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Allgemeiner Untersuchungsgang (Pferd)

Synonyme: klinische Untersuchung, allgemeine klinische Untersuchung
Englisch: clinical examination

1 Definition

Der allgemeine Untersuchungsgang beim Pferd ist ein standardisierter Untersuchungsgang, der als Grundlage jeder weiteren Diagnostik dient.

2 Hintergrund

Der allgemeine klinische Untersuchungsgang ist bei der Erstuntersuchung des Tieres vollständig durchzuführen. Anhand der erhobenen klinischen Parameter kann eine hinreichende Erstinschätzung des Gesundheitszustandes erfolgen, sodass ggf. weiterführende Untersuchungsgänge (z.B. orthopädischer Untersuchungsgang) veranlasst werden.

3 Untersuchungspunkte

Die klinische Untersuchung beim Pferd umfasst insgesamt 14 Punkte, die aus mehreren einzelnen Untersuchungsschritten bestehen. Bei besonderen Fragestellungen kann diese Liste erweitert werden.

Die Untersuchung ist idealerweise in folgender Reihenfolge durchzuführen:

3.1 Nationale

Am Beginn jeder Untersuchung ist das Nationale des Patienten festzustellen. Hierzu werden folgende Punkte beurteilt:

  • Rasse (z.B. Warmblut, Kaltblut, Vollblut, Pony)
  • Farbe (z.B. Schimmel, Rappe u.ä.)
  • Geschlecht (Männchen, Weibchen, Wallach, Kryptorchide)
  • angeborene und erworbene Abzeichen (z.B. Brände, Chips, Tätowierungen, Narben u.ä.)
  • Alter
  • Körperhöhe (Stock- und Bandmaß) und Körpermasse
  • Nutzungsart (z.B. Reitfpferd, Kutschenpferd, Galopper u.ä.)

3.2 Anamnese

Anschließend ist die Anamnese zu erheben. Nach der Erstschilderung der Probleme durch den Tierbesitzer kann durch gezielte Fragestellungen ein erster Überblick über die Symptome erlangt werden. Je nach Krankheitserscheinungen sollten folgende Fragen gestellt werden:

  • Was (Symptome) hat wann (Zeitpunkt des Erstauftretens) wie begonnen (perakut, akut, subakut, chronisch) und wie ist der Verlauf (akut, chronisch, rezidivierend, progressiv)?
  • Begleitende Symptome (z.B. zusätzlich Inappetenz, Leistungsminderung)
  • Haltung mehrerer Tiere gemeinsam und sind noch andere Tiere zeitgleich erkrankt?
  • Hinweise auf eine Erbkrankheit durch gezielte Familienanamnese
  • Woher stammt das Tier (Zukauf, Züchter, Ausland)?
  • Impfstatus
  • Entwurmungsmanagement
  • Haltung (Weide, Offenstall, Boxenhaltung, Gruppenhaltung) und Haltungsbedingungen (Einstreu, Luftwechsel u.ä.)
  • Leistung (Turnierpferd, Freizeitpferd)
  • Fütterung und Wasserangebot (Zusammensetzung, Qualität, leistungsorientiert)
  • Vorerkrankungen
  • Vorbehandlungen

3.3 Körperhaltung

Die Körperhaltung sollte der Tierart entsprechend sein. Hierbei ist v.a. auf die Kopf-Hals-Rückenlinie, den Gliedmaßenachsen und -stellungen und auf etwaige Entlastungshaltungen zu achten. Die Begutachtung erfolgt von allen Seiten.

3.4 Ernährungszustand

Der Ernährungszustand wird sowohl adspektorisch als auch palpatorisch erhoben, indem die Bemuskelung und die Fettdepots von allen Seiten beurteilt werden. Durch gezieltes Palpieren des Schulterblattes, der Rippen und der Hüfthöcker kann man den Zustand des Tieres feststellen. Der physiologische Befund lautet "gut". Abweichungen werden in "mittelgut, mager und kachektisch" bzw. "sehr gut und adipös" eingeteilt.

3.5 Haut, Haarkleid und Horngebilde

Dieser Untersuchungsschritt gliedert sich in vier Unterpunkte. Das Haarkleid wird einerseits als Ganzes, andererseits durch gezieltes Auszupfen einzelner Haare im Detail untersucht. Es werden auf Depigmentierungen, haarlosen Stellen, Schuppen, Ektoparasiten und Glätte geachtet. Anschließend untersucht man alle Horngebilde (Hufen und Kastanien) auf Vollständigkeit und Unversehrtheit. Der physiologische Befund lautet "glatt, glänzend, anliegend, physiologisches Winter- bzw. Wechselhaarkleid".

An der gesamten Körperoberfläche werden die Haare gescheitelt und die zum Vorschein kommende Haut auf Abweichungen (Effloreszenzen, Hämatome, Ektoparasiten, Pruritus u.ä.) geprüft. Bei physiologischer Hautoberfläche lautet der Befund: "o.B.". Um den Hydratationszustand erfassen zu können, wird die Haut am Übergang vom 2. zum 3. Halsdrittel aufgehoben und anschließend wieder losgelassen. Die Zeit bis zum vollständigen Verstreichen der Hautfalte gibt einen Überblick über den Wasserhaushalt und sollte nicht länger als 1 bis 2 Sekunden dauern. In diesem Fall lautet der Befund "Hautelastizität ist erhalten". Abweichungen werden wie folgt angegeben: "ggr./mgr./hgr. vermindert" bzw. "Hautelastizität ist aufgehoben".

Durch die Ermittlung der Hauttemperatur kann einerseits die Durchblutung, andererseits die Thermoregulation beurteilt werden. Indem mit dem Handrücken meanderförmig über die Körperoberfläche gestrichen und die Akren mit beiden Händen zeitgleich umfasst werden, kann die Hauttemperatur eingeschätzt werden. Der physiologisch Befund lautet "Hauttemperatur regelmäßig verteilt". Abweichungen werden wiederum mit "ggr./mgr./hgr. erhöht bzw. erniedrigt" dokumentiert.

3.6 Innere Körpertemperatur

Mit einem Thermometer wird rektal die Körpertemperatur ermittelt. Bei den einzelnen Messungen sind die physiologischen Tagesschwankungen (morgens am niedrigsten, am Abend am höchsten) zu berücksichtigen. Adulte Pferde weisen einen engen Temperaturbereich auf und sollten normalerweise zwischen 37,5 und 38,0 °C aufweisen. Fohlen (bis ca. 6 Monate) liegen meist zwischen 37,5 und 38,5 °C.

3.7 Puls, peripherer Kreislauf

Die Pulswelle ist einerseits von der Herzfrequenz, andererseits vom Schlagvolumen und der Geschwindigkeit seiner Auspressung, der Elastizität der Gefäße und dem peripheren Widerstand abhängig. Die Ermittlung des Pulses und der Qualität ermöglicht somit Rückschlüsse auf das Herz-Kreislauf-System und den Hydratationszustand. Beim Pferd wird der Puls entweder an der Arteria facialis im Bereich der Incisura vasorum facialium oder der Arteria transversa faciei ertastet. Beim Fohlen eignet sich die Arteria femoralis.

Beurteilt werden die Frequenz, die Qualität, der Rhythmus, die Gleichmäßigkeit, die Füllung und die Spannung des Gefäßes. Der physiologische Befund lautet "28 bis 40 Schläge pro Minute, kräftig, regelmäßig und gleichmäßig; die Arterie ist gut gefüllt und gut gespannt".

3.8 Untersuchung des Kopfes

Die Untersuchung des Kopfes gliedert sich in acht einzelne Untersuchungsschritte. Es werden die Augen (Umgebung, Stellung der Bulbi, Augenlider, Sklera) und die Lidbindehäute beurteilt. Mögliche Abweichungen sind z.B. Rötungen, anämische, ikterische oder livide Konjunktiven oder seröser, mukoseröser, muköser, eitriger oder blutiger Augenausfluss. Die Veränderungen sind sowohl qualitativ als auch quantitativ zu ermitteln. Der physiologische Befund lautet "Lidbindehaut blassrosa; Skleren von weißer Farbe und mit fein dargestellten Episkleralgefäßen".

Anschließend werden die Ohren auf etwaige Veränderungen (Ausfluss, Verschmutzung) und Hörfähigkeit (Ohrspiel) überprüft und physiologisch mit "o.B." angegeben. Bei der Nase werden die Umgebung der Nasenöffnungen, die Atemgeräusche, die Stärke der Ausatemluft und ihre Temperatur, der Ausfluss und die Nasenschleimhaut untersucht - zusätzlich noch der Nasenvorhof, die Nasenscheidewand und die Mündung des Tränen-Nasen-Kanals. Der physiologische Befund lautet "rosarot, feucht, kein Ausfluss, Maul und Nüstern sauber". Durch Perkussion der Nasennebenhöhlen können beim Pferd v.a. die Kiefer-, Stirn-, Gaumen- und Keilbeinhöhle untersucht werden. Der physiologische Befund wird mit "o.B." angegeben.

Anschließend werden die Mundspalte, die Lippen und die Maulhöhle untersucht. Man achtet auf Auflagerungen, Verletzungen, Ausfluss, Foetor ex ore und Veränderungen an der Zungenunterfläche. Im Zuge dessen ist auch der Zahnstatus und die kapilläre Rückfüllzeit zu erheben. Die physiologischen Befunde lauten: "Maulschleimhaut blassrosa, Zähne o.B." bzw. "zeigen eine dem Alter entsprechende Abnutzung" und "Kapillarfüllungszeit < 3 Sekunden". Zum Schluss sind noch die Lymphknoten des Kopfes, insbesondere die Lymphonodi mandibulares zu palpieren. Die Lymphknoten sind normalerweise nicht vergrößert, haben eine derbe-elastische Konsistenz, sind gegenüber ihrer Umgebung verschieblich, lassen sich deutlich abgrenzen und sind nicht druckdolent. Der physiologische Befund lautet daher "Lymphknoten (Größenangabe) groß und verschieblich".

3.9 Untersuchung der Halsregion

Bei diesem Untersuchungspunkt wird die obere Halsgegend inklusive Glandula parotis adspektorisch sowie palpatorisch untersucht. Es werden die Speicheldrüsen, die Trachea ("Größenverhältnisse und Lage der Tierart entsprechend, nur vereinzelt bronchiale Atemgeräusche"), der Larynx und der Ösophagus ("Ösophagus durchgängig, Verengungen bzw. Erweiterungen nicht feststellbar") palpiert. Der physiologische Befund lautet "durchtastbar" bzw. beim Hengst "nicht durchtastbar und nicht schmerzhaft" sowie "Husten weder spontan vorhanden noch auf Reiz auslösbar".

Anschließend werden die Drosselrinne und das venöse Blutangebot untersucht und physiologisch mit "Blutangebot prompt und Drosselrinne o.B." beurteilt.

3.10 Untersuchung des Thorax

Der Thorax wird adspektorisch, palpatorisch, mittels Perkussion und Auskultation untersucht. Zu Beginn der Untersuchung wird die Atemfrequenz und der Atemtyp ermittelt. Der physiologische Befund lautet "10 bis 14 Atemzüge pro Minute, kostoabdominal, regelmäßig, ggr. vertieft". Anschließend wird die Herzgegend palpiert der Herzspitzenstoß erfühlt und physiologisch mit "Herzstoß links (beidseits) fühlbar" dokumentiert. Durch Perkussion der Zwischenrippenräume kann einerseits die Ausdehnung der Lunge, anderseits die Schallqualität erfasst werden. Der physiologische Befund lautet: "beidseits heller und lauter Schall, mittlere Lungengrenzen im 11 bis 13 Interkostalraum". Anschließend wird das Herz perkutiert, die Größe ermittelt und physiologisch als "Herzdämpfung ist nachweisbar und handtellergroß (links)" bewertet.

Die gesamte Lungenoberfläche wird auf beiden Körperseiten auskultiert und auf etwaige Atem-, Rassel- oder Nebengeräusche geachtet. Indem die Nüstern kurzzeitig zugehalten werden, kann das tiefe Inspirium zusätzlich beurteilt werden. Der physiologische Befund lautet "beiderseits vesikuläres Atemgeräusch; tiefes Inspirium rein". Abschließend erfolgt die Auskulation des Herzens, bei der auf pathologische Schallphänomene geachtet wird. Der physiologische Befund wird wie folgt beurteilt: "28 bis 40 Schläge pro Minute, kräftig, regelmäßig, Herztöne gut abgesetzt, keine Herzgeräusche".

3.11 Untersuchung des Abdomens

Die Untersuchung des Abdomens erfolgt einerseits von außen (Adspektion, Palpation, Auskultation), andererseits von innen (rektale Untersuchung). Die Adspektion wird von beiden Seiten sowie von schräg hinten durchgeführt, wobei v.a. auf Umfangsvermehrungen und Asymmetrien geachtet wird. Anschließend wird die Bauchdeckenspannung durch Palpation überprüft. Der physiologische Befund lautet "Abdomen physiologisch gewölbt, Bauchdeckenspannung nicht erhöht". Bei der Palpation des Abdomens werden etwa 30 Sekunden lang die Darmgeräusche auf Frequenz, Klangcharakter, Lautstärke und Verlauf beurteilt. Der Befund sollte physiologisch wie folgt angegeben werden: "Darmperistaltik rege und auslaufend".

Bei bestimmten Fragestellungen kann eine rektale Untersuchung angeschlossen werden.

3.12 Untersuchung der Geschlechtsorgane

Im Zuge des allgemeinen Untersuchungsganges werden die äußeren Geschlechtsorgane nur oberflächlich untersucht und beurteilt. Eine genauere Untersuchung erfolgt beim gynäkologischen bzw. andrologischen Untersuchungsgang.

Die Geschlechtsorgane werden beim Pferd sowohl adspektorisch als auch palpatorisch erfasst, wobei v.a. auf Abweichungen (Hypertrophie, Atrophie, Ausfluss, Schmerzhaftigkeit, Umfangsvermehrungen u.ä.) geachtet wird. Der physiologische Befund lautet: "äußere Geschlechtsorgane o.B.".

3.13 Untersuchung des Gesäuges

Liegen keine Hinweise auf ein gynäkologisches Problem vor, so wird die Mamma nur adspektorisch und palpatorisch untersucht. Der physiologische Befund sollte "Gesäuge weich-elastisch, nicht schmerzhaft, Haut verschieblich" lauten.

4 Literatur

  • Baumgartner, Walter. Klinische Propädeutik der Haus- und Heimtiere. 8., aktualisierte Auflage. Enke-Verlag, 2014.

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