Febrile Neutropenie
Englisch: febrile neutropenia
Definition
Eine febrile Neutropenie, kurz FN, ist eine Verminderung der neutrophilen Granulozyten im Blut, die von einer deutlich erhöhten Körpertemperatur begleitet ist. Dabei liegt die Zahl der neutrophilen Granulozyten < 500/µl (oder <1.000/µl mit vorhersehbarem Abfall < 500/µl innerhalb der nächsten 2 Tage) und es besteht ein Fieber von ≥ 38 °C über mindestens eine Stunde oder ein einmaliger Fieberanstieg auf mehr als 38,3 °C.[1] Es handelt sich um einen onkologischen Notfall.
Ursachen
Eine febrile Neutropenie kann sich aus jeder Form der Neutropenie bzw. Agranulozytose heraus entwickeln. Meist handelt es sich jedoch um die Folge einer Myelosuppression im Rahmen einer antineoplastischen Chemotherapie.
Risikofaktoren
- Alter > 65 Jahre
- Serumalbumin < 3,5 g/dl
- eingeschränkte Organfunktionen (Herz, Nieren, Leber)
- Hämoglobinkonzentration < 12 g/dl
Die Mortalität steigt mit Dauer der febrilen Neutropenie:
| Risiko | Dauer der Neutropenie < 500/μl [Tage] |
|---|---|
| Niedrig | < 7 |
| Mittel | 7-10 |
| Hoch | > 10 |
MASCC-Score
Das Risiko eines komplizierten Verlaufs wird maßgeblich durch die Dauer und Tiefe der Neutropenie sowie den klinischen Zustand bestimmt. Zur Risikostratifizierung werden validierte Scores wie der MASCC-Score (Multinational Association of Supportive Care in Cancer) eingesetzt:
| Charakteristikum | Punktzahl |
|---|---|
| Belastung durch febrile Neutropenie mit keiner oder geringer Symptomatik | 5 |
| Systolischer Blutdruck > 90 mmHg | 5 |
| keine chronisch obstruktive Lungenerkrankung | 4 |
| solider Tumor oder hämatologische Neoplasie ohne vorhergehende Pilzinfektion | 4 |
| keine Dehydration bzw. keine Indikation zur parenteralen Substitution von Flüssigkeit | 3 |
| Belastung durch febrile Neutropenie mit moderater Symptomatik | 3 |
| ambulanter Patient | 3 |
| Alter < 60 Jahre | 2 |
Die maximale Punktzahl liegt bei 26. Bei einem Score > 20 ist von einem Standardrisiko auszugehen. Die Validierung des Scores ergab für dieses Kollektiv eine Komplikationsrate von ca. 6% und eine Todesfallrate von 1%. Bei Punktzahlen ≤ 20 besteht ein höheres Risiko für einen ungünstigen Verlauf.[1]
Diagnostik
Ggf. können zusätzlich Urinkulturen, Stuhlkulturen und eine Liquordiagnostik sinnvoll sein. Bei Symptomen einer Infektion der unteren Atemwege wird ein CT empfohlen.[2]
Therapie
Die febrile Neutropenie ist ein onkologischer Notfall und erfordert eine sofortige kalkulierte Antibiotikatherapie, die auch gegen Pseudomonas aeruginosa wirksam sein sollte. Das Vorgehen richtet sich nach dem Risiko eines komplizierten Verlaufs.[1]
Patienten mit hohem Risiko (insbesondere bei zu erwartender Neutropeniedauer > 7 Tage, klinischer Instabilität oder fraglicher Compliance) sollen stationär behandelt werden. Patienten mit Standardrisiko (zu erwartende Neutropeniedauer ≤ 7 Tage) und niedrigem klinischem Risiko (MASCC-Score ≥ 21) können bei guter Compliance unter definierten Voraussetzungen ambulant versorgt werden. Für die empirische Erstlinientherapie bei Hochrisiko-Patienten kommen intravenös insbesondere Piperacillin/Tazobactam, Cefepim, Meropenem oder Imipenem in Betracht. Bei bekannter Kolonisation mit MRSA sollte eine Kombination mit Vancomycin oder Teicoplanin erfolgen.
Patienten in Standardrisiko mit niedrigem klinischem Risiko (MASCC-Score ≥ 21) sowie guter Compliance können ambulant behandelt werden. Häufig verwendete Regime sind Amoxicillin/Clavulansäure plus Ciprofloxacin oder Moxifloxacin. Bei bestätigter Penicillin-Allergie kann Clindamycin plus Ciprofloxacin eingesetzt werden.
Bei antibiotikarefraktärem Fieber ist nach 96 Stunden eine erneute Diagnostik indiziert, einschließlich thorakaler Bildgebung bei entsprechender Konstellation. Eine empirische antimykotische Therapie, (z.B. Voriconazol oder liposomalem Amphotericin B) soll bei Hochrisiko-Patienten mit persistierendem oder rezidivierendem Fieber trotz adäquater antibakterieller Therapie erwogen werden. Bei Standardrisiko-Patienten wird eine empirische antimykotische Therapie nicht empfohlen.
Die Dauer der antimikrobiellen Therapie richtet sich nach klinischem Verlauf, Infektfokus und Risikokonstellation. Bei klinisch stabilem Verlauf kann die empirische antimikrobielle Therapie nach 3–5 Tagen, bei mehr als 48 Stunden Fieberfreiheit, auch bei fortbestehender Neutropenie beendet werden. Voraussetzung ist ein engmaschiges tägliches klinisches Monitoring.
Um die Neutropenie-Dauer zu verkürzen, wird im Zusammenhang mit aggressiven Chemotherapien auch Granulozyten-Kolonie-stimulierender Faktor (G-CSF) eingesetzt.
Prognose
Entscheidend für die Prognose ist der Allgemeinzustand des Patienten und der rechtzeitige Einsatz der antibiotischen Therapie. Das Mortalitätsrisiko von Krebspatienten mit febriler Neutropenie wird - abhängig von den Komorbiditäten - zwischen 2,6 und 21,4 % angegeben.[3]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Sandherr et al.: Onkopedia-Leitlinie - Fieber unbekannter Genese (FUO) bei neutropenischen Patienten, Mai 2025. Zuletzt abgerufen am 31.03.2026
- ↑ Maschmeyer, G. et al. für die Arbeitsgemeinschaft Infektionen (AGIHO) der DGHO: Leitlinie: Febrile Neutropenie mit Lungeninfiltraten nach intensiver Chemotherapie (Fieber in Neutropenie)
- ↑ Kuderer NM1, Dale DC, Crawford J, Cosler LE, Lyman GH: Mortality, morbidity, and cost associated with febrile neutropenia in adult cancer patients Cancer. 2006 May 15;106(10):2258-66.