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Lahmheit (Pferd)

1 Definition

Als Lahmheit beim Pferd bezeichnet man die pathologische Entlastung eines oder mehrerer Beine und die damit verbundenen Abweichungen im Takt der jeweiligen Gangart.

2 Ursachen

Lahmheiten können schmerzhafter, mechanischer, aber auch neurologischer Ursache sein. Der Grad der Lahmheit (Grad 1 bis 5) steht nicht immer in eindeutiger Korrelation zum Schweregrad der eigentlichen Ursache.

Sehnen- und Gelenkprobleme sind die häufigsten Ursache einer Lahmheit, da diese Strukturen am distalen Bereich der Beine nur von wenig subkutanem Fettgewebe und Muskeln geschützt und großen Belastungen ausgesetzt sind. Aufgrund dessen können auch schon leichte Traumata (z.B. Prellungen) Schmerzen beim Pferd verursachen, worauf es zu sichtbaren Entlastungen im Form einer Lahmheit kommt.

Falsche Hufbearbeitung sowie Hufbeschläge können ebenfalls Lahmheiten auslösen. Die Lahmheit kann hierbei entweder aufgrund von Schmerzen oder falschen Belastungsverhältnissen zu einer Störung des physiologischen Bewegungsablaufs führen. Die Ursache sollte in diesem Fall dennoch möglichst schnell behoben werden, um daraus resultierenden Verletzungen vorzubeugen.

3 Diagnostik

Die Lahmheit wird im Rahmen der orthopädischen Untersuchung beurteilt. Die diagnostischen Schritte und deren Reihenfolge sind dabei anhand der Anamnese auszuwählen.

3.1 Anamnese

Neben der allgemeinen Anamnese sind gezielt Fragen zum orthopädischen Gesundheitszustand zu stellen, u.a.:

  • Beginn bzw. Dauer der Lahmheit (akut vs. chronisch)
  • Verdacht auf eine mögliche Ursache der Lahmheit (z.B. Reitunfall)
  • Art und Intensität der Lahmheit (Standbein- oder Hangbeinlahmheit)
  • Verlauf
  • frühere Erkrankungen, die zu Lahmheiten geführt haben
  • Allgemeinbefinden (systemische Krankheitszeichen wie z.B. Fieber)
  • letzter Hufbeschlag bzw. Hufkorrektur
  • tierärztliche Voruntersuchung
  • Vorbehandlung

3.2 Adspektion (Ruhe)

Das Pferd wird zu Beginn im Stand der Ruhe adspektorisch von allen Seiten beurteilt. Dabei ist auf die Belastung der Gliedmaßen (gleichmäßig, Entlastung u.ä.) und die Gliedmaßen- sowie Zehenstellung inkl. Zehenachse zu achten. Weiterhin wird die Hufform sowie das Hufhorn beurteilt. Deutliche Umfangsvermehrungen, Atrophien und Asymmetrien sowie Verletzungen und Narben müssen dokumentiert werden.

Zusätzlich sind die Haltung von Kopf und Hals sowie der Wirbelsäulen- und Beckenbereich genau zu überprüfen (Bemuskelung, Konturveränderungen, Druckstellen, Asymmetrien).

3.3 Palpation

Nach der adspektorischen Beurteilung wird das Pferd palpatorisch untersucht. In der Regel wird an der Vordergliedmaße begonnen. Die Untersuchung erfolgt von distal nach proximal, beginnend beim Huf (Temperatur). Der Untersucher arbeitet sich schrittweise nach proximal und tastet dabei alle Gelenke, Knochenpunkte, Muskeln, Synovialeinrichtungen und Sehnen ab.

Die gleichen Untersuchungsschritte sind auch an der Hintergliedmaße, an der Wirbelsäule und am Becken vorzunehmen. Zusätzlich wird die Hautsensibilität und die Beweglichkeit der Halswirbelsäule (aktiv vs. passiv) überprüft.

3.4 Adspektion (Bewegung)

Anschließend ist das Pferd in Bewegung zu beurteilen. Hierbei ist das Pferd sowohl im Schritt als auch im Trab an der Hand (geführt) zu bewegen. Der Bewegungsablauf sollte dabei immer auf harten und weichem Boden und am Zirkel (ebenfalls auf hartem und auf weichem Boden) begutachtet werden. Je nach Klinik ist das Pferd zusätzlich noch an der Longe und unter dem Sattel (beritten) zu bewegen.

Die Adspektion in Bewegung wird nach folgenden Kriterien bewertet:

  • Vorführen der Extremität (gerade, außen-innen-außen, innen-außen-innen, paddeln)
  • Fußung (plane, laterale oder mediale Fußung)
  • Lahmheitsform (Stützbein- oder Hangbeinlahmheit, gemischte Lahmheit)
  • Lahmheitsgrad (Stützbeinlahmheit: 1. bis 5. Grad, Hangbeinlahmheit: gering- bis hochgradig)
  • Lokalisation der Lahmheit (Vorder- oder Hinterextremität, rechts oder links)

3.5 Provokationsprobe

Nachdem die betroffene Gliedmaße identifiziert wurde, kann anhand von Provokationsproben die lahmheitsauslösende Struktur (z.B. Gelenk, Sehne u.ä.) eingegrenzt werden. Bei einer Provokationsprobe handelt es sich um die gezielte Hyperflexion oder Hyperextension eines oder mehrerer Gelenke, um einen schmerzhaften Prozess für die anschließende Vorführphase zu verdeutlichen. Auf diese Weise können auch leichte Verletzungen auf eine bestimmte Region eingegrenzt werden.

Die Provokationsprobe kann mit geringgradig, mittelgradig und hochgradig positiv sowie negativ (Lahmheitsgrad wie vor der Beugeprobe) bzw. doppelt negativ (verstärkte Lahmheit am Standbein) beurteilt werden.

3.6 Diagnostische Anästhesie

In unklaren Fällen sollte an die Provokationsprobe eine diagnostische Anästhesie angeschlossen werden. Durch die Injektion von Lokalanästhetika (z.B. Mepivacain) werden Nerven desensibilisiert. Auf diese Weise können schmerzhafte Veränderungen (z.B. Krongelenkarthrose) anästhesiert und so diagnostiziert werden. Je nachdem, welche Struktur punktiert wird, spricht man von folgenden Methoden:

Das Ergebnis der Anästhesie wird mit negativ, positiv oder mit Restlahmheit beurteilt. Der Grad der verbliebenen Lahmheit kann dann subjektiv in Prozent angegeben werden (z.B. die Lahmheit hat sich um 60 bis 70 % gebessert).

3.7 Bildgebende Untersuchung

Mithilfe von Röntgen-, Computertomographie- sowie Ultraschalluntersuchungen werden Verdachtsdiagnosen bzw. unklare Fälle bestätigt bzw. weiter abgeklärt.

4 Prognose

Die Prognose ist abhängig von der Ursache der Lahmheit.

5 Literatur

  • Klinik für Pferde, Pferdechirurgie. Online Kurs: Orthopädischer Untersuchungsgang beim Pferd. Veterinärmedizinische Universität Wien, 2017.
  • Brehm W, Gehlen H, Ohnesorge B, Wehrend A (Hrsg.). 2017. Handbuch Pferdepraxis. 4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Enke Verlag in Georg Thieme Verlag KG. ISBN: 978-3-13-219621-6

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Fachgebiete: Veterinärmedizin

Diese Seite wurde zuletzt am 22. Oktober 2020 um 08:27 Uhr bearbeitet.

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