Malokklusion
Synonym: Okklusionsanomalie
Englisch: malocclusion
Definition
Die Malokklusion bezeichnet eine Abweichung von der physiologischen Okklusionsbeziehung zwischen Oberkiefer und Unterkiefer. Dabei können Zahnstellung, Zahnkontakt oder die skelettale Kieferrelation vom Normzustand abweichen. Die Fehlstellung kann dental, skelettal oder kombiniert auftreten.
Hintergrund
Malokklusionen sind von zentraler Bedeutung für die Kaufunktion, die Artikulation, die Belastung des Kiefergelenks sowie für dentale und parodontale Strukturen. Zusätzlich beeinflussen sie die Ästhetik und das Gesichtsprofil. Unbehandelte Malokklusionen können zu funktionellen Adaptationen führen und strukturelle Folgeschäden begünstigen.
Epidemiologie
Malokklusionen zählen zu den häufigsten kraniofazialen Abweichungen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung weist leichte Formen auf, während ein relevanter Anteil behandlungsbedürftige Fehlstellungen entwickelt.
Ätiologie
Die Entstehung einer Malokklusion ist multifaktoriell bedingt.[1] Endogene Faktoren sind z.B.:
- genetische Disposition
- angeborene Dysgnathie
- Zahnzahl- und Zahnanlagenanomalien
- syndromale Erkrankungen
- endokrinologische Wachstumsstörungen
Exogene Ursachen sind z.B.:
- Parafunktionen (z.B. Daumenlutschen oder Zungenpressen)
- orofaziale Dysfunktionen mit persistierender Mundatmung
- frühzeitiger Milchzahnverlust
- traumatische Kieferveränderungen
- iatrogene Okklusionsstörungen
Einteilung
Die Klassifikation von Malokklusionen erfolgt nach sagittalen, vertikalen und transversalen Kriterien.
Sagittale Malokklusionen
Sagittale Malokklusionen werden überwiegend anhand der Angle-Klassifikation beschrieben, die das Verhältnis der ersten bleibenden Molaren beurteilt.[2]
Vertikale Malokklusionen
Vertikale Malokklusionen umfassen den Tiefbiss, bei dem eine verstärkte vertikale Überdeckung der unteren Schneidezähne besteht, sowie den offenen Biss (Apertognathie), bei dem trotz Kieferschluss kein vertikaler Zahnkontakt im Front- oder Seitenzahnbereich vorliegt.
Transversale Malokklusionen
Transversale Malokklusionen äußern sich vor allem als Kreuzbiss, bei dem Oberkieferzähne palatinal oder Unterkieferzähne bukkal fehlpositioniert sind. Man unterscheidet frontale und laterale Kreuzbisse, die ein- oder beidseitig auftreten können, sowie den Kopfbiss. Ergänzend werden sagittale Zahnrelationsstörungen wie ein vergrößerter Overjet mit vermehrtem horizontalem Abstand zwischen oberen und unteren Schneidezähnen beschrieben.
Symptome
Dentale Folgen umfassen eine erhöhte Anfälligkeit für Karies und Parodontitis, Zahnabrasionen sowie Überlastung einzelner Zähne. Protrudierte Frontzähne weisen ein erhöhtes Traumarisiko auf. Funktionell können Kauinsuffizienz, Artikulationsstörungen und Schleimhautverletzungen auftreten.
Skelettale und muskuläre Komplikationen äußern sich unter anderem als kraniomandibuläre Dysfunktion mit Kiefergelenkserkrankungen und muskulären Dysbalancen im Kopf-Hals-Bereich. Darüber hinaus können psychosoziale Beeinträchtigungen mit reduziertem Selbstwertgefühl und Einschränkungen der sozialen Interaktion bestehen.
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt im Rahmen einer umfassenden kieferorthopädischen Untersuchung. Sie umfasst eine extraorale Analyse von Gesichtsprofil und Symmetrie sowie die intraorale Befundung von Zahnstellung, Okklusion und Platzverhältnissen. Ergänzend erfolgen eine Funktionsanalyse des Kiefergelenks und die Palpation der Kaumuskulatur. Apparative Verfahren beinhalten die Modellanalyse, das Fernröntgenseitenbild mit kephalometrischer Auswertung, das Orthopantomogramm sowie intraorale Röntgenaufnahmen und eine standardisierte Fotodokumentation. Bei Bedarf wird eine instrumentelle Funktionsdiagnostik durchgeführt.
Therapie
Die Therapie besteht aus kieferorthopädischen Behandlungen. In manchen Fällen ist ebenfalls eine chirurgische Korrektur indiziert.[1]
Die Therapie richtet sich nach Art und Schweregrad der Malokklusion sowie nach Alter und Wachstumspotenzial des Patienten. Kieferorthopädische Maßnahmen umfassen herausnehmbare Apparaturen, funktionskieferorthopädische Geräte, festsitzende Multibandapparaturen und Aligner-Systeme. Ergänzend können prothetisch-funktionelle Maßnahmen wie Okklusionsschienen, restaurative Bisshebungen oder Zahnersatz bei Zahnverlust erforderlich sein. Bei ausgeprägten skelettalen Fehlstellungen kommt eine kieferchirurgische Therapie mit Umstellungsosteotomien des Ober- und/oder Unterkiefers, bimaxillären Korrekturen oder Distraktionsosteogenese in Betracht.
Prognose
Bei frühzeitiger Diagnosestellung und adäquater Therapie ist die Prognose überwiegend günstig. Unbehandelte ausgeprägte Malokklusionen können langfristig funktionelle, strukturelle und ästhetische Beeinträchtigungen verursachen.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Malokklusion - Zahn-, Mund-, Kieferkrankheiten - MSD Manual Profi-Ausgabe, abgerufen am 08.11.2021
- ↑ Ettlin, Dominik et al. Das Kiefergelenk in Funktion und Dysfunktion, Thieme Verlag, 2019