Tiefbiss
Synonyme: tiefer Biss, vertikaler Überbiss
Englisch: deep bite, excessive overbite
Definition
Ein Tiefbiss ist eine vertikale Okklusionsanomalie mit übermäßiger vertikaler Überdeckung der Frontzähne im Unterkiefer durch die Frontzähne im Oberkiefer. Klinisch liegt ein Tiefbiss bei einem vertikalen Überbiss von mehr als 3 mm vor; in der amerikanischen Literatur wird häufig ein Grenzwert von 5 mm angegeben.
Anatomie
Charakteristisch ist eine verstärkte Spee-Kurve im Unterkiefer. Dentoalveolär können veränderte Inzisivusinklinationen, eine Extrusion der Frontzähne sowie eine verminderte vertikale Abstützung im Seitenzahnbereich vorliegen. Bei skelettaler Ausprägung besteht oft eine reduzierte Untergesichtshöhe.
Einteilung
... nach Schweregrad
- Leichter Tiefbiss: vermehrte Überdeckung bei sichtbarer Unterkieferfront
- Mittelschwerer Tiefbiss: ausgeprägte Überdeckung mit geringer Sichtbarkeit der Unterkieferfront
- Schwerer Tiefbiss (Deckbiss): vollständige oder nahezu vollständige Überdeckung
- Traumatischer Tiefbiss: Weichgewebskontakt bzw. -trauma
... nach Ätiologie
- Skelettal: vertikale skelettale Diskrepanz mit hypodivergentem Wachstumsmuster und verminderter Untergesichtshöhe
- Dental: Frontzahnextrusion und/oder Infraposition der Seitenzähne
- Funktionell: muskuläre oder funktionelle Einflussfaktoren (z.B. Parafunktionen)
- Kombiniert: Kombination skelettaler und dentaler Faktoren
Funktionelle Aspekte
Ein Tiefbiss kann zu einer Einschränkung der Frontzahnführung, Überlastung der Frontzähne und okklusalen Interferenzen bei Unterkieferbewegungen führen. Zudem werden Parafunktionen begünstigt.
Klinik
Mögliche klinische Folgen sind gingivale Traumata, inzisale Abrasionen oder Frakturen, parodontale Rezessionen sowie Beschwerden im Rahmen einer kraniomandibulären Dysfunktion. Häufig bestehen Begleitbefunde wie eine Angle-Klasse-II-Verzahnung oder ein vergrößerter Overjet.
Diagnostik
Klinische Diagnostik
- Messung des Overbite (vertikale Überdeckung)
- Erfassung von Overjet, Frontzahninklination und Stützzonenstatus
- Beurteilung der Spee-Kurve
- Inspektion auf Weichgewebskontakte und traumatische Läsionen
- Funktionsprüfung (Kiefergelenk, Kaumuskulatur, Bewegungsumfang)
Apparative Diagnostik
- Modellanalyse (inkl. Spee-Kurve, Platzverhältnisse)
- Fernröntgenseitenbild mit kephalometrischer Einordnung (Wachstumsmuster, Gesichtshöhen, Inzisivusinklination)
- Orthopantomogramm zur Beurteilung dentaler Entwicklung und Begleitbefunde
- Fotodokumentation zur Verlaufskontrolle
Therapie
Die Therapie richtet sich nach Ursache, Schweregrad und Wachstumspotenzial. Grundprinzipien sind die Intrusion der Frontzähne, die Extrusion der Seitenzähne oder kombinierte Ansätze.
Zum Einsatz kommen herausnehmbare und festsitzende Apparaturen, skelettale Verankerung sowie alignerbasierte Konzepte. Bei ausgeprägten skelettalen Diskrepanzen kann eine kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgische Korrektur erforderlich sein.
Prognose
Die Prognose ist bei adäquater Diagnostik und differenzierter Therapieplanung überwiegend günstig. Rezidivneigung besteht insbesondere bei ausgeprägter skelettaler Komponente, persistierenden Parafunktionen und unzureichender Retention.
Literatur
- Proffit et al., Contemporary Orthodontics, 7. Ausgabe, Elsevier, 2025
- Graber et al., Orthodontics: Current Principles and Techniques, 7. Ausgabe, Elsevier, 2022
- Schünke et al., PROMETHEUS LernAtlas der Anatomie, 6. Auflage, Thieme