Bruxismus
Synonyme: Zähneknirschen, Kieferpressen
Englisch: bruxism
Definition
Als Bruxismus bezeichnet man repetitive Aktivitäten der Kaumuskulatur, die im Schlaf oder im Wachzustand auftreten. Ein gewisses Maß an Bruxismus kann bei ansonsten gesunden Personen als Teil der normalen Schlafarchitektur oder des normalen Wachverhaltens auftreten und wird nicht zwingend als pathologisch gewertet.
Einteilung
Man unterscheidet zwischen:[1]
- Schlafbruxismus (SB): Aktivität der Kaumuskulatur während des Schlafs, rhythmisch oder nicht-rhythmisch
- Wachbruxismus (WB): Aktivität der Kaumuskulatur im Wachzustand, wiederholter oder dauerhafter Zahnkontakt und/oder Anspannen oder Verschieben des Unterkiefers ohne Zahnkontakt
Es existieren auch Kombinationen beider Formen.
... nach Ätiologie
- Primärer Bruxismus: ohne erkennbare Ursache, idiopathisch
- Sekundärer Bruxismus: im Zusammenhang mit Komorbiditäten (z.B. OSAS, gastroösophageale Refluxkrankheit, orofaziale Bewegungsstörungen), als Nebenwirkung von Medikamenten oder infolge des Konsums psychotroper Substanzen sowie bei Erkrankungen des Zentralnervensystems
... nach diagnostischem Grad
- Möglicher SB/WB: positive Hinweise aus Befragung oder Fragebögen
- Wahrscheinlicher SB/WB: positive klinische Befunde mit oder ohne anamnestische Hinweise
- Definitiver SB/WB: positive instrumentelle Befunde (EMG, Polysomnographie, App-basierte Erhebung) mit oder ohne klinische und anamnestische Hinweise
... nach Muskelaktivität
- Phasischer Bruxismus: kurze, repetitive Muskelkontraktionen (0,25–2 s)
- Tonischer Bruxismus: anhaltende Muskelkontraktionen (> 2 s)
- Kombinierter Bruxismus: Mischform aus phasischen und tonischen Aktivitäten
... nach klinischer Konsequenz
- Risikofaktor: z.B. nichtkariöser Zahnhartsubstanzverlust, Kaumuskelbeschwerden, Kopfschmerzen
- protektiver Faktor: z.B. Offenhalten der oberen Atemwege bei schlafbezogener Atmungsstörung (SBAS), Reduktion der Säurewirkung bei Reflux
- harmloses Verhalten
Epidemiologie
Die Prävalenz des Bruxismus variiert je nach verwendeter Diagnosemethode (Anamnese, klinische Untersuchung, EMG, Polysomnographie) erheblich.[2]
| Gruppe | Schlafbruxismus | Wachbruxismus |
|---|---|---|
| Kinder | 2,5 % – 56,5 % | 14,9 % – 51,6 % |
| Jugendliche (14–23 Jahre) | 7,6 % – 14,8 % | 4,1 % – 34,5 % |
| Erwachsene | 20 % – 39 % | 3 % – 69 % (gepoolte Prävalenz ~15 %) |
Die höchste Prävalenz besteht im zweiten bis dritten Lebensjahrzehnt. Im weiteren Lebensverlauf nimmt die Prävalenz bei Erwachsenen eher ab. Ein eindeutiger Geschlechtsunterschied ist nicht belegt. Bruxismus im Kindesalter ist ein Risikofaktor für Bruxismus im Erwachsenenalter.
Ätiologie
Bruxismus ist multifaktoriell bedingt und wird als zentral reguliert angesehen. Periphere Faktoren wie die Okklusion der Zähne oder morphologische Charakteristika des Kiefers gelten nicht mehr als ätiologische Ursachen.[1]
Genetische und neurobiologische Faktoren
Zwillingsstudien belegen einen signifikanten genetischen Einfluss auf das Auftreten von Bruxismus. Störungen im Bereich der Neurotransmitter – insbesondere im Dopamin- und Serotonin-Stoffwechsel sowie inhibitorische Störungen im Hirnstamm – werden als mögliche zentrale Ursachen diskutiert.
Psychosoziale Faktoren
Emotionaler und sozialer Stress, Angststörungen sowie bei Erwachsenen auch Depressivität korrelieren mit Bruxismus. WB ist stärker mit psychosozialen Belastungen assoziiert, SB wird eher als zentralnervös reguliert betrachtet.
Psychotrope Substanzen
Folgende Substanzen können Bruxismus auslösen oder verstärken:
- Nikotin (dosisabhängig; 1,6–2,85-faches Risiko)
- Alkohol (bei starkem Konsum 1,9-faches Risiko)
- Koffein (> 8 Tassen/Tag: 1,4-faches Risiko)
- Drogen: Ecstasy, MDMA, Methamphetamin, Kokain, Kath
Medikamente
Bruxismus kann als Nebenwirkung auftreten bei:
- Antidepressiva (v.a. SSRI, trizyklische Antidepressiva)
- Antipsychotika, Antihistaminika, Antikonvulsiva
- Dopaminergen Medikamenten, ADHS-Medikamenten
Komorbiditäten
- OSAS und andere schlafbezogene Atmungsstörungen
- gastroösophageale Refluxkrankheit
- Orofaziale Bewegungsstörungen, Restless-Legs-Syndrom
- Neurologische Erkrankungen, z.B. Parkinson-Krankheit
Klinik
Die Symptome variieren je nach Bruxismusform und -ausprägung. Zeitliche Einordnung im Tagesverlauf kann die Differenzierung zwischen SB und WB erleichtern. Mögliche Symptome sind:
- Schmerzen und Verspannungen der Kaumuskulatur
- Morgendliche Kopfschmerzen (v.a. temporal, typisch für SB)
- Einschränkungen der Kieferöffnung
- Kiefergelenksschmerzen und -geräusche
- Tinnitus, Schwindel, Nackenschmerzen
- Hypertrophie der Kaumuskulatur (v.a. Musculus masseter)
- Nichtkariöser Zahnhartsubstanzverlust mit exzentrischen Schlifffacetten (Attrition)
- Risse im Schmelz und/oder Dentin (Infraktion)
- Impressionen der Zähne am Zungenrand und in der Wangenschleimhaut
- Hyperkeratosen der Wangenschleimhaut (Linea alba)
- Exostosen im Ober- oder Unterkiefer (Torus palatinus, Tori mandibulares)
- Häufiges frühzeitiges Versagen von Okklusionsschienen, Restaurationen oder Füllungen
Langfristiger Bruxismus kann zu einer kraniomandibulären Dysfunktion (CMD) führen.
Diagnostik
Die Diagnose stützt sich auf eine dreistufige Graduierung aus Anamnese, klinischer Untersuchung und instrumentellen Verfahren.
Anamnese
Erfragt werden Zähneknirschen oder Kieferpressen beim Patienten selbst, dem Schlafpartner oder den Eltern. Da Bruxismusepisoden bei ca. 80 % der Patienten nicht von Geräuschen begleitet werden, ist die Anamnese allein unzuverlässig und sollte nicht allein zur Diagnose von SB oder WB genutzt werden.[3] Die AASM-Kriterien (Bericht des Schlafpartners über Knirschgeräusche, abnormer Zahnhartsubstanzverlust, Kaumuskelschmerzen/-hypertrophie) sollten lediglich als Screening genutzt werden.
Klinische Untersuchung
Zur Diagnose eines wahrscheinlichen Bruxismus sollen klinische Zeichen (Zahnhartsubstanzverlust, Masseterhypertrophie, Druckdolenzen) mit oder ohne anamnestische Angaben erhoben werden. Standardisierte Erhebungsinstrumente umfassen den Bruxismus-Screening-Index der DGFDT, den BruxScreen nach Lobbezoo sowie das umfassende STAB-Protokoll (Standardized Tool for the Assessment of Bruxism).
Instrumentelle Diagnostik
Die Polysomnographie (PSG) gilt als Goldstandard zur Diagnose des definitiven SB. Die Diagnosekriterien nach Lavigne et al. (Research Diagnostic Criteria for Sleep Bruxism, RDC-SB) definieren SB als:[3]
- > 4 Bruxismusepisoden/h
- > 6 EMG-Aktivitätsspitzen/Episode
- und/oder > 25 Aktivitätsspitzen/h Schlaf
- und mindestens 2 Knirschgeräusche/Nacht
Tragbare EMG-Geräte (Mehrkanal-EMG/EKG) können als kostengünstige Alternative zur PSG eingesetzt werden.
Therapie
Das Bruxismusmanagement ist symptomorientiert und multimodal. Eine kurative Therapie des primären Bruxismus ist derzeit nicht möglich. Grundlage jeder Behandlung ist die Aufklärung und Beratung des Patienten.[4]
Aufklärung, Selbstbeobachtung und Selbsthilfe
Patienten sollen über Befunde, Diagnose, ätiologische Zusammenhänge, Risikofaktoren, Prognose, Therapiemöglichkeiten sowie Risiken der Behandlung und Nichtbehandlung aufgeklärt werden. Selbstbeobachtung mittels Apps, E-Mails oder Markierungspunkten hilft, WB-Episoden bewusst wahrzunehmen und zu unterbrechen.
Selbsthilfemaßnahmen – insbesondere die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson (PMR), Atemübungen und Entspannungstechniken – werden zur Therapie von WB und SB empfohlen.
Zahnärztliche Maßnahmen
Okklusionsschienen schützen zuverlässig vor übermäßigem Zahnhartsubstanzverlust und können die Bruxismusaktivität vorübergehend reduzieren. Bei längerer Tragedauer sollen harte Schienen verwendet werden, die alle Zähne eines Kiefers bedecken. Weiche Schienen sind nicht zu bevorzugen, da sie die Kaumuskelaktivität steigern können.
Bei gleichzeitigem OSAS können in Abstimmung mit dem Schlafmediziner bimaxilläre Unterkiefer-Protrusionsschienen erwogen werden.
Schienen reduzieren die Bruxismusaktivität jedoch nur vorübergehend und haben keinen dauerhaften kurativ-therapeutischen Effekt.
Physiotherapie
Physiotherapie und physikalische Maßnahmen (heiße Rolle, Massage, TENS, Kinesiotaping, manuelle Therapie) sind zur Behandlung von CMD-Symptomen empfohlen, die durch Bruxismus getriggert werden. Patienten mit WB sollten zu Wahrnehmungs-, Achtsamkeits- und Entspannungstechniken angeleitet werden.
Psychotherapeutische Verfahren
Kognitive Verhaltenstherapie einschließlich Habit-Reversal-Training, Biofeedback, PMR und Stressbewältigungstraining kann zur Symptomreduktion eingesetzt werden.
Biofeedback
EMG-basiertes Biofeedback (akustisch, Vibration oder kontingente elektrische Stimulation) kann die Bruxismusaktivität bei WB und SB reduzieren.
Pharmakologische Behandlung
Systemisch wirksame Medikamente werden zur Bruxismusbehandlung bei Erwachsenen und Kindern nicht empfohlen. In Studie untersuchte Substanzen (u.a Amitriptylin, Clonazepam, Clonidin, L-Dopa, Gabapentin, Cannabidiol) wurden außerhalb zugelassener Indikationen angewendet (Off-Label-Use). Benzodiazepine sind bei gleichzeitiger SBAS kontraindiziert.
Botulinumtoxin
Injektionen von Botulinumtoxin in die Kaumuskulatur (Musculus masseter und/oder Musculus temporalis) können bei Erwachsenen als Behandlungsmaßnahme erwogen werden. Die Wirkung hält drei bis sechs Monate an. Botulinumtoxin gilt als Therapie der zweiten Wahl nach konservativen Maßnahmen. Mögliche Nebenwirkungen umfassen Muskelschwäche, Asymmetrien, Schluck- und Sprechprobleme sowie als seltene Beobachtung eine Reduktion der Knochendichte im Kieferbereich. Der Einsatz erfolgt als Off-Label-Use.
Prognose
Primärer Bruxismus ist derzeit nicht ursächlich heilbar. Bruxismus kann mit erheblichen nichtkariösen Zahnhartsubstanzverlusten einhergehen und stellt ein Risiko für das technische und biologische Versagen von Zahnersatz dar. Bruxismus im Kindesalter ist ein relevanter Risikofaktor für Bruxismus im Erwachsenenalter. Die Behandlung zielt auf Symptomreduktion, Schutz der Zahnhartsubstanz und Verbesserung der Lebensqualität ab.
ICD-Codes
- ICD-10: F45.8 - sonstige somatoforme Störung
- ICD-11:
- DAOE.7 - parafunktionelle dentofaziale Störung
- VV6Y - sonstige näher bezeichnete neuromuskuloskeletale und bewegungsbezogene Funktionen
- 7A83 - schlafbezogener Bruxismus
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Lobbezoo et al., International consensus on the assessment of bruxism: Report of a work in progress, J Oral Rehabil, 2018
- ↑ Manfredini et al., Epidemiology of bruxism in adults: a systematic review of the literature, J Orofac Pain, 2013
- ↑ 3,0 3,1 Lavigne et al., Sleep bruxism: validity of clinical research diagnostic criteria in a controlled polysomnographic study, J Dent Res, 1996
- ↑ AWMF - S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung von Bruxismus. AWMF-Registernummer 083-027, 2026.