angenommen.

Die Infektion betrifft hauptsächlich die Epithelzellen des oberen Respirationstraktes. Nach der Infektion heftet sich das Virus über das HN-Glykoprotein an die Oberflächenrezeptoren der Wirtszelle. Anschließend folgt eine Fusion mit der Plasmamembran, woraufhin das Ribonukleokapsid in das Zytoplasma freigesetzt wird. Danach kommt es zur Transkription, sodass die virale mRNA im Zytoplasma verkappt und polyadenyliert wird. Indem die Ribonukleokapside mit den Matrixproteinen unter der Plasmamembran interagieren, werden die neu gebildeten Virionen freigesetzt. Zellfusionen der befallenen Wirtszellen, die namensgebenden Synzytien, führen zu Nekrosen, die in Verbindung mit entzündlichen Exsudaten zu erheblichen Einschränkungen der Atmung führen.

Infizierte Personen scheiden bereits einen Tag p.i. und noch vor Symptombeginn die Erreger aus. Die Dauer der Virusausscheidung beträgt durchschnittlich 3 bis 8 Tage und klingt bei immunkompetenten Personen binnen einer Woche ab.

6 Klinik

RSV-Infektionen können zu einfachen Atemwegsinfektionen bis hin zu schweren Erkrankungen der unteren Atemwege führen. Asymptomatische Infektionen sind ebenfalls möglich.

Eine Primärinfektion geht fast immer mit deutlichen klinischen Symptomen einher, wobei die Symptomatik stark von der Manifestation (oberer vs. unterer Atemweg) abhängt. Initial entwickeln sich meistens typische Symptome einer Erkrankung der oberen Atemwege (Schnupfen, nicht-produktiver Husten, Pharyngitis). Der klinische Verlauf als Rhinitis ist in der Regel komplikationslos und lässt sich dann kaum von banalen Atemwegsinfektionen unterscheiden.

Nach 1 bis 3 Tagen breitet sich die Infektion auch auf die unteren Atemwege aus, sodass der Husten eine produktiven Charakter annimmt, die Atemfrequenz gesteigert ist und betroffene Personen Dyspnoe zeigen. Charakteristisch ist eine exspiratorische Dyspnoe infolge einer Bronchiolitis, Pneumonie und/oder Tracheobronchitis.

Mögliche schwere Komplikationen - vor allem bei Säuglingen - sind Bronchiolitis und Pneumonie mit Dyspnoe. Der Krankheitsverlaufs kann dann eine Hospitalisierung, manchmal sogar eine maschinelle Beatmung notwendig machen. In Einzelfällen - besonders unter Frühgeborenen und Kindern mit Immundefekten oder schweren kardiologischen, pneumologischen oder neurologischen Erkrankungen - ist ein letaler Verlauf möglich.

7 Diagnostik

Neben der typischen Klinik ist ein direkter Erregernachweis aus Nasopharyngealsekreten (z.B. Abstrichproben) mittels PCR oder EIA beweisend.

Üblich ist der spezifische Antigennachweis mit IFT oder EIA, auch immunchromatographische Testsysteme stehen zur Verfügung. Die Anzucht erfolgt üblicherweise aus Rachenspülflüssigkeit.

Heute werden überwiegend molekulargenetische Methoden verwendet, die Anzucht ist wegen des hohen Aufwandes und Zeitbedarfes in den Hintergrund getreten.

8 Therapie

Der banale Infekt wird symptomatisch therapiert.

Bisher erfolgt bei der RSV-Bronchiolitis des Säuglings meist ebenfalls nur eine symptomatische Therapie. Eine Vielzahl an Studien untersuchte ein mögliches Benefit von zahlreichen Medikamenten und anderen Therapieformen, bisher (2021) ohne befriedigenden Erfolg. Keine signifikante Besserung erzielten z.B. Bronchodilatatoren, Glukokortikoide, Montelukast oder Ribavirin. In klinischer Prüfung befindet sich Presatovir.

Die Inhalation von 3%iger Kochsalzlösung scheint von Vorteil zu sein. Zusätzlich ist ggf. Sauerstoff zu substituieren.

9 Prävention

Das das Virus ubiquitär vorkommt, ist eine Infektionsvermeidung kaum möglich. Eine aktive Immunisierung (Impfung) gegen RSV steht zur Zeit (2021) nicht zur Verfügung. Versuchsimpfstoffe mit inaktivierten Viren in den 60er Jahren führten unter den geimpften Kindern zu einem intensiveren Krankheitsverlauf. Es wird jedoch intensiv an mehr als 30 Impfstoffkandidaten geforscht.

Eine passive Immunisierung gegen RSV steht in Form von Palivizumab zur Verfügung. Palivizumab ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen ein Oberfächenprotein von RSV gerichtet ist. Das Medikament wir 1x monatlich injiziert, während der Infektsaison über einen Zeitraum von 5 Monaten. Wegen der hohen Kosten der Antikörperproduktion ist sie Patienten mit bestimmten Erkrankungen vorbehalten, bei denen eine RSV-Infektion zu besonders schweren Verläufen neigt. Es existiert eine Leitlinie mit detaillierten Empfehlungen.

10 Quellen

Diese Seite wurde zuletzt am 29. Oktober 2021 um 11:59 Uhr bearbeitet.

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