Borna-Krankheit
Synonym: Borna'sche Krankheit
Englisch: borna disease, sad horse disease
Definition
Die Borna-Krankheit ist eine durch behüllte Bornaviren (RNA-Viren) verursachte Infektionskrankheit beim Pferd und anderen Einhufern, die sich in Form einer Meningoenzephalomyelitis manifestiert. Das Virus kann auch beim Menschen zu einer Infektion führen.
Epidemiologie
Klinisch manifeste Erkrankungen werden vor allem in Deutschland (Bayern, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen, Baden-Württemberg), der Schweiz, in Liechtenstein und in Österreich (Oberösterreich) nachgewiesen. Eine geografische Ausbreitung über diese Endemiegebiete hinaus ist bislang (2026) nicht belegt. Phylogeografische Analysen zeigen, dass Spillover-Infektionen in der Regel innerhalb von 40 km um den Wohnort der Patienten stattfinden.[1]
In Endemiegebieten wird die Seroprävalenz klinisch unauffälliger Pferde mit 11,5 bis 22,5 % angegeben, in Stallungen mit Krankheitsfällen mit bis zu 50 %, wobei stets nur Einzeltiere erkranken. Ein gehäuftes Auftreten wird in den Frühsommermonaten beobachtet. Der Großteil der Infektionen verläuft klinisch inapparent.[2]
Der genaue Infektionsmodus ist nicht abschließend geklärt. Der Erreger konnte bei klinisch inapparenten Tieren vorwiegend im Nasensekret, in der Tränenflüssigkeit und im Speichel gefunden werden, was eine Ausscheidung über diese Sekrete nahelegt. Eine Übertragung über kontaminierten Erdstaub (historisch als „Bodenseuche" bezeichnet) sowie über unbelebte und belebte Vektoren wird diskutiert, ist aber nicht abschließend belegt. Eine Fall-Kontroll-Studie bei humanen BoDV-1-Erkrankungen identifizierte das Wohnen in ländlich-naturnahen Gebieten als wesentlichen Risikofaktor, jedoch keinen direkten Spitzmauskontakt als Übertragungsereignis.
Wirte
Natürlicher Reservoirwirt von BoDV-1 ist die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), auch als zweifarbige Weißzahnspitzmaus bezeichnet. Sie scheidet das Virus über Sekrete und Exkrete aus, ohne selbst zu erkranken.[1] Im experimentellen Tiermodell konnten auch andere Spitzmäuse der Gattung Crocidura – darunter die Hausspitzmaus (Crocidura russula) – infiziert werden, ihre Rolle in der natürlichen Virusübertragung ist jedoch unklar.[3]
Erkrankungen treten in der Regel bei sogenannten Fehlwirten („dead-end hosts") auf, insbesondere bei Pferden und Schafen, seltener bei anderen Säugetieren und beim Menschen. Vögel zählen nicht zum Wirtsspektrum von BoDV-1. Aviäre Bornaviren gehören zu eigenen Virusspezies und sind nicht mit der klassischen Borna-Krankheit assoziiert.
Ätiologie
Die Borna-Krankheit wird durch das einzelsträngige, behüllte Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) ausgelöst, ein Virus der Gattung Bornavirus (Familie Bornaviridae, Ordnung Mononegavirales). Daneben wurde mit dem Variegated Squirrel Bornavirus 1 (VSBV-1) ein weiteres humanpathogenes Bornavirus identifiziert, das insbesondere bei Haltern bestimmter exotischer Hörnchenarten relevant ist.[4]
Pathogenese
Die Infektion manifestiert sich in einer meist progressiv und letal verlaufenden, immunmediierten und nicht-eitrigen Meningoenzephalomyelitis. Die Inkubationszeit liegt dabei zwischen 2 Wochen und mehreren Monaten, wobei sich stets eine lebenslang persistierende Infektion einstellt.
Der genaue Pathomechanismus ist bisher (2026) noch nicht geklärt. Es wird davon ausgegangen, dass das Virus über eine intranasale und/oder orale Infektion in den Körper gelangt, axonal über den Nervus olfactorius sowie Nervus trigeminus aufsteigt und sich im ZNS ansiedelt. Die Verbreitung erfolgt v.a. im limbischen System, wobei auch andere Bereiche des Gehirns betroffen und Ort der Virusreplikation sind. Es folgt eine T-Zell-vermittelte und überschießende immunopathologische Reaktion mit Etablierung von perivaskulär-mononukleären Infiltraten in unterschiedlichen Gehirnarealen, die zu funktionellen Störungen der Neurotransmission führen.
Die dadurch bedingten Funktionsstörungen steuern das gefühlsbedingte und triebhafte Verhalten, sodass es zur Ausbildung typischer Symptome kommt. Die Klinik tritt zeitgleich mit dem Entstehen entzündlicher Veränderungen und der damit einhergehenden Meningoenzephalitis auf.
Pathologie
Im histopathologischen Schnittbild zeigen sich hochgradige perivaskuläre Infiltrate sowie eosinophile intranukläre Einschlusskörperchen (Joest-Degen-Einschlusskörperchen), insbesondere im Bereich des lymbischen Systems.
Klinik
Das klinische Bild der Borna-Krankheit ist sehr individuell und geht mit einer Vielfalt an Symptomen einher, die entweder gleichzeitig oder auch aufeinanderfolgend auftreten können.
Zu Beginn der Krankheit kommt es zu charakteristischen Bewusstseins- und Verhaltensstörungen, die bis zum Endstadium progressiv schlechter werden. Neben Apathie (von somnolenten Stadien bis hin zum Stupor) zeigen sich auch Aggressivität, Ängstlichkeit und Übererregbarkeit in unterschiedlichen Ausprägungen. Hinzu kommen im Anfangsstadium oftmals therapieresistentes Fieber, Leerkauen, langsames und immer wieder unterbrechendes Kauen, Gähnen, Kopfpressen und Ausschachten des Penis ohne ersichtlichen Grund.
Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium bilden sich zunehmend Propriozeptionsstörungen, die als abnorme Gliedmaßenstellungen (Überkreuzen der Beine, breitbeiniger Stand u.ä.) in Erscheinung treten. Zusätzlich zeigen betroffene Pferde Kopfschiefhaltung, Hyporeflexie der spinalen Reflexe, Hypästhesie und Ataxie. Oftmals kommt es zusätzlich zu einer neurogen bedingten Halsschiefhaltung (Tortikollis) - meist in Verbindung mit sogenannten Manegebewegungen.
Das Virus verursacht Läsionen in verschiedenen Hirnnerven und/oder deren Kerngebieten, sodass sich den beteiligten Nerven entsprechend Ausfallserscheinungen entwickeln: Dysphagie, Hypersalivation, reduzierter Zungentonus und reduzierte Zungenbeweglichkeit, Bruxismus, Trismus, Fazialisparese, reduzierter Pupillenreflex, Blindheit, Nystagmus, Strabismus und Miosis. Zusätzlich zeigen betroffene Tiere Störungen bei der Futter- und Wasseraufnahme sowie Kau- und Schluckbeschwerden – oftmals in Kombination mit rezidivierenden Koliken.
Der Krankheitsverlauf ist üblicherweise perakut, akut oder subakut und führt bei rund 80 % der Pferde innerhalb weniger Wochen (1 bis 4 Wochen) nach dem Ausbruch der ersten Symptome zum Tod. In seltenen Fällen wird die Erkrankung chronisch und geht dann nur mit unspezifischen Symptomen einher. Bei diesen Pferden kommt es trotz bestehen bleibender Infektion zum Abklingen der akuten Entzündungsherde im Gehirn.
Humanpathologie
BoDV-1 verursacht beim Menschen eine seltene, schwere und meist innerhalb weniger Wochen letal verlaufende Enzephalitis. In einer molekular-epidemiologischen Auswertung 2024 wurden 28 PCR-bestätigte humane Fälle im Detail charakterisiert, ganz überwiegend aus Bayern.[1] Seit Einführung der Meldepflicht im März 2020 hat sich die Zahl der dokumentierten Fälle weiter erhöht. Die Letalität liegt nach derzeitiger Kenntnis bei über 90 %.[5] Klinisch beginnt die Erkrankung mit unspezifischen Prodromen (Fieber, Kopfschmerz, Verhaltensauffälligkeiten), gefolgt von rasch progredienten neurologischen Symptomen wie Vigilanzminderung, Krampfanfällen, Hirnnervenausfällen und Koma.
Differentialdiagnosen
Differentialdiagnostisch sind Herpesvirus-Infektionen, Tollwut sowie bakteriell und parasitär bedingte Meningoenzephalomyelitiden auszuschließen.
Diagnostik
Das Auftreten typischer Symptome in einem Endemiegebiet erlaubt eine Verdachtsdiagnose.
Sowohl hämatologisch als auch serologisch können bei erkrankten Pferden keine oder nur unspezifische Befunde gefunden werden. Veränderungen des Liquor cerebrospinalis (erhöhter Proteingehalt sowie eine lymphomonozytäre Pleozytose) sind nur in der akuten bis subakuten Krankheitsphase nachweisbar. Im chronischen Stadium hingegen ist der Liquor cerebrospinalis unauffällig.
Um die Diagnose abzusichern, ist eine Bestimmung von Antikörpern im Serum und/oder Liquor cerebrospinalis geeignet (indirekte Immunfluoreszenz). Eine weitere Möglichkeit ist der Nachweis der Virus-RNA mittels PCR. Eine abschließende Diagnose kann bei typischer klinischer Symptomatik in Kombination mit einem direkten oder indirekten Virusnachweis oder bei klinischen Symptomen in Verbindung mit typischen Veränderungen des Liquor cerebrospinalis gestellt werden. Zweifelsfälle sind nur durch post-mortem-Befunde zu klären.
Therapie
Eine zugelassene kausale Therapie der Borna-Krankheit existiert weder beim Pferd noch beim Menschen. Im humanen Bereich wurden experimentelle Therapieversuche mit Favipiravir und Ribavirin beschrieben, deren Wirksamkeit jedoch nicht belegt ist. Eine Postexpositionsprophylaxe ist bislang nicht etabliert.[6]
Die Behandlung beschränkt sich somit auf supportive Maßnahmen.
Prognose
Die Prognose ist aufgrund der fehlenden Therapiemöglichkeiten entsprechend schlecht.
Literatur
- Brehm W, Gehlen H, Ohnesorge B, Wehrend A (Hrsg.). 2017. Handbuch Pferdepraxis. 4., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Enke Verlag in Georg Thieme Verlag KG. ISBN: 978-3-13-219621-6
- Cavalleri JM, Feige K, de Heus P, Zehetner V. 2020. Skript - Neurologie beim Pferd. Bornasche Krankheit. Universitätsklinik für Pferde, Abteilung Interne Medizin, Veterinärmedizinische Universität Wien/Klinik für Pferde, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Ebinger A, Santos PD, Pfaff F, et al. Lethal Borna disease virus 1 infections of humans and animals - in-depth molecular epidemiology and phylogeography. Nat Commun. 2024;15(1):7908.
- ↑ Pörtner K, Wilking H, Frank C, Böhmer MM, Stark K, Tappe D. Risk factors for Borna disease virus 1 encephalitis in Germany - a case-control study. Emerg Microbes Infect. 2023;12(1):e2174778.
- ↑ Nobach D, Raeder L, Müller J, et al. Experimental infection of shrews with Borna disease virus 1: Insights into viral spread and shedding. PNAS Nexus. 2025;4(5):pgaf144.
- ↑ Robert Koch-Institut. Information für Ärzte zu den diagnostischen Möglichkeiten bei Enzephalitiden durch das Borna Disease Virus (BoDV-1) und das Variegated Squirrel Bornavirus (VSBV-1). Stand 02.08.2019.
- ↑ Jungbäck N, Vollmuth Y, Mögele T, et al. Neuropathology, pathomechanism, and transmission in zoonotic Borna disease virus 1 infection: a systematic review. Lancet Infect Dis. 2025;25(4):e212-e222.
- ↑ Reinmiedl J, Schulz H, Ruf VC, et al. Healthcare-associated exposure to Borna disease virus 1 (BoDV-1). J Occup Med Toxicol. 2022;17(1):13.