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Orthopädischer Untersuchungsgang (Pferd)

Synonym: Orthopädische Untersuchung
Englisch: orthopedic examination

1 Definition

Der orthopädische Untersuchungsgang ist ein standardisierter Untersuchungsgang beim Pferd, der bei orthopädischen Fragestellungen durchgeführt wird.

2 Hintergrund

Der orthopädische Untersuchungsgang wird im Anschluss an die allgemeine klinische Untersuchung durchgeführt. Anhand der erhobenen Parameter können weiterführende diagnostische Methoden (z.B. Leitungsanästhesien) angeschlossen werden, um eine Lahmheitsursache feststellen zu können.

3 Untersuchungspunkte

Der orthopädische Untersuchungsgang beim Pferd lässt sich in elf Abschnitte gliedern, die sich aus mehreren Untersuchungsschritten zusammensetzen:

3.1 Nationale

Am Beginn jeder Untersuchung ist das Nationale des Pferdes zu erheben. Hierzu sind folgende Punkte zu dokumentieren:

3.2 Allgemeine Anamnese

Die allgemeine Anamnese gibt einen groben Überblick über den Gesundheitszustand des Tieres:

  • Ernährungszustand
  • Haltungsbedingungen (Freilaufstall, Boxenhaltung u.ä.)
  • Vorerkrankungen
  • Vorbehandlungen
  • Impfstatus (inkl. Tetanusimpfung)

3.3 Orthopädische Anamnese

Zusätzlich zur allgemeinen Anamnese sind insbesondere bei orthopädischen Fragestellungen folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  • Beginn bzw. Dauer der Lahmheit
  • Verdachtursache der Lahmheit
  • Art und Intensität der Lahmheit
  • Verlauf (akut oder chronisch)
  • frühere Lahmheiten
  • Allgemeinbefinden (zusätzliche Symptome wie z.B. Fieber)
  • letzter Hufbeschlag bzw. Hufkorrektur
  • tierärztliche Voruntersuchungen

3.4 Adspektion in Ruhe

Bei der Adspektion in Ruhe wird das Pferd von allen Seiten gleichermaßen begutachtet, wobei folgende Punkte unbedingt überprüft werden müssen:

  • Belastung der Gliedmaßen (gleichmäßig, stuhlbeinig u.ä.)
  • Gliedmaßen- und Zehenstellung sowie Zehenachse (z.B. regelmäßig und gerade, rückständig u.ä.)
  • Hufform (z.B. Zwanghuf)
  • Hornqualität
  • Umfangsvermehrungen, Atrophien, Asymmetrien
  • Verletzungen, Narben
  • Haltung von Kopf und Hals
  • Wirbelsäule und Beckenbereich (Bemuskelung, Konturveränderungen, Druckstellen, Asymmetrien)

3.5 Palpation der Vordergliedmaße

Im Anschluss an die adspektorische Untersuchung werden die Vordergliedmaßen der Reihe nach palpatorisch überprüft. Die Untersuchung wird von distal nach proximal vorgenommen, wobei das Hauptaugenmerk auf folgende Punkte gerichtet werden sollte:

3.6 Palpation der Hintergliedmaße

Die Hintergliedmaße wird entsprechend der Vordergliedmaße ebenfalls palpatorisch beurteilt:

3.7 Palpation von Wirbelsäule und Becken

Neben der Palpation der Wirbelsäule und des Beckens sind auch die Sensibilität und die Beweglichkeit zu überprüfen:

3.8 Adspektion in Bewegung

Die Adspektion in Bewegung erfolgt in verschiedenen Gangarten (Schritt, Trab und eventuell Galopp). Das Pferd wird dabei an der Hand geführt, wobei die Bewegung auf hartem und auf weichem Boden überprüft werden muss. Zusätzlich ist das Pferd am Zirkel, an der Longe und bei Bedarf auch unter dem Sattel zu bewegen. Beurteilt werden folgende Punkte:

  • Vorführung der Extremität (gerade, außen-innen-außen, innen-außen-innen, paddeln)
  • Fußung (plane, laterale oder mediale Fußung)
  • Lahmheitsform (Stützbeinlahmheit, Hangbeinlahmheit, gemischte Lahmheit)
  • Lahmheitsgrad (Stützbeinlahmheit: Grad 1 bis 5, Hangbeinlahmheit: gering- bis hochgradig)
  • Lokalisation der Lahmheit (vorne links oder rechts, hinten links oder rechts)

3.9 Provokationsprobe

Um die festgestellte Lahmheit auf eine Region an der Gliedmaße eingrenzen zu können, sollten Provokationsproben durchgeführt werden. Dabei werden gezielt ein oder mehrere Gelenke für eine Dauer von 60 Sekunden gebeugt bzw. gestreckt, um schmerzhafte Prozesse zu verstärken. Anschließend ist das Pferd aus dem Stand sofort anzutraben, wobei die durchgeführte Provokationsprobe anhand der vorliegenden Lahmheit mit geringgradig, mittelgradig oder hochgradig positiv sowie mit negativ (Lahmheitsgrad wie vor der Provokationsprobe) oder doppelt negativ (verstärkte Lahmheit am Standbein) zu beurteilen ist.

3.10 Leitungsanästhesie

Bei der Leitungsanästhesie wird mithilfe eines Lokalanästhetikums (z.B. Mepivacain) gezielt ein Nerv desensibilisiert. Diese als perineurale Anästhesie bezeichnete Technik führt im Idealfall zu einer Anästhesie aller distal der Punktionsstelle liegenden Versorgungsareale des entsprechenden Nervs. Auf diese Weise kann die Lahmheit auf eine bestimmte Region (z.B. Gelenk) oder Struktur (z.B. Fesselträger) eingeschränkt werden.

Das Ergebnis der Leitungsanästhesie wird mit positiv, negativ oder Restlahmheit beurteilt. Der Grad der verbliebenen Lahmheit kann dann subjektiv in Prozent angegeben werden (z.B. "Die Lahmheit hat sich nach der Leitungsanästhesie um 60 bis 70 % gebessert.").

3.11 Synovialanästhesie

Je nach Fragestellung kann statt der Leitungsanästhesie eine intrasynoviale Anästhesie durchgeführt werden. Folgende Gelenke bzw. Synovialstrukturen können hierbei desensibilisiert werden:

4 Quellen

  • Baumgartner, Walter. 2014. Klinische Propädeutik der Haus- und Heimtiere. 8., aktualisierte Auflage. Enke-Verlag.
  • Klinik für Pferde. Vetucation-Kurs: Orthopädischer Untersuchungsgang beim Pferd. Veterinärmedizinische Universität Wien.

Diese Seite wurde zuletzt am 13. Oktober 2020 um 15:05 Uhr bearbeitet.

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