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Leitungsanästhesie (Pferd)

Synonym: Regionalanästhesie
Englisch: regional anesthesia, nerve block

1 Definition

Als Leitungsanästhesie bezeichnet man eine Form der Anästhesie beim Pferd, die meist im Rahmen einer Lahmheitsdiagnostik zur Anwendung kommt.

2 Hintergrund

Mithilfe einer Leitungsanästhesie wird durch die gezielte Injektion eines Lokalanästhetikums der angrenzende Nerv desensibilisiert. Diese als perineurale Anästhesie bezeichnete Technik führt im Idealfall zu einer Anästhesie aller distal der Injektion liegenden Versorgungsareale des entsprechenden Nervs.

3 Indikation

Leitungsanästhesien kommen u.a. bei folgenden Indikationen zum Einsatz:

4 Vorgehen

Leitungsanästhesien können häufig mit 20- bis 25-G-Kanülen durchgeführt werden. Aufgrund der Pharmakokinetik wird meistens Mepivacain verwendet. Das zu applizierende Volumen hängt von der Region und der Größe des Nervs ab und liegt zwischen 0,5 und 2 ml. Bei großen und tief liegenden Nerven können aber auch bis zu 20 ml notwendig sein. Die Wirkung tritt in der Regel innerhalb von 5 und 15 Minuten ein und muss mittels externem Reiz (z.B. Berühren mit einem stumpfen Gegenstand) überprüft werden.

Bei Leitungsanästhesien müssen vorab nicht die Haare an der betroffenen Region entfernt werden. Es genügt, wenn die Applikationsstelle großzügig mit 70%igem Alkohol mehrmals desinfiziert wird. Anschließend wird das Lokalanästhetikum in einer Spritze aufgezogen und die Kanüle ohne Spritze an der gewünschten Stelle versenkt. Erst wenn das Pferd ruhig steht, wird die Spritze aufgesetzt und der Wirkstoff appliziert. Da die Nerven sowohl medial als auch lateral an der Gliedmaße verlaufen, muss die Injektion immer an beiden Seiten vorgenommen werden.

5 Methode

Im Rahmen der Lahmheitsdiagnostik haben sich verschiedene Leitungsanästhesien bewährt. Um die betroffene Region eingrenzen zu können, müssen Leitungsanästhesien stufenweise (immer von distal nach proximal) vorgenommen werden. Auf diese Weise kann durch das standardisierte Vorgehen die Lahmheit meist auf eine bestimmte Region eingegrenzt werden.

5.1 Aufgehobene Gliedmaße

Folgende Leitungsanästhesien werden an der aufgehobenen Gliedmaße (durch einen Helfer) durchgeführt:

Block  Nerv Technik
TPA (TPA-1)
FRB (TPA-2 + R. dorsalis)
  • N. digitalis palmaris inkl. R. dorsalis (VE)
  • N. digitalis plantaris inkl. R. dorsalis (HE)
  • Mitte Fesselbeuge abaxial der OBS/TBS
  • bis dorsomedial und dorsolateral der Strecksehne
  • Stichrichtung 1: von proximal nach distal
  • Stichrichtung 2: dann von palmar/plantar nach dorsal
MPA
  • abaxial der OBS/TBS an der Gleichbeinbasis
  • Stichrichtung: von proximal nach distal
T4PA
  • N. palmaris medialis und lateralis
  • proximal der FBSS
  • im 90°-Winkel zum Verlauf der Sehnen
  • zwischen TBS und MIO
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
  • proximal des Fesselgelenks
  • im Winkel zwischen Rohrbein und Griffelbeinknöpfchen
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
H4PA
  • N. palmaris medialis und lateralis
  • mind. 3 cm distal des Griffelbeinköpfchens
  • im Winkel zwischen Rohrbein und Griffelbeinköpfchen
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
FTUA (HE)
  • tiefer Ast des N. plantaris lateralis
  • Tarsus in 90°-Beugestellung
  • distale Gliedmaße ebenfalls gebeugt
  • OBS und TBS nach medial verschieben
  • 15 mm distal des lateralen Griffelbeinkopfes
  • axial zum lateralen Griffelbein
  • zwischen lateralem Griffelbein und MIO
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut

5.2 Abgestellte Gliedmaße

Folgende Leitungsanästhesien werden an stehender Gliedmaße durchgeführt. Aufgrund dessen muss besonders auf die Sicherheit aller beteiligten Personen geachtet werden:

Block  Nerv Technik
FTUA (VE)
  • tiefer Ast des N. palmaris lateralis
  • medial auf Höhe des Os carpi accessorium
  • Kanüle von medial nach lateral vorschieben
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
NUA
NMA
T6PA
  • N. plantaris medialis und lateralis
  • proximal der FBSS
  • im 90°-Winkel zum Verlauf der Sehnen
  • zwischen TBS und MIO
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
  • proximal des Fesselgelenks
  • im Winkel zwischen Rohrbein und Griffelbeinknöpfchen
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
  • medial und lateral der Strecksehne
  • proximal des Fesselgelenks
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
H6PA
  • N. plantaris medialis und lateralis
  • distal des Griffelbeinköpfchens
  • im 90°-Winkel zum Verlauf der Sehnen
  • zwischen TBS und MIO
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
  • N. metatarseus plantaris medialis und lateralis
  • mind. 3 cm distal des Griffelbeinköpfchens
  • im rechten Winkel zwischen Rohrbein und Griffelbeinköpfchen
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
  • N. metatarseus dorsalis II und III
  • medial und lateral der Strecksehne
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
NTA
  • 10 cm proximal des Tuber calcanei
  • medial zwischen TBS und Achillessehne
  • von medial nach lateral eingehen
  • Stichrichtung: im rechten Winkel zur Haut
NFA

6 Beurteilung

Nach erfolgter Injektion muss unbedingt die notwendige Einwirkzeit abgewartet werden. Erst dann sollte das Pferd erneut vorgeführt werden (Schritt, Trab). Das Ergebnis der Leitungsanästhesie wird dann mit negativ, positiv oder mit Restlahmheit beurteilt. Der Grad der verbliebenen Lahmheit ist in Prozent anzugeben (z.B. die Lahmheit ist um 60 bis 70 % besser als vor der diagnostischen Anästhesie).

Im Zweifelsfall sind weitere diagnostische Schritte (z.B. Provokationsproben) anzuschließen.

7 Zahnmedizin

Leitungsanästhesien kommen auch im Rahmen von zahnmedizinischen Behandlungen (z.B. Backenzahnextraktionen) zum Einsatz. Abhängig vom betreffenden Nerv sind sie zum Teil sehr aufwendig und mit Risiken wie Blutungen und Abszedierungen behaftet.

7.1 Oberkiefer

Block  Nerv Bereich
Foramen-maxillare-Anästhesie Nervus infraorbitalis  P3 bis P4, M1 bis M3
Foramen-infraorbitale-Anästhesie Nervus infraorbitalis  I1 bis I3, C und P1 bis P2

7.2 Unterkiefer

Block  Nerv Bereich
Foramen-mandibulae-Anästhesie Nervus alveolaris inferior M1 bis M3 
Foramen-mentale-Anästhesie Nervus alveolaris inferior I1 bis I3, C und P1 bis P4

8 Literatur

  • Brehm W, Burk J, Delling U, Hagen J, Köhler M, Litzke LF, Nowak M, Rijkenhuizen A, Schusser GF, Tietje S, Troillet A. Krankheiten des Bewegungsapparats. In: Brehm W, Gehlen H, Ohnesorge B, Wehrend A (Hrsg.). 2017. Handbuch Pferdepraxis. 4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Enke Verlag in Georg Thieme Verlag KG. 849-1148. ISBN: 978-3-13-219621-6
  • Brehm W, Hertsch B, Jahn W, Stadtbäumer G, Stadler P. 2013. Leitfadensammlung: Zur Sorgfalt bei diagnostischen Anästhesien im Rahmen der Lahmheitsuntersuchung und bei therapeutischen Injektionen synovialer Einrichtungen beim Pferd. Gesellschaft für Pferdemedizin (GPM).
  • Pferdechirurgie. Tabelle der Leitungsanästhesien. Universitätsklinik für Pferde, Veterinärmedizinische Universität Wien.
  • Simon T, Herold I. 2009. Praxisleitfaden der Zahn- und Kiefererkrankungen des Pferdes. 1. Auflage. Stuttgart: Parey in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG. ISBN: 978-3-8304-4178-6

Diese Seite wurde zuletzt am 4. Dezember 2020 um 19:23 Uhr bearbeitet.

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