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Allgemeiner Untersuchungsgang (Wiederkäuer)

1 Definition

Der allgemeine Untersuchungsgang beim Wiederkäuer ist ein standardisierter Untersuchungsgang, der als Grundlage jeder Diagnose dient und beim Wiederkäuer durchgeführt wird.

2 Hintergrund

Der allgemeine klinische Untersuchungsgang ist die Grundlage jeder Diagnose und muss daher - zumindest bei der Erstuntersuchung jedes Patienten - zwingend durchgeführt werden. Anhand der klinischen Parametern können weiterführende Untersuchungsgänge (z.B. Neurologischer Untersuchungsgang) veranlasst und durchgeführt werden.

Der allgemeine Untersuchungsgang beim Wiederkäuer wird bei Rindern, kleinen Wiederkäuern (Schaf, Ziege) und auch bei Neuweltkameliden (angepasst) angewendet.

3 Untersuchungspunkte

Der Untersuchungsgang umfasst insgesamt 13 Punkte, die wiederum in mehrere einzelne Untersuchungsschritte gegliedert werden. An die eigentlichen Untersuchungspunkte schließen noch weitere spezielle Untersuchungsabschnitte an, die nur in gesonderten Fragestellungen durchgeführt werden.

Die Untersuchungsschritte werden in folgender Reihenfolge durchgeführt:

3.1 MKS-Untersuchung

Da die Maul- und Klauenseuche eine anzeigepflichtige Tierseuche ist, wird die Kontrolle auf eine mögliche Erkrankung vor allen anderen Untersuchungspunkten durchgeführt. Bei der MKS-Untersuchung werden gezielt die Maulhöhle, das Euter und die Klauen begutachtet.

3.2 Nationale

Bei diesem Untersuchungspunkt werden die einzelnen patientenspezifischen Grundmerkmale erfasst und dokumentiert.

3.3 Anamnese

Bei der Anamnese werden alle krankheitsrelevanten Fragestellungen abgearbeitet, die sowohl die Vorgeschichte als auch die aktuelle Krankheitssituation befasst.

  • "4-W-Fragen": Was hat wann wie begonnen und wie war der Verlauf?
  • Vorbehandlungen
  • Zukäufe im Betrieb
  • Quarantäne
  • Milchleistung
  • Fütterung: Silage, Kraftfutter
  • Haltungsform: Laufstall, Anbindestall, Gruppenhaltung, usw.

3.4 Allgemeinverhalten

Beim Untersuchungspunkt Allgemeinverhalten erfasst der Untersuchende das derzeitige Befinden und Verhalten des Tieres und die Reaktionen auf die Umweltreize.

  • Vermindertes oder gesteigertes Verhalten
  • Beurteilung der Kopf-, Augen- und Ohrenbewegungen
  • Pathologischer Befund: Geringgradig, mittelgradig oder hochgradig vermindert bzw. gesteigert
  • Physiologischer Befund: Ruhig und lebhaft (Adult) bzw. lebhaft und aufmerksam (Jungtier)

3.5 Körperhaltung

Die Körperhaltung gibt einerseits Hinweise auf Erkrankungen am Bewegungsapparat, andererseits können über die Körperhaltung auch mögliche Schmerzzustände erkannt werden.

  • Adspektion des Tieres von allen Seiten
  • Pathologischer Befund: z.B. gekrümmter Rücken, Entlastungsstellung, Rückständig, usw.
  • Physiologischer Befund: Der Tierart entsprechend

3.6 Ernährungszustand

Durch das Erfassen des Ernährungszustandes können erste Rückschlüsse auf die Haltungsbedingungen sowie pathophysiologische Veränderungen geschlossen werden.

  • Adspektion und Palpation der Schenkel, Gluteal- und Ankonäenmuskulatur (Rind) bzw. Thorax, Abdomen, Schenkelmuskulatur sowie Lendenwirbelsäule (kleiner Wiederkäuer)
  • Pathologischer Befund: Mittelgut, mager oder kachektisch
  • Physiologischer Befund: Gut

3.7 Untersuchung von Haut, Haarkleid und Horngebilde

Die Untersuchung von Haut, Haarkleid und Horngebilde gibt Rückschlüsse auf den Pflege- und Gesundheitszustand des Tieres und wird in vier einzelne Untersuchungsschritte gegliedert:

  • Haarkleid, Horngebilde: Untersuchung eines Einzelhaares auf Schäden sowie Brüchigkeit; ganzheitliche Betrachtung des Haarkleides auf Glanz, Schweiß und haarlosen sowie depigmentierten Stellen; Untersuchung der Horngebilde (Hörner, Klauen) auf Schäden oder krankhaften Veränderungen.
  • Hautoberfläche: Effloreszenzen, Farbveränderungen, Entzündungssymptome, Hautdicke, Juckreiz, Ektoparasiten
  • Hautelastizität: Durch Aufziehen einer Hautfalte am Hals (Rind) bzw. am Oberlid (Schaf, Kalb) können Störungen des Wasserhaushaltes erkannt werden (Dehydrierung).
  • Hauttemperatur: Mit dem Handrücken wird meanderförmig der gesamte Körper abgefahren und die Hautoberfläche beurteilt; bei behornten Tieren sind auch die Hörner zu palpieren.
  • Pathologische Befunde: Mögliche Veränderungen an der Hautoberfläche; geringgradige, mittelgradige oder hochgradige Verminderung der Hautelastizität; unregelmäßig verteilt
  • Physiologische Befunde: Glatt, glänzend, anliegend, physiologisches Wechsel- bzw. Winterhaarkleid oder der Rasse entsprechend (Haarkleid, Horngebilde), o.B. (Hautoberfläche), erhalten (Hautelastizität), regelmäßig verteilt (Hauttemperatur)

3.8 Innere Körpertemperatur

Die innere Körpertemperatur wird rektal gemessen:

  • Rind: 38,3 bis 38,8 °C
  • Kalb: 38,5 bis 39,2 °C
  • Ziege: 38,3 bis 39,0 °C
  • Zicklein: 38,5 bis 39,5 °C
  • Schaf: 38,5 bis 39,5 °C
  • Lamm: 38,5 bis 40,0 °C

3.9 Puls, peripherer Kreislauf

Beim Rind wird der Puls mit beiden Händen gleichzeitig an der Arteria facialis palpiert. Alternativ kann die Arteria saphena und die Arteria caudalis mediana in Höhe der ventralen Vulvakommissur getastet werden. Bei Kälbern wird der Puls an der Arteria femoralis ermittelt. Bei diesem Untersuchungspunkt werden einerseits die Frequenz, andererseits die Qualität des einzelnen Pulsschlages beurteilt.

  • Rind: 60 bis 80
  • Kalb: 72 bis 92
  • Schaf: 60 bis 80
  • Lamm: 100 bis 116
  • Ziege: 60 bis 80
  • Zicklein: 100 bis 120
  • Physiologischer Befund: Frequenz, kräftig, regelmäßig und gleichmäßig, Arterie gut gefüllt und gut gespannt

3.10 Untersuchung des Kopfes

Dieser Untersuchungsabschnitt wird in 7 einzelne Teilpunkte untergliedert.

  • Auge, Lidbindehaut: Beurteilung der Umgebung (Ausfluss), der Lider (Stellung), der Bulbi (Stellung), Lidbindehaut und Sklera (Gefäßzeichnung).
  • Ohr: Beurteilung der Umgebung (Verschmutzung, Ausfluss) und der Hörfähigkeit sowie Palpation der Ohren inkl. angrenzende Areale (Schmerzreaktion).
  • Nase, Nasenschleimhaut: Beurteilung der Umgebung (Verschmutzung, Ausfluss), der Atemgeräusche, der Schleimhautfarbe und des Geruchs der Ausatemluft.
  • Nasennebenhöhlen: Durch Palpation und Perkussion können schmerzhafte Prozesse sowie pathologische Veränderungen (z.B. Ergüsse) ausgeschlossen werden.
  • Maul- und Rachenhöhle: Beurteilung der Umgebung (Verschmutzung, Ausfluss) und des Geruchs der Ausatemluft, der Kieferstellung, der Maulschleimhaut, der Zunge, des Futterlochs und der Zähne.
  • Kapillarfüllungszeit: Durch Drücken auf eine unpigmentierte Stelle der Maulschleimhaut (z.B. Oberkiefer) kann die kapilläre Füllzeit beurteilt und ein Rückschluss auf den Kreislaufzustand des Tiers getroffen werden.
  • Zähne: Beurteilung der Zähne auf Zustand und Vollständigkeit.
  • Physiologische Befunde: Blassrosa (Lidbindehaut, o.B. (Ohr), rosarot und feucht sowie kein Ausfluss bzw. Flotzmaul und Nasenlöcher sauber (Nase, Nasenschleimhaut), blassrosa (Maulschleimhaut), unter 3 Sekunde (Kapillarfüllungszeit) und o.B. bzw. Zähne zeigen eine dem Alter entsprechende Abnutzung (Zähne).

3.11 Untersuchung der Halsregion

Die Untersuchung der Halsregion gliedert sich in 6 Einzeluntersuchungen, die von kranial nach kaudal durchgeführt werden.

  • Obere Halsgegend inkl. Glandula parotis: Die Palpation erfolgt mit beiden Händen, die über den Kopf gegriffen die Glandula parotis ertasten.
  • Kehlkopf, Auslösen von Husten: Durch Palpation und Provokation der Kehlkopfgegend wird versucht, eine Hustreaktion auszulösen.
  • Hals, Drosselrinne, Blutangebot: Adspektion der Drosselrinnengegend auf eine gestaute oder krankhaft veränderte Vena jugularis externa (Venenpuls, Rückstau), Palpation des Ösophagus auf Durchgängigkeit und Erweiterungen und Palpation der Trachea.
  • Trachea: Beurteilung der Größe und Lage und Auskultation.
  • Ösophagus: Beurteilung der Durchgängigkeit, auf Verengungen und Erweiterungen.
  • Halslymphknoten: Beurteilung der Buglymphknoten auf Größe, Verschieblichkeit, Schmerzhaftigkeit, Konsistenz, Temperatur und Fluktuation.
  • Physiologische Befunde: Nicht durchtastbar und nicht schmerzhaft (Glandula parotis), Husten weder spontan noch auf Reiz auslösbar (Kehlkopf), Blutangebot prompt und Drosselrinne o.B. (Drosselrinne), Größe und Lage der Art entsprechend und nur vereinzelt bronchiale Atemgeräusche (Trachea), durchgängig und Verengungen sowie Erweiterungen nicht feststellbar (Ösophagus), Lymphknotengröße und verschieblich (Lymphknoten)

3.12 Untersuchung des Thorax

Bei der Untersuchung des Thorax werden mittels Adspektion, Palpation und Perkussion sechs Unterpunkte beurteilt.

  • Atmung: Adspektorische Beurteilung von der rechten Körperseite (da der Pansen die gesamte linke Bauchhöhle ausfüllt). Beurteilt werden der Typus, der Rhythmus und die Qualität der Atmung.
  • Adspektion und Palpation des Herzstoßes: An der linken Thoraxwand wird mit der linken Handfläche der Herzstoß palpiert - eventuell auch an der gegenüberliegenden Körperseite möglich.
  • Perkussion der Lunge: Perkussion der gesamten Lunge und Ermittlung der kaudalen Lungengrenzen: obere Lungengrenze auf Höhe des Hüfthöckers im 11. IKR, mittlere Lungengrenze auf Höhe der Thoraxmitte im 9. IKR, untere Lungengrenze auf Höhe des Olekranons im 6. IKR.
  • Perkussion des Herzens: Indem die Vorderextremität nach vorne gezogen wird, kann durch Perkussion das Herzfeld ermittelt werden.
  • Auskultation der Lunge: Beurteilung der Atmung auf Atemgeräusche, Rasselgeräusche oder Nebengeräusche.
  • Auskultation des Herzens: Beurteilung der Herztöne und der Herzaktivität
  • Physiologische Befunde: Frequenz (Rind und Ziege: 10 bis 30, Schaf: 16 bis 30, Kalb, Lamm, Zicklein: 20 bis 40), kostoabdominaler Typ mit abdominaler Betonung, regelmäßig, ggr. vertieft (Atmung), Herzstoß links (eventuell beidseits) fühlbar (Palpation des Herzstoßes), beidseits heller und lauter Schall und mittlere Lungengrenze im 9. IKR (Perkussion der Lunge), relative Herzdämpfung nachweisbar und handtellergroß (Perkussion des Herzens), beidseits vesikuläres (ggr. verschärftes) Atemgeräusch und das tiefe Inspirium ist rein (Auskultation der Lunge), Frequenz, kräftig und regelmäßig, Herztöne gut abgesetzt, keine Herzgeräusche

3.13 Untersuchung des Abdomens

Die Untersuchung des Abdomens erfolgt einerseits von außen (folgende Abschnitte), andererseits von innen (Rektale Untersuchung). Mittels Adspektion, Palpation und Auskultation können verschiedene Parameter erhoben werden.

  • Adspektion und Palpation: Beurteilung der Körperform und mögliche Abweichungen von der Norm.
  • Palpation und Perkussion: Beurteilung der Bauchwand, der Pansenschichtung und -füllung sowie Kontrolle auf Fremdkörperschmerzen (Fremdkörperschmerzproben).
  • Auskultation: Auskultation des Pansens und des Darms und Durchführung der Schwink- und Perkussionsauskultation.
  • Lymphknoten: Palpatorische Beurteilung der Lymphknoten in der Kniefalte (Lymphonodi subiliaci).
  • Physiologische Befunde: Physiologische Wölbung, Hungergruben, Bauchdeckenspannung nicht erhöht (Adspektion, Palpation), Pansenfrequenz: 5 Pansenzyklen pro Minute (Auskultation), Pansen kräftig und auslaufend, Darm rege und auslaufend (Auskultation), Größenangabe und verschieblich (Lymphknoten)

4 Weiterführende Untersuchungen

Je nachdem welche pathologischen Veränderungen mittels allgemeiner Untersuchung festgestellt wurden, können weiterführende Untersuchungsmaßnahmen veranlasst werden.

5 Literatur

  • Baumgartner, Walter. Klinische Propädeutik der Haus- und Heimtiere. 8., aktualisierte Auflage. Enke-Verlag, 2014.

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