Engraftment-Syndrom
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Engraftment Syndrom, Autoaggressionssyndrom
Englisch: engraftment syndrome, ES
Definition
Das Engraftment-Syndrom, kurz ES, ist eine nicht-infektiöse, entzündliche Komplikation einer Stammzelltransplantation. Es manifestiert sich im zeitlichen Zusammenhang mit dem Anwachsen der neutrophilen Granulozyten (Engraftment) und geht mit infektionsähnlichen Symptomen einher, insbesondere Fieber, Exanthem, Diarrhoe und pulmonalen Infiltraten.
Hintergrund
Epidemiologie
Die Angaben zur Inzidenz schwanken erheblich, weil bisher (2026) keine einheitlich akzeptierte Falldefinition existiert. Ein systematischer Review beziffert die Häufigkeit auf 8 bis 50 % nach autologer und 10 bis 77 % nach allogener SZT.[2] In einer brasilianischen Kohorte lag die Inzidenz nach allogener SZT je nach angewandtem Kriteriensatz zwischen 9,8 und 16,5 % bei Patienten über 14 Jahren und bei 28,6 % bei Kindern.[3]
Ätiologie
Die Auslöser sind nicht abschließend geklärt. Als Risikofaktoren gelten:
- Hohe Zahl reinfundierter mononukleärer Zellen sowie CD3-positiver Zellen im Transplantat
- Mobilisierung der Zellen unter Plerixafor
- Transplantation in kompletter Remission
- Lebensalter ≥ 60 Jahre bei autologer SZT[4]
- Weibliches Geschlecht und fehlende intensive Vorbehandlung mit Chemotherapie[5]
- Vorangegangene Therapie mit einem PD-1-Inhibitor[6]
Im Setting der allogenen SZT mit Gabe von Cyclophosphamid nach der Transplantation wurden abweichend jüngeres Alter (< 40 Jahre), lymphoproliferative Grunderkrankungen, haploidentische Spender sowie ein vorausgegangenes Zytokin-Freisetzungssyndrom als Risikofaktoren identifiziert.[7]
Pathogenese
Die Pathogenese ist bisher (2026) nicht vollständig geklärt. Im Kern beruht sie auf einer überschießenden Immunreaktion und Zytokinproduktion des regenerierenden Immunsystems nach der Stammzelltransplantation.[2] Der Zeitpunkt des ES korreliert mit dem Anstieg der neutrophilen Granulozyten, typischerweise innerhalb von 96 Stunden um das Engraftment.[1]
Zu den beteiligten Zytokinen gehören IL-1β, IL-6, IL-12, TNF-α und IFN-γ. Deren Plasmaspiegel liegen beim ES höher als bei einer Graft-versus-Host-Reaktion (GvHD).[2] Als differentialdiagnostischer Test sind Zytokinbestimmungen bislang nicht validiert. Die Abgrenzung zur GvHD erfolgt anhand des klinischen Verlaufs und gegebenenfalls histologischer Untersuchungen.[8]
Einteilung
Für die allogene SZT unter Posttransplantations-Cyclophosphamid wurde 2025 eine dreistufige Einteilung in gesichertes, wahrscheinliches und mögliches ES vorgeschlagen, da periengraftment-assoziiertes Fieber die klassischen Kriterien in diesem Setting häufig nicht erfüllt.[7] Als Sonderformen werden abgegrenzt:
- Peri-Engraftment Respiratory Distress Syndrome (PERDS) als pulmonal führende Verlaufsform
- Pre-Engraftment-Syndrom (PES), das vor dem Neutrophilen-Engraftment auftritt und vor allem nach Transplantation von Nabelschnurblut beschrieben ist[9]
Klinik
Das häufigste Symptom ist Fieber ohne nachweisbare infektiöse Ursache. Weitere Manifestationen treten je nach Transplantationsart unterschiedlich häufig auf:
- Diarrhoe
- Makulopapulöses oder erythrodermes Exanthem
- Pulmonale Infiltrate, Hypoxie und nicht-kardiogenes Lungenödem
- Gewichtszunahme mit Ödembildung im Rahmen eines Kapillarlecksyndroms
- Anstieg von Transaminasen und Bilirubin
- Anstieg des Serumkreatinins bis hin zur akuten Nierenfunktionseinschränkung
- Transiente Enzephalopathie
Nach autologer SZT steht die Diarrhoe als zweithäufigstes Symptom im Vordergrund, nach allogener SZT das Exanthem.[2]
Diagnostik
Die Diagnose wird klinisch und als Ausschlussdiagnose gestellt. Erforderlich sind der Ausschluss einer Infektion durch Blutkulturen und mikrobiologische Diagnostik, eine computertomographische Abklärung pulmonaler Infiltrate sowie gegebenenfalls eine Hautbiopsie zur Abgrenzung gegenüber einer GvHD.
Spitzer-Kriterien
| Hauptkriterien | Nebenkriterien |
|---|---|
| Fieber ≥ 38,3 °C ohne nachweisbare infektiöse Ursache | Leberfunktionsstörung mit Bilirubin ≥ 2 mg/dl oder Transaminasen ≥ 2-fach über Ausgangswert |
| Erythrodermes Exanthem über mehr als 25 % der Körperoberfläche, nicht medikamentös bedingt | Nierenfunktionsstörung mit Serumkreatinin ≥ 2-fach über Ausgangswert |
| Nicht-kardiogenes Lungenödem mit pulmonalen Infiltraten oder Hypoxie | Gewichtszunahme über 2,5 % des Ausgangsgewichts |
| Transiente Enzephalopathie ohne andere Erklärung |
Ein Engraftment-Syndrom ist wahrscheinlich, wenn alle drei Hauptkriterien oder zwei Hauptkriterien plus mindestens ein Nebenkriterium innerhalb von 96 Stunden um das Neutrophilen-Engraftment auftreten.[10]
Maiolino-Kriterien
Die Maiolino-Kriterien verlangen nicht-infektiöses Fieber in Kombination mit mindestens einem der Befunde Exanthem, pulmonale Infiltrate oder Diarrhoe innerhalb von 24 Stunden um das Engraftment.[11] Sie sind deutlich sensitiver als die Spitzer-Kriterien: In einer Serie von 328 autologen Transplantationen erfüllten 95 % der ES-Fälle die Maiolino-, aber nur 51 % die Spitzer-Kriterien. Alle ES-Patienten wiesen zudem stark erhöhte Werte für das C-reaktive Protein auf, das in Zweifelsfällen zur Diagnosesicherung beitragen kann.[5]
Differentialdiagnosen
Klinisch lässt sich das ES nur schwer von den bei immunsupprimierten Patienten häufigen Infektionen unterscheiden. Abzugrenzen sind insbesondere:
- Sepsis und lokalisierte Infektionen
- Akute GvHD
- Arzneimittelexanthem
- Kapillarlecksyndrom
- Zytokin-Freisetzungssyndrom
- Transfusionsassoziierte Lungeninsuffizienz
- Hämophagozytische Lymphohistiozytose[2]
Therapie
Mittel der Wahl beim behandlungsbedürftigen ES sind Kortikosteroide. Die europäische Fachgesellschaft empfiehlt Methylprednisolon in einer Dosis von 1 mg/kg Körpergewicht alle 12 Stunden intravenös über 3 Tage, anschließend Ausschleichen über eine Woche.[8] Vor Einleitung der Kortikosteroidtherapie muss eine Infektion so weit wie möglich ausgeschlossen sein, da die Symptomatik des ES der einer febrilen Neutropenie entspricht.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Bei frühzeitigem Therapiebeginn bildet sich das klinische Bild in mehr als 90 % der Fälle rasch zurück. Bleibt die Besserung aus, sind andere Diagnosen erneut zu prüfen.[8] Die Kortikosteroidgabe erfolgt so kurz wie möglich, da sie die sich erholende Hämatopoese hemmen kann. Ergänzend sind eine engmaschige Flüssigkeitsbilanzierung und bei Kapillarleck gegebenenfalls Diuretika sowie eine Sauerstofftherapie erforderlich.
Eine gegen einzelne Zytokine gerichtete Biologikatherapie ist beim ES keine etablierte Standardbehandlung.[12] Für steroidrefraktäre Verläufe liegt eine Kasuistik zum erfolgreichen Einsatz des IFN-γ-Antikörpers Emapalumab vor.[13]
Prognose
Die Prognose ist uneinheitlich und hängt von Transplantationsart, Schweregrad und Behandlungsregime ab. Ein systematischer Review beschreibt ein schlechteres Überleben von Patienten mit ES gegenüber Patienten ohne ES.[2] Nach Transplantation von Nabelschnurblut war ein Pre-Engraftment-Syndrom in der bislang größten Kohorte unabhängig mit erhöhter transplantationsassoziierter Mortalität assoziiert.[9] Vor allem schwere Verlaufsformen mit PERDS gelten weiterhin als prognostisch ungünstig.[6]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Cornell RF, Hari P, Drobyski WR. Engraftment Syndrome after Autologous Stem Cell Transplantation: An Update Unifying the Definition and Management Approach. Biol Blood Marrow Transplant. 2015;21(12):2061-2068.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Maqbool S et al. Engraftment syndrome following Hematopoietic stem cell transplantation: a systematic approach toward diagnosis and management. Med Oncol. 2022;40(1):36.
- ↑ Portich JP et al. Institutional insights into engraftment syndrome: A cohort study on allogeneic transplantation outcomes. Transpl Immunol. 2024;87:102141.
- ↑ Cao LQ et al. Plerixafor-based mobilization and mononuclear cell counts in graft increased the risk of engraftment syndrome after autologous hematopoietic stem cell transplantation. Blood Sci. 2024;6(3):e00190.
- ↑ 5,0 5,1 Carreras E et al. Engraftment syndrome after auto-SCT: analysis of diagnostic criteria and risk factors in a large series from a single center. Bone Marrow Transplant. 2010;45(9):1417-1422.
- ↑ 6,0 6,1 Tóthfalusi D et al. Pre-Engraftment Syndrome After Autologous Stem Cell Transplantation in Relapsed or Refractory Hodgkin Lymphoma: An Association with Prior PD-1 Inhibitor Exposure. Medicina (Kaunas). 2026;62(4):738.
- ↑ 7,0 7,1 Benavente R et al. Redefining Engraftment Syndrome After Post-Transplant Cyclophosphamide Allogeneic Hematopoietic Cell Transplantation: A Novel Classification and Impact on Outcomes. Transplant Cell Ther. 2025;32(8):986.e1-986.e10.
- ↑ 8,0 8,1 8,2 Sureda A et al. (Hrsg.). The EBMT Handbook: Hematopoietic Cell Transplantation and Cellular Therapies. 8. Auflage. Springer; 2024.
- ↑ 9,0 9,1 Sakurai M et al. Risk Factors for and Impact of Pre-Engraftment Syndrome on Outcomes Following Single-Unit Cord Blood Transplantation in Adults. Am J Hematol. 2025;100(12):2248-2260.
- ↑ Spitzer TR. Engraftment syndrome following hematopoietic stem cell transplantation. Bone Marrow Transplant. 2001;27(9):893-898.
- ↑ Maiolino A et al. Engraftment syndrome following autologous hematopoietic stem cell transplantation: definition of diagnostic criteria. Bone Marrow Transplant. 2003;31(5):393-397.
- ↑ Douglas AP et al. Consensus guidelines for the subsequent management of neutropenic fever after empiric therapy. Intern Med J. 2025;55(Suppl 7):68-94.
- ↑ Tian Z et al. Successful Treatment of Severe Steroid-Resistant Engraftment Syndrome Following Haploidentical Allogeneic Hematopoietic Stem Cell Transplantation for Acute Myeloid Leukemia with Emapalumab: A Case Report. Cancer Manag Res. 2024;16:585-591.