Verhaltensstörung
Englisch: behaviour disturbance
Definition
Unter einer Verhaltensstörung versteht man ein anhaltendes, situationsübergreifendes Muster von Verhaltensweisen, das deutlich von alters- und entwicklungstypischen Normen abweicht. Es geht mit sozialer Beeinträchtigung einher und verursacht Leidensdruck bei den Betroffenen oder ihrem Umfeld. Der Begriff wird vor allem in der Kinder- und Jugendpsychiatrie als Sammelbezeichnung verwendet.
Hintergrund
Verhaltensstörungen sind keine einheitliche Diagnose, sondern ein deskriptiver Oberbegriff. In den gängigen Klassifikationssystemen werden spezifische Störungsbilder unterschieden:
- ICD-10:
- F90–F98: Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend
- F91: Störungen des Sozialverhaltens
- F90: Hyperkinetische Störungen (ADHS)
- ICD-11:
- 6C90: Conduct-dissocial disorder
- 6A05: Attention deficit hyperactivity disorder
- DSM-5:
- Conduct Disorder
- Oppositional Defiant Disorder
Der alltagssprachliche Begriff „Verhaltensstörung“ deckt häufig mehrere dieser Diagnosen ab.
Ursachen
Verhaltensstörungen entstehen multifaktoriell im Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Relevante Risikofaktoren können u.a. sein:
- mangelnde oder fehlerhafte Erziehung bzw. soziale Entwicklung
- soziale Verwahrlosung
- psychische Traumata (z.B. Sexueller Missbrauch, PTBS)
- Entwicklungsphasen (z.B. im Rahmen der Pubertät oder Trotzphase)
Schutzfaktoren sind u.a. stabile Bezugspersonen, strukturierte Unterstützungssysteme, gelingende Emotions- und Impulsregulation sowie positive schulische und soziale Einbindung. Eine sorgfältige Diagnostik umfasst immer die Abgrenzung zu entwicklungsnormalem Verhalten und die Prüfung von Komorbiditäten.
Symptome
Zentral ist eine Störung der Emotions- und Impulskontrolle sowie der sozialen Informationsverarbeitung. Betroffene zeigen häufig eine reduzierte Fähigkeit zur Perspektivübernahme, ein verzerrtes Bedrohungserleben und eine verminderte Hemmung aggressiver Impulse. Typische Merkmale sind z.B.:
- wiederholte Regel- und Normverstöße
- aggressive Verhaltensweisen gegenüber Menschen oder Tieren
- oppositionelles, provokantes Verhalten
- Lügen, Stehlen, Schulschwänzen
- geringe Frustrationstoleranz
- fehlende Schuld- oder Reuegefühle (bei schweren Ausprägungen)