Deckbiss
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Synonyme: Tiefbiss, Cover Bite
Englisch: cover bite, deep impinging overbite, severe deep bite
Definition
Ein Deckbiss ist eine ausgeprägte Form des Tiefbisses mit vollständiger oder nahezu vollständiger vertikaler Überdeckung der Unterkieferfrontzähne durch die Oberkieferfrontzähne, häufig kombiniert mit Retroinklination der Oberkieferinzisivi und Weichgewebskontakt.
Anatomie
Beim Deckbiss zeigen sich häufig dentoalveoläre Kompensationen mit:
- Elongation/Extrusion der Frontzähne
- ausgeprägter Spee’scher Kurve (Unterkiefer)
- reduzierter vertikaler Abstützung im Seitenzahnbereich (Infraposition/fehlende Stützzone)
- veränderter Inzisivusinklination (v.a. Retroinklination im Oberkiefer)
Je nach Ausgangsbefund kann eine zusätzliche transversale Enge mit Engstand vorliegen.
Funktion
Der Deckbiss kann die Okklusionsführung und Unterkieferbewegungen beeinflussen und ist häufig assoziiert mit:
- eingeschränkter anteriorer Führung
- okklusalen Interferenzen und Zwangsbisslage
- erhöhter Belastung der Frontzähne und parodontalen Strukturen
- Begünstigung parafunktioneller Aktivität (z.B. Pressen/Bruxismus)
Einteilung
Nach Weichgewebsbeteiligung
- Deckbiss mit Gingivakontakt: Kontakt der Schneidekanten mit vestibulärer oder palatinaler Gingiva/Schleimhaut
- Traumatischer Deckbiss: wiederholtes Weichgewebstrauma mit Eindrücken, Läsionen oder entzündlichen Veränderungen
Nach Morphologie
- Schmaler Deckbiss: vertikale Problematik mit zusätzlicher transversaler Enge
- Deckbiss ohne transversale Komponente: primär vertikale Ausprägung
Ätiologie
Die Entstehung ist multifaktoriell.
Endogene Faktoren
- genetische Disposition
- skelettale Komponente mit hypodivergentem Wachstumsmuster und verminderter Untergesichtshöhe
- disharmonische Kieferbasenrelation (häufig kombiniert mit sagittaler Diskrepanz)
Exogene Faktoren
- Habits und Parafunktionen (z.B. prolongierter Schnullergebrauch, Daumenlutschen, Pressen)
- Verlust von Stützzonen durch frühzeitigen Zahnverlust
- dentoalveoläre Adaptationen (Extrusion der Frontzähne, Infraposition posterior)
Klinik
In der Kieferorthopädie ist der Deckbiss klinisch bedeutsam aufgrund potenzieller Folgen für Weichgewebe, Zahnhartsubstanz, Parodont und Funktion.
Typische Befunde sind:
- vollständige Überdeckung der Unterkieferfront
- Retroinklination der Oberkieferinzisivi (häufig)
- Gingiva- oder Schleimhautkontakt bis hin zu traumatischen Läsionen
- Abrasionen der Schneidekanten und erhöhte Frakturgefahr
- funktionelle Beschwerden bis hin zu CMD-assoziierten Symptomen bei okklusaler Instabilität
Diagnostik
Klinische Diagnostik
- Messung des Overbite (mm oder %) und Erfassung von Overjet
- Beurteilung der Inzisivusinklination und Frontzahnhöhen
- Inspektion auf Gingivakontakte, Weichgewebstrauma, Rezessionen
- Funktionsprüfung (Kiefergelenk, Kaumuskulatur, Bewegungsumfang, Zwangsbiss)
Apparative Diagnostik
- Modell-/Scananalyse (inkl. Spee-Kurve, Stützzonen, Platzverhältnisse)
- Fernröntgenseitenbild mit kephalometrischer Einordnung (Gesichtshöhen, Wachstumsmuster, Zahnachsen)
- Orthopantomogramm nach Fragestellung (Wurzeln, Begleitbefunde)
- Fotodokumentation zur Verlaufskontrolle
Komplikationen
- Weichgewebstrauma mit chronischer Gingivitis und Rezessionen
- parodontaler Attachmentverlust bei persistierender Traumatisierung
- Zahnhartsubstanzverlust (Abrasion), erhöhtes Frakturrisiko der Front
- funktionelle Einschränkungen (Zwangsbiss, okklusale Interferenzen)
- CMD-assoziierte Beschwerden bei Parafunktion/Fehlbelastung
Therapie
Die Therapie richtet sich nach Ätiologie, Wachstumspotential und Ausprägung. Grundprinzipien sind:
- Bisshebung durch Extrusion posteriorer Segmente und/oder Intrusion der Front
- Achsenkorrektur (v.a. Aufrichtung retroklinierter Inzisivi)
- Elimination von Weichgewebskontakten und Stabilisierung der Okklusion
- Retention zur Rezidivprophylaxe
Therapeutisch kommen herausnehmbare Apparaturen, funktionskieferorthopädische Geräte, festsitzende Multibandapparaturen, skelettale Verankerung sowie alignerbasierte Konzepte mit Zusatzmechaniken in Betracht. Bei ausgeprägter skelettaler Komponente kann eine kombiniert kieferorthopädisch-kieferchirurgische Korrektur indiziert sein.
Prognose
Bei differenzierter Diagnostik und adäquater Therapie ist die Prognose überwiegend günstig. Eine erhöhte Rezidivneigung besteht insbesondere bei persistierender Parafunktion, ausgeprägter skelettaler Komponente und unzureichender Retention.
Prophylaxe
- Frühdiagnostik vertikaler Okklusionsabweichungen im Wechselgebiss
- Habits-Prophylaxe und Reduktion parafunktioneller Belastung
- Sicherung der Stützzonen bei vorzeitigem Zahnverlust
- funktionelle Mitbeurteilung bei orofazialen Dysfunktionen
Literatur
- Proffit WR et al.: Contemporary Orthodontics
- Graber LW et al.: Orthodontics: Current Principles and Techniques
- Schünke M et al.: PROMETHEUS LernAtlas der Anatomie, Kopf/Hals